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zu Vorgängern. Ursprünglich umfassten diese Elegieen fünf Bücher, wurden aber von Ovid selbst bei der zweiten Ausgabe auf drei beschränkt, die uns erhalten sind. Sie knüpfen sich an den Namen der Korinna, erhalten zum Teil Selbsterlebtes, zum Teil sind es Phantasiestücke. Einzelne Scenen sind mit Witz und Mutwillen, weniger mit Gemüt und wahrem Gefühl gezeichnet. Hierauf folgte ein kleines unvollständig erhaltenes Lehrgedicht (Medicamina faciei), eine Anweisung zum Gebrauche von allerhand Schönheitsmitteln. — Zum höchsten Ruhme aber gereichte dem Dichter das nachfolgende Gedicht, ein wahres Meisterwerk, Ars amandi oder Ars amatoria genannt, in drei Büchern, die am Ende des Jahres 7522 oder am Anfange des folgenden (1 v. Chr.) erschienen. Als Seitenstück dazu dichtete Ovid bald darauf das Buch von den Heilmitteln der Liebe (Remedia amoris). Während die Ars amandi zur Kunst anleiten sollte, die Liebe des schönen Geschlechts zu gewinnen und zu erhalten, giebt das zweite die Mittel an, die Leidenschaft der Liebe zu mildern und zu heilen.

Der zweiten Periode gehören die Metamorphoses in 15 Büchern und die Fasti, wahre Meisterwerke in ihrer Art, an; das erste Werk übertrifft alles, was die alte Litteraturan lichtvoller und glücklicher Erzählung im Vers aufweisen kann). Das zweite Werk, das gleichzeitig erschien, aber unvollendet geblieben ist, umfasst in elegischem Versmasse gedichtet sechs Bücher, die einen poetischen Commentar für die erste Hälfte des Kalenders bilden, in welchem der Ursprung der römischen Feste, der Gottheiten und der religiösen Gebräuche vorgetragen wird. An der Vollendung hinderte ihn das Unglück der Verbannung, das ihn im Jahre 8 n. Chr. traf. Aber kurz vor seinem Tode machte sich der Dichter noch an eine Umarbeitung der Fasten, um die früher dem Augustus bestimmte Dichtung nun dem Germanicus zu widmen, kam aber mit derselben nicht über das erste Buch hinaus, ja er brachte nicht einmal dieses zum Abschluss. Die Tendenz der Fasten geht auf eine Verherrlichung der Politik des Augustus hinaus. Durch Erneuerung von vergessenen sacralen Einrichtungen will der Dichter den Sinn, der jene gegründet, im römischen Volke wieder erwecken").

Wenn es uns auch nie gelingen wird, den wahren Grund der Verbannung zu erkennen, da Ovid selbst sich in den zu Tomi verfassten Gedichten darüber stets dunkel ausdrückt, so ist doch so viel unzweifelhaft, dass die Abfassung der schon seit sieben Jahren bekannten Ars amandi die eigentliche

1) Bernhardy, Grundriss der röm. Litteraturgeschichte S. 524.
2) Vgl. Peter Fleck. Jahrb. 1875. S. 499.

Veranlassung nicht gewesen sein kann. Trist. II, 207 sagt er selbst über seine Verschuldung: perdiderint cum me duo crimina, carmen et error, alterius facti culpa silenda mihi: nam non sum tanti, renovem ut tua vulnera, Caesar, quem nimio plus est indoluisse semel: altera pars superest, qua turpi carmine factus arguor obsceni doctor adulterii. Dass sein Vergehen schwer sei und Augustus sich mit Recht verletzt gefühlt habe, gesteht er ein (trist. II, 122. 133), erklärt aber an anderen Stellen (trist. IIÌ, 5, 45 ff.), unfreiwillig Zeuge eines Vergehens gewesen zu sein. Ob er Zeuge eines Abenteuers der sittenlosen Iulia war, ob sein Verschulden mit den Vergehungen des Agrippa Postumus in Zusammenhang stand, lässt sich nicht entscheiden. Dem unabänderlichen Beschluss des Augustus musste er sofort Folge leisten und als relegatus, non exul (trist. II, 137) Rom verlassen. Im Spätherbste des Jahres 9 nach Chr. reiste er nach Tomi ab. Hier unter dem nordischen Himmel, den skythischen Nomaden benachbart, von Frau und Tochter, von Freunden und Verwandten geschieden, fern von römischer Bildung, verbrachte er seine letzten Lebensjahre. Die fortwährenden Bitten Ovids erweichten Augustus nicht, noch weniger Tiberius. So starb denn Ovid in Tomi, in der Nähe des heutigen Kustendsche im Jahre 17 n. Chr. Die Gedichte dieser dritten Periode tragen einen wesentlich andern Charakter; seine heitere Stimmung ist dahin, ist in tiefe Trauer verwandelt. Schon auf der Reise dichtete er Elegieen, die er unter dem Namen Tristia in fünf Büchern herausgab. Das erste Buch sendete er noch, bevor er in Tomi ankam, nach Rom, die anderen vier entstanden in Tomi. Ähnlich dem Stoffe nach sind die Epistulae ex Ponto betitelten Klagelieder, die sich nur dadurch von den Tristien unterscheiden, dass sie an einen bestimmten Freund in Rom.gerichtet sind, was Ovid bei Abfassung der Tristien noch nicht wagte. Die Epistulae umfassen vier Bücher. Endlich dichtete er in Nachahmung des Kallimacheischen Ibis ein Gedicht gleichen Namens, in welchem er einem ungenannten Feinde den Untergang wünscht, und endlich ein Gedicht über die Fische des schwarzen Meeres, Halieutica benannt, von dem nur Bruchstücke erhalten sind.

Unter allen Dichtern des augusteischen Zeitalters ragt Ovid durch sein Formtalent und schöpferisches Vermögen weit hervor; durch die günstigen Verhältnisse, in denen er von Jugend auf lebte, entwickelte er sich bald zu der Vollendung, auf der wir ihn in der zweiten Periode seiner Dichtungen finden. . Dass er es in vieler Hinsicht leichter hatte, als andere Dichter, lässt sich nicht leugnen; fand er doch bei seinem Auftreten die Schwierigkeiten, die bisher der Kampf des Alten und des Neuen bereitete, aus dem Wege geräumt und die

Wege geebnet. Klassische Werke lagen bereits vor, die ihm den Weg wiesen, auf dem er nur weiter zu wandeln brauchte, um bei seiner reichen Begabung das zu werden, was schliesslich wurde. Der Kreis der Dichter, mit denen er verkehrte, die feine Welt Roms, in der er lebte, die Gunst des Hofes, deren er sich anfangs erfreute, waren auf seine Entwickelung vom grössten Einfluss; für diese Gesellschaft und auf die Unterhaltung der feinen Welt sind seine Gedichte berechnet. Darum trägt seine Poesie den Stempel der damaligen Zeit, darum ist er der Lieblingsdichter der feinen Welt. Durch seine Studien ist er mit den Griechen vertraut, in den Alexandrinern bewandert, bringt auch wenn möglich seine Gelehrsamkeit an, ohne aber schwerfällig zu werden und zu ermüden. Dabei besitzt er eine genaue Kenntnis des innern Menschen, weiss die Regungen des Herzens, die Beweggründe von Liebe und Hass wahr und treffend, wie wenige, zu schildern.

Der Vorwurf, den Quintilian X, 1, 88 mit den Worten: lascivus quidem in herois quoque et nimium amator ingenii sui, laudandus tamen in partibus ausspricht, ist zutreffend, da Ovid bei seinem übersprudelnden Talente sich selbst nicht zu zügeln weils. Daraus erklärt sich auch die häufige Selbstwiederholung, die häufigen Anklänge an frühere Dichtungen, die gleichen Versausgänge, die sich zahlreich nachweisen lassen.

I. OVIDIU S.

A. FASTI.

Nr. I (I, 193—218).
Vergleich der alten und der neuen Zeit in Rom.
Vix ego Saturno quemquam regnante videbam,

Cuius non animo dulcia lucra forent.
Tempore crevit amor, qui nunc est summus, habendi.

Vix ultra, quo iam progrediatur, habet.
5 Pluris opes nunc sunt, quam prisci temporis annis,

Dum populus pauper, dum nova Roma fuit:
Dum casa Martigenam capiebat parva Quirinum,

Et dabat exiguum fluminis ulva torum.

Iuppiter angusta vix totus stabat in aede, 10 Inque Iovis dextra fictile fulmen erat.

Frondibus ornabant, quae nunc Capitolia gemmis,

Pascebatque suas ipse senator oves.
Nec pudor, in stipula placidam cepisse quietem

I. Habgier und Genusssucht sind in Rom immer mehr gewachsen.

1. Saturno: Im goldenen Zeitalter herrschte Saturn, der Vater des Iuppiter; vgl. Ovid met. I, 89 ff. Der Sinn ist: die Freude am Gewinn ist den Menschen von Anbeginn in die Brust gepflanzt.

6. nova dichterisch für recens; novum ist das, was bisher noch nicht war, recens dagegen ist das, was jetzt noch nicht lange da ist.

7. Die casa Romuli, aus Rohr und Schilf erbaut, wurde noch zu des Dichters Zeit in Rom auf dem Palatin gezeigt. Vgl. fast. III, 184: aspice de canna straminibusque domum.

9. Gemeint ist die hölzerne Bild

säule des Iuppiter Feretrius in einem kleinen, der Sage nach von Romulus gegründeten Tempel, den Livius I, 5. 6 für den ältesten erklärt. Von demselben einfachen Götterbild spricht offenbar auch Tib. I, 10, 19: tum melius tenuere fidem, cum paupere cultu stabat in exigua ligneus aede deus.

11. Konstr.: frondibus ornabant Cap., quae nunc gemmis (ornant). Vgl. Suet. Aug. 30: _Augustus in cellam Capitolini Iovis sedecim milia pondo auri gemmasque ac margaritas quingenties sestertii una donatione contulit. Vgl. Preller, röm. Myth. S. 206 f.

12. Vgl. Ovid fast. III, 780: et faceret patrio rure senator opus.

Et faenum capiti supposuisse fuit.
15 Iura dabat populis posito modo praetor aratro,

Et levis argenti lamina crimen erat.
At postquam fortuna loci caput extulit huius,

Et tetigit summo vertice Roma deos,
Creverunt et opes et opum furiosa cupido,

Et, cum possideant plurima, plura petunt.
Quaerere, ut absumant, absumpta requirere certant,

Atque ipsae vitiis sunt alimenta vices.
Sic quibus intumuit suffusa venter ab unda,

Quo plus sunt potae, plus sitiuntur aquae.
25 In pretio pretium nunc est. dat census honores,

Census amicitias. pauper ubique iacet.

20

Nr. II (1, 497-582).
Euander und Carmenta. Hercules und Cacus.
Vocibus Euander firmata mente parentis

Nave secat fluctus, Hesperiamque tenet.

25. census: Abschätzung des Vermögens, dann das Vermögen selbst.

Vergl. mit dem Ganzen die Schilderung bei Sallust Catil. IX—XIV; Liv. praef. 9–12.

15. Vgl. Liv. III, 26 die Erzählung vom L. Quinctius Cincinnatus; Cic. pro Rosc. Am. 18, 50: si illis temporibus natus esses,

cum ab aratro arcessebantur, qui consules fierent; Ovid fast. III, 781: et caperet fasces a curvo consul aratro.

16. Vgl. Liv. epit. XIV: Fabricius censor P. Cornelium Rufinum consularem senatu movit, quod is decem argenti pondo facti haberet.

17. Vgl. Ovid fast. IV, 507: fors sua cuique loco est; met. X, 335: fortunaque loci laedor.

18. Über das Bild vgl. Hor. c. I, 1, 36: sublimi feriam sidera vertice; Ovid met. VII, 61: vertice sidera tangam.

22. Gerade der Wechsel zwischen Erwerben und Geniessen giebt den Lastern der Hab- und Genusssucht neuen Stoff.

23. Konstr.: sic (ab eis), quibus venter intumuit ab unda suffusa (Wassersucht), aquae (eo) plus sitiuntur quo plus sunt potae. Auch Horaz vergleicht c. II, 2, 13-16 die wachsende Begierde mit der Wassersucht: crescit indulgens sibi dirus hydrops nec sitim pellit, nisi causa morbi fugerit venis et aquosus albo corpore languor.

II. Carmenta, die göttliche, mit prophetischer Weissagekunst ausgestattete Mutter des Arkadiers Euander, hat denselben_eben getröstet, dass er seine Vaterstadt Pallanteum in Arkadien verlassen und nach Hesperien wandern sollte; sie hat ihm zum Troste Beispiele anderer Helden, des Cadmus, Tydeus und Iason angeführt. Vgl. Liv. I, 7, 8 f.

1. Carmenta oder Carmentis der Name ist von casnere = canere (carmen casmen weissagender Gesang) abzuleiten; vgl. Ovid fast. I, 467: nomen habes a carmine ductum entspricht der Fauna oder Bona dea. Sie ist die hilfreiche Mutter und weissagende Begleiterin des Euander, d. h. des historischen Faunus. Vgl. Preller, röm. Myth. S. 357 f.

2. tenet: hält auf, steuert auf; man sagt cursum tenere ad locum und locum tenere; vgl. fast. IV, 290: Ausoniamque tenet.

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