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nennen, wenn ferner es nicht an Bestrebungen fehlt, ihrem ahnungsvollen Dämmerleben im heiligen Dunkel des Urwaldes einen romantischen Anstrich zu geben, so stehen diese oberflächlichen Verschiedenheiten bei denen sehr häufig nationale Stimmungen im Spiele sind nirgends der gemeinsamen Grundvorstellung entgegen: Das germanische Alterthum war ein Naturstand, ein wo nicht sociales doch politisches Chaos.

Diese Vorstellung empfiehlt sich der Menge durch ihre Natürlichkeit. Wie einleuchtend ist es nicht, dass dem Culturlichte der Neuzeit eine mittelalterliche Dämmerung und dieser eine alterthümliche Nacht vorausgegangen. Die Geschichtschreibung jedoch geräth dabei einigermassen in die Klemme. Nicht zwar im Fache der römischen Geschichte, aus deren Abfallen die Geschichte des germanischen Alterthums construirt zu werden pflegt. Dort spielt jetzt, wie vor achtzehn Jahrhunderten, die germanische Nation die Rolle einer Repräsentantin der Finsterniss und Barbarei, welche gegen das Licht der Civilisation kämpft. Aber ist es möglich, ihr diese. Rolle zuzutheilen in ihrer eigenen Geschichte? Ist die chaotische Mutter Nacht, der Zustand, wo „Alles wüste und leer gewesen, ein Gegenstand geschichtlicher Detailforschung und Beschreibung? Und doch lässt sich die Aufnahme der von antiken Schriftstellern bezüglich der Germanen mitgetheilten Details in die deutsche Urgeschichte nicht vermeiden. Letztere hat sich daher zu einem Auskunftsmittel genöthigt gesehen. Sie macht die Germanen zu Vertretern eines positiven oder guten Princips, zu Kämpen für die Freiheit gegen die römische Zwingherrschaft, für Redlichkeit und Sitten

na

einfalt gegenüber welscher Tücke und Corruption. Dieser Kunstgriff scheitert jedoch an der obligaten Schilderung der Grundzüge germanischer Lebens- und Sinnesweise. Trotz allen Lobpreissungen germanischer Tugenden fühlt das Publikum durch und hat es längst durchgefühlt, dass diese, mentlich die gerühmte Freiheitsliebe, Sitteneinfalt und Biederkeit unserer Altvordern, von kaum besserem Schlage und nicht einmal so mackellos und über allen Zweifel erhaben" seien, als die gleichen Eigenschaften, die man auch andern naturwüchsigen Mitbewohnern des germanischen Urwaldes, wie z. B. den Bären und Auerochsen, beilegen mag. - Milton, in seiner Geschichte von England, sagt von den dortigen Kriegen aus der Zeit der Heptarchie, dass dieselben eben so wenig unserer Theilnahme werth seien, als die Fehden der Geier und Krähen, die in der Luft herumschwärmen und mit einander kämpfen.

Kann man das deutsche Publikum tadeln, wenn es eine ähnliche Meinung von den Thaten und Schicksalen der ältesten Germanen hegt? wenn es die patriotischen Bestrebungen von Dichtern und Künstlern, den in „Hermann“ umgenannten Arminius zu einem deutschen Nationalheros zu erheben, nur mit Kälte aufgenommen und durch seine Theilnahmlosigkeit nicht nur die Bardenpoesie des vorigen Jahrhunderts zu einem „verdorrten Zweig unserer Literatur“ (wie Gervinus sich ausdrückt), sondern auch das neuerlich projectirte Hermannsdenkmal im Teutoburger Walde zu einer Ruine der Nichtvollendung hat werden lassen? Mag es immerhin sein, dass wir in jenen Germanen unsere Verwandten in aufsteigender Linie zu erkennen haben, dieser Umstand gibt ihnen doch kaum grössern Anspruch auf histori

sches Interesse, als dem Erdenklofs, woraus Gott den ersten Menschen erschuf.

Vorausgesetzt nämlich, dass die gemeine Meinung von ihren Sitten und ihrer Lebensweise sich in ihrem bisherigen Bestand erhält. Aber beruht sie auf historischer Wahrheit? hat sie die Probe der Kritik bestanden, diese Meinung? Diese verwegene Frage aufzuwerfen, hat gegenwärtige Schrift ganz besondere Veranlassung. Sie will die Ergebnisse einer archäologischen Wanderung beschreiben, die sich nicht immer auf's Beste mit der herkömmlichen Ansicht de moribus Germanorum vertragen. Um unbefangene Leser und Beurtheiler zu gewinnen, muss sie vor Allem sich Bahn zu brechen suchen durch das Bannrecht, welches die fragliche wie jede andere gemeine Meinung für sich in Anspruch nimmt. Anstatt das germanische Alterthum auf der breiten Heerstrasse zu besuchen, deren Projection dem Julius Caesar zugeschrieben werden darf und zu deren Ausbau Tacitus, als Verfasser des Schriftchens Germania, das Meiste beigetragen, hat meine Wanderung im Aufsuchen einheimischer, obwohl längst verwitterter Pfade bestanden. Sie wurde in der Voraussetzung unternommen, dass dergleichen Pfade tiefer in das germanische Volksleben einführen dürften, als jene stark frequentirte Römerstrasse. Als Wegweiser diente eine Reihe von Zeugnissen, welche die Germanen des Alterthums und ihre Stammverwandten über sich selbst und in eigener Sprache ausgestellt haben. Je weiter die Wanderung vorwärts gelangte, um so deutlicher trat der innere Zusammenhang hervor, dio gegenseitige Bezugnahme der einheimischen Zeugnisse und eben damit auch deren Fähigkeit, die uns in den sogenannten

classischen Sprachen zugekommenen Nachrichten zu erläutern und zu ergänzen.

Warum dieser Schatz bisher so gut wie ungenützt geblieben für die historische Wissenschaft, ist leicht zu errathen. Die herrschende gemeine Meinung hatte den Gedanken an die Möglichkeit unterdrückt, dass die einheimischen Zeugnisse, insbesondere die uns in Gestalt von Volksnamen aufbewahrten, von einer solchen Stufe der Gesittung sprächen, auf welcher eine Nation ihren rechtlichen und religiösen Institutionen die meiste Aufmerksamkeit zuwendet. Indem sie die Forschung auf ein Suchen nach Attestationen wilder Kampflust und Freiheitsliebe der germanischen Völker beschränkte, hat sie dieselbe ausser Stand gesetzt, von den besagten Zeugnissen etwas Neues zu erfahren. Nicht als „weganzeigende Heilworte“ sind unsere ältesten Sprachdenkmale anerkannt und beachtet worden, sondern man hat sich begnügt, auf sie hinüberzulugen von der bekannten Heerstrasse aus. Bei allem Bewusstsein, dass das von mir begonnene Unternehmen, um der Vollendung nahe geführt zu werden, weit bedeutendere Kräfte und Mittel, als die mir zu Gebote stehenden, erheischt, habe ich die fromme Mahnung des ältesten in unserer Sprache vorhandenen und mir unterwegs aufgestossenen Verses — desselben, wovon sich eine Uebertragung als Motto auf dem Titelblatte befindet – als günstigen, ermunternden Angang für meine Wanderung begrüssen zu dürfen geglaubt.

Nun zur Kritik der gemeinen Meinung, zunächst der auswärtigen Zeugnisse, die ihre Grundlage bilden.

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