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Aus der Vorrede zur ersten Auflage.

Unter allen Schriften Cicero's, die in der obersten Classe unserer Gymnasien gelesen zu werden pflegen, sind seine drei Bücher de oratore entschieden oben an zu stellen. Was ihnen diesen Vorzug vor anderen Werken Cicero's, wie z. B. den Tusculanen, den Büchern de officiis, de natura deorum, de divinatione gewährt, ist nicht allein die formelle Vollendung der Darstellung – die ausgezeichnete künstlerische Anlage des ganzen Dialogs, wie die musterhafte Reinheit, Klarheit und Schönheit des sprachlichen Ausdrucks -, sondern fast mehr noch ihr

reicher, für die vorgerückteren Gymnasialschüler so sehr geeigneter Inhalt. Rhetorik und Stilistik, Archäologie, Litteraturgeschichte und Antiquitäten der beiden classischen Völker des Altertums können und dürfen als besondere, selbständige Disciplinen auf unseren Gymnasien nicht gelehrt werden. Es wird vielmehr die zur Gymnasialbildung erforderliche Schulkenntnis der Hauptsachen aus den angeführten Gebieten teils durch passende Anknüpfung an die Lectüre der classischen Schriftsteller, teils durch den Geschichtsunterricht, teils durch unmittelbares Erlernen aus den Autoren selbst zu gewinnen sein. Gerade in dieser Beziehung aber ist kein classisches Werk der lateinischen Litteratur für die Schule so ergiebig und bei rechter Behandlung der Erreichung des angegebenen Zieles so förderlich, als Cicero's Schrift de oratore, indem sie nicht nur den allgemeinen, an jede classische Lectüre der Prima zu stellenden Forderungen vollkommen entspricht, sondern sich vornehmlich sowol durch ihre praktischen, auf dem Leben und der wirklichen Erfahrung beruhenden, rhetorischen Anweisungen, als auch durch die in ihr enthaltenen trefflichen litteratur- und kunstgeschichtlichen Uebersichten empfiehlt.

Wenn wir nun dennoch dieser Ciceronianischen Schrift trotz ihrer unleugbaren Vorzüge die ihr gebürende Stellung einer möglichst ständigen Lectüre in der obersten Gymnasialclasse nur in verhältnismässig sehr geringem Umfange eingeräumt sehen, so möchte wol eine der hauptsächlichsten Ursachen davon in dem Mangel einer zweckmässigen Schulausgabe zu suchen sein. Denn dass unter den bisherigen Schulausgaben (abgesehen also von Henrichsens und Ellendts zunächst für den Gelehrten bestimten Editionen, die für den Lehrer allerdings viel brauchbares Material bieten) weder Müller's noch gar Billerbeck's, noch auch Ellendt's kleinere Ausgabe irgendwie befriedigen können, davon wird sich gewis ein jeder, der eine Zeit lang mit seinen Schülern de oratore gelesen hat, aus eigener Erfahrung zur Genüge überzeugt haben.

Eben diesem offenbaren Mangel wünscht nun der Herausgeber durch die gegenwärtige Schulausgabe, die dem Lehrer wie dem Schüler die nötigen Dienste zu leisten bestimt ist, möglichst abzuhelfen und so an seinem Teile die Lectüre dieser Schrift auf unseren Gymnasien nach Kräften zu fördern.

Die Anlage entspricht dem Plan der ganzen Teubner'schen Sammlung. Vorausgeschickt sind also etwas ausführlichere Prolegomena, die ausser dem sonst zur Einleitung Erforderlichen auch eine übersichtliche kurze Zusammenstellung des üblichen rhetorischen Schulsystems enthalten, dessen Kenntnis Cicero bei seiner steten Rücksichtnahme auf die Rhetoren und ihre Lehre Voraussetzt. Weiterhin ist sodann sowol jedem Buch in gedrängter Inhaltsübersicht die Gesamtdisposition desselben vorgesetzt als auch in den erklärenden Anmerkungen die fortschreitende Entwickelung und Gliederung im Einzelnen zu steter Orientierung angegeben. Was aber diese erklärenden Noten selbst betrifft, so stellte es sich aus mehrfachen Gründen als zweckmässig heraus, eine Teilung vorzunehmen und Alles, was zur Erläuterung der zalreichen Personennamen und einiger wichtigeren Realien, vornehmlich aus dem Gebiete des römischen Rechts gehörte, lieber alphabetisch in der Form erklärender Indices zusammenzustellen und in diese auch einige kleinere Excurse, wie über die causae centumvirales und die im 1. Buche erwähnten Rechtsfälle, oder über den Rhythmus mit aufzunehmen. Dadurch ist einmal der Vorteil erzielt worden, dass das richtige Verhältnis des Textes, der sich in einer Schulausgabe auch dem äusseren Umfange nach als die Hauptsache darstellen soll, zu den darunter stehenden Anmerkungen fast überall gehörig gewahrt werden konnte, während sich ohne die getroffene Einrichtung die Ueberwucherung des Textes von den unumgänglich nötigen Erläuterungen, auch bei noch so grosser Beschränkung, an vielen Stellen gar nicht hätte vermeiden lassen. Sodann aber hat die erwähnte Anordnung das für sich, dass dadurch die Einprägung des sachlichen Materials, das sich der Schüler nun nicht aus dem, was unten steht, flüchtigen Blicks heraufholen kann, bedeutend gesichert wird. Die relative Ausführlichkeit der Indices aber erscheint hier um so eher gerechtfertigt, als eben, wie vorhin angedeutet, die Lectüre dieser Schrift nach ihrer ganzen Anlage besonders

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geeignet ist, das litteraturgeschichtliche und archäologische Wissen des Schülers mit fördern zu helfen, und demnach die Erklärung auch diesem Zweck zu dienen hat.

Gleichwol versteht es sich dabei von selbst, dass die zu dem Ende gegebenen Notizen nicht um ihres litteratur- oder kunstgeschichtlichen oder antiquarischen Interesses an sich, sondern doch zuletzt nur um der betreffenden Stelle willen, zu deren lebendigerem und vollerem Verständnis gegeben sind.

Der Text der vorliegenden Ausgabe schliesst sich im Allgemeinen an den Orelli-Baiter'schen an, jedoch mit den Abänderungen, wie sie der am Schluss angefügte kritische Anhang näher angibt. Dazu sind aber von Neuem sowol die Lesarten des cod. A brincensis nach der von Schneidewin im October 1842 in Avranche selbst vorgenommenen Collation, als auch die beiden cod. Erlangenses mit möglichster Genauigkeit verglichen worden. Hanan, im Februar 1859.

K. W. Piderit.

Vorrede des Herausgebers der fünften Auflage.

Die Nachricht von dem Dahinscheiden des Verfassers dieser Ausgabe, des Directors K. W. Piderit, welcher durch einen unerwarteten Tod einer segensvollen Wirksamkeit in der Schule und auf litterarischem Gebiet entrückt wurde, erfüllte weite Kreise von Freunden, Berufsgenossen, Schülern mit wärmster Teilnahme. Diese empfand auch in vollem Masse der Unterzeichnete, den seine Lebensführung zwar nie in persönliche Berührung mit dem Verstorbenen gebracht hatte, der sich aber diesem durch vielfache Anregung für seine Studien zu Dank verpflichtet und in seinen pädagogischen Anschauungen und Bestrebungen verwandt fühlte. Diese pietätsvolle Gesinnung war es zunächst, welche den Wunsch in mir erweckte die Besorgung einer etwa nöthig werdenden neuen Auflage des Piderit'schen Buchs zu übernehmen. Wenn mir die Lectüre gerade dieser Schrift Cicero's in der Klasse besonders lieb geworden war, so verdankte ich auch dies

zum nicht geringen Teile ihrer Bearbeitung durch Piderit. Seit dem Erscheinen der ersten Auflage sind mir die Bücher de oratore, was sich ja Piderit selbst zum Ziel seiner Arbeit gesteckt hatte, zu einer fast ständigen Lectüre in Prima geworden. Dabei hatte ich mich in das Piderit'sche Buch so eingelebt, dass ich meinte eine neue

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Auflage desselben in der Weise der früheren bearbeiten zu können. Daher bin ich Herrn Director Prof. Dr. Eckstein in Leipzig, an den sich die verehrliche Verlagsbuchhandlung bereits in dieser Angelegenheit gewandt hatte, sehr dankbar, dass er bereitwillig zurücktrat und mir die Arbeit überliess.

Dieser meiner inneren Stellung zu dem verstorbenen Verfasser entspricht es nun, dass ich die übernommene Aufgabe in dem Sinne zu lösen suchte, wie Piderit selbst bei jeder neuen Auflage den früheren gegenüber sich verhielt. Wie jede derselben Zeugniss davon giebt, dass er von allen seit der vorigen Auflage erschienenen Schriften zur Erklärung von de oratore sorgfältig Kenntniss nahm, *) und wo er das Verständniss einer Stelle von andrer Seite gefördert glaubte, nicht in falscher Liebe zu eignen Gedanken an der einmal aufgestellten Erklärung festhielt: in ähnlicher Weise habe ich mich zur vierten Auflage in Piderit's Bearbeitung und zu dem, was nachher erschienen ist, gestellt.

Ich habe geändert, so weit es geschehen konnte ohne den Charakter der Piderit'schen Ausgabe zu verwischen. Wenn es mir als ein Vorzug derselben erscheint, dass sie den Gang der ganzen Abhandlung und ihre Gliederung klar darlegt, so habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, diesen Vorzug noch weiter auszubilden, und gefunden, dass damit oft auch auf die einzelne Stelle ein helleres Licht fällt.

Neues handschriftliches Material zur Feststellung des Textes stand mir nur in sehr geringem Masse zu Gebote. Die neue sorgfältige Vergleichung des Cod. Gu. 3, welche von Sorof angestellt ist, hat die grosse Uebereinstimmung dieses Cod. mit dem Abrinc. und Erl. I nur noch klarer herausgestellt. Der Cod. Harlei. ist von Herrn Prof. Dr. Rühl in Königsberg genau verglichen. Derselbe hat mir in überaus dankenswerther Bereitwilligkeit und Promptheit jede Anfrage über die Lesarten

*) Es sind in der 2. und 3. Anflage angeführt:

1) Bd. I. der Gesamtausgabe von Cicero's Werken, ed. J. G. Baiter C. L. Kayser. Leipz. b. Tauchnitz 1860 (Bd. II. der Op. rhet. rec. C. L. Kayser).

2) M. Tullii Cic. de orat. libros 3. rec. Joh. Bake. Amstelod. 1863.

3) Sorof de Cic. librorum, qui sunt de oratore, editionibus novissimis im Philol. Bd. 21 (1864) p. 654–674. Ejusdem vindiciae Tullianae. Progr. d. Gymn. zu Potsdam 1866.

4) Recensionen in d. Gel. Anz. d. Kgl. bayr. Acad. d. Wissensch. 1859 Nr. 38–41. und N. J. für Philol. u. Paedag. Bd. 79 und 80 H. 12. p. 838-844. Wiener Jahrb. XVI, Nr. 4, p. 31.

5) Niemeyer de locis quibusdam, qui in Cic. de or. libris leguntur, im Festgruss d. Lehrercollegiums d. Gymn. in Kiel an die XXVII. Versammlung d. Philol. und Schulmänner. Kiel 1869.

6) Adler locos quosdam librorum I. et II. Ciceronis de oratore vel emendavit vel explicavit. Progr. d. lat Hauptsch. in Halle. 1869.

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