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Vorwort.

Systematische Uebersicht des romischen Privatrechts.

Bon den beiden selbftstSndigen Hauptverhältnissen, die das römische Privatrecht anerkennt, den Vermögens» und Familienverhältnissen, beruhen die ersteren auf der Verwirklichung der rechtlichen Möglichkeit des Menschen, einzelne Bestandtheile der Süßeren Natur seiner Willkühr zu unterwerfen. Object der unbedingten Willkühr kann bloß eine Sache sein; wird es daher der Mensch, der, mit Freiheit und Vernünftigkeit begabt, seiner Bestimmung nach als Selbstzweck dasteht, d. h. wird er zum bloßen Mittel, so ist er dadurch seiner menschlichen Würde entäußert, er wird der Sache gleich, d. h. Sclave. Mit der Aufhebung der Sklaverei ist eS undenkbar geworden, daß der Mensch vollständig zur Sache werde. Wohl aber ist eö möglich, daß er sich, ohne seine Persönlichkeit zu gefährden, in einzelnen Beziehungen der Sache gleichstelle, sachähnlich werde, indem er bestimmte seiner Handlungen fremder Willkühr unterwirft. — Nur wo ein sachliches oder fach« ähnliches Verhältniß obwaltet, kann von Vermögensrechten die Rede sein. Findet das erftere Statt, d. h. unterliegt rechtlich eine Sache der unbedingten Willkühr eines Anderen, so ist dadurch des Begriff des Eigen t h u m s gegeben. Man kann sich aber auch von dieser ursprünglich Einem allein zustehenden unbedingten Herrschaft über eine Sache einzelne scharf begrenzte Theile auf Andere übergegangen denken, und dann kommt man zum Begriffe der lur» iv re ulien», (dingliche Rechte an fremderSache), welche mit dem Eigenthum e, dessen losgelöste Theile sie sind, die dinglichen Rechte, Iura io r« überhaupt bilden.

Waltet ein sachähnliches Verhältnis) der Art ob, daß einzelne Handlungen eines Menschen der Willkühr eines Anderen unterworfen sind, diese Willkühr aber aufhört, sobald die bestimmten Handlungen nach dem Wille» des Willkührberechtigten vollzogen sind, so ist ein Vermögensrecht vorhanden, das den Namen ObliKstio führt, lus «KliKStiouum.

Daß neben den soeben angedeuteten Vermögensverhältnissen auch noch die Familienverhältnisse im Privat-Rechte in Frage kommen, ist Ausfluß deö Naturgesetzes, wornach daS Dasein deS Menschen durch Erzeugung von Wesen gleicher Gattung bedingt ist, wornach er hülfloS geboren wird, den Schutz und die Pflege seiner Aeltern heischend und genießend. — Die einzig ethische Form geschlechtlichen Zusammenlebens der Menschen ist in der Ehe denkbar, (Lehre von der E he), und daher knüpft denn auch das römische Recht nur an die Eigenschaft des ehelichen VaterS eine gewisse Machtvollkommenheit (patri» polest»«)über das Kind, (Lehre von der väterlichen Gewalt), daS, sollte eS seines natürlichen Schützers und Pflegers, deö Vaters, verlustig gehen, vom Staate unmöglich seinem Geschicke Preis gegeben werden darf, sondern an die Stelle des natürlichen einen künstlichen Vertreter im Vormunde erhält. (Lehre von der Vormundschaft).

Wenn oben angedeutet wurde, daß Vermögens- und Familienrechte das gesammte Gebiet der selbstständigen Privatrechte erschöpften, so kann es auf den ersten Blick auffallen, daß des Erbrechtes nicht dabei besonders gedacht ward. Der Grund hiervon liegt aber darin, weil das Erbrecht keine von den bisher geschilderten Rechten der Gattung nach verschiedene Art inS Dasein ruft, sondern sich nur mit Beantwortung der Frage beschäftigt, welches Schicksal bei dem steten Wechsel der Generationen die Vermögens- und FamilienRechte trifft, wenn Jemand durch den Tod aufhört, Subjekt dieser angegebenen Rechte zu s ein?

In der bisherigen zusammenhängenden Charakterschilderung deö gesammten Gebietes deS Privatrechtes liegt zugleich die Disposition für den Vortrag deS speciellen TheilS deS römischen CivilrechtS. Derselbe wird zu handeln haben:

I. Bon den möglichen selbftft'Sndigen«) Privatrechten
eines Individuums.

4. Bon Vermögensrechten, und zwar:
ää. Von den dinglichen Rechten.

1. Lehre vom Eigenthume.

2. Lehre von den dinglichen Rechten an einer fremden Sache, ^ur» in r« alien».

»». Bon dem Rechte der Obligationen. ». Bon Familenrechten.

1. Lehre von der Ehe.

2. Lehre von der väterlichen Gewalt.

3. Lehre von der Vormundschaft.

II. Bon dem Schicksale der Privatrechte eines Individuums, insbesondere der Vermögensrechte, im Falle seines TodeS. — Lehre vom Erbrechte.

Lehre von den dinglichen oder Sachen-Rechten.

Einleitung.
Von de» dinglichen Rechten überhaupt.

8 l.

I. Begriff der dinglichen Rechte.

Sachenrechte, dingliche Rechte sind solche Rechte, welche eine körperliche Sache unmittelbar der rechtlichen Herrschaft einer Person unterwerfen.

Folgerungen dieses Begriffes sind:

1. Gegenstand eines dinglichen Rechtes kann nur eine körperliche Sache sein.

2. Inhalt deö dinglichen Rechtes ist die rechtliche Herrschaft über eine körperliche Sache, ohne daß der Umfang dieser Herrschaft immer derselbe sein müßte.

3. Jedes dingliche Recht begründet ein unmittelbares RechtS

5) Dadurch werden die lu rs ststu», als lediglich für Begründung anderer Rechte interessant, ausgeschlossen. Sie gehören dem allgemeinen Theile an.

Verhältnis) einer Person zu einer Sache. Wird die Einwirkungsbefugniß einer Person gegenüber einer Sache durch einen Anderen vermittelt, indem dieser verpflichtet ist, eine solche zu gestatten, so ist daS in Frage stehende Recht kein dingliches, sondern eine Obligatio, bei welcher eine körperliche Sache höchstens mittelbarer Gegenstand sein kann, während der unmittelbare immer ein bestimmtes Maas) von Handlungen ist.

4. Gerade weil das dingliche Recht ein unmittelbares Rechtsverhältnis) einer Person zu einer Sache begründet, nicht das einer Person zu einer Person, kann die demselben entsprechende Verpflichtung auch nur eine negative, allen Menschen in gleicher Weise obliegende sein, nämlich die, Alles zu unterlassen, was den Berechtigten in seiner Einwirkungsbefugniß auf die Sache stört. Wird hiergegen, gleichviel von wem, gefehlt, so ist gegen den Störer eine Klage begründet, d.h. aber, die dinglichen Rechte, Sachenrechte, gehören zu den absoluten Rechten*).

K 2.

II, Arten der dinglichen Rechte.

Das ursprünglich einzig dingliche Recht ist das Eigenthum als der Inbegriff aller nur denkbaren Nutzungs- und DispvsitionSbefugnisse in Bezug auf eine körperliche Sache. Da aber der Eigenthümer sich seiner ursprünglich unbeschränkten Einwirkungsbefugniß theilweise zu Gunsten eines Anderen begeben kann, ohne dadurch aufzuhören, Eigenthümer zu sein, I.. 25. pr. 0. <l« V. 8. (50. 16), so gesellt sich hierdurch zum Begriffe des EigenthumS noch der der Iura in ro »Ii«n», der dinglichen Rechte an einer fremden Sache hinzu, deren das römische Recht folgende vier kennt: die Servituten, Emphyteuse, Super« ficies und das Pfandrecht an körperlichen Sachen. — Wenn außerdem die älteren Juristen regelmäßig,

Glück Pandecten-Commentar II. §. 178. und von den neueren nicht wenige,

Vergl. Schweppe römisches Privat-Recht II. §. 211.

Schilling Institutionen und Geschichte des römischen Privat

RechlS II. §. 132.

5) Von den abweichenden Begriffsbestimmungen der dinglichen Rechte handelt der Verfasser im allgemeinen TKeile seiner Pandekten 8» 40.

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