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Vorwort

Die Erziehungsgeschichte kommt der nach Ergänzung und Vollendung strebenden Erziehungswissenschaft zu Hülfe und macht ihr bemerklich, was sich in den verschiedenen Erzichungsweisen der Völker und Staaten bisher allgemein bewährt, was sich nur unter Bedingungen und bei einzelnen Völkern bewährt und was sich als unbrauchbar erwiesen hat. Dieselbe ist aber auch eine der Grundlagen zur Cultur- und Völkergeschichte. Sie enthüllt uns den Charakter, den Standpunkt, das Streben und das Ideal des betreffenden Volkes. Sie gestattet uns cinen Blick sowohl in die Familie als 'in das Staatsleben. Die Griechen und Römer betreffend bleibt die Geschichte der Erziehung stets ein fruchtbarer Zweig der Alterthumswissenschaft und eine neue Entwicklung derselben würde auch dann nicht für überflüssig gehalten werden dürfen, wenn ihr Urheber auch nur einige neue Seiten beleuchtet, einige bisher nicht beachtete Lichtpunkte gezeigt und den Leser einige Schritte vorwärts geführt hätte. Ein einziger fruchtbarer Gedanke anf diesem so wichtigen Gebiete ist eine Apologie für ein ganzes Werk. In der Erziehungsweise der klassischen Völker des Alterthums waren einzelne Grundsätze, Methoden und Regeln so richtig berechnet, so praktisch wirksam und haltbar, dass dieselben auch noch gegenwärtig in jedem neueren Staate mit Erfolg in Anwendung gebracht werden könnten. Allein das Ganze der antiken Erziehungsweise war natürlich nur für den Gesammtorganismus des betreffenden Staates, nicht für die Gegenwart. Ganz vollkommene Staaten, hat nun freilich unser Planet bisher eben so wenig als ganz vollkommene Menschen aufzuweisen gehabt. Doch hatte der eine Staat in dieser, der andere in jener Beziehung seine vortreffliche, ja unübertreffliche Seite, das eine Volk in dieser, das andere in jener Beziehung seine unbesiegbaren Fehler

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und Mängel. (In der Erziehung der Perser war die Gewöhnung an Wahrhaftigkeit ein vortrefflicher Zug, wie Herodot und Xenophon bezeugen. Die Römer verwünschten die Punica fides, aber nachdem sie selbst fremden Völkern unterthan und sklavisch geworden, hiess romanizare so viel als lügen. Von den Gallern · sagt ein römischer Autor, dass sie gewohnt seien ridendo frangere fidem.) Bei den klassischen Völkern war die Tugend des Bürgers während der Zeit ihrer Blüthe reiner and gediegener als bei den neuen en Völkern. Das alte Griechenland hatte während seiner Blüthe, d. h. bis zur Zeit des peloponnesischen Krieges, und Rom bis zur Zeit des zweiten punischen Krieges unter allen alten Völkern sicherlich die besten Staatsbürger, d. h. Bürger, welche in der überwiegenden Mehrzahl das Wohl, die Ehre und Freiheit des Staates höher anschlugen als ihren eignen Vortheil, ihre eigne Ehre, selbst höher als ihr eignes Leben. Dies war bei den Assyrern, Medern, Persern, Skythen, Parthern, Aegyptern, Phöniziern, Karthagern 11. s. w. keineswegs der Fall. Und bei den neuern Völkern ist die. Tugend und Thatkraft in Worten gewöhnlich glänzender als in der Ausführung, wenn wir auch Ausnahmen zugeben wollen. Um hier nicht meine geringfügige Autorität geltend zu machen, will ich lieber zu dem Grossmeister philosophischer Betrachtungsweise meine Zuflucht nehmen, welcher in der Phänomenologie S. 291. (Werke Bd. II. herausg. v. J. Schulze) bemerkt: ,,Die antike Tugend hatte ihre bestimmte sichere Bedeutung, denn sie hatte an der Substanz des Volkes ihre inhaltsvolle Grundlage und ein wirkliches schon existirendes Gutes zu ihrem Zwecke; sie war daher auch nicht gegen die Wirklichkeit als eine allgemeine Verkehrtheit und gegen einen Weltlauf gerichtet. Die betrachtete aber nämlich die neuere, in Worten bestehende) ist aus der Substanz heraus, eine wesenlose Tugend, eine Tugend nur der Vorstellung und Worte, die jenes Inhaltes entbehren.“ Wie musste nicht die Brust eines Cicero von der Natur und der Schönheit der virtus erfüllt sein, um sagen zu können: Unum hoc definio, tantam esse necessitatem virtutis generi hominum a natura tantumque amorem ad communem salutem defendendam datum, ut ea vis omnia blandimenta voluptatis otiique vicerit (de republ. I. c. 1.). Er redet eben hier nicht von der in Worten bestehenden, sondern von der lebendigen, thatkräftigen, praktischen Tugend

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(reapse non oratione c. 2.). Eine ähnliche Bedeutung haben die Worte Jean Paul's (Levana Bd. III. S. 20.): „So lasset ihn (den Knaben) sehen, dass das ächte Kernfeuer der Brust gerade in jenen Männern glühe, welche ein durch das ganze Leben reichendes Wollen, nicht aber, wie der leidenschaftliche, einzelne Wollungen und Wallungen haben; und nennt z. B. Sokrates und Cato II., die eine ewige, aber darum stille Begeisterung hatten. Der Einzelne soll wie die Gemeinde, der einzelne Staat wie die ganze menschliche Gesellschaft der möglichsten Vervollkommnung entgegengeführt werden. Dass die Möglichkeit dazu in ihr selbst liege, vermag die Anthropologie darzuthun. Auch ergibt sich diese Möglichkeit unter Anderen aus den mit Entsetzen erfüllenden statistischen Mittheilungen und Berechnungen von A. Quetelet, „Ueber den Menschen und die Entwickelung seiner Fähigkeiten“, deutsch von V. A. Riecke, Stuttg. 1838. S. 6 ff. Welcher Läuterungsprocess noch eintreten wird, um so manchen Krebsschaden im Leben der Völker und Staaten zu tilgen, muss der göttlichen Waltung und dem Genius der gestaltenden Zukunft anheim gestellt bleiben.

Hier nur noch einige Worte über vorliegende Arbeit. Wenn es gegenwärtig bei der im stetigen Wachsthum begriffenen Litteratur - Masse immer schwieriger wird, theils nur Nagelneues, theils nur Erschöpfendes und Vollendetes darzubringen, so dürfte dies wohl in der Geschichte der Erziehung und Bildung der klassischen Völker des Alterthums weit schwerer geworden sein als in vielen anderen Gebieten. . Wenigstens gehört die Erziehungsgeschichte zu denjenigen historischen Wissenschaften, in welchen der Einzelne sich niemals rühmen darf, den allerwärts zerstreuten Stoff völlig zu seinem Eigenthum gemacht und verarbeitet zu haben. Geben schon die alten Autoren vom homerischen Epos bis zu den Byzantinern, von den Fragmenten der ältesten römischen Dichter bis zu den Patres herab vollauf zu thun, um nur die wichtigsten Notizen heraus zu finden und aus ihnen ein Ganzes zu gestalten, so tauchen ausserdem noch, viele hunderte von Monographieen aus älterer und jüngerer Zeit für einzelne Abschnitte auf und fordern Berücksichtigung. Dieser letzteren Forderung überall Genüge zu leisten, ist kaum noch möglich, falls nicht der Autor entweder mehr als ein Decennium auf seine seine Arbeit zu verwenden hat, oder wenigstens von jeder anderen Obliegenheit frei diese zum einzigen Gegenstande

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