Page images
PDF
EPUB

ANTHOLOGIE

AUS DEN

ELEGIKERN DER RÖMER

FÜR DEN SCHULGEBRAUCH ERKLÄRT

VON

DR. CARL JACOBY,

OBERLEHRER AM KÖNIGLICHEN GYMNASIUM IN DANZIG.

ERSTES BÄNDCHEN:

OVID UND CATULL.

EGO

LEIPZIG,

DRUCK UND VERLAG VON B. G. TEUBNER.

1882.

[merged small][merged small][ocr errors]

Vorwort.

Dass Horaz in der poetischen Lektüre der Prima stets und zu allen Zeiten den ersten Rang einnehmen muss, ist ausser Zweifel, doch wird die Frage gestattet sein, ob die zwei Jahre der obersten Klasse ausschliesslich mit dem Lesen dieses einen Dichters hinzubringen sind. - Auf den meisten Gymnasien pflegt man zwei Jahre dem Ovid und zwar den Metamorphosen, zwei Jahre dem Vergil und zwar vorwiegend der Aeneis, die zwei letzten dem Horaz zuzuweisen. Für die Sekunda sind nach Schrader (Erziehungs- und Unterrichtslehre S. 350), falls die Umstände es gestatten, neben Vergil noch einzelne Gedichte der römischen Elegiker zu wählen, in der Prima verlangt derselbe S. 351 vor allem sämtliche Oden von Horaz, daneben, soweit es die Zeit gestattet, einzelne Epoden, Satiren und Briefe; eine angemessene Ergänzung des Lesestoffes müsse der Privatlektüre überlassen bleiben. An dieser Verteilung des poetischen Lesestoffes auf die einzelnen Klassen wird schwerlich jemals im grossen und ganzen zu rütteln sein. Auch die Auswahl der Schriftsteller für die beiden obersten Gymnasialklassen, die von der vierten Versammlung der Direktoren der Provinz Preussen (Verhandlungen der vierten Versammlung der Direktoren der Provinz Preussen, Königsberg 1865, S. 117 ff.) getroffen ist, weicht von Schraders Aufstellung in der poetischen Lektüre nicht ab, nur dass in Sekunda die Lektüre der Elegiker nach den Lesestücken von M. Seyffert vom Referenten für wünschenswert gehalten wird. Ähnlich lautet das Urteil des Referenten über die Abgrenzung der Klassenpensen auf den Gymnasien im Lateinischen auf der siebenten Direktoren-Versammlung in der Provinz Pommern (Verhandlungen S. 73 ff. Berlin 1879), der neben 3 bis 4 Büchern der Aeneis fakultativ auch die Elegiker oder eine Chrestomathie in der Sekunda für wünschenswert hält. Etwas weiter geht Walther Gebhardi, der ausführlicher ‘über die Stellung der römischen Elegiker, vorzugsweise Ovids, auf unseren Gymnasien' (Zeitschrift für das Gymnasialwesen, XXIX. Jahrg. 1875, S. 65 ff.) handelt, der meiner Ansicht nach darin vollkommen Recht hat, wenn er den römischen Elegikern ebenfalls einen Platz in der poetischen Lektüre zuweisen will. Dass augenblicklich das sehr berechtigte Streben vorherrscht, die Elegiker mehr als bisher auf der Schule einzubürgern, beweist wohl auch der Umstand, dass die römische Elegie von Volz zweimal aufgelegt ist und 1879 auch die römischen Elegiker für die Schule bearbeitet von K. P. Schulze erschienen sind. Endlich sei noch erwähnt, dass sich die Versammlung der badischen Direktoren in Karlsruhe (Pfingsten 1879) für eine Auswahl der griechischen und römischen Elegiker ausgesprochen hat.

Und in der That, mit welchem Rechte enthalten wir eigentlich die elegischen Gedichte des Ovid, Tibull und Properz, sowie die lyrischen und elegischen des Catull, des ersten und grössten römischen Lyrikers (vgl. Niebuhr, Vorträge über römische Geschichte III, 127) den Schülern vor? Oder hat Mommsen etwa nicht Recht, wenn er (röm. Geschichte III, 586) von Catull sagt: Die römische Nation hat keinen zweiten Dichter hervorgebracht, in dem der künstlerische Gehalt und die künstlerische Form in so gleichmässiger Vollendung wieder erscheinen; und in diesem Sinne ist Catullus' Gedichtsammlung allerdings das Vollkommenste, was die lateinische Poesie überhaupt aufzuweisen vermag. — Und warum, frage ich weiter, soll der Schüler, nachdem er zwei Jahre in der Tertia Ovids Metamorphosen gelesen hat, nicht auch mit den Fasten, Tristien, Briefen aus dem Pontus und einzelnen Liebeselegieen bekannt gemacht werden? Oder verdienen diese es weniger? Keine Einwendung erhebt sich wohl gegen die Lektüre von Tibull, die grösste vielleicht gegen Properz. Auch H. Magnus (Zeitschr. f. d. Gymn. 1877, S. 237) hält diesen Dichter, wie es scheint, für zu schwer. Ich habe mit Schulze ihn aus der Anthologie nicht ausschliessen zu dürfen geglaubt und hoffe,

dass mit Hilfe der gegebenen Anmerkungen und des unterrichtenden Lehrers die Schwierigkeiten, die ja in Wahrheit vorhanden sind, zu überwinden sein werden, stimme aber wieder vollständig Magnus bei, dass Properz dem Sekundaner und Primaner immer eine Delikatesse bleiben muss.

Woher soll denn aber, so höre ich einwenden, für diese vier neuen Dichter die Zeit auf der Schule herkommen? Laufen wir nicht Gefahr, den Schülern von vielen Dichtern etwas, von keinem etwas Ganzes zu bieten, wenn wir den Kreis der obengenannten Trias erweitern? Und sagt nicht wiederum mit Recht Schrader (S. 351), dass es am zweckmässigsten ist, die Thätigkeit von Lehrer und Schüler für möglichst wenige Schriftsteller zu sammeln und zu verdichten? Ohne Zweifel, aber eine Ergänzung der drei Hauptdichter Ovid, Vergil und Horaz gestattet ja auch Schrader. Ich meine nun aber so: wir haben sechs Jahre für die poetische Lektüre, von denen die ersten beiden den Metamorphosen gehören; in Untersekunda und wohl auch im ersten Semester in Obersekunda lese man die Aeneis und Eclogen, dann aber ausgewählte Elegieen von Ovid. In Prima treffe man eine Auswahl aus den Oden des Horaz, die Zahl derjenigen Oden, die den Schülern nur geringes oder gar kein Interesse einflössen, ist grösser, als man denkt -, lese mehr Satiren und Episteln, als es gewöhnlich zu geschehen pflegt, und ausserdem ein Semester Catull, Tibull, Properz. Will man aber durchaus den Elegikern keinen Platz in der Schullektüre anweisen, so verwende man sie zur Privatlektüre, zu der sie sich auch vortrefflich eignen, jedenfalls aber schliesse man sie nicht aus der Schullektüre aus.

Ich habe meine Ansicht über die Stellung der Elegiker schon bei Gelegenheit der Recension der römischen Elegie von Volz (Philol. Anzeiger 1875, S. 430 ff.) ausgesprochen und zu meiner Freude die Zustimmung von H. Magnus gefunden, der, wenn irgend einer, in den römischen Elegikern bewandert ist und mehr als einmal allein das Richtige erkannt hat.

Die grosse Masse der Litteratur, die namentlich in den letzten zehn Jahren über die Elegiker erschienen ist, hat nebst einer Reihe von anderen Umständen das Erscheinen

« PreviousContinue »