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Vorrede des Heransgebers

zur elften Auflage.

In fürzerer Frist als dieses nach bereits zehn Auflagen des gegenwärtigen Lehrbuchs erwartet werden durfte, hat sich das Bedürfniß einer neuen herausgestellt. Binnen nur vier Jahren nach dem Ericheinen der leßten Ausgabe im Jahre 1866 ist eine elfte nothwendig geworden. Andere Lehr- und Handbücher, zum Theil mit reicherem Material, umständlicherer Motivirung und allgemeinerer Verdeutschung der Kunstwörter sind mittlerweile ans Licht getreten: Puchta's Pandekten haben sich gleichwohl nicht nur neben ihnen behauptet, sie haben im Gebiete des Rechtsunterrichts wie der Rechtsanwendung sogar nicht wenige derselben zu überbieten vermocht.

Es verlohnt der Mühe, den Ursachen einer so zähen, weit über. das Leben des Verfassers hinaus nachhaltigen Lebenskraft nachzugehen und die Vorrede einer elften Auflage dürfte nicht gerade ein unpassender Ort seyn, um einigen Bemerkungen darüber aus der Erfahrung des Herausgebers Raum zu lassen.

Unstreitig sind es zunächst und zum Theil formale Vorzüge, welche einst dem Puchta’schen Lehrbuch den Weg gebahnt haben. Zur Zeit seines ersten Erscheinens war es nahezu das einzige Pandekten

compendium, welches das ganze Pandektenrecht in Einem Bande statt der üblichen drei, und gleichwohl mit reichem Material, in lesbarein Deutsch, in conciser Schärfe und gedrängter Kürze des Ausdrucks, in mustergültiger Proprietät und Klarheit der Terminologie zur Anschauung brachte.

Gleichwohl erscheinen diese äußerlichen Vorzüge verhältnismäßig gering im Vergleich mit dem tiefen Eindringen in die juristische Logik des classischen Pandektenrechts und deren geistvoller Reproduction. Diesem materiellen, das juristische Denken überall anregenden und ben juristischen Verstand in hohem Grade befriedigenden Gehalt wird daher der Erfolg des Werks vorzugsweise zuzuschreiben seyn.

Es hat allerdings und selbst in der neuesten Zeit nicht an Oppositionen gegen diese seine vorherrschende Eigenthümlichkeit gefehlt, so wenig bezüglich des Ganzen als im Einzelnen.

„Es hat einmal etwas höchst Verlođendes – sagt Ihering, Geist des römischen Rechts III. (1871) Š. 309 –- ja man möchte sagen es ist eine im Wesen der Jurisprudenz selber tief begründete Versuchung, daß sie den realen Mächten gegenüber, mit denen sie sich in die Schöpfung des Rechts zu theilen hat, die Autonomie des juristischen Denkens zur möglichsten Geltung zu bringen und auch das Positive zur idealen Höhe einer logisch-juristischen Wahrheit zu erheben sucht. Gerade in der Gegenwart hat diese Richtung einen höchst bedenklichen Grad erreicht — bedenklich aus dem Grunde, weil diese Scheinbegründung, diese logische Selbsttäuschung von den wahrhaften Quellen, in denen die leßten Gründe der Rechtsjäße zu suchen, und damit vom wahren Verständniß des Rechts überhaupt abführt. — An die Stelle der realen Kräfte, welche im Schooße des Rechts walten, setzt sich die Dialektik des Begriffs; was jene geschaffen und hervorgebracht, giebt sie für ihr Werk aus, indem sie, jenachdem es positiver oder negativer Art ist, das eine als logisch nothwendig, das andere als logisch unmöglich deducirt. Die Stellvertretung und die Uebertragung der Obligationen ist ausgeschlossen, weil der Begriff der Obligation sie nicht verstattet (Puchta, Pandekten §. 273), der Erblasser kann nicht zum Theil aus dem Testament, zum Theil nach Intestaterbrecht beerbt werden, weil die testamentarische und

Intestatsuccession logisch incompatibele Begriffe sind, die Specification muß Eigenthum geben und die bona oder mala fides darauf ohne Einfluß seyn, weil der Begriff dies verlangt und selbst der Eigenthumserwerb an der insula in fumine nata der alveus derelictus ist durch dringende begriffliche Gründe ins Leben gerufen (Puchta $. 154. 165). In Puchta zählt die oben geschilderte Richtung ihren namhaftesten Repräsentanten, und wenn ich nach eigener Erfahrung urtheilen darf, jo hat gerade sein Beispiel auf Manche einen bestimmenden Einfluß ausgeübt. Wir dürfen hoffen, daß diese ungesunde Richtung – ich kann sie nicht anders bezeichnen -, dieser Gößen= cultus des Logischen ihren Höhepunkt bereits erreicht hat, wenigstens möchte es schwer seyn, die in dieser Richtung begangenen Ercesse noch zu überbieten. Dieselben haben aber doch das Gute gehabt, daß sie Jedem, der seine Augen noch nicht völlig verloren hat, dieselben geöffnet haben.“ So weit Ihering's Urtheil über das Ganze.

In speciellen Anwendungen hat dieser Tadel auch anderweitige Zustimmung gefunden. „Puchta — sagt z. B. mein verehrter College Bruns in v. Holgendorff's Encyklopädie (1870) S. 368 – erklärt zwei Erben hinter einander für „dem Wesen des Erbrechts widersprechend“. - Wo und wie dieses mit dem Wesen des Erbrechts in Widerspruch stehen soll, ist — schwer zu entdecken, zumal die Römer selbst es gar nicht angenommen haben. Sie gründen die Regel (semel heres semper heres) nicht auf die specifische Natur des Erbrechts, sondern sie war ihnen nur eine Folge der allgemeinen Unzulässigkeit von Endterminen und Resolutivbedingungen bei den

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altcivilen Rechten. Deshalb machen sie auch bei Soldaten eine Ausnahme von der Regel, ebenso wie von der Regel nemo pro parte etc. Diese Ausnahme ist für Mühlenbruch und Puchta natürlich sehr unbequem, sie wollen darin nur eine fideicommissarische Substitution sehen, beachten aber nicht, daß dann gar kein Privilegium für die Soldaten mehr darin läge und die Zusammenstellung mit dem nemo pro parte sinnlos wäre.“

Es giebt aber auch altcivile Rechte, welche wegen ihrer vergänglichen Natur Endtermine und Resolutivbedingungen ertragen, wie 3. B. Nießbrauch und Vormundschaft, während jedes Erbrecht gerade seinem allgemeinen Wesen nach einen Todesfall und einen Generationswechsel vorausseßt, über den sich nur die völlig subjective Willkür des Soldaten hinwegseßen darf.

Doch über diese und ähnliche Einzelheiten ließe sich vielleicht noch streiten.

Ihering's Einwürfe aber lassen ganz außer Acht, daß Puchta die realen Faktoren der Rechtsbildung, die historischen, politischen, öco. nomischen, ethischen Elemente, mit einem Worte die ganze lebenskräftige rechtsbildende Vergangenheit des römischen Rechts noch in einem zweiten Hauptwerke so ausführlich wie befriedigend dargestellt hat. Dieses Werk ist der „Cursus der Institutionen“, von welchem der Herausgeber soeben die siebente vermehrte Auflage besorgt hat.

Es sind also nur die Pandekten, in denen jene realen Faktoren hinter dem logischen Element zurü&treten.

Diese Behandlungsweise aber hat ihre volle Berechtigung. So lange das römische Recht im Rechtsunterricht durch einen Doppelcursus vertreten wird, müssen seine vergänglichen historischen Elemente naturgemäß den Institutionen und nur die bleibenden ratios nellen universalen den Pandekten zufallen. Dieje bleibenden Elemente aber was sind sie anders als jenes logische Gegenbild, welches überall wo eine Rechtswissenschaft entsteht, dem realen Wesen der Dinge gegenübertritt. Indem nun der Verfasser hiermit abschließt, verfährt er nicht anders wie die classischen Juristen, welche beispielsweise ihr Nemo pro parte testatus pro parte intestatus decedere potest nicht auf seine ethischen und politischen Gründe, sondern auf den logischen und sprachlichen Widerspruch zwischen testatus und intestatus zurückführen. .

Mit etwas mehr Schein von Recht könnte man dem Verfasser vorwerfen wollen, daß er auf jener Stufe der römischen Rechtsdialektik stehen bleibt, statt auf die mittelalterlichen und modernen Rechtsgedanken einzugehen, welche das römische Recht allmälig in das gemeine deutsche Recht umgestaltet haben. So könnte Jemand geltend machen, daß der Verfasser den Rechtsschuß der Tradition auf die iustae causae des römischen Rechts beschränkt (§. 148 e), daß er die unentwickelte römische Stellvertretung, welche in dem Sclavenwejen und dem Familienrecht ihren Ursprung, in der Verwerfung der Verträge zu Gunsten oder zu Lasten Dritter, so wie in der activen Correalobligation und der Delegation ihre Consequenzen hatte, als geltendes Recht behandelt (§. 273), daß er das mangelhafte römische Credit- und Vormundschaftswesen (§. 193. 331), die auf sittlicher Corruption beruhende Beschränkung des Gelddarlehens an Hausfinder (§. 306), das specifisch römische Notherbenrecht (s. 485) insonderheit die Enterbungsformen (§. 473 Note c, vgl. dagegen Vangerow §. 449, 1, Jhering, Geist des R. R. II. 2. S. 437 Note 614) als Bestandtheile unseres heutigen Rechts darstellt, so daß es den (Hermanisten überlassen bleibt, von dem ganzen ehemals sogenannten usus modernus pandectarum Besit zu ergreifen und denselben auf seine wahren Grundlagen zurüczuführen, wie denn dieses, und zwar nicht zum Schaden der Sache, beispielsweise in Beseler’s „System des deutschen Privatrechts“ bereits geschehen ist und bei der vorherrschen

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