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Dr. Georg Frhr. von Hertling,
ord. Professor an der Universität München, Mitglied des Reichstags.

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MAY 12 1921 Geehrter Herr Kollege!

Mein offener Brief kommt etwas spät. Aber zu der Zeit, da Ihre Festrede vom 8. August d. J. ein vorübergehendes Aufsehen erregte, war ich auf dem Lande und auf die Mitteilungen der wenigen Tagesblätter angewiesen, die mir dort zu Gebote standen. Ich gewann aus denselben – verzeihen Sie meine Offenheit – nicht den Eindruck, als ob mir noch einmal die Verpflichtung erwachsen könne, mich eingehender mit Ihren Ausführungen zu beschäftigen. Ich teilte mit anderen die Verwunderung darüber, dass Sie — wie es schien — die Feier des hundertundfünfzigjährigen Bestehens Ihrer Georgia - Augusta dazu benützt hatten, eine Rede zu halten, die sich wie ein etwas verspäteter Nachklang aus der Wahlaufregung im Anfang dieses Jahres ausnahm, aber eben darum glaubte ich ihr das Schicksal aller ähnlichen Erzeugnisse prognostizieren zu dürfen: längst vor Beginn einer neuen Wahlkampagne vergessen zu sein. Wenn man aber weiterhin erfuhr, Sie hätten den Fürsten der Scholastik, den angesehensten, noch heute mit der grössten Auktorität umgebenen Theologen der katholischen Kirche, den hl. Thomas v. Aquin, als intellektuellen Urheber der Sozialdemokratie hingestellt, so konnte ich nicht glauben, dass eine so — wiederum muss ich um Verzeihung wegen meines Freimuts bitten – ungeheuerliche Behauptung irgendwo Eindruck machen werde. Und so kam es denn, dass mir am Ende meines Ferienaufenthaltes Ihre Festrede völlig aus dem Gedächtnisse geschwunden war.

Hierher zurückgekehrt, erhielt ich jedoch in dem Briefe eines Freundes, der weit aufmerksamer als ich den Zeitereignissen zu folgen pflegt, und auf dessen Urteil ich überhaupt gewohnt bin, grosses Gewicht zu legen, die nachdrückliche Aufforderung, den

Ausführungen Ihrer Festrede vor der Öffentlichkeit entgegenzutreten. Warum diese Aufforderung gerade an mich gerichtet wurde? Ich führe gerne die Gründe an, die, wie ich vermute, meinen Freund hierzu bestimmten. Sie mögen dazu dienen, die Legitimation meines Auftreten Ihnen gegenüber darzuthun. Hatte ich doch bisher nicht den Vorzug, persönlich von Ihnen gekannt zu sein. Ob Ihnen meine Existenz bekannt war, weiss ich nicht. So bitte ich um die Erlaubnis, einige Personalia in aller Kürze voranschicken zu dürfen.

Seit bald fünfundzwanzig Jahren also beschäftige ich mich nächst der aristotelischen mit der mittelalterlichen Philosophie. Speziell über die Stellung des h. Thomas zu den Problemen der philosophischen Rechts-, Staats- und Gesellschaftslehre habe ich - so will es mich wenigstens bedünken — ziemlich eingehende Studien gemacht. Daneben aber hat mich der preussische Kulturkampf in den Reichstag geführt, wo ich mich der Centrumsfraktion angeschlossen habe. Offenbar nun war es in den Augen meines Freundes meine Bekanntschaft mit der Scholastik, was mich berechtigte, und meine Zugehörigkeit zur Centrumsfraktion, was mich verpflichtete, die Beantwortung Ihrer Rede zu übernehmen.

Seit wenigen Tagen ist ein vollständiger, aus der Dieterichschen Universitäts-Buchdruckerei in Göttingen hervorgegangener Abdruck in meinen Händen. Die Einsichtnahme desselben nötigt mich, mit einer Abbitte zu beginnen. Ich habe Ihnen Unrecht gethan, geehrter Herr Kollege, Ihre Festrede für eine post festum gesprochene Wahlrede zu halten. Sie ist durchaus nicht die eines politischen Agitators, sondern ganz und gar die eines Professors, ein Franzose würde vollständiger sagen: eines deutschen Professors. Eine Erscheinung des öffentlichen Lebens, die allen Lesern offiziöser Blätter wohlbekannte „Koalition der Klerikalen, der spezifisch Liberalen und der Sozialdemokraten«, reizte ihren Forschungstrieb. Und während den einen diese Erscheinung »schwer verständlich« vorkommen muss, »wenn es wahr ist, was man von römischer Seite her hört, dass der Liberalismus und die Sozialdemokratie die entfernteren, aber die richtigen Folgen der Reformation Luthers seien«, die andern aber „das Zusammenwirken der drei Parteien für zufällig halten, sofern ihre Einigkeit nur in der Verneinung gewisser Aufgaben erschiene, welche von den

Leitern des Staates aufrecht erhalten und deren Lösung von ihnen als notwendig geachtet wird«, drang Ihr Blick weiter in die Tiefe. »Geschichtliche Forschung« liess Sie eine Entdeckung machen, die das geschichtliche Verständnis jener Parteikombination erschliesst. Sie glauben imstande zu sein, dieselbe theoretisch zu konstruieren und auf eine wissenschaftliche Formel zu bringen. Niemand wird Sie darüber schelten, dass Sie die Gelegenheit benützten, da Sie als Prorektor und Festredner der Universität Göttingen zu sprechen berufen waren, um Ihre Entdeckung in nachdruckvollster Weise an die Öffentlichkeit zu bringen. Mehr noch, man wird es begreiflich finden, dass vor dem Werte, den Sie Ihrer Entdeckung beimassen, alles andere, was bei solchem Anlasse zu sagen war oder gesagt werden konnte, in den Hintergrund trat. So wenigstens erkläre ich mir, dass der Rückblick auf die Ereignisse der letzten fünfzig Jahre, den Sie auf S. 4 in Aussicht stellen, einigermassen dürftig ausgefallen ist.

Dass Sie von der Vertreibung der berühmten Göttinger Sieben reden mussten, verstand sich von selbst, auch hier aber finde ich Sie zurückhaltend in der Erzählung des Thatsächlichen. Ziemlich eingehend untersuchen Sie dagegen den Kern der damaligen Verwicklung. Sie finden diesen Kern in der doppelseitigen Stellung der Universitätsprofessoren, welche einerseits Mitglieder einer selbständigen Korporation, andrerseits staatliche Beamte sind. Das bringt Sie sodann auf die rege Beteiligung der Professoren am politischen Leben im vierten und fünften Jahrzehnt unsres Jahrhunderts und damit auch auf das Parlament in der Paulskirche. Sie erwähnen des Spottes, welcher die politischen Professoren jener Zeit getroffen habe, erinnern an Dahlmanns Wort von der »gebieterischen That«, die, »woher auch immer kommend«, allem Reden und Raten vorangehen müsse, und gewinnen damit den Faden Ihres geschichtlichen Rückblickes wieder, denn »zu den Veränderungen, welche die von Dahlmann geforderte gebieterische That bewirkt hat, gehört auch, dass die Universität Göttingen die Landesherrschaft gewechselt hat« (S. 7). Das ist kurz und bündig!

Nun folgt das begründete Lob der preussischen Regierung für das der Universität bewiesene wirksame Wohlwollen, hierauf ein kurzes Memento der seit der letzten Universitätsfeier dahingeschiedenen Kollegen. Auf S. 9 streifen sie im Fluge Fragen,

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