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peln, im Theater, im Circus, in der Arena, in Concert - und Recitationssälen lernen wir das Publicum, seinen Geschmack, seine Eitelkeiten und Gelüste kennen. Auch hinter die Coulissen und in romantische Verhältnisse der Bühnen- und Arenahelden blicken wir. Leider auch in die grauenvollen nächtlichen Mysterien, die an Stätten der Wollust begangen werden, namentlich in die Orgien der bona dea, in die Abenteuer einer Messalina und ihrer Schülerinnen werden wir eingeweiht. Da ist ferner der Schwarm fremder Emporkömmlinge, die aus Syrien, Aegypten, besonders aus Griechenland als Sclaven eingewandert bald als Hausfreunde reicher Wüstlinge, als Parasiten, Cicisbei, Aerzte, Künstler, Erbschleicher, Delatoren durch unerschöpfliche Künste in den mannigfachsten Masken zu Ansehen und Reichthum gelangt sind und den eingeborenen Quirinussöhnen Luft und Leben verleiden. Die ausführlichen bittren Klagen des Ehrenmannes, der von Rom nach Cumä übersiedelt, lehren uns die Graeculi und die grosse Klasse der Glücksritter genau kennen, aber auch die Enttäuschungen, Demüthigungen und Entbehrungen des Redlichen, der die Künste der Schmeichelei und Heuchelei verschmäht. Die Alleinherrschaft des Geldes, das theure Leben in Rom, die Tyrannei und Unnatur des Luxus wird uns in lebhaften Farben geschildert. Wir begleiten den hungrigen Clienten auf seinen beschwerlichen Morgenvisiten, wohnen der Sportelvertheilung im Atrium des Grossen bei, zu der sich verschämte Almosenempfänger aus dem Adel neben behäbigen Krämern in buntem Haufen drängen. Wir theilen die Bedrängnisse des Literatenstandes, der Poeten, Historiker, Rhetoren, Grammatiker, auch der Advocaten; die Prätension der Dilettanten und die brutale Knickerei hoher Gönner wird scharf beleuchtet. Wir sitzen mit am Tisch des Reichen und beobachten, wie schnöde die dürftigen Gäste vom Herrn wie von der Dienerschaft behandelt werden. Der fade Junker, der ohne eigenes Verdienst auf seinen Stammbaum pocht, jagt sein Gespann an uns vorüber, wir finden ihn unter Stallknechten in der Kneipe, im Würfelspiel ungeheure Summen vergeudend, hören wie er Nachts auf der Gasse in Neronischem Stil wegelagernd harmlose Philister zur Rede stellt, und sehen ihn schliesslich als Gladiator in der eisernen Zucht der Fechterschule enden. Den Muckern, qui Curios simulant et Bacchanalia vivunt', wird die scheinheilige Maske ihres Stoicismus abgerissen, ein nur zu reiches Register von Criminalfällen wird uns aufgerollt.

Und nun die Geheimnisse der Ehe, des Familienlebens, des Hausstandes! Die Scenen hinter der Gardine, in der Wochenstube, im Toilettenzimmer, im Salon, die galante Privatcorrespondenz der Dame, geleitet und beschützt von der eigenen Mutter, die gelehrten und ritterlichen Passionen der Emancipirten, ihr Verkehr mit wahrsagenden Judenweibern, mit dem Isispriester, mit Chaldäern, die Misshandlungen der Dienerschaft und alle Gräuel tiefster Verworfenheit in furchtbar anschaulichen Zügen. Endlich die Studien über Hofleute und Senat, die wir im Vorzimmer und Staatsrath des Kaisers machen. Und damit auch die Lichtseite nicht ganz fehle, sehen wir in Gabii, Präneste und anderen kleinen Orten noch manches rührende Bild idyllischer Unschuld und genügsamen Glückes, und bei dem frugalen, aber gemüthlichen Mahle eines wackeren, ehrenfesten Römers von altem Schrot und Korn lassen wir am Megalesienfest uns wohl sein, während vom Circus her das Beifallsjauchzen über den Sieg der Grünen in das traute Gespräch hineinschallt").

Diese flüchtigen Züge mögen genügen, um an den reichen lebensvollen Inhalt der Juvenalischen Satire zu erinnern. Aber sie alle sind gesammelt ausschliesslich aus den 9 ersten und der 11ten: während diese eine wahrhaft strotzende Fülle anschaulicher Bilder liefern, die nur eine eingehende Schilderung Römischer Zustände zu erschöpfen vermag, geht der Leser bei dem Studium der 10ten, 12 ten, 13 ten, 14 ten und 15 ten (von der 16 ten wird später die Rede sein) in dieser Beziehung fast leer aus, man müsste denn gegenüber jenen ausgeführten Gemälden und Gestalten flüchtige und farblose Anspielungen auf Nero und Messalina, oder die nackten Namen eines vielbeschäftigten praefectus urbi, eines betrügerischen Advocaten, eines Arztes, Rhetors, Schulmeisters, eines schwitzenden Poeten, eines Citharöden, eines Schlemmers, Verschwenders, Geiz

1) Wie konnte 0. Müller Gr. Lit. G. I 230 A. sagen, dass » den Gemälden Juvenals der Hintergrund einer schönen und erhebenden Vorstellung von Rom, wie es sein sollte oder wie es in früheren Zeiten gewesen, fehlt «? Man denke an die Schaltenbeschwörung am Schluss der zweiten Satire, an das Lob der Zeit, da Hannibal vor den Thoren stand (VI 210=286 ff.), an den Adelspiegel in der achten, die in stolzer Erinnerung an die Vorzeit schwelgt, so vieler beiläufiger Vergleiche und Rückblicke nicht zu gedenken, die des Dichters schmerzliche Sehnsucht nach der entschwundenen Herrlichkeit ebenso sicher bezeugen. Und wie wäre überhaupt satirische Stimmung und Darstellung nur möglich für Einen, in dessen Seele das Gegenbild besserer Zeiten nicht lebendig wäre ?

halses, Haustyrannen, Ehebrechers, Erbschleichers, ferner eines dicken, eines buckligen, eines trunksüchtigen, eines liederlichen Frauenzimmers oder einer reichen und kinderlosen Matrone u. dgl. Statisten - Personal, das ohne jede individuelle Zeichnung beiläufig gleichsam registrirt wird, für concreten Stoff halten.

Der Verfasser jener ersten Hälfte schwingt als erklärter Nachfolger des Lucilius die blutige Geissel über seine Mitbürger, und wenn er sich auch bei so veränderten Zeiten aus Vorsicht bescheiden muss, nur bereits Verstorbene bei Namen zu nennen, so treffen doch seine Streiche stets solche Personen, die ihm und den Zeitgenossen in jüngster Erinnerung leben; und das Todtengericht, das seine 'indignatio' über dem frischen Grabe berüchtigter Persönlichkeiten abhält, dient der Gegenwart zum warnenden Spiegel. In den ersten Regierungsjahren Nero's geboren, ist er fast ein halbes Jahrhundert lang (mit einer kurzen Unterbrechung) stiller Beobachter der Römischen Zustände an Ort und Stelle geblieben, bis unter Trajans mildem Regiment ihm wie dem Tacitus die von Furcht und Entsetzen gelähmte Zunge endlich gelöst wurde und der lange gesammelte Stoff wie ein gestauter Strom brausend und schäumend aus seinem Innersten hervorquoll. Die Helden seiner Satire finden wir grösstentheils bei Tacitus, Sueton, dem jüngeren Plinius, Martial wieder, - ein Beweis, dass ihre Züge allen Zeitgenossen geläufig waren, und der Dichter wie Aristophanes sich mit Andeutungen begnügen durfte. Aber bei aller Kürze welche Meisterschaft in der Charakteristik z. B. der Geheimräthe Domitians, wie lebendig das Bild der kaiserlichen Buhlerin in der 6ten Satire, wie anschaulich in der ersten die Figuren eines Crispinus, eines Marius Priscus und so mancher anderer Repräsentanten ihrer Zeit!

Aber alle Erinnerung scheint ihm versiegt, der Pinsel vertrocknet zu sein in der zweiten Hälfte unserer Sammlung. Die wenigen Namen, die man auf Zeitgenossen beziehen mag, sind mit dürftigen Ausnahmen gänzlich unbekannt: nicht einmal der Scholiast weiss über sie etwas zu sagen. Den Schulmeister Hamillus (XI = X 224) kennt Martial VII 62, den Stadtpräfecten C. Rutilius Gallicus Valens (XIII 152 = 157) feiert Statius silv. I 4 mit einem pomphaften Genesungsglückwunsch. Der verachtete Declamator Vagellius (XIII 114

119 XVI 23) ist schwerlich identisch mit dem Verfasser eines 'inclitum carmen' bei Seneca natur. quaest. VI 2,9 oder gar der

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‘Actio’ in der Biographie des Terenz (vgl. Ritschl in Reifferscheid's Sueton p. 530 f.). Was sonst noch einigermassen bekannt ist, beschränkt sich auf Wiederholungen aus den früheren Stücken: Maura (XI = X 224) aus VI 231 = 307, Catulla (XI = X 322), die Martial VIII 53 in vier catullisirenden Zeilen abthut, aus II 49; der Arzt Archigenes, Zeitgenosse Juvenals, (XIII 93 = 98 XIV 252) aus VI 62=236; der Mimendichter Catullus (XIII 106=111, vgl. meine poett. Latt. comicorum rell. p. 309) aus VIII 160 = 186. Dahingestellt muss bleiben, ob die dicke Hispulla (XII 11) identisch ist mit der schwärmerischen Freundin der Tragöden VI 154 = 74; Basilus, der XI = X 222 als ein in grossem Massstabe betrügerischer Geschäftsfreund figurirt, erscheint VII 140-142 (145–147) als ein dürftiger, wenig anerkannter Anwalt, dem nur der Reichthum zur wahren Beredsamkeit fehlt. Wörtlich wiederholt aus I 24 (25) ist der Vers über den reich gewordenen Barbier Cinnamus (Martial VII 64) in der 11(10)ten Satire 226.

Ueber den Rest, etwa anderthalb Dutzend Namen (XI=X 178. 202. 211. 222. 238. 294. 319 XII 45. 99. 111. 113. 125 XIII 24 = 32. 120= 125 XIV 31 =18. 38= 25. 86. 195), schweigt die Geschichte, und liefert auch der Satiriker selten mehr als die trockene Angabe der Kategorie, in die Laster oder Stand des Einzelnen fällt. Fast alle könnten ohne besonderen Verlust für den Inhalt fehlen, denn sie sind oft was man nennt mit den Haaren herbeigezogen. In einer sehr ernsten Auseinandersetzung über die Katastrophe des Xerxes wird ein gewisser Sostratus als schwitzender Sänger des Perserfeldzuges angebracht (XI = X 178). Die Unzahl der Krankheiten des Alters wird mit siebenfachen Beispielen eben so unzähliger Ausschweifungen, Gewissenlosigkeiten, Reichthümer verglichen (XI = X 220 ff.); ein fetter Opferstier muss an die beleibte Hispulla erinnern (XII 11), ein grosser Mischkessel an die durstige Gattin des Fuscus (XII 45) u. s. w. Andere, bei denen die Darstellung verweilt, werden doch aus der Allgemeinheit ihres Typus nicht herausgehoben: so die kinderlose Gallitta und ihr Erbschleicher Pacuvius Ister (XII 99 ff.). Ein einziges Mal finden wir einen Anlauf zu einer Geschichte: ‘aedificator erat Cretonius' (XIV 86). Es gilt ein Beispiel für den Satz, dass die Sünden des Vaters sich forterben auf den Sohn. Aber wie salz- und inhaltslos fällt dieses 10 ganze Verse umfassende Geschichtchen aus! Cretonius baute viele präch

tige Villen aus kostbarem Marmor und verkleinerte damit sein Vermögen: den nicht unbeträchtlichen Rest hat sein Sohn vollends durchgebracht, indem er neue Villen von noch besserem Marmor aufrichtete. Haecine tu credas Venusina digna lucerna? Man vergleiche etwa aus der dritten Satire, was von Codrus (201=203 ff.) und Asturicus (210=212 ff.) erzählt wird, oder die Beispiele in der sechsten, wie das Abenteuer der Eppia (162 = 82 ff.), oder in der achten den Lebenslauf des Lateranus (120=146 ff.).

Eben so unergiebig ist jene zweite Hälfte für die Kenntniss gleichzeitiger Einrichtungen, Sitten, Zustände oder Vorfälle in Rom, wofür in der ersten fast jede Zeile so reichen Stoff bietet. Ausser dem Kapitel über Erbschleicher (XII 93 ff.), welches bereits früher (I 36=37 ff. III 218=220 ff. V 142= 137 ff.) nach verschiedenen Seiten behandelt ist, wird nur noch die pompa circensis XI (X) 35 ff., die mit leiserem Spott auch X 124 (XI 194) ff. berührt wird, und der schon von Claudius angelegte Hafen von Ostia anschaulich beschrieben (XII 75 ff.: vgl. Sueton Claud. 20). Sonst findet sich etwa noch ein kurzes Wort über das Costüm der Citharöden XI (X) 212, über die Banquiers' auf dem Forum XI (X) 24, die Deposita im Tempel des Castor und die meines Wissens anderweitig nicht bezeugte Beraubung des Marstempels XIV 260 f., die Spiele der Flora, der Ceres, der Cybele (XIV 262 f.). Alles Uebrige könnte geschrieben sein von einem Manne, der Rom nie gesehen und die Zeiten Domitians nicht erlebt hätte. Gründlicher ist Einiges aus naher Vergangenheit, was aus Büchern zu schöpfen war, verarbeitet. So ist der Sturz des Sejanus (XI = X 66 ff.) nach den besten Quellen (vgl. Cassius Dio LVIII 4–19), vielleicht nach Tacitus (am Schluss des fast ganz verloren gegangenen fünften Buches der Annalen) geschildert), desgleichen die berüchtigte Hochzeit der Mes

1) Unerklärt jedoch und wahrscheinlich durch Schuld des Verfassers unklar ist V. 82—88 das Zwiegespräch der beiden Senatoren, wie man doch wohl annehmen muss, nach dem Sturze Sejans:

‘perituros audio multos:
‘nil dubium, magna est fornacula, pallidulus mi
Brutidius meus ad Martis fuit obvius aram.'
‘quam timeo, victus ne poenas exigat Aiax
ut male defensus! curramus praecipites et,
dum iacet in ripa, calcemus Caesaris hostem.

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