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Köln,
Verlag der M. Du Mont-Schauberg'schen Buchhandlung.

1874.

GENERAL

Mainz, Druck von Florian Kupferberg.

Vorwort zu allen drei Theilen.

Die lateinischen Dichter, welche auf Gymnasien gelesen zu werden pflegen und sich auch wahrhaft dafür eignen, sind Phädrus, Ovid, Virgil und Horaz, und zwar in der gegründeten Stufenfolge, dass Phädrus und Ovid den ersten Cursus (für Quarta und Tertia), Virgil den zweiten (für Unter- und Obersecunda), Horaz den dritten (für Unter- und Oberprima) bildet. Anderweitige Dichtungen mögen nach Umständen in der obersten Stufe zur Bekanntschaft hinzutreten. Demgemäss zerfällt auch die Gesammtheit unserer Auswahl in die bezeichneten drei Cursus oder Theile. Die genannten Dichter rücksichtslos ohne Auswahl in der Schule lesen zu wollen, wird und darf einem Lehrer nicht im Entferntesten einfallen. Darüber bedarf es keiner weiteren Worte. Dessungeachtet dem Schüler das jedesmalige Gesammtwerk in die Hände zu geben und dem Lehrer die Auswahl oder gar das geheimnissvolle Ueberhüpfen von einzelnen Stellen und Ausdrücken zu überlassen, hat Mühseliges, Bedenkliches, oft sogar das Gegentheil des Beabsichtigten und Gebührenden im Gefolge. Das lehret die Praxis. Ueberdies gibt es in allen den genannten Dichtern gewisse Stücke, die wegen ihrer Vortrefflichkeit und Eigenthümlichkeit jedem Schüler auf der betreffenden Stufe vertraut werden sollen, wodurch denn für manches andere, wenngleich Lesbare und Lesenswerthe, keine Zeit übrig bleibt. Der grösste Theil der Aeneis wird regelmässig in der Klasse ungelesen bleiben; die Bekanntschaft mit den drei ersten Büchern dagegen erwartet man von jedem, der von Virgil etwas wissen will. Doch abgesehen von allen besondern Gründen, es versteht sich von selbst, dass unser Buch sich zunächst nur an diejenigen wendet, welche mit uns die gleiche Ueberzeugung haben, dass für den Schulgebrauch statt

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der Gesammtwerke entsprechende Auswahlen am geeignetsten sind. Solcher Auswahlen gibt es denn auch die Menge, und wird es immer neue geben, je nach dem Standpunkte und den Principien des Auswählenden, ähnlich wie bei deutschen Lesebüchern. Diesen Vergleich hebe ich absichtlich hervor, weil ich dadurch zugleich auf meine eigenen deutschen Lesebücher, wovon das eine bereits 33 (42) Auflagen erlebt hat, hinweisen kann, um darnach einen Massstab zu geben für die geistigen, namentlich sittlichen Principien, welche auch dem gegenwärtigen Buche zu Grunde liegen. Was dann weiter die besondere Einrichtung des Buches, den absoluten oder relativen, stofflichen oder formalen Werth der einzelnen Stücke, sowie ihre gegenseitige Bezüglichkeit und Ergänzung betrifft, so muss sich dergleichen in der Praxis und durch sich selbst erweisen, ohne dass wir die manchfaltige Umsicht, die wir dabei angewendet haben, zur Schau stellen. Dass noch manche andere Stücke hätten aufgenommen werden können, und der eine dieses, der andere jenes hinzu wünschen wird, ist gewiss. Aber Mass und Beschränkung waren nothwendiges Erforderniss.

Was die erklärenden Anmerkungen angeht, so haben wir dieselben nicht unter den Text, sondern an's Ende zusammengestellt, weil sie unter dem Texte erstens die reine Anschauung des Textes, und namentlich die Vorstellung von dessen Ausdehnung (worauf ich schon um des Gedächtnisses willen besonderes Gewicht lege) verwirren, und weil sie dort zweitens für den Schüler zu bequem sind und innerhalb der Schule seine Augen immer beunruhigend herahlocken und das selbstthätige Denken hemmen. Der Gehalt der Anmerkungen aber muss sich nun wieder durch sich selbst erweisen. Sie haben ebenso sehr die spätere Repetition, als die erste Präparation vor Augen; dass sie aber für den Schüler mehr eine Brücke zum eigenen Nachdenken, als zum bequemen Hinüberkominen bilden sollen, wird sich sehr bald, schon durch ihre kurze Fassung, erkenn- und fühlbar machen; und dass sie auch oft, ohne viel Wesens darüber zu erheben, auf die verschiedenen anderweitigen Lesarten oder Erklärungen hindeuten, und überhaupt eine selbständige Leistung für den Classiker in sich schliessen, wird dem kundigen Lehrer beim Vergleichen mit andern Ausgaben nicht entgehen. Wenn bisweilen eine Stelle oder auch ein einzelnes Wort geradezu nur übersetzt beigefügt wird, so hat das seinen besondern Grund; oft genug leider in der unzarten Beschaffenheit der grösseren Schulwörterbücher, worüber gar manches zu sagen wäre. Dass die Anmerkungen für den ersten Cursus reichlicher aufzunehmen waren, als für die folgenden, versteht sich von selbst. Das wahre Leben bei der Erklärung von Schriftstellern, namentlich von Dichtern, bleibt immer der Lehrer selbst und seine Persönlichkeit.

Was dann ferner den Text selbst angeht, so habe ich dabei gethan, was jedem Herausgeber eines Classikers zu thun obliegt und zusteht, d. h. am Verbürgtesten festgehalten und im Zweifelhaften nach eigenem Urtheil soll ich sagen, mit Ueberzeugung entschieden? nein, sondern in manchen Fällen nach langem Grübeln nur herausgenommen, mit der ausdrücklichen Intention, dass Andere auch wieder eine andere Lesart vorziehen mögen. Denn es ist ganz gewiss, dass es Fälle genug gibt, wo der Herausgeber nur einfach das Loos entscheiden lassen könnte, und im Grunde das auch wahrhaft thut, wenn er sich in der Vertheidigung seiner Lesart auch noch so breit und sattelfest gebärdet. Das ist so gewiss, als er darauf gefasst sein muss, dass er von einem andern Herausgeber wieder denselben Vorwurf der Absurdität zu verschlucken bekommt, wovon er selbst vielleicht reichlich gespendet hat. Und so freue ich mich denn, bei dieser Gelegenheit ein längst getragenes Wort an offener Stelle niederlegen zu können, nämlich: „Mit der Textkritik ist und wird ein colossaler Schwindel getrieben.“ Wenn man als junger Studiosus zum erstenmal davon hört, sollte man meinen, so ein Classiker sei je nach den verschiedenen Textausgaben ein total verschiedener Hospes. Aber die ganze Geschichte dreht sich meistens um solche Nebendinge, dass man bei flüssiger Lectüre kaum aufmerksam darauf wird; oder um solche Varianten, wobei der Verfasser selbst wieder auferstehen müsste, um zu entscheiden,

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