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Die Österreichische projektirte Expedition nach dem Nil-Quellgebiet.

Aus Wien ist uns vom 5. Februar folgendes Schreiben zugegangen: „Es ist in Ihrer Zeitschrift so vielfach von dieser beabsichtigten Expedition die Rede gewesen und Sie selbst haben dieselbe in so wohlwollender Weise zu befürworten und zu unterstützen gesucht, dass es mir eine wahre Pflicht erscheint, Ihnen von dem dermaligen Stand des Unternehmens genauen Bericht zu erstatten. „Nachdem Miani auf seiner ersten Nil-Reise manche schätzbare Resultate erzielt, eine Anzahl werthvoller ethnographischer Objekte aus den bereisten Ländern mitgebracht und seiner Vaterstadt Venedig zum Geschenk gemacht hatte, glaubte der Staats-Minister v. Schmerling eine Subvention für eine zweite Reise Miani's bei Sr. Maj. dem Kaiser befürworten zu sollen. Der Kaiser gab seine Zustimmung. Miani sollte, sobald das Unternehmen durch anderweitige Beiträge, namentlich von Seite der Regierung des Vice-Königs von Ägypten, gesichert war und wirklich begann, vom Kaiserl. Staats-Ministerium eine Beisteuer von 6000 Gulden so wie eine bestimmte Anzahl von Waffen, Munition und Fussbekleidung für die Eskorte ausgefolgt erhalten; zugleich sollten ihn zwei tüchtige, reisebewanderte, wissenschaftlich gebildete Offiziere, der FregattenKapitän Millossich und der Hauptmann Boleslawski vom Ingenieur-Geographen-Corps, begleiten, um hauptsächlich die Leitung sämmtlicher mathematischen und geodätischen Arbeiten zu übernehmen. Vorerst musste aber noch die Genehmigung der Geldmittel vom Reichsrath eingeholt werden. Zur grossen Überraschung aller an der Sache direkt oder indirekt Betheiligten verweigerte das Abgeordnetenhaus die vom Staats-Minister für Miani verlangte Geld-Subvention, und zwar motivirte der Berichterstatter diese Ablehnung unter anderen Gründen auch damit, „dass eine in hoher Achtung stehende und speziell dem Zwecke geographischen Wissens sich widmende Korporation, nämlich die in Wien bestehende Geographische Gesellschaft, welche in dieser Frage als Autorität angesehen werden kann, sich mit aller Entschiedenheit gegen jede Begünstigung dieses Gelehrten ausgesprochen habe". „Da in keiner öffentlichen Sitzung der Geographischen Gesellschaft der Miani-Expedition auch nur mit Einem

Worte Erwähnung geschah, so brachte Dr. Scherzer in der Petermann's Geogr. Mittheilungen. 1864, Heft III.

ersten diessjährigen öffentlichen Sitzung der Gesellschaft diese Angelegenheit zur Sprache, indem er sein Erstaunen darüber äusserte, dass in den stenographischen SitzungsProtokollen des Abgeordnetenhauses von einem Beschluss der Geographischen Gesellschaft die Rede ist, von welchem wohl die meisten Mitglieder heute zum ersten Male hören, indem, wenigstens in einer allgemeinen Sitzung, niemals darüber verhandelt wurde. Die Mehrzahl der Anwesenden glaubte auch, das Ganze beruhe nur auf einem Irrthum der Deputirten, und meinte, man sollte hierüber in einem öffentlichen Blatte eine Berichtigung veröffentlichen in dem Sinne, dass ein solcher Beschluss von der Gesellschaft als Korporation in öffentlicher Sitzung niemals gefasst worden sei. Dr. Scherzer entwickelte nun die hohe Wichtigkeit, welche speziell für Österreich eine Durchforschung des Nil-Quellen-Gebiets besitze, wie eine mit Kaiserlicher Unterstützung entsendete Expedition nicht nur in wissenschaftlicher, sondern auch in politischer und kommerzieller Beziehung von namhaften Vortheilen für den Kaiserstaat begleitet sein müsste und wie eine Vereinigung von drei Österreichern wie Miani, Millossich und Boleslawski zu den schönsten Erwartungen und Erfolgen berechtige. Nachdem Dr. Scherzer mehrere Bedenken, die man von gewisser Seite gegen die Miani-Expedition geltend machte, durch Anführung von Thatsachen zu widerlegen versucht und der Versammlung empfohlen hatte, das bekannte Französische Sprüchwort „les absents ont tort" wenigstens in Deutschland zu Schanden zu machen, stellte er schliesslich den Antrag, „Miani und seine beiden Gefährten in der Durchführung ihrer Unternehmung auf das Kräftigste zu unterstützen und zu diesem Zwecke an den Staats-Minister im Namen der Geographischen Gesellschaft eine Denkschrift zu richten, in welcher die Entdeckung der NilQuellen noch immer für ein ungelöstes Räthsel erklärt und die Betheiligung Österreichs an einer Expedition zur Untersuchung und gründlichen Durchforschung des NilQuellen-Gebiets in wissenschaftlicher, politischer und kommerzieller Hinsicht als überaus wünschenswerth bezeichnet Wird". „Nach den Statuten der Gesellschaft musste dieser Antrag vorerst in einer Ausschuss-Sitzung zur Berathung

kommen. In der nächsten öffentlichen Sitzung berichtete 11

der Sekretär, dass der Ausschuss Dr. Scherzer's Antrag abgelehnt habe und zwar aus dem Grunde, „weil, zum grossen Erstaunen der ganzen Versammlung, der Ausschuss in der That in einer seiner Sitzungen das erwähnte Votum gegen Miani im Namen der ganzen Gesellschaft abgegeben habe, sich jedoch nicht für verpflichtet glaubte, den Gegenstand in der öffentlichen Sitzung weiter zur Sprache zu bringen"!!

„Dadurch ist die Miani-Expedition für dieses Jahr wenigstens zu Grabe getragen, es wäre denn, wie gerüchtweise verlautete, dass Se. Maj. der Kaiser in seiner Eigenschaft als oberster Schutzherr nicht bloss der Land- und See-, sondern auch der geistigen Macht sich bewogen fühlen würde, eine Subvention aus seiner Privatkasse zu bewilligen. Jedoch könnte die Expedition aus physischen Ursachen keinesfalls vor nächstem Herbst die Reise nach dem oberen Nil-Gebiet antreten und bis dahin wäre es wohl möglich, dass auch von Seite des Abgeordnetenhauses die verlangte Unterstützung bewilligt würde. Aus diesem Grunde haben wir hauptsächlich die ganze Angelegenheit hier nochmals und ausführlich zur Sprache gebracht. Die NilQuellen sind noch nicht entdeckt; was dem kräftigen, kühnen, polyglotten, gegen die klimatischen Einflüsse durch vieljährigen Aufenthalt im Sudan gestählten Miani vielleicht an streng wissenschaftlicher Bildung abgeht, das ersetzen seine beiden bewährten Reisegenossen; die Subvention von 6000 Gulden, welche die Regierung leistet, ist eben nur ein Beitrag, welcher erst ausbezahlt wird, wenn die ausserdem benöthigten Summen anderweitig gedeckt sind – welchen berechtigten Einwand kann nach dieser Auseinandersetzung der Ausschuss der Geographischen Gesellschaft noch gegen die Miani-Expedition erheben?"

So weit das Schreiben aus Wien, das von zuverlässigster Seite kommt. Wir stehen den Wiener Verhältnissen zu fern, um eine klare Einsicht in diese Angelegenheit zu haben, können aber in der That nicht begreifen, warum Miani's Projekt und der Wunsch des Kaiserl. Ministeriums, dasselbe zu fördern, gerade in geographischen Kreisen solchen Widerstand findet. Es ist zu bedauern, dass der Ausschuss der Geogr. Gesellschaft, welche in dieser Frage vorzugsweise zu entscheidendem Urtheil berufen war, dem Unternehmen hemmend und feindlich entgegentrat, anstatt für dasselbe zu wirken.

Wir sind über Miani's Persönlichkeit ziemlich genau unterrichtet und haben Gelegenheit gehabt, die Urtheile vieler Nil-Reisenden über ihn zu hören; er ist sicherlich kein wissenschaftlich gebildeter Mann im strengeren Sinne, aber einstimmig werden ihm unbeugsamer Muth und grosse Energie zugeschrieben. Er hat sich ausserdem vollständig in den Nil-Ländern eingelebt, hat bedeutende Erfahrung,

ist von Norden her weiter als irgend ein Anderer am Weissen Nil vorgedrungen (vielleicht den Sklavenhändler Debono ausgenommen) und könnte demnach als Führer einer Expedition, welche den Zweck hat, diesen Fluss aufwärts bis zum Nyansa zu verfolgen, unschätzbare Dienste leisten, während seine Begleiter, Hauptmann Boleslawski, der sich schon der D'Escayrac'schen Expedition angeschlossen hatte und seither beim Wiener Militär-Geographischen Institut beschäftigt war, so wie Fregatten-Kapitän Millossich von der Österreichischen Kriegsmarine, beides Männer von umfassenden Kenntnissen und grosser Entschlossenheit, die Positions-Bestimmungen, Routenaufnahmen und sonstigen wissenschaftlichen Beobachtungen übernehmen würden. Unserer Ansicht nach könnte man die Sache keinen besseren Händen anvertrauen, zumal es sehr an gebildeten Männern mangelt, welche den Weissen Nil kennen, ohne Sklavenhändler zu sein, und aus geographischem Interesse zu einer solchen Reise bereit wären. Dr. Beke meinte jüngst, als er von seiner Absicht sprach, über Zanzibar, also von Süden her nach dem Nyansa zu gehen, die Forschungen von Norden her könne man getrost der Tinne'schen Expedition mit Th. v. Heuglin, so wie Baker und Miani überlassen, die erstere ist aber bekanntlich im Gebiete des Bahr el Ghasal gewesen und soll, nach indirekten, zur Zeit noch ungewissen Nachrichten, vor einigen Monaten nach Chartum zurückgekehrt sein und Baker hat seinen Plan, von Gondokoro südlich zu gehen, wegen der Meuterei seiner Leute aufgeben müssen und sich östlich nach dem Sobat gewendet. Es bleibt also immer wieder nur Miani übrig. Ob er glücklicher sein würde als seine Vorgänger Peney, Harnier, Baker u. s. w., lässt sich natürlich nicht voraussagen, aber dass er ganz der Mann dazu ist, scheint uns unzweifelhaft. Noch kürzlich schrieb uns der Botaniker Dr. Schweinfurth, der eine grosse Reise in die Nil-Länder angetreten hat, aus Kairo: „Ich habe hier Miani kennen gelernt. Er ist hier eine allgemein bekannte und beliebte Persönlichkeit und würde, wenn die Initiative von Europa ergriffen würde, bei der hiesigen Regierung alle mögliche Unterstützung finden. Einen geeigneteren Mann zur Führung der Expedition kann man sich nicht denken. Niemand vereinigt, wie er, Erfahrung und Tüchtigkeit des Charakters mit Muth, Entschlossenheit und körperlicher Befähigung. Ich habe Einsicht in seine Karten gehabt, die er gegenwärtig publicirt, und muss gestehen, dass bei seiner Auffassung der Nil-Quellen die Richtigkeit in so schlagender Weise auf seiner Seite ist, dass diese Broschüre gewiss nicht verfehlen wird, einen gewaltigen Eindruck in Europa hervorzurufen und alle Welt für sein Unternehmen zu interessiren. Man hat Miani wissenschaftliche Befähigung abgestritten, aber ist Livingstone durch seine grossen Erfolge etwa zu dem Rufe hoher Gelehrsamkeit gelangt? Falls das Unternehmen Miani's bis zum nächsten Sommer in Gang gesetzt werden könnte, würde ich mich gern an demselben betheiligen und den vierten Theil der von Miani veranschlagten Kosten tragen, da das zu bereisende Gebiet für meine Zwecke von grossem Interesse ist und ich volles Vertrauen in die Befähigung dieses Mannes zur technischen Leitung der Reise hege." Es handelte sich in Wien nur um die verhältnissmässig geringe Summe von 6000 fl., 100 Gewehre und entsprechende Munition, die Hauptsache war, dass überhaupt eine Unterstützung von Seite der Österreichischen Regierung erfolgte und die Initiative von dort ausging, denn für diesen Fall war Miani bereits die grossmüthigste Unterstützung der Ägyptischen Regierung durch das Österreichische GeneralKonsulat in Kairo zugesichert worden. Die Verantwortlichkeit, welche der Ausschuss der Wiener Geogr. Gesellschaft durch Befürwortung der Sache übernommen hätte, wäre demnach keine sehr grosse gewesen. Was Miani's bisherige Angriffe gegen Speke anlangt, so halten wir sie zum grossen Theil für unbegründet und hauptsächlich aus dem Irrthum hervorgegangen, dass der südliche Endpunkt seiner Reise von 1860 unter 2“ N. Br. liege, während er unter 3“ 34' N. Br. liegt, wie diess durch Speke's Itinerar und Positions-Bestimmungen ganz klar bewiesen ist, mag nun Speke den mit Miani's Namenseinschnitt gezeichneten Baum wirklich gefunden oder einen anderen dafür angesehen haben. Die Hypothese, welche Miani in seinem offenen Briefe an den Herausgeber dieser Zeitschrift (in dem zu Alexandria erscheinenden Journal „Il Commercio" vom 8. November 1863) wiederholt, dass nämlich der Weisse Fluss östlich vom Nyansa vom Kilimandscharo und Kenia komme und der dem Nyansa entströmende Fluss der zum Systeme des Bahr el Ghasal gehörige Jeji sei, bleibt so lange unhaltbar, als nicht nachgewiesen ist, dass Speke den Weissen Fluss zwischen den Karuma-Fällen und Gondokoro überschritten hat. Eben so beweist der Umstand, dass sich auf Speke's Karte die von Miani erkundeten Namen nicht finden, gar Nichts, da bekanntlich jeder kleine Volksstamm seinen eigenen Namen für die Flüsse und Länder seiner Umgebung hat. Wir halten an Speke's Darstellung von dem Ursprung des Flusses von Gondokoro aus dem Nyansa oder Ukerewe-See, also an dem Hauptresultat der Speke'schen Reise um so mehr fest, als wir nicht im Stande waren, unter den zahlreichen, von so vielen Seiten dagegen erhobenen Einwänden einen wirklich stichhaltigen zu finden. Dagegen ist eine Fortsetzung des von Speke Begonnenen unbedingt nothwendig, wenn wir über das caput Nili ganz ins Klare

kommen sollen, denn abgesehen davon, dass der Nyansa selbst erst sehr mangelhaft bekannt, dass der Theil des Weissen Flusses zwischen den Karuma-Fällen und der Einmündung des Asua-Flusses erst noch zu erforschen ist, dass die Zuflüsse des Nyansa und dessen hydrographische Beziehungen zu den Schneebergen noch im Dunkeln liegen, so sind durch Spekes Erkundigungen wieder eine Reihe von Problemen hinzugekommen, wie der abenteuerlich aussehende Luta Nzige-See und sein Zusammenhang mit dem Weissen Fluss, der Baringo-See und seine Beziehungen zum Asua, zum Nyansa und Kenia, die mehrfachen Ausflüsse des Nyansa, auch die von Speke keineswegs genügend aufgeklärten ethnographischen und historischen Verhältnisse der Länder am Nyansa u. s. w. Es bietet sich also dort noch ein weites Feld der Forschung und man darf nicht erwarten, dass eine einzige Expedition das Alles bewältigen wird, vielmehr wird es noch mancher Anstrengung, manchen Opfers bedürfen. Man sollte also das Anerbieten eines geeigneten Mannes wie Miani, sein Leben an die Aufgabe zu setzen, freudig begrüssen und nach Kräften unterstützen, wenn man das wahre, innige Interesse für den Fortschritt unserer Wissenschaft hat. Nachschrift. – Das Vorgehende war bereits abgedruckt, als wir das Vergnügen hatten, den Fregatten-Kapitän Millossich, der seine Dienste bei der projektirten Expedition offerirt, persönlich kennen zu lernen. Die günstige Ansicht, die wir bisher über das Projekt hatten, ist dadurch noch erhöht worden; denn Kapitän Millossich vereinigt in seiner Person allein alle Bedingungen, die zur Erreichung eines so hohen Zieles erforderlich sein dürften. Ein achtjähriger Aufenthalt in den verschiedensten Theilen des Orients, eine gestählte Natur, ein geübtes, allen Vorkommnissen entsprechendes Auge und ein resoluter praktischer Wille, wie solche Eigenschaften eben hauptsächlich erfahrenen und kenntnissreichen See-Offizieren eigen sind, befähigen ihn im hohen Grade zur Theilnahme an dieser Expedition und zur Lösung der gesteckten Aufgabe. Er erscheint uns in der That aus demselben Stoff gemacht wie ein Kapitän Speke und andere erfolgreiche Entdeckungs-Reisende. Man braucht durchaus nicht mit Miani's Persönlichkeit und ganz mit seinen Ansichten einverstanden zu sein, um sein Projekt dennoch gutzuheissen und fördern zu helfen, und wir können uns nicht denken, dass in diesem so wichtigen und vielversprechenden Unternehmen, welches in Österreich schon so viel thatkräftige Theilnahme erweckt hat, einem paar vereinzelten Stimmen zu Liebe, die dasselbe wohl nur aus persönlichen die Sache nichts angehenden Gründen und aus Mangel an Interesse für den Gegenstand selbst – nicht günstig ansahen, das Ganze vereitelt werden sollte.

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Mittheilungen über die Katastral-Vermessung Trans-Kaukasiens nach ihren juridischen Prinzipien und technischen Ausführung dargestellt vom wirkl. Staatsrath J. P. Staritzkij,

Chef der Trans-Kaukasischen Messkammer und Mitglied des Rathes des Grossfürsten-Statthalters von Kaukasien ).

Wenn gleich in Frankreich Napoleon I. – im Gegensatze zu allen anderen Ländern Europa's, wo der später eingeführte Kataster nur fiskalischen Zwecken zu möglichst genauer Abschätzung der Steuerfähigkeit des Grundes und Bodens diente – vom angeordneten Kataster seines Reiches verlangte, „qu'il peut et doit méme nécessairement servir de titre en justice pour prouver la propriété, et qu'il soit le grand-livre terrier de la France"?), so sprachen die Französischen Gerichtshöfe den vom Kataster aufgestellten Bestimmungen bei vorkommenden Streitfällen die Rechtskraft ab. Dieser Mangel der Französischen KatastralOrdnung, die bei Fixirung des Eigenthums den Aussprüchen eigener Kommunal-Beamten, indicateurs, folgte, existirt in der Russischen Gesetzgebung nicht. Hier sind es die Eigenthümer selbst, die im festgesetzten Termine ihre Grenzen kontradiktorisch vor der Katastral-Behörde aufzuweisen verpflichtet sind. „Suum cuique" oder, in Russischer Fassung des goldenen Spruches, „ein Jeder bleibe bei Seinem immerdar" war der Grundsatz, den die Kaiserin Katharina II. als Richtschnur bei dem schon 1765 angeordneten Kataster des Russischen Reiches hinstellte. Somit ging Russland, wo der Grund und Boden wenig besteuert ist, schon früh bei seinem Kataster vom juridischen statt vom allgemein gebräuchlichen finanziellen Standpunkte aus.

Da der Trans-Kaukasische Kataster wegen der örtlichen Besonderheiten dieses Landes, in welchem ein grosser Mangel an rechtskräftigen Dokumenten herrscht, in neuester Zeit auf einer vielfach vom allgemeinen Kataster des Russischen Reiches abweichenden Basis mit Berücksichtigung der in verschiedenen Ländern Europa's bewährten Methoden aufgebaut wurde, so wollen wir in Kürze seiner juridischen Prinzipien erwähnen, ehe wir zur Schilderung seines technischen Theiles wie der in den zwei Jahren seines Bestandes gewonnenen Resultate übergehen.

Der unbewegliche Besitz befand sich bisher – und das von der jüngsten Vergangenheit Gesagte gilt fast überall noch von der Gegenwart – in Trans- Kaukasien in den ungünstigsten Verhältnissen. Gemeinsamer und parcellirter Grund und Boden mit völliger Unbestimmtheit der Grenzen und immer neu auftauchenden Grenzstreitigkeiten bildete

!) Deutsche Redaktion unter den Augen des Verfassers besorgt von N. v. Seidlitz.

?) Recueil méthodique des lois et ordonnances concernant le cadastre, 1811, art. 1143 et 1144.

die fast alleinige Art und Weise des Grundbesitzes. Ganzen Geschlechtern angehörige Güter blieben ungetheilt und deren Theilung erwies sich als unausführbar wegen der Unmöglichkeit, die Ausdehnung und Grenzen des der Theilung unterliegenden Landes gesetzlich zu fixiren. Ausgedehnte Landstrecken lagen unbearbeitet und hatten keinen bestimmten Besitzer. Kaum aber erwies sich die unbedeutendste Parcelle als für den Feldbau oder irgend ein industrielles Unternehmen nothwendig, so wurden von allen Seiten Ansprüche auf deren Besitz erhoben. Eine solche Unsicherheit des Grundbesitzes konnte nicht anders als den Ackerbau, die Industrie und den landwirthschaftlichen Kredit völlig lähmend wirken. Die Ländereien der Krone, der Kirche und der freien Kronbauern litten wie die in Trans-Kaukasien so wichtigen Wälder unter diesen unseligen Zuständen in gleichem Maasse. Die Absicht der Regierung, diesen Übelständen eine radikale und schnelle Abhülfe zu schaffen, veranlasste 1862 die Gründung der Trans- Kaukasischen Messkammer in Tiflis. Eine gewisse Anzahl ihr untergebener Messkommissionen, die einen juristischen, einen Vermessungs-Beamten und einen Deputirten der örtlichen Grundbesitzer zu ihren Mitgliedern zählen, durchziehen während acht Monate des Jahres das Land und fixiren nach den kontradiktorischen Angaben der Grundbesitzer die Grenzen eines jeden Landstückes, das mit gesetzlich bestimmten Grenzmarken versehen und auf das Genaueste mappirt wird. Alle vorkommenden Streitigkeiten suchen diese Kommissionen theils durch vermittelnde Thätigkeit ihrer Glieder, theils auch auf schiedsrichterlichem Wege auszugleichen. Im Falle des Nichtgelingensfällen sie einen Urtheilsspruch erster Instanz und überlassen den Parteien das Recht der Appellation an die in letzter Instanz in Sitzung von 5 bis 7 Oberbeamten endgültig, ohne weiter zulässige Appellation, entscheidende Messkammer in Tiflis, wobei öffentliches und mündliches Verfahren auf den breitesten liberalen Basen der Neuzeit angenommen wurde und die Interessen der Privaten von ihnen selbst, die der Krone von einem GeneralBevollmächtigten vertreten werden. Die Vermessung Trans- Kaukasiens geschieht mittelst des Messtisches und der Kippregel auf Grundlage des allgemeinen trigonometrischen Netzes, welches von den Messbeamten in solcher Weise getheilt wird, dass auf jede Planchette nicht weniger als drei trigonometrische Punkte kommen, was beim Maassstabe von 100 Faden auf den Zoll (1 : 8.400) annäherungsweise je einen trigonometrischen Punkt auf 500 Dessiatinen!) ergiebt. Die Erfahrung zweier Jahre hat die entschiedene Vortrefflichkeit dieser Methode in ihrer Anwendung auf das gebirgige und coupirte Terrain Trans-Kaukasiens vollständig bewährt, da letzteres eine direkte Messung mit der Kette über seine abgerissenen Bergketten und Thäler, welche grösstentheils die Grenze des Grundbesitzes im Lande ausmachen, nicht zulässt. Ungeachtet aller Vorzüge in Bezug auf Genauigkeit, Schnelligkeit und richtigen Ausdruck des Terrains, wie sie aus dieser Vermessung mit der Planchette, die dabei auf dem trigonometrischen Netze fusst, resultiren, hatte diese Aufnahme in ihrer Anwendung auf den Kataster einen sehr wichtigen Mangel, da sie in sich selbst keine Zahlenwerthe bot, welche auf mathematischem Wege die Grenzen der Landgüter zu bestimmen im Stande gewesen wären. Natürlich wäre es auch nach einem mittelst des Messtisches hergestellten Plane mit Hülfe des Maassstabes und Transporteurs ein Leichtes, die Entfernung von einem Grenzzeichen zum anderen und die zwischen denselben gebildeten Winkel zu bestimmen und auf solche Weise die umliegende Grenze so anzugeben, wie sie nach allgemein in Russland angenommener Methode auf astrolabischen Plänen angemerkt wird. Diese Methode numerischer Bestimmung der umgebenden Mark würde aber dem Wesen der Aufnahme mittelst des Messtisches nicht entsprechen, da letztere sich nicht auf polygonale Messung der Winkel und Linien längs der Umgrenzung, sondern auf Konstruktion eines Netzes und graphische Punktbestimmung gründet, und gleichzeitig würde sie dem Hauptziele eines Vermessungsplanes, der Möglichkeit, nach ihm die Grenzen der Landgüter wieder herzustellen, nicht entsprechen, da bei dem gebirgigen und coupirten Terrain die Wiederherstellung der Grenzen durch eine Umgehung mit der Kette längs der einfassenden Grenze entweder unrichtig ausfallen oder ganz unmöglich sein müsste. Und so war es denn unumgänglich nöthig, eine andere Methode numerischer Fixirung der Grenzen aufzusuchen, die mehr dem Wesen der graphischen Aufnahme vermittelst des Messtisches entspräche und mehr dem unmittelbaren Zwecke der die Grenzen fixirenden Katastral-Pläne in einer Gebirgsgegend Genüge leistete. Auf solche Weise bot sich folgende dar. Die zur Aufnahme vorbereiteten Planchetten werden, ähnlich den geographischen Karten, mit sich kreuzenden Linien durchzogen, welche die Gradtheilung von 20 zu 20 Sekunden der Länge und Breite nach darstellen *).

1) 1 Dessiatine = 4,2789 Preuss. Morgen.

2) Die Linien der Gradeintheilung werden auf Grund der Berechnung der Grösse eines Grades unter einer gewissen Länge und Breite ausgezogen. In der Umgegend von Tiflis kommt die Sekunde des Bogens der Breite nach gleich 14,5 Faden, der Länge nach 10,8 Faden.

Hierauf werden auf die Planchetten ihren Längen und Breiten nach die entsprechenden trigonometrischen Punkte aufgetragen und auf Grundlage letzterer schreiten die Landmesser mit der Kippregel zur Anfertigung des geometrischen (graphischen) Netzes und weiterer Bestimmung des Details, wobei sie ihr Hauptaugenmerk auf genaue Fixirung der Grenzzeichen und einiger Objekte richten, die ihrem Wesen nach auf längere Jahre hin unangetastet bleiben und als Fundamental-Punkte zum Wiederauffinden der Marken dienen müssen, als da sind spitze Berggipfel, Felsen, einzeln stehende Hügel, das Zusammentreffen von Schluchten, Kirchen, Gebäude u. a. m. Nach Maassgabe, wie auf dem Messtische die Grenzmarken und andere besonders wichtige Objekte graphisch verzeichnet werden, sucht der Feldmesser durch einfache Anwendung eines besonderen Maassstabes ihre Entfernung von den nächsten Linien auf, welche die bekannte Gradtheilung bezeichnen. Auf solche Weise erhält er ihre Länge und Breite in Sekunden und

deren Theilen, welche er auch über jedem fixirten Punkte

aufschreibt. Durch solche einfache Methode finden alle Grenzzeichen und andere Punkte von grosser Wichtigkeit, unabhängig von ihrer graphischen Bestimmung, bei der Vermessung selbst ihren numerischen, mathematischen Ausdruck und in Folge dessen erlangt man die Möglichkeit, einerseits zu jeder Zeit den Katastral-Plan in seiner ursprünglichen Vollkommenheit zu erneuern, wenn auch das Original-Blatt im Laufe der Zeit verdorben wurde und die graphische Wechselbeziehung zwischen den Punkten sich bedeutend veränderte, andererseits auch zu jeder Zeit die Grenzzeichen auf die einfachste und bestimmteste Weise wieder herzustellen, selbst in dem Falle, wenn alle Grenzmarken ausgeglichen worden, da, wie oben erwähnt wurde, ausser den Grenzzeichen alle fixirten, natürlichen, unveränderten Objekte sowohl innerhalb des Landstückes wie ausserhalb desselben als Grundlage zur Wiederherstellung der Grenzen dienen können. Die vorbeschriebene Methode numerischer Bestimmung der Grenzen von Grundstücken ist, so viel der Messkammer bekannt wurde, zum ersten Male bei der Trans-Kaukasischen Katastral-Vermessung angewandt worden. In den wichtigen Werken Robernier's (De la preuve du droit de propriété en fait d'immeubles etc. Paris 1844. 89, 2 voll. Examen critique du grand- livre terrier de la propriété foncière. Paris 1856, 1 vol. Esquisse d'un cadastre probant automoteur et perpétuel ou idée d'un grand-livre de la propriété foncière. Paris 1855. 89, 1 vol.) schlägt der Verfasser vor, die Grenzzeichen durch Koordinaten zu bestimmen, die trigonometrisch in Beziehung zu irgend einem in der Mitte des Grundstückes gewählten Punkte, etwa dem Kirchthurme des Dorfes, berechnet wurden. Diese

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