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mit vertrockneten Wipfeln und auf wüstes Cederngestrüpp. Selbst in diesen Einöden stösst man auf vereinzelte Jurten der Uränchen, welche sich hier mit der Jagd auf Hirsche beschäftigen. Vom Assass aus setzte Herr Kryshin seinen Weg weiter nach Westen fort und überschritt den Ulugg-Basch, der sich in den Bei-Kem ergiesst, dann ging es allmählich abwärts ins Thal des Bei-Kem, den er endlich 14. (26.) Juli erreichte; aber auch hier befand er sich noch 3.100 F. über der Meeresfläche. – Die Gegend am Ober- und Mittellauf des UluggBasch zeigt dieselbe armselige Vegetation wie das Thal der Ssenza, aber dann begann die Landschaft plötzlich im üppigsten Pflanzengrün aufzuleben. Kiefern, die Herr Kryshin zum letzten Male am Irkut beim Turanskischen Posten gesehen hatte, zeigten sich wieder beim Übergang aus dem Thale des Ssernigoi über einen niedrigen Bergrücken in die weite fruchtbare Ebene des Bei- Kem. Hier trat Herrn Kryshin der üppigste Graswuchs entgegen, die höchsten Grasstengel überragten Ross und Reiter. 3. Im Lande der Uränchen. – An der Stelle, wo Herr Kryshin den Bei-Kem erreichte, bildet der Fluss eine grosse Insel. Fast der Mitte der Insel gegenüber mündet ein Flüsschen, das aus einem See kommt und auf halbem Laufe rechts her einen Bach aufnimmt; zwischen diesem Bache und dem Bei-Kem liegt der grosse Uränchische Kurenj (Tempeldorf). Er wird von kleinen, viereckigen, hölzernen Häusern gebildet, welche dicht neben einander stehen, jedes von einem Zaun aus dünnen Stangen umgeben. – In jedem Kurenj befindet sich ein Tempel, Dazän genannt, in dem die Uränchen zugleich ihre Kostbarkeiten aufbewahren. Übrigens wird der Kurenj nur im Winter bewohnt, den Sommer über nomadisiren die Uränchen in seiner Nähe und wohnen unter Filz-Jurten. Jeder Stamm besitzt nur Einen Kurenj. Man zählt im Ganzen 6 Uränchen-Stämme. Der erste derselben bewohnt die Ufer des Kossogol, der zweite das obere Gebiet der Sselenga, die übrigen wohnen am Bei-Kem, an den unteren Theilen des Chua- Kem und längs des Ulu - Kem. Unter den letzteren leben die Darchaten, welche dem Kutuchtu in Urga unterthan sind. Durch sie werden die Uränchen in östliche und westliche geschieden. Ihr Gebiet umfasst die Quell-Zuflüsse des Chua-Kem (Schischkit, Uru, Tengiss) und die Querkette, welche den östlichen Sajan mit den Bergen der Wasserscheide dieser Flüsse verbindet. Die Darchaten werden von drei Lamas und den Ältesten der Geschlechter regiert, ihre Sprache ist Mongolisch; am Schischkit liegt ihr grosser und reicher Kurenj. Die Uränchen sind rechtschaffen und friedlich, die Darchaten berüchtigte Diebe und Zänker. Sie machen die Vermittler bei den Handelsgeschäften der Uränchen am Kos

sogol mit denen am Bei-Kem; den letzteren verkaufen sie um den dreifachen Preis die Waaren, welche sie von den ersteren eingehandelt haben. Daher finden die Uränchen es oft vortheilhafter, sich bei ihren fernen westlichen Nachbarn, den Kirgisen, mit der geringen Quantität von Thee, Eisenwaaren und ähnlichen Kleinkrams, dessen sie bedürfen, zu versehen; die Stämme, welche der Russischen Grenze näher leben, tauschen diese Gegenstände von den Russen gegen Felle ein. – Uränchen und Darchaten zusammengenommen sind ca. 15.000 Köpfe stark. Die Uränchen (richtiger Urän- Chai oder Uläng-Chai) zerfallen der Lebensweise nach in Hirsch-Uränchen, die in den grasarmen, aber wildreichen Gegenden an der Grenze als Jäger ihr einsames Leben armselig hinbringen; es sind die Stämme Akt-Dshet, Chara - Dshet und Choiek, – und in viehweidende Uränchen, deren Gebiet die üppigen Grasflächen an den Stromläufen umfasst; es sind die AktDodot und die Chara-Dodot. Jeder der Stämme wird von einem Häuptling – Danain – in patriarchalisch-despotischer Weise regiert. Den Danain wählt die Chinesische Regierung, der Sohn folgt dem Vater nur in dem Falle, wenn er von ihr zum Nachfolger ernannt worden ist. Dagegen greifen die Chinesischen Beamten, welche in Ulässutai residiren, nicht in die Regierungsthätigkeit des Danain ein. Die Häuptlinge sind verpflichtet, ein Mal im Jahre in Ulässutai zu erscheinen und den Tribut, der zu drei Zobelfellen für die Seele berechnet wird, einzuliefern, wogegen sie Ehrengeschenke aus dem Schatze des Bogdy-Chan erhalten. Da ihnen die Grenzvertheidigung übertragen ist, so haben sie nach Ulässutai über Alles zu berichten, was an der Grenze vorgeht. In Folge der schwierigen Kommunikation zwischen den entlegenen Grenzstrichen und dem eigentlichen China treffen die Berichte nicht immer rechtzeitig ein. Am Kossogol übrigens, von wo aus man rasch und bequem nach China gelangen kann und wo sich seit dem Auftreten der Russen ein regelmässiger Handelsverkehr zwischen ihnen und den Grenz-Stämmen entwickelt hat, ist von der Chinesischen Regierung ein besonderer Beamter (Tussulaktschi) eingesetzt worden, der die Grenze zu überwachen hat und dem die Danains untergeordnet sind. Gleichen Rang mit den Danains nehmen ihrer Geltung nach die Priester (Lamas) ein. Der Oberpriester, ChambaLama, ist immer ein Bruder, Sohn oder nächster Verwandter des Danain. Als Herr Kryshin ins Land kam, war ChambaLama im Dazän am Bei-Kem ein bedeutender Mann, Schuban-Kelym, der ältere Bruder des Danan Saidypa. SchubanKelym übte einen mächtigen Einfluss auf die 4 Stämme der West-Uränchen aus. Unter dieser viehzüchtenden Völkerschaft giebt es einige reiche Heerden - Besitzer, deren Vermögen aus mehr als 1.000 Stück Vieh besteht; die Masse des Volkes ist arm. Der Besitzlose tritt als Knecht in den Dienst des Reichen und ist ihm sklavisch untergeben. Der Danain und die Mitglieder seiner Familie sind in der Regel die reichsten Leute. Bei der unumschränkten Gewalt, mit welcher der Danain seine Unterthanen beherrscht, liegt es in seinem Interesse wie in dem seiner Angehörigen, den status quo aufrecht zu erhalten; bei dem Übertritt in Russische Unterthanenschaft würden sie natürlich am wenigsten gewinnen. In den letzten Jahren ging unter den Uränchen sowohl wie unter den Darchaten das Gerücht um, die Russische Regierung beabsichtige, die Gegend am Kossogol, die sie schon ein Mal besessen hatte, zu okkupiren. Dieses Gerücht erhielt einen gewissen Grad von Wahrscheinlichkeit in Folge der wiederholten Reisen von Russen im Lande der Uränchen; seine Entstehung verdankte es allem Anscheine nach Tunkinskischen Buräten, zu denen die Kunde von den Vorgängen am Amur gedrungen sein musste. Verbrechen gleich dem, welches im vorigen Sommer vorkam, – der Sohn des Danain Schultum Kombo Dantip peitschte einen Uränchen mit seiner Knute zu Tode –, Grausamkeiten und Vergewaltigungen jeder Art, von dem Danain und seiner Umgebung an der besitz- und rechtlosen Masse verübt, mögen in der letzteren den Wunsch haben aufkommen lassen, Russische Unterthanen zu werden. Haben doch die Uränchen schon seit lange von ihren Nachbarn, den Buräten, erfahren, dass bei ihnen die Taischi nur eine sehr beschränkte Gewalt über ihre Untergebenen ausüben und dass die Russische Regierung sich aller ihrer Unterthanen in gleicher Weise annimmt. Das erwähnte Gerücht blieb nicht ohne Folgen, die Uränchen am Kossogol verweigerten ihrem Häuptlinge den Tribut. Der Danain und die Lamas hoben in Folge dessen den Dazän am Kossogol auf und errichteten ihn tief landeinwärts in schwer zugänglicher Gegend. Auf die Frage nach der Ursache der Translokation des Heiligthums gaben die Priester zur Antwort, dass sich der Segen des Himmels von dem Orte, an welchem bis jetzt der Dazän gestanden, zurückgezogen habe. Es beweist diess, dass die Aristokratie der HeerdenBesitzer ernstliche Besorgnisse den gefährlichen Nachbarn im Norden gegenüber hegte. Nach alle dem war es nicht zu verwundern, wenn der Danain und der Chamba-Lama am Bei-Kem nicht besonders angenehm von der Ankunft des Herrn Kryshin überrascht waren. In der That war der erste Empfang von ihrer Seite nicht eben liebenswürdig. Herrn Kryshin ward eine Stelle angewiesen, wo er unter seinem Reisezelte warten musste, bis ihn der Danain seines Besuches würdigen würde. Inzwischen stellten sich die Untergebenen des Danain, einer nach dem anderen, mit endlosen Fragen ein: wer Herr

Kryshin sei, warum er hierher gekommen, was er hier zu thun beabsichtige, ob er einen Legitimationsschein von seiner Obrigkeit vorzuweisen habe u. s. w. Herr Kryshin erwiderte, er sei gekommen, um ein Bündniss zu schliessen, doch sei sein Hauptzweck die Erfüllung eines Gelübdes, das Papier, das er vorzeige (eine Podoroshnaja, Reisepass), müsse sie davon überzeugen, dass er mit der nöthigen Legitimation versehen sei. Die Dshangin schienen seine Erklärungen nicht mit dem rechten Glauben hinzunehmen, aber die astronomischen Instrumente, welche Herr Kryshin aufstellte, und der glückliche Zufall, dass er einem in Folge von Erkältung erkrankten Uränchen durch ein schweisstreibendes Mittel rasche Linderung verschaffte, besiegten allmählich ihr Misstrauen und die dem Danain und ChambaLama verabfolgten Geschenke brachten endlich zwischen Herrn Kryhin und den höchsten Würdeträgern freundschaftliche Beziehungen zu Stande; doch währten dieselben nur kurze Zeit in Folge der Besitzgier des Danain. Das Fernrohr nämlich machte einen so tiefen Eindruck auf ihn, dass er es durchaus haben wollte, worauf Herr Kryshin natürlich nicht eingehen konnte. Zaidypu fühlte sich durch diese Rücksichtslosigkeit aufs Tiefste verletzt, brach allen

Verkehr mit Herrn Kryshin ab und untersagte denselben

auch aufs Strengste seinen Unterthanen. Die hohe Geistlichkeit legte sich endlich ins Mittel und es gelang ihr, den Frieden herzustellen, was natürlich wieder nicht ohne Geschenke abging. Der Danain willigte schliesslich ein, Herrn Kryshin einen Führer zu geben, doch nur, um die Fremden auf dem kürzesten Wege heim zu leiten. 4. Vom Be- Wem bis Krassnojarsk. – Den 16. Juli machte sich Herr Kryshin auf den Weg und wanderte beständig in nördlicher Richtung fort bis zu den GoldsandLagern an der Birjussa. Der üppige Graswuchs im Steppenlande des Bei- Kem reicht nur bis zum Doro-Kem, dessen Oberlauf, den Assass, Herr Kryshin auf der wasserscheidenden Bergfläche überschritten hatte. Von hier an begannen sich Lärchenbäume, wenn auch noch vereinzelt, auf dem trockenen Erdreich zu zeigen; weiterhin stiessen die Reisenden auf zahlreiche Seen, die häufig von Sümpfen umgeben waren. Am Iissuk, 3.280 F. über dem Meeresspiegel, nahm Herr Kryshin Abschied von den Bei-Kem-Steppen, längs der Chamsara fand er bereits dichten Nadelwald auf sumpfigem Boden. Dieser Fluss ist tief, hat aber nur ein geringes Gefälle und man kann ihn auf einem kleinen Flosse bequem passiren. Vom Chamsara - Kem an beginnen aufs Neue Tundren, die sich bis zum Chatar - Ssuk erstrecken, mit dem man ins Gebiet des Ergik-Targak-Taiga eintritt. Dasselbe bietet hier eine von der an den Oberläufen der Chamsara und des BeiKem durchaus verschiedene Physiognomie dar. Statt breiter kolossaler Steinmassen erheben sich hier hohe steile Pics, zahllose Gebirgsbäche brechen unter den Gletschern als Wasserfälle hervor und bilden die Quell-Zuflüsse des ChatarSsuk, des Ssoruk, des Taischti - Kem, des Nemtscha- Kem, des Kischi-Kem und des Kyrly-Chai; sie alle sind rechte Zuflüsse des Chamsara-Kem. Von den zwei höchsten Punkten, die Herr Kryshin vermittelst des Barometers bestimmte, befindet sich der eine auf dem wasserscheidenden Gebirgskamm zwischen dem Ssoruk und dem Kischi-Kem, 7.330 F. über dem Meeresspiegel, der andere auf dem Übergange vom Kyrly-Chai, dem letzten Zuflusse der Chamsara, zum DsheloMolgo, dem ersten Zufluss der Uda – 7.400 F. über dem Meeresspiegel. – Es ist nicht anzunehmen, dass die Gipfel des Ergik-Targak-Taiga sich hier über 10.000 F. erheben, denn Herr Kryshin spricht nirgends von Gipfeln, die die Schneegrenze überragen, und letztere streicht hier wahrscheinlich eben so hoch wie am Munku-Ssardyk, d. h. zwischen 10.000 und 11.000 F. Von dem Oberlaufe des Kyrly-Chai ging Herr Kryshin hinüber zum Quell-Flusse des Dshelo-Molgo und an diesem hinunter bis zu dem Punkte, wo er sich in die Uda ergiesst; derselbe liegt 4.880 F. über dem Meeresspiegel. An der Uda gegen 10 Werst aufwärts gehend kam Herr Kryshin zur Mündung der Chataga. Längs eines der Quell-Zuflüsse derselben gelangte er zu dem Oberlaufe des Morchoi, von hier über einen sehr bequemen Pass zum Jesseli; an dem letzteren hingehend erreichte er endlich die Goldsand-Lager der Birjussa. Von der Dshelo-Molgo-Mündung bis zum Jesseli beschrieb Herr Kryshin drei Viertel der Peripherie eines Kreises. Mit kundigen Führern wäre derselbe Weg in weit kürzerer Zeit und wahrscheinlich auch bequemer zurückzulegen. Die vom Danain Herrn Kryshin mitgegebenen Führer verliessen ihn schon an den Oberläufen des ChatarSsuk, indem sie erklärten, den Weg nicht weiter zu kennen; die aus dem Okinskischen Wachtposten mitgenommenen Karagassen waren nie in diesem Theile des Gebirges gewesen. So war denn der Weg von Chatar-Ssuk über den Ergik-Targak-Taiga ohne Führer zurückgelegt worden. Erst als man sich der Birjussa näherte, erkannte der alte Karagasse ihre Ufer und führte Herrn Kryshin zu der Goldwäsche hin; sie liegt 3.980 F. über dem Meeresspiegel. Nachdem Herr Kryshin dort den 27. Juli eingetroffen war, verwendete er 12 Tage zu den Vorbereitungen für die weitere Reise. Der grösste Theil der Zeit ging darauf hin, Roggenbrod zu backen, dasselbe zu Zwieback zu zerschneiden und diesen zu trocknen. Erst den 8. (20.) August war es möglich, sich von Neuem auf den Weg zu machen. Herr Kryshin sollte von der Birjussa in westlicher Richtung zu dem Oberlaufe der Mana vorgehen, durch Belo

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gorje, eine vollkommen unbekannte Gegend. Hier fanden sich Führer; die in dieser Gegend nomadisirenden Karagassen waren mit der Örtlichkeit genau bekannt. Zum Ergik-Targak-Taiga zurückzukehren und von ihm aus auf der Wasserscheide zwischen den Quell-Zuflüssen des BeiKem und des Kysyr vorzudringen, war unmöglich, weil das Gebirge an dieser Stelle durchaus unzugänglich ist. Die Karagassen führten Herrn Kryshin über die rechten Zuflüsse der obersten Theile des Kan (Gutar, Tagul, Grosser und Kleiner Agul). Fast alle diese Flüsse mussten passirt werden. Über den Kan setzend zog man an seinen linken Zuflüssen (Kalita, Grosser und Kleiner Teto) vorüber.–Belogorje ist das Gebirgsland, dem die linken Zuflüsse des Kan und die rechten Zuflüsse der Tuba und der Enda entströmen. Es ist klar, dass hier nicht das Quell-Gebiet der rechten Zuflüsse des Kan ist, wie man annahm. Den von der Birjussa bis Belogorje zurückgelegten Weg schildert Herr Kryshin wie folgt: „Die felsige Gebirgskette des Ergik-Targak-Taiga hat ihren Knotenpunkt an den Quell-Zuflüssen der Uda. Durch seine Höhe beherrscht er die übrigen Glieder der Kette. An diesem Gebirgsknoten entspringen östlich die QuellFlüsse der Uda, westlich die Quell-Flüsse des Kysyr oder Bolo. Vom Gebirgsknoten beginnend läuft die Kette in zwei Hauptäste aus. Der eine hat westliche Richtung und bildet die Wasserscheide der Zuflüsse des Kysyr im Norden und der Chamsara im Süden. Diese Felskette streicht bis zum Altai, wird vom Jenissei durchsetzt und enthält das Quell-Gebiet seiner rechten Zuflüsse. Der andere Hauptast streicht in nordwestlicher Richtung und bildet die Wasserscheide zwischen den linken Zuflüssen des Kysyr im Süden und den Flüssen [Uda, Birjussa], welche nördlich die Tassejewa bilden. Beiden Gebirgsketten sind folgende Erscheinungen gemeinsam: die nackten Gipfel umgürtet NadelholzWaldung, welche nur kümmerlich auf dem trockenen Erdreich fortkommt; tiefer unten breiten sich undurchdringliches Walddickicht und unnahbare Tundren aus. In den SeitenThälern der Enda [Herr Kryshin nennt diesen Fluss Schemsha], des Kasyr oder der Tuba, des Kysyr oder Bolo stösst man auf Tundren, in welche bisweilen die kühnsten unter den Eingebornen sich hinein wagen. Steigen wir von den kahlen Höhen der nordwestlichen Kette in die Thäler der Tassejewa und des Kan herab, so begegnen uns dieselben Walddickichte und dieselben Tundren. Auf der ganzen Strecke von dem Quell-Gebiete dieser Flüsse bis zur grossen Poststrasse, welche von Irkutsk nach Krassnojarsk führt, findet sich nicht ein einziger bewohnter Ort. Die Eingebornen halten sich den Sommer über in den höchsten Felsgegenden des Gebirges auf und steigen nur im Spätherbst in die bewohnten Gegenden hinab, und das nothgedrungen, um den Jassak zu entrichten und sich mit den nöthigen Vorräthen an Waffen, Kleidung, Munition und dergleichen zu versehen. Die Tundren umgehend halten sie den Weg längs des steinigen Bettes der Flüsse und über die wasserscheidenden Felskämme ein. Das Kirchdorf Malo-Birjussinskoje, die Dörfer Schelminskaja, Njurshinskaja, Malo-Jurssinskaja und das Kirchdorf Jerminskoje, die auf der General-Karte Ost-Sibiriens vom Jahre 1855 angegeben sind, erweisen sich in der Wirklichkeit als armselige Hütten, welche einzig für die in die Goldsand-Lager ziehenden Arbeiter errichtet sind." Nach der Passage des Kalita-Thales und der letzten bedeutenderen Bergkette, die 6.350 F. über dem Meeresspiegel liegt, verändert sich der Charakter des nordwestlichen Gebirgs-Astes des Ergik-Targak-Taiga, er verflacht sich zum gehügelten Plateau, dessen Oberfläche häufig den üppigsten Graswuchs zeigt. Die hie und da auftauchenden Cederngruppen erinnern an den Steppensaum, aber neben den Hügeln erheben sich isolirte hohe und breite Felsmassen und weit ausgedehnte Gletscher. Solche Lokalitäten zeigen fast gar keine Vegetation, nur die Renthier - Flechte überkleidet häufig die Felstrümmer. Die Gegend wird Belogorje genannt. Hier entspringen der Grosse und der Kleine Piso, die sich nach ihrer Vereinigung in die Kalita ergiessen, und die südwärts strömenden Quell-Zuflüsse der Tuba wie der Schemsha; hier beginnt seinen Lauf der Ssoruk, aus dem kleinen Gebirgssee Mana oder Minerbu, wie die Kamatinzen ihn nennen, kommend; hier breitet sich sein reiches Quell-Geäder (links Grosser und Kleiner Dshirshibei, rechts Angul, Minjä) aus. Längs des Dshirshibei stieg Herr Kryshin von Belogorje ins Thal der Mana hinab; es stellte sich heraus, dass der Flussspiegel nur 2.020 F. über dem Meeresspiegel lag. Das Mana-Thal hat hier einen ungemein düsteren Charakter. Die steilen felsigen Uferberge bestehen häufig aus Granit und sind mit einer dicken Schicht von Renthier-Flechten bedeckt, aus der Fichten emporragen. Unterhalb der Mündung des Dshirshibei werden die Uferberge niedriger und dachen sich sanfter ab. Birkenwald und Wiesengrund treten auf. Die Kamatinzen, welche Belogorje bewohnen, treiben zum Winter ihr Vieh hierher, weil der Schnee hier nicht so hoch liegt wie im Gebirge. Herr Kryshin setzte über die Mana und passirte weiter nach Norden gehend ihre rechten Zuflüsse, den Angul und die Minjä. An den Bergen zog sich Birkenwaldung hin, dazwischen breiteten sich üppige Wiesengründe aus. Dieser Theil des Weges bildet den Übergang von Belogorje zu dem Steppenlande. Weiter hinabsteigend am Bache Tasik (Zufluss des Odgi, der sich in den Kan ergiesst) gelangte Herr Kryshin ins weite Steppengebiet der den Russen tributpflichtigen (jassatschnyje)

Kamatinzen. Sie treiben Ackerbau, haben einen bedeutenden Viehstand und beschäftigen sich nur im Winter mit der Jagd.

Hier schlug Herr Kryshin wieder den Weg nach Westen ein. Von der Mana schied ihn nur eine schmale Bergkette. Der Fluss hat hier bereits die Breite von 30 Faden, ist sehr tief und kann bequem mit einem kleinen Floss befahren werden. Er zeigt ungemein viele Windungen, seine Geschwindigkeit beträgt Anfangs 8 Werst in der Stunde, weiterhin nur noch 5 Werst. Die Uferberge sind steil, aber nicht hoch, oben wächst Nadelwald, auf dem feuchten Thalgrunde Birke und Buschwerk. An zwei Stellen befinden sich Gehöfte, deren Bewohner Ackerbau treiben. Häufig stösst man auf Fischerhütten, ihre Bewohner kommen aus den Jenissei-Dörfern hierher, denn die Mana ist ausserordentlich fischreich. Herr Kryshin brauchte 8 Tage, um auf einem Floss die letzten 167 Werst auf der Mana zurückzulegen. Der direkte Abstand des Punktes, von dem aus er seine Flossfahrt antrat, von der Flussmündung beträgt bloss 67 Werst, seine absolute Höhe 1.530 F. Von der Mana-Mündung an fuhr er noch 32 Werst auf dem Jenissei hinunter bis Krassnojarsk, wo er den 7. September eintraf.

Urtheil des Herrn Schwarz über die Radde'sche Karte von Ost-Sibirien.

„Sie kann als Übersichts-Karte sehr gut benutzt werden und kann einen Begriff geben von den wichtigsten orographischen und hydrographischen Eigenthümlichkeiten des dargestellten Landstrichs. Zu bedauern ist, dass sich in die Karte einige Ungenauigkeiten, Unrichtigkeiten und Druckfehler eingeschlichen haben.

„Der Umriss der Westküste der Insel Sachalin weicht durchaus ab von dem, welchen ich auf der grossen Karte gegeben habe; Übereinstimmung war aber zu erwarten, da der Zusammensteller der Karte erklärt, dass er sie nach meiner grossen, damals noch nicht herausgegebenen Karte entworfen habe. Entschieden falsch ist der Umriss des Nord-Endes von Sachalin von Kap Maria an bis Kap Golowatscheff; ein grosser See findet sich auf meiner Karte unter dem 49 * N. Br. auf Sachalin nicht, weil er in Wirklichkeit nicht vorhanden ist. Auf der Karte des Herrn Radde fehlen die Chasemiw-Inseln im Amur-Liman, die Inseln Reineke und Menschikoff, die Inseln der Schantarskischen Gruppe: Kussoff, Belitschji, Maly - Schantar, Medweshji-Ostroff und Maly-Skalisty-Ostroff. Alles dieses hätte nach dem Maassstabe der Karte sehr bequem eingetragen werden können. Der Name Oron-See steht nicht auf der Seite des Witim, wo er hingehört; seine Lage lässt vermuthen, dass die Erweiterung des Witim bei den 44 Inseln Oron-See benannt wurde, während in Wirklichkeit der kleine See auf der rechten Uferseite so heisst, welcher durch einen kurzen Abfluss mit dem Witim zusammenhängt. Ferner ist an einer Stelle die nördliche Grenze Trans-Baikaliens durchaus falsch angegeben. Auf der Karte des Herrn Radde geht sie von Duschkatschan längs des Nandarakan bis zu seinem Quell-Gebiet, setzt sich in

nordöstlicher Richtung fort zwischen der Grossen Mama und
der Tschuja und erreicht den Witim bei der Mündung der
ersteren. Thatsächlich geht die Grenze von Duschkatschan
hinauf längs der Kitschera (Kitsch auf der Karte des Herrn
Radde) bis zu ihren Quell-Zuflüssen, setzt sich dann fort
zwischen der Grossen Mama, der Kleinen Mama und der Nerpa
einerseits und den Zuflüssen der nördlichen Angara anderer-
seits, abwechselnd in östlicher und nordöstlicher Richtung,
und trifft endlich auf den Witim ein wenig südlich vom Oron-
See.– Ausserdem muss ich bemerken, dass der Lauf der Flüsse
in den Theilen, welche von den von Herrn Radde bereisten
Gegenden entfernter liegen, nachlässig angegeben ist und
die Einzelheiten der Flusswindungen durchaus falsch dar-
gestellt sind. Man betrachte z. B. den Gonim, die Kirenga,
die Lena bei Ustj- Kutskoje und bei Kirensk, die Angara
bei der Oka-Mündung und unterhalb der Wichorewka-Mün-
dung. Hier sind die Einzelheiten sogar nach dem Augen-
maass und nicht nach genauer Messung eingetragen; daher
ergaben sich Fehler auf der Karte. Kap Löwenstern (Lö-
wenorn bei Herrn Radde) kam südlich vom 54° N. Br.,
während seine Breite 54° 3 % beträgt.
„Unter den Druckfehlern fallen besonders auf: Jernil
statt Erpil, Diin statt Dep, Tukoi statt Tukssi, Njunji statt
Njugsha, Skobolzina statt Skobeljzina, Deschewa statt Kwa-
schina, Urulkan statt Urjumkan, Gortiza statt Gorbiza,
Kitsch statt Kitschera, Sagibowa statt Nagibowa, Ust- Bor-
sinski-Partija statt Ustj-Borsinskaja-Partija, Löwenorn statt
Löwenstern, De-Kastris statt De Castries. Ausserdem kommt
noch vor: Newelskoi statt Newelskowa, Dorshitarowa statt
Darshidarowa, Lifulje statt Lifule, Albasina statt Albasin,
Baldjikansk statt Baldshikansk.

Tabelle der geogr. Längen- und Breiten-Bestimmungen.

A. 0rte, deren geogr. Lage von Schwarz in den Jahren 1849 bis 1853
bestimmt worden ist.

- Oestl. Länge
N. Breite von Ferro.

1. Die Kapelle am Dolnikan (l. Zufl. der Bureja)50°50' 14"15093051"
2. Die Station Chara Murin am Baikal-See . 51 29 1 22 2
3. Mündung der Perejomnaja (Baikal-See) . 51 35 122 50
4. Verbindungspunkt zweier Quellzufl. d. Bureja51 39 151 57
5. Nilowa Pustynj, Kolonie am Iche-Uchun 51 41,5 119 21
6. Das Dorf Kultuk (am Baikal-See) . . 51 43,5 121 25
7. Die Festung Tunka . - - - . 51 45 120 13
8. Die Station Listwenitschnaja (am Baikal-See)51 48 122 29,9
9. Die Anfahrt für die Dampfboote am Baikal-
Ufer . . . . . . . 51 50 e 31,5
10. Das Dorf Goloustnaja am Baikal-See . 52 1 123 3
11. Die Station Moty am Irkut . - - 52 5 i 35,5
12. Die Station Schakschinskaja in Trans-Bai-
kalien . - - - - - . 52 8,5 130 20
13. Das Kirchdorf Schigajewo an der Sselenga 52 11 124 7
14. Nordmündung der Sselenga . - 52 24 124 13

15. Mündungspunkt der Buguldeicha (Baikal-See)52 31 123 41
16. Die Telmin'sche Fabrik (Kirche) . 52 42 121 22 4
17. Die Station Gremätschinskaja (am Baikal-See)52 50,5 125 39
18. Die Kapelle Inkanj . - - . 52 51 17 149 36 21

19. Die Turkinskischen Mineralquellen . . 52 58 125 59 0
20. Die Kapelle Burukan (am Tugur) . . 53 5 42 153 43 6
21. Die Festung Gorbitza (an der Schilka) . 53 6 136 50
22. Der Uluss Ssarma (am Baikal-See) . . 53 6 124 24

23. Punkt unweit der Tschassowaja-Mündung

(Zufluss der Schilka) . - - . 53 25 137 42
24. Station an der Mündung des Bargusin . 53 26 1 26 41
25. Die Stadt Bargusinsk - - - . 53 37 127 20
26. Der Uluss Onguren (am Baikal-See) . 53 38 125 8

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