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entweder entgegengesetzte zweier oder gleichartige beliebig

vieler Theile. 2) Es kann ein Theil nicht zur Hervorbringung eines selbstän

digen Effectes, sondern nur zur Schadloshaltung des anderen verpflichtet sein. Die Gegenforderung ist hier eine secundäre, aber nicht, wie der herrschende Sprachgebrauch sie nennt, eine zufällige. Treffend bezeichnet sie der römische Sprachgebrauch als contraria im Gegensatze zur directa actio. Wir setzen den primär gegenseitigen entgegen die secundär d. h. nicht um eines selbständigen Interesses, sondern nur um der Schadloshaltung des Verpflichteten willen gegenseitigen Obligationsverhältnisse.

In his contractibus alter alteri obligatur de eo, quod alterum alteri ex bono et aequo praestare oportet, cum alioquin in verborum obligationibus alius stipuletur alius promittat et in nominibus alius expensum ferendo obliget alius obligetur. Gai. III. 137.

II. Die Gleichheit der Leistungen, wie sie vorliegt bei gegenseitig geschuldeten Leistungen vertretbarer Sachen von gleicher Art und Güte, begründet die Möglichkeit, die beiderseitigen Verbindlichkeiten, soweit ihr Betrag sich deckt, zu compensiren d. h. mit der Wirkung der Tilgung gegen einander aufzurechnen.

Compensatio est debiti et crediti inter se contributio. — Ideo compensatio necessaria est, quia interest nostra potius non solvere quam solutum repetere. L. 1, 3 D. de comp. 16, 2.

Ein Recht auf Compensation bestand 1) ursprünglich nur im Falle der Einheit des Entstehungs

grundes. Indem hier jeder Theil nur unter der Voraussetzung zu leisten braucht, dass der andere zur Gegenleistung bereit ist, kann er bei gleichartigen Leistungen Compensation verlangen.

Habita ratione eius quod invicem actorem ex eadem causa praestare oportoret in reliquum eum, cum quo actum est, condemnare . . id bonae fidei iudicio conveniens videtur. Gai. IV. 61, 63.

Quod autem contrario iudicio consequi quisque potest, id etiam recto iudicio, quo cum eo agitur, potest salvum habere iure pensationis. L. 18 §. 4 D. comm. 13, 6. 2) Bei Verschiedenheit des Entstehungsgrundes wurde eine

Berücksichtigung der Gegenforderung zunächst nur verlangt vom argentarius, der in seinem Geschäftsverkehre nur den Ueberschuss seines Guthabens über den Betrag der eigenen

Verbindlichkeiten einfordern durfte (agere cum compensatione), sowie vom bonorum emtor, welchem die Geltendmachung der zur erkauften Concursmasse gehörigen Forderungen nur unter dem Vorbehalte gestattet war, dass der Betrag etwaiger Gegenforderungen in Abzug komme (agere cum deductione).

Argentarius . . cogitur cum compensatione agere.. adeo quidem ut ab initio compensatione facta minus intendat sibi dare oportere, ecce enim si sestertium X milia debeat Titio atque ei XX debeantur, sic intendit: si paret Titium sibi X. milia dare oportere amplius quam ipse Titio debet. Item bonorum emtor cum deductione agere iubetur, id est ut in hoc solum adversarius ei condemnetur, quod superest deducto eo, quod invicem ei bonorum emtor defraudatoris nomine debet. — Compensationis quidem ratio in intentione ponitur, quo fit, ut si facta compensatione plus nummo uno intendat argentarius, causa cadat et ob id rem perdat; deductio vero ad condemnationem ponitur, quo loco plus petenti periculum non intervenit, utique bonorum emtore agente, qui licet de

certa pecunia agat incerti tamen condemnationem concipit. Gai. 1V.64 sqq. 3) Erst Marc Aurel bestimmte allgemein: wenn der belangte

Schuldner vor der litis contestatio die exceptio doli in der Richtung vorbringe, dass er auf eine Gegenforderung sich berufe, so solle die Klage als Geltendmachung einer Mehrforderung von dem begehrten Betrage behandelt werden.

Et in strictis iudiciis ex rescripto divi Marci opposita doli mali exceptione compensatio inducebatur. §. 30 J. de act. 4, 6. 4) Schliesslich hat Justinian die Nothwendigkeit aufgehoben,

vor der litis contestatio sich auf die Gegenforderung zu berufen, falls nicht ihre nachträgliche Geltendmachung die Sache ungebührlich in die Länge ziehe. Dadurch wurde das Compensationsrecht auch auf die aus der Geltendmachung dinglicher Rechte sich ergebenden Ersatzforderungen anwendbar.

Compensationes ex omnibus actionibus ipso iure fieri sancimus, nulla differentia in rem vel personalibus actionibus inter se observanda. Ita tamen compensationes obici iubemus, si causa, ex qua compensatur, liquida sit, et non multis ambagibus innodata. L. 14 C. ht. 4, 31.

B. Die mehrfache Obligirung.
1. Die solidarische Obligation.

$. 63. Das Verhältniss der Solidarität besteht zwischen mehreren Obligationen, von denen jede selbständig für sich existirt, deren Gegenstand aber identisch ist. Kraft dieser Identität der geschuldeten Leistung erlöschen durch ihre einmalige Vollziehung und jeden ihr rechtlich gleichstehenden Vorgang sämmtliche auf sie gerichtete Obligationen. Theils ist es der subjective Wille, welcher eine und dieselbe Leistung zum Gegenstande mehrfacher Obligation macht, theils treffen aus objectiven Gründen mehrere Obligationen in idem zusammen.

I. Geht der auf Hervorbringung einer Leistung gerichtete Wille dahin, dass dieselbe zwar mehreren oder von mehreren, aber doch nur einmal geschuldet sein soll, so entsteht das Verhältniss der plures rei oder correi credendi s. stipulandi und debendis. promittendi, der activen und passiven Correalobligation. Die geschuldete eine Leistung kann hier jeder der mehreren Gläubiger fordern, aber nur soweit ihm nicht ein Mitgläubiger zuvorkommt, sie kann von jedem der mehreren Schuldner gefordert werden, aber nur soweit sie nicht schon von einem Mitschuldner gefordert ist. Die Obligationen der Mitgläubiger und Mitschuldner erlöschen daher nicht erst, wenn und soweit die Leistung vollzogen, sondern schon wenn und soweit sie definitiv d. h. durch Processerhebung seitens eines Gläubigers oder von einem Schuldner gefordert ist.

Cum duo eandem pecuniam aut promiserint aut stipulati sint, ipso iure et singulis in solidum debetur et singuli debent, ideoque petitione, accepti latione unius tota solvitur obligatio. - Et partes autem a singulis peti posse nequaquam dubium est. L. 2, 3 §. 1 D. ht. 45, 2.

II. Auf eine und dieselbe Leistung gehen mehrere coexistirende Obligationen wegen der Einheit theils ihrer Abstammung theils ihres Endzieles.

A. Treten an die Stelle des Gläubigers oder Schuldners z. B. durch Erbfolge mehrere, so treten an die Stelle der ursprünglichen Obligation mehrere durchaus für sich bestehende je auf einen Theil der ursprünglich geschuldeten Leistung gehende Ob

ligationen. Ist aber die Leistung untheilbar, so geht jede Obligation aufs Ganze und besteht zwischen mehreren Schuldnern das Verhältniss der solidarischen Verpflichtung; dem einzelnen Gläubiger braucht der vor weiterer Belangung nicht sichere: Schuldner nur gegen Sicherstellung zu leisten.

Si divisionem res promissa non recipit veluti via, heredes promissoris singuli in solidum tenentur. - Ex quo quidem accidere Pomponius ait, ut et stipulatoris viae vel itineris heredes singuli in solidum habeant actionem. L. 2 §. 2 D. de v. 0. 45, 1.

B. Ist das Endziel mehrerer Obligationen die Herstellung eines und desselben Effectes, z. B. die Ausgleichung eines und desselben Schadens, so fallen sie sämmtlich in soweit weg als jener Effect hergestellt ist. Indem das Ziel der Obligation seine individuelle Bestimmtheit durch die Person des Berechtigten erhält, ist das in der Einheit des Endziels begründete Verhältniss der Solidarität undenkbar zwischen Forderungen verschiedener Gläubiger; nur kraft willkürlicher Bestimmung, also durch Begründung einer Correalobligation, kann durch Befriedigung des einen Gläubigers die Forderung eines anderen erlöschen.

Si plures in eodem coenaculo habitent, unde deiectum est, in quemvis haec actio dabitur, et quidem in solidum. -- Sed si cum uno fuerit actum, ceteri liberabuntur - perceptione non litis contestatione. L. 1 g. 10, L. 3, 4. D. de h. q. eff. 9, 3.

Si apud duos sit deposita res, adversus unumquemque eorum agi poterit, nec liberabitur alter, si cum altero agatur; non enim electione, sed solutione liberantur. Proinde si ambo dolo fecerunt, et alter, quod interest, praestiterit, alter non convenietur exemplo duorum tutorum. Quodsi alter vel nihil vel minus facere possit, ad alium pervenietur. Idemque et si alter dolo non fecerit, et idcirco sit absolutus, nam ad alium pervenietur. Sed si duo deposuerint et ambo agant, si quidem sic deposuerunt, ut vel unus tollat totum, poterit in solidum agere; sin vero pro parte, pro qua eorum interest, tunc dicendum est, in partem condemnationem faciendam. L. 1 §. 43, 44 D. depos. 16, 3.

2. Die accessorische Obligation.

§. 64. Während durch Privatwillen accessorische Berechtigungen sowol als Verpflichtungen Dritter begründet werden können, sind von Rechtswegen accessorische Verpflichtungen begründet in der Stellung des Hausherrn.

I. Vertragsmässige Begründung accessorischer Obligationen durch Stipulation ist die adstipulatio und adpromissio.

A. Adstipulator oder Nebengläubiger ist der nicht um seiner selbst, sondern um des anderen willen mitberechtigte. Indem die Forderung zwar ihm für seine Person zustehen, aber keine Vermehrung seines Vermögens bewirken soll, hat er 1) das kraft der Forderung Erlangte an den Hauptgläubiger

herauszugeben. 2) Die Forderung aus der adstipulatio geht weder auf den

Erben über noch wird sie dem Gewalthaber des adstipulator erworben, so dass die adstipulatio des servus keine, die des filius familias nur für den Fall seiner Befreiung von der Gewalt ohne capitis diminutio eine Forderung begründet.

Possumus tamen ad id, quod stipulamur, alium adhibere, qui idem stipulatur, quem vulgo adstipulatorem vocamus. Sed huic proinde actio competit proindeque ei recte solvitur ac nobis, sed quidquid consecutus erit, inandati iudicio nobis restituere cogetur. Adstipulatoris heres non habet actionem, item servus adstipulando nihil agit. - Is autem, qui in potestate patris est, agit aliquid, sed parenti non adquirit . . ac ne ipsi quidem aliter actio competit quam si sine capitis diminutione exierit de potestate parentis. Gai. III. 110 sqq.

B. Adpromissio oder Verbürgung ist Uebernahme einer Verpflichtung neben dem Hauptschuldner im Interesse seines durch die grössere Sicherung des Gläubigers erhöhten Credits. Die adpromissio hat die dreifache Gestalt der sponsio, fide promissio und fide jussio. 1) Die sponsio und fidepromissio ist dem principalen Verpflich

tungsacte, welcher daher nothwendig stipulatio ist, schlecht-
hin gleichartig; ihre Entstehung ist nicht durch die recht-
liche Wirksamkeit des principalen Verpflichtungsactes bedingt.
Die Bürgschaftsschuld ist aber hier eine beschränkte
a) in Ansehung der Dauer, indem sie durch Tod des

Bürgen, sowie nach der lex Furia durch Ablauf zweier

Jahre erlischt b) in Ansehung des Umfanges, indem nach derselben lex

Furia von mehreren Bürgen der einzelne nur pro parte haftet. Mehrzahlung gewährte schon vorher das Recht des Rückgriffs gegen die Mitbürgen nach einer lex Apuleia, welche ausserhalb Italiens, des Geltungs

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