Page images
PDF
EPUB

Entstehung des Pentameters zusammen, In ihr wird im Gegensatz zum Epos zum erstenmale der Versuch gemacht, das Subjektive in den Vordergrund treten zu lassen. Während im Epos der Dichter anspruchslos hinter der von ihm dargestellten objektiven Welt verborgen steht, tritt in der Elegie der Dichter mit seinen Gefühlen, Gesinnungen und Wünschen selbst hervor, aber er überlässt sich noch nicht, wie dies in der ausgebildeten Lyrik geschieht, einem freien, ungehinderten Fluge des Geistes, sondern die umgebende Welt, die Objektivität ist für ihn noch die feste Grundlage, von der er ausgeht und zu der er nach kurzem Fluge immer wieder zurückkehrt).

Die Geschichte der Elegie durchläuft drei Zeitalter; das frühste gehört dem ionischen Stamme an, das zweite ist ganz besonders den Attikern eigen, das dritte den Alexandrinern.

Wer der Erfinder der Elegie war, wusste auch bereits Horaz nicht zu sagen, wie aus seinen Worten (a. p. 77. 78)

Quis tamen exiguos elegos emiserit auctor,

grammatici certant et adhuc sub iudice lis est hervorgeht. Gewöhnlich wird der Ursprung der Elegie auf Kallinos aus Ephesos zurückgeführt, der zur Zeit der ersten Olympiade (776 v. Chr.) lebte. Der Charakter seiner Elegieen ist ein politischer und kriegerischer, wie auch der seiner Zeitgenossen; wie er seine Landsleute zum Kampfe gegen Magnesia, so feuerte Tyrtaios die Spartaner zum Kampfe gegen die Messenier an. Auch Archilochos aus Paros, von dem man weder das Geburts- noch Todesjahr weiss, kämpfte auf Thasos mit den einheimischen Völkern.

Durch Solon, mit welchem die zweite Periode beginnt, ändert sich der Charakter der Elegie. Zwar ist derselbe auch jetzt noch ein politischer, erhält aber eine gnomische Tendenz durch die allgemeinen Betrachtungen ethischer Natur. Die berühmteste seiner Elegieen führt den Titel Ealquís, durch welche er die Athener zur Wiedereroberung dieser Insel aufforderte. So wird Solon der Begründer der gnomischen Elegie; neben ihm sind Phokylides von Milet und Theognis von Megara zu nennen, bei denen sich, wie bei Solon, beide Tendenzen vereinigt finden. Endlich wäre noch Xenophanes von Kolophon, welcher seine Vaterstadt verliess und in dem von Phokäern gegründeten Elea die eleatische Philosophenschule gründete, zu erwähnen. Auch in seinen Elegieen dringt er auf das Studium der Philosophie. Daneben laufen aber bereits andere Richtungen, da, als das politische Leben der Ionier

1) Stoll, Anthologie griech. Lyriker S. 4.

nachliess, die Dichtung von selbst gezwungen war andere Bahnen einzuschlagen. Die frühere Höhe wird verlassen, und nunmehr sind es gewöhnliche Erlebnisse, die zum Gegenstande des Liedes gemacht werden. Ganz besonders sind es die Leiden und Freuden der Liebe, des Gastmahls und verwandte Stoffe, die sich die Dichter wählen, und so finden wir von nun an die erotische, sympotische und threnetische Elegie gepflegt. Das Verhältnis der einzelnen Richtungen zu einander dürfen wir uns nun freilich nicht so denken, dass jede für sich abgesondert von der andern bestand, oder dass eine nach der andern sich entwickelte, vielmehr ist es ein derartiges, dass sehr häufig zwei Motive in einer Elegie vertreten sind. Eine wirkliche Einteilung der Elegie in eine politische, gnomische, erotische, sympotische und threnetische ist unzulässig.

Der Hauptvertreter der erotischen Elegie ist Mimnermos von Kolophon, dessen Blütezeit 630-600 war; er lebte also zu einer Zeit, in welcher die meisten ionischen Städte durch die lydischen Könige ihre Freiheit verloren hatten. - Als Meister der threnetischen Elegie ist Simonides von Keos zu nennen, welcher, nachdem er seinen Wohnsitz vielfach gewechselt hatte, die letzten zehn Jahre seines Lebens am Hofe des Hieron zu Syrakus verlebte. Simonides war der fruchtbarste aller griechischen Dichter; Grosses leistete er auch in den Epigrammen, von denen die Grabinschrift auf die bei Marathon gefallenen Athener?), die Grabinschrift der bei Thermopylä gefallenen Griechen) und die der bei Thermopylä gefallenen Lacedämonier am bekanntesten sind).

Den Übergang zur dritten, nämlich der alexandrinischen Periode, bildet Antimachos von Kolophon um 400, der mit seiner Elegie Lyde das Vorbild aller alexandrinischen Dichter wurde. Das Charakteristische dieser Zeitperiode und der elegischen Dichtungen ist die Gelehrsamkeit, welche von den Dichtern namentlich in mythologischer Hinsicht entfaltet wird.

1) Vgl. Lycurg. in Leocr. 28:

Ελλήνων προμαχούντες Αθηναίοι Μαραθώνι

χρυσοφόρων Μήδων εστόρεσαν δύναμιν. . 2) Vgl. Herod. VII, 228:

Μυριάσιν ποτέ ταδε τριακοσίαις εμάχοντο

εκ Πελοποννήσου χιλιάδες τέτορες. . 3) Vgl. Herod. VII, 228:

Ω ξειν', αγγέλλειν Λακεδαιμονίοις, ότι τάδε

κείμεθα, τοις κείνων ρήμασι πειθόμενοι. und übersetzt von Cicero Tusc. I, 42:

Dic, hospes, Spartae, nos te vidisse iacentes,

dum sanctis patriae legibus obsequimur.

Eigentümlich ist ihnen die Manier, in ein Gedicht eine längere Episode einzuschieben.

An der Spitze der dritten Periode steht Philetas von Kos (ungefähr um 300 v. Chr.), der Ptolemaios II. Philadelphos unterrichtete und mit Theokrit enge befreundet war. Seinen Ruhm verdankt er den Liebeselegieen, naiyvia betitelt, in denen er die von ihm leidenschaftlich geliebte Battis feiert"). Ein Freund von ihm ist Hermesianax von Kolophon, welcher drei Bücher Elegieen unter dem Titel debutlov dichtete, die nach dem Namen eines von ihm geliebten Mädchens benannt sind. Durchaus vorherrschend ist das antiquarische Interesse bei Kallimachos aus Kyrene, der c. 250 v. Chr. in Alexandria lebte und durch sein Gedicht Airid, vier Bücher umfassend, berühmt wurde?). Hochgefeiert war im Altertum besonders seine Elegie Kudlaan, von der Liebe des Akontios und der Kydippe, welche Catull, Properz und Ovid nachgeahmt haben. Auch sein satirisches Rachegedicht 'Ibis hat Ovid unter gleichem Titel nachgeahmt. Der letzte Vertreter dieser Periode ist Parthenios von Nikaia in Bithynien, welcher ausser threnetischen Elegieen auch jetquoqqabels' verfasste. Im Mithridatischen Kriege war er jung gefangen worden und nach Rom gekommen, woselbst er auch blieb. Mit ihm standen römische Dichter, namentlich Cornelius Gallus und Vergil in vertrautem Umgange. Erstern können wir als den direkten Vermittler der römischen und griechischen Elegie ansehen. Während so die griechische Elegie der Alexandriner erlosch, feierte sie ihre Auferstehung in Rom. Der Zeit nach ist als der erste römische Elegiker Catull anzusehen, wenngleich er von den Alten selbst nicht zu den Elegikern, sondern Lyrikern gerechnet wird).

Von dem obengenannten Cornelius Gallus, der aus Forum Iulium herstammte, wissen wir, dass er durch Octavians Gunst frühe in politische und kriegerische Stellungen kam, durch Selbstmord aber sein Leben als erster praefectus Aegypti 26 v.

1) Vgl. Ovid trist. I, 6, 1 ff.:

Nec tantum Clario Lyde dilecta poetae ,

nec tantum Coo Battis amata suo est, pectoribus quantum tu nostris, uxor,

inhaeres. 2) Vgl. Quintilian X, 1, 58: tunc et elegiam vacabit in manus sumere, cuius princeps habetur Callimachus. Ovid am. I, 15, 13 f.:

Battiades semper toto cantabitur orbe:

quamvis ingenio non valet, arte valet. 3) Quintilian X, 1, 93 nennt nur Tibull, Properz, Ovid und Gallus: Elegia quoque Graecos provocamus, cuius mihi tersus atque elegans maxime videtur auctor Tibullus. Sunt qui Propertium malint. Ovidius utroque lascivior sicut durior Gallus.

Chr. endigte. Er war ein bedeutender Elegiker; Quintilian (X, 1, 93) berichtet von ihm, dass er in hartem Stil (durior Gallus) seiner Lycoris vier Bücher Amores weihte, aus denen wir nur Reminiscenzen Vergils in der X. Ekloge kennen, die an ihn gerichtet ist. Ovid verheisst ihm an verschiedenen Stellen seiner Gedichte 1) Unsterblichkeit, Properza) nennt ihn unter den Meistern der Elegie.

Die notwendigsten Nachrichten über das Leben und die Schriften der vier Dichter, aus denen diese Auswahl veranstaltet ist, lassen wir im folgenden den Gedichten vorangehen und beginnen mit Ovid.

P. Ovidius Naso. P. Ovidius Naso wurde am 20. März 711/43 in Sulmo, dem heutigen Sulmona, im Lande der Peligner als zweiter Sohn geboren. Sein Vater, ein wohlhabender Mann aus ritterlichem Geschlecht, brachte beide Söhne frühzeitig nach Rom, damit sie daselbst unterrichtet und für ihre spätere Laufbahn vorbereitet werden möchten. Sein älterer Bruder, Lucius mit Namen, mit dem er nach vollendeter grammatischer Vorbildung bei den berühmtesten Rhetoren seiner Zeit, M. Porcius Latro und Arellius fuscus, die Beredsamkeit studiert hatte, starb bereits im 20. Jahre. Charakteristisch für Publius ist das Urteil des Rhetors Annaeus Seneca (Controv. II, 10, 8 ff.), das also lautet: hanc controversiam memini ab Ovidio Nasone declamari apud rhetorem Arellium Fuscum, cuius auditor fuit: nam Latronis admirator erat, cum diversum sequeretur dicendi genus. habebat ille comptum et decens et amabile ingenium. Oratio eius iam tum nihil aliud poterat videri quam solutum carmen. Adeo autem studiose Latronem audiit, ut multas illius sententias in versus suos transtulerit. Tunc autem, cum studeret, habebatur bonus declamator. Hanc certe controversiam ante Arellium Fuscum declamavit, ut mihi videbatur, longe ingeniosius; excepto

1) Ovid am. I, 15,

29 f.:
Gallus et hesperiis et Gallus notus eois

et sua cum Gallo nota Lycoris erit. trist. IV, 10, 53 (Nr. XIV); trist. II, 445:

Non fuit opprobrio celebrasse Lycorida Gallo,

sed linguam nimio non tenuisse mero. 2) Properz III, 34, 91:

Et modo formosa quam multa Lycoride Gallus

mortuus infernā vulnera lavit aqua. Vgl. W. A. Becker, Gallus I. S. 16 ff.

eo, quod sine certo ordine per locos discurrerat. Declamabat autem Naso raro controversias et non nisi ethicas; libentius dicebat suasorias; molesta illi erat omnis argumentatio.

Sehr bald aber wandte sich Ovid ausschliesslich der Dichtung zu, für die er ein ganz ausserordentliches Formtalent besals. Nachdem er die Staatsgeschäfte kaum berührt hatte wir finden ihn als triumvir capitalis (trist. IV, 10, 33 ff.), als decemvir stlitibus iudicandis (fast. IV, 383 ff.; trist. II, 93 ff.), endlich als Einzelrichter (trist. II, 95 ff.)

zog er sich für immer von der Öffentlichkeit zurück, machte gleich anderen Römern, um sich in den griechischen Wissenschaften auszubilden, eine Reise nach Athen und Kleinasien und verweilte auf der Rückreise längere Zeit auch auf Sicilien. In sehr frühem Alter finden wir ihn verheiratet, und sehr bald wieder von der Gattin, die nicht für ihn passte, geschieden. Auch eine zweite Ehe war nicht glücklich. Von dieser zweiten Frau scheint er eine Tochter mit Namen Perilla gehabt zu haben, die auch Gedichte verfasste. Erst eine dritte Gemahlin, eine Fabia und persönliche Freundin der Livia, lebte mit ihm in bestem Einvernehmen, überlebte ihn auch. Glücklich und zufrieden lebte er auf seinem Landsitze im Kreise der Seinen, aber auch mit den geistvollsten Männern in heiterm und anregendem Verkehr. Abgesehen von Messala Corvinus, der durch Ermunterung, Beispiel und Unterweisung auch auf ihn einwirkte, war es namentlich der jüngere Macer, der Antehomerica und Posthomerica verfasst hat, mit dem er ein Freundschaftsbündnis geschlossen hatte. Befreundet war er auch mit dem ältern Aemilius Macer, der nach Art der Alexandriner ein Lehrgedicht über Vögel, Schlangen und Heilkräfte gedichtet hat, mit Properz, dem Epiker Ponticus und anderen. Nicht bekannt war er mit Tibull und Vergil, die beide 735/19 starben. Ovid klagt selbst den frühen Tod des erstern als die Ursache an, durch die ihm die Anknüpfung des ersehnten Freundschaftsbundes unmöglich gemacht sei. – Bekannt wurde Ovid, von frühen Jugendversuchen abgesehen, zuerst durch eine Tragödie Medea, von der Quintilian X, 1, 98 sagt: Ovidii Medea mihi videtur ostendere, quantum ille vir praestare potuerit, si ingenio suo imperare quam indulgere maluisset. Ob er auf diesem Gebiete noch mehr geleistet hat, wissen wir nicht.

Nächstdem sind die Briefe (Epistulae oder Heroides) zu nennen; es sind dies fingierte Liebesbriefe von Frauen der Heroenzeit an ihre Liebhaber. In der uns erhaltenen Sammlung sind mehrere unecht. – Als sein eigentliches Gebiet und seine Hauptleistung betrachtet Ovid selbst die erotischen Elegieen (Amores nach ihrem Hauptinhalte genannt). Hier hatte er Cornelius Gallus, Albius Tibullus und Sextus Propertius

« PreviousContinue »