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Blatt Nr. 4: Karte der Bajuda-Landschaft; „ „ 6: Karte zu v. Heuglin's Reise nach Abessinien; „ „ 8: Karte des Nil-Quellgebiets; „ , 10: Karte zu Burton's und Speke's Reise (2 Blätter) und Kartenskizze zu Livingstone's Entdeckung des Schirwa-See's.

Durch eine solche Einrichtung gewinnt die bequeme Benutzung der Inner - Afrikanischen Karte sehr, wie ich mich durch die Ausführung überzeugte; hoffentlich wird Mancher diesen Wink benutzen und nicht bereuen, es gethan zu haben.

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Der Bauerngraben oder Hungersee. Beitrag zur physikalischen Geographie des Harzes. Von Professor A. Streng in Clausthal.

Es gehört zu den Eigenthümlichkeiten des Harzes, dass seine Hauptmasse lediglich aus den älteren Gebirgsbildungen besteht und dass die jüngeren Gesteinsschichten vom Rothliegenden und dem Zechstein nach aufwärts sich nur an seinen Rändern an ihn anlegen. Aus der ganzen Art des Auftretens dieser jüngeren Gebirgsglieder ergiebt sich, dass die letzte Hebung des Harzes in einer verhältnissmässig neuen Zeit. Statt gefunden hat. Dadurch sind nun alle diese jüngeren Schichten am Rande des Gebirges je nach der stärkeren oder schwächeren Hebung theils mehr, theils weniger steil aufgerichtet, so dass das Streichen derselben meist mit der Richtung des Gebirgsrandes zusammenfällt. Hierdurch erhält dieser letztere eine ganz eigenthümliche, zum Inneren des Gebirges in einem gewissen Gegensatze stehende Beschaffenheit. Während nämlich die meisten Thäler des Harzes sich als Querthäler betrachten lassen, die strahlenartig von einem Mittelpunkt nach allen Rändern sich erstrecken, zieht sich fast um den ganzen Harz eine Anzahl von sehr deutlich ausgeprägten Längenthälern herum. Das Thal der Markau und der Söse, die sich bei Babenhausen vereinigen, die Thalsenkungen zwischen Osterode und Herzberg so wie zwischen Scharzfeld und Nüxey, das Zarge-Thal zwischen Ellrich und Wolfleben, die Thalsenkungen zwischen Stempeda, Rottleberode, Uftrungen und Questenberg, das HelmeThal, welches parallel mit dieser Thalsenkung als ein ausgezeichnetes Längenthal von Stöckei bis in die Gegend von Sangerhausen sich hinzieht, sind Beispiele solcher Längenthäler am Südrande, während am Nordrande dieselbe Erscheinung, aber in kleinerem Maassstabe, sich wiederholt. Als Beispiele mögen hier angeführt werden die Längenthäler zwischen Altenrode und Wernigerode, zwischen Benzingerode und Michaelstein, zwischen Blankenburg und Thale, zwischen Gernrode und Ballenstedt. Diese verschiedenen Längenthäler des Harzrandes stehen nun entweder in Verbindung mit den Querthälern des Gebirges, die dann beim Austritt aus diesem eine scharfe Wendung machen, oder es sind selbstständige Thäler, die

aus dem Gebirge nur kleine Nebenthäler aufnehmen. In beiden Fällen muss aber die äussere Thalwand an irgend einer Stelle durchbrochen werden, wenn die Flüsse und Bäche das Gebirge verlassend sich der Ebene zuwenden. Es zeigen sich somit in den den ganzen Harz umgebenden Hügelwällen von Zeit zu Zeit tiefe, oft schluchtenartige Einschnitte, wobei natürlich das Längenthal wieder in ein Querthal übergeht. Es können hierfür mehrere ausgezeichnete Beispiele angeführt werden. So mündet das aus dem Harze kommende Dreckthal zwischen Heimburg und Benzingerode in ein am Harzrande hinlaufendes, beide Orte verbindendes Längenthal, in welchem der Bach, nachdem er sich nach links gewendet hat, bis nach Benzingerode fortfliesst; dort aber biegt er plötzlich rechts um und durchbricht die ziemlich steile Hügelkette, die, aus jüngeren Gesteinen bestehend, vor dem Harzrande herläuft und das Längenthal im Norden begrenzt. Am häufigsten sind diese Beispiele am Südrande, wo die der Zechstein-Formation angehörenden Gypse und Anhydrite fast überall vor dem Gebirge herziehen, und zwar so, dass sie die steilen Abstürze der Schichtenköpfe dem Gebirge zukehren, während die Schichtenflächen meist flach nach Süden einfallen. Zwischen diesen weissen Gypswänden und dem eigentlichen Harzrande befindet sich nun eine Anzahl von Längenthälern, deren Flüsse die Gypsmauer nach Süden hin mehrfach durchbrochen haben, um in das flache Land zu gelangen. Diess ist z. B. bei Badenhausen zwischen Gittelde und Osterode, es ist bei Wolfleben und Niedersachswerfen der Fall; es wiederholt sich in sehr auffallender Weise bei Questenberg. Von dort zieht sich nämlich bis nach Uftrungen hin ein Längenthal, dessen nördliches Gehänge durch den Harzrand, dessen südliches durch die steilen Gypsabstürze der Vorberge gebildet wird. In dieses Thal mündet eine Reihe von kleineren Gebirgsthälern, die im Westen ohne Hinderniss ihren Abfluss nach dem Thyra-Thale bei Uftrungen finden, während die östlicher gelegenen im Längenthale auch nach Osten fliessen. Die

Wasserscheide zwischen den östlich und westlich fliessen

den Bächen ist in dem Längenthale kaum bemerkbar, sie liegt bei Agnesdorf. Bei Questenberg selbst treten die Gypsberge sehr nahe an den eigentlichen Gebirgsrand heran und hier vereinigen sich nun die aus dem Längenthale und die aus dem Gebirge kommenden Gewässer, durchbrechen die Gypsmauer nach Süden hin und bilden hier ein sehr enges, mit steilen Gehängen versehenes Querthal, welches bei Bennungen in das grosse, breite, das Kyffhäuser Gebirge vom Harze und seinen Vorbergen scheidende Längenthal der Helme einmündet. Das oben erwähnte Längenthal, welches sich von Questenberg über Uftrungen bis hinter Rottleberode erstreckt, bietet aber noch ein ganz besonderes Interesse dar, denn zwischen dem Gebiete der östlich und demjenigen der westlich fliessenden Bäche liegt ein ganz vollkommen in sich abgeschlossenes Bachsystem, welches weder mit dem einen noch mit dem anderen in Verbindung steht; es ist diess der Bauerngraben oder Hungersee mit seinen Zuflüssen. Wenn man von Rossla aus der nach Norden in das Gebirge führenden Heerstrasse folgt, bis sie die Ebene der Helme, die Goldene Aue, verlässt und an den Vorbergen des Harzes sich rechts in die Höhe zieht, sich nun links von der Heerstrasse abwendet nach dem Rücken des die Goldene Aue im Norden begrenzenden, zum Theil mit Wald bedeckten Hügelzuges, dessen sanft geneigter südlicher Abfall von buntem Sandstein bedeckt ist, während der nördliche, steilere, dem Agnesdorfer Längenthale und dem Gebirge zugekehrte Abhang aus Zechsteingyps besteht, und eine kurze Strecke nach Westen fortwandert, so gelangt man dicht bei einem mächtigen Laubholzbaum an den Kreuzungspunkt mehrerer Wege, von denen einer schief rechts nach abwärts führt in das Gebiet des oben erwähnten Längenthals von Agnesdorf. Der Weg senkt sich zuerst allmählich, bis man an einen schroffen, mit Buschwerk und Wald bedeckten, schluchtenartigen Einschnitt kommt, in den man links hineinklettern muss. Verfolgt man diese im Gyps eingerissene Thalschlucht, so senkt sich die Sohle derselben Anfangs sehr langsam, fällt aber dann plötzlich da, wo man aus dem Walde heraustritt, in steilem Absturze in ein weites, ringsum geschlossenes Becken ab, dessen vorderster Theil einen tiefen Trichter bildet. Höchst wunderbar ist der Anblick, der sich hier darbietet. Man sieht da im Norden jenseit des Längenthals die bewaldeten, steil aufgerichteten Ränder des Harzes, von Thälern mehrfach durchschnitten, das breite Längenthal selbst als eine hügelige, mit Feldfrüchten bepflanzte Fläche, ganz im Vordergrunde gerade unter sich den gleich näher zu beschreibenden Trichter in dem grösseren, scharf abgegrenzten Becken und rechts und links als die Fortsetzungen der Gehänge jener kleinen Schlucht, aus der

man hervorgekommen ist, die schroff abfallenden Gypswände, die theils mit Wald bedeckt sind, theils nackt als weisse, vielfach zerrissene Felsen hervorragen. Ein Theil der rechter Hand sichtbaren Felsen scheint an der Hinterwand gleichsam nur noch zu hängen; es sieht so aus, als wären dieselben eben im Begriff, in den tiefen Schlund zu ihren Füssen hinabzustürzen, von unsichtbarer Hand im Fallen aufgehalten und an der Stelle festgebannt, an der sie jetzt sichtbar sind. Gerade diese vielfach zerrissenen Felsen drücken der ganzen Umgebung ein höchst wildes Gepräge auf und man erkennt sogleich, dass hier ganz

besondere Naturkräfte thätig gewesen sein müssen.

Das grössere Becken hat eine ovale Form und erstreckt sich ungefähr von Südwest nach Nordost. Im Südwesten und Süden grenzt es an den steilen Gypsabsturz, im Norden und Nordwesten greift es in die Sohle des Agnesdorfer Längenthales ein. Die Böschungen sind sehr steil, aber ohne Unebenheiten, und begrenzen scharf und bestimmt die beinahe völlig ebene Beckensohle, die ein Ackerfeld bildet. Im südwestlichsten Ende des Beckens findet sich nun ein weiter Trichter, dessen Wände sehr schroff und dabei vielfach eingerissen und gefurcht sind. Hier treten wieder die nackten Gypswände zu Tag und der tiefste Theil dieses Trichters ist von vielen mehrere Zoll breiten Spalten durchzogen, die in das Innere der Gypsschichten hinabzuführen scheinen. Am nördlichsten Ende des Beckens sieht man nun einen Bach, der im Gebirge entspringend von Norden nach Süden durch den Gebirgsrand und dann in derselben Richtung quer durch das Längenthal hindurchfliesst, in das Becken eintreten und sich in dessen Sohle sein Bett einschneiden bis zu dem tiefen Trichter, in den er sich ergiesst und in dessen Spalten und Klüften das Wasser verschwindet.

Bauerngraben oder Hungersee ist der Name des eben beschriebenen Beckens und man erzählt sich in dortiger Gegend Wunderdinge von ihm, denn nicht immer befindet sich dieses Becken in dem Zustande, in dem es heute sichtbar ist. Oft schon wurden die Bewohner der umliegenden Orte in Erstaunen versetzt durch die Nachricht, der Hungersee sei zum Theil oder völlig mit Wasser erfüllt, und die Zweifler konnten sich dann selbst überzeugen, dass nicht allein der Trichter und das Becken mit Wasser erfüllt, sondern dass auch wunderbarer Weise der so plötzlich entstandene See mit Fischen bevölkert sei. In diesem Zustande, mit Wasser erfüllt, blieb der See nun längere Zeit, oft Jahre lang, und während dessen ergoss sich in ihn der oben erwähnte Bach, ohne indessen ein Überfliessen des Sees zu bewirken. Aber auf ein Mal, oft über Nacht, ist das Wasser sammt seinen Bewohnern wieder völlig verschwunden und nur der feuchte Schlamm

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der Beckensohle bekundet, dass hier vorher Wasser gestanden. So bleibt nun der Bauerngraben längere Zeit trocken, bis das Spiel von Neuem beginnt und das Becken sich wieder füllt, um sich später wieder zu entleeren. So wurden mir die merkwürdigen Erscheinungen am Bauerngraben von Bewohnern der Nachbarschaft geschildert und sie wurden mir bestätigt und erweitert durch die Mittheilung eines Bergbeamten. Von diesem erfuhr ich nämlich, dass seit längerer Zeit ein Stollen vom Südabhange des Rückens, an dessen Nordabhang der See liegt, unter dem Rücken und dem See hin nach den am Rande des Harzes selbst liegenden Kupferschiefergruben getrieben worden sei. Dabei muss bemerkt werden, dass die Sohle des Agnesdorfer Längenthals etwa 300 Fuss höher liegt als der Spiegel der Helme bei Rossla und dass in der Sohle des Helme-Thals das Stollenmundloch sich befindet. Aber auch selbst nach Vollendung des Stollens, der in der Nähe des Sees bedeutende Wasserzugänge hat, soll sich der Hungersee schon ein Mal wieder gefüllt und entleert haben; indessen konnte mir diese Mittheilung nicht mit völliger Sicherheit verbürgt werden. Wenn man sich nun nach einer Erklärung dieser Erscheinungen umsieht, so wird man sogleich, wenn man den Bauerngraben betritt, erkennen, dass hier Erdfälle vorliegen, wie sie am Südrande des Harzes im Gebiete des Gypses so häufig vorkommen. Diese Erdfälle sind entweder trocken, wie z. B. die trichterförmigen Vertiefungen, die man rechts und links der von Osterode nach Dorste und Northeim führenden Heerstrasse wahrnimmt, oder sie sind mit Wasser erfüllt, wie die grosse Reihe von Teichen, die sich zwischen Osterode und Herzberg oder bei Walkenried vorfinden und die dort den Namen „Teufelslöcher", hier den Namen „Zwerglöcher" führen und denen man zum Theil in der Volkssage unergründliche Tiefe zuschreibt. Alle diese Erdfälle sind gewiss nur dadurch entstanden, dass die den Gyps durchdringenden Gewässer diesen zum Theil aufgelöst und weggeführt hatten und grössere oder kleinere Hohlräume zurückliessen, die, sich immer mehr erweiternd, endlich ihren Halt verloren und in sich zusammenstürzten, wodurch dann von oben ein Nachstürzen erfolgte, was an der Oberfläche eine trichterförmige Einsenkung zur Folge hatte. Der Hungersee scheint nun aus einem doppelten Erdfalle hervorgegangen zu sein. Durch einen älteren Erdsturz entstand das weite Becken, welches sich wie die Teufelslöcher mit Wasser füllte und in welches die Zuflüsse thonige Schlammmassen einführten, die sich allmählich darin absetzten und den ursprünglichen Trichter immer mehr erfüllten. Dadurch entstand die ebene Beckensohle. Im Laufe der Zeit wurden aber die im Inneren befindli

chen Spalten und Höhlungen, die bei dem ersten Einsturze verschüttet und grossentheils versetzt worden waren, durch die beständig aus dem See nachdringenden und durchsickernden Gewässer immer mehr und mehr erweitert und vergrössert, so dass sie abermals dem auf ihnen lastenden Drucke nicht widerstehen konnten, in sich zusammenbrachen und in dem südwestlichen Theile des Beckens eine neue Trichterbildung hervorbrachten, die noch heute vorhanden ist. Da das in den Trichter fliessende Wasser in diesem völlig verschwindet, so müssen die das Wasser aufnehmenden Spalten mit einer Reihe von Klüften und Höhlungen in Verbindung stehen, die endlich in das tiefer gelegene Helme-Thal ausmünden und dort irgend einer Quelle Nahrung geben. Die unter dem Spiegel einer solchen Quelle liegenden Spaltungen mögen mit Wasser gefüllt sein, in welchem organisches Leben möglich ist; wenigstens sind von anderen Orten Beispiele bekannt, dass Fische in unterirdischen Wasserbehältern leben, gedeihen und sich fortpflanzen. – Innerhalb dieser Spalten und Höhlen mögen nun durch die in ihnen sich bewegenden Gewässer häufig kleinere Einstürze Statt finden und durch solche kann leicht für längere Zeit das freie Abfliessen des Wassers gehemmt sein; dann werden sich die höher liegenden Spalten mit dem beständig zufliessenden Wasser allmählichf füllen, bis dieses endlich im Grunde des Trichters erscheint und diesen, beständig ansteigend, allmählich erfüllt. Dauert die Verstopfung der Spalten noch fort, so kann durch den beständigen Zufluss des Baches auch ein allmähliches Füllen des ganzen Beckens Statt finden. Dieser Prozess des Füllens kann langsamer oder rascher erfolgen je nach den Witterungsverhältnissen. Bei starken Regengüssen wird sich der Trichter und das Becken rascher füllen als in der trockenen Jahreszeit; indessen soll, wie mir versichert wurde, das Kommen und das Verschwinden des Wassers von der Jahreszeit und der Witterung unabhängig sein, auch würde sich durch das Vorstehende ein ganz plötzliches Füllen des Beckens nicht erklären lassen. Letzteres scheint mir jedoch auch nicht ganz festgestellt zu sein, und wenn irgend Jemand den See, nachdem er längere Zeit trocken gelegen, zuerst wieder mit Wasser gefüllt sah, so konnte doch vielleicht schon einige Tage der Prozess des Füllens Statt gefunden haben, ohne dass diess wegen der etwas versteckten Lage des See's von Jemanden bemerkt wurde, der Beobachter konnte dann glauben, der See habe sich über Nacht gefüllt; oder es ist der Glaube, das Becken könne sich plötzlich füllen, erst im Munde des Volkes allmählich entstanden. Sollte dieser Glaube wirklich begründet sein, so setzt diess entweder das Vorhandensein von höher gelegenen Wasserbehältern im Gypse voraus, die sich allmählich füllen und durch irgend einen Umstand veranlasst werden, ihr Wasser durch den Boden des Trichters in das Becken des Bauerngraben zu ergiessen, oder, was wahrscheinlicher, das Wasser, welches die tiefer liegenden Hohlräume erfüllt, wird durch den Einsturz dieser Hohlräume und durch das Nachstürzen der höher gelegenen trockenen Gypsmassen verdrängt und emporgepresst, so dass es sich durch den Trichter in das Becken ergiesst und dieses mehr oder weniger erfüllt. Man darf sich bei einem solchen Einsturze der Höhlungen nicht vorstellen, dass mit einem einzigen Falle die ganze in Bewegung gerathene Gypsmasse durch einen grösseren Hohlraum hindurchfiele, gleichzeitig die Sohle desselben berührte und dadurch eine erdbebenartige Erschütterung verursachte, die man jedenfalls in der näheren Umgegend verspürt haben müsste. Solche grosse Hohlräume kommen gewiss nur selten im Gypse vor. Will man sich eine richtige Vorstellung von der Beschaffenheit der Höhlungen und von der Art des Einstürzens machen, so muss man sich vergegenwärtigen, wie solche Höhlungen im Gypse entstehen. In feinen Spalten und Klüften dringt Wasser durch den Gyps und löst Theile desselben auf, dadurch vergrössern sich diese Klüfte immer mehr und werden durch die beständig lösende Wirkung der nachdringenden Gewässer in immer grössere Hohlräume verwandelt. Denkt man sich nun den Gyps von sehr vielen solchen spaltenförmigen Hohlräumen netzartig durchzogen, so wird, wenn irgend einer dieser Hohlräume zum Einsturz kommt, von oben und von den Seiten ein Nachstürzen erfolgen, aber gewiss nicht mit Einem stossartigen Falle, sondern mehr allmählich, so dass jeder sich loslösende Gypsblock erst im Augenblicke des Fallens einem über ihm liegenden anderen Gypsblocke die Unterlage entzieht und dieser sich erst in Bewegung setzt, wenn jener schon gefallen ist. Auch wird man hier kaum an einen freien Fall denken dürfen, sondern gewiss eher an ein Rutschen der losgelösten Gypsmassen. Es setzt also ein plötzliches Gefülltwerden des See's, veranlasst durch einen Einsturz, auch nicht eine Erderschütterung voraus, wovon man in der dortigen Gegend Nichts weiss. Werden nun die unterirdischen Wasseransammlungen in das Becken getrieben, so werden mit dem Wasser auch die in ihm lebenden Fische in die Höhe kommen und den See bevölkern können. Füllt sich der See aber allmählich

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Ist nun das Becken gefüllt, so wird ein durch den erhöhten Wasserdruck immer grösser werdender Theil des zufliessenden Wassers durch den verstopften Theil des unterirdischen Abflusses durchgepresst werden; auch mag, wenn das Becken gefüllt ist, der Überschuss des zufliessenden Wassers durch seitliche, an den Böschungen des Seebeckens vorhandene Spalten entfernt werden können, so dass dieses niemals überfliesst. Wenn nun durch die lösende Wirkung des jedenfalls durchsickernden Wassers die Spalten in der Nähe der verstopften Stelle grösser geworden sind, so kann durch den erneuerten Einsturz eines vielleicht nur ganz kleinen Hohlraumes die gestaute Wassermasse sich Bahn brechen und nun wird in kurzer Zeit der ganze See sich entleeren, wobei die Gewässer zunächst vielleicht nur von den unter dem Spiegel des See's und jenseit des Durchbruches befindlichen Höhlungen und Spalten aufgenommen werden und aus diesen mehr allmählich durch die am Südhange der Gypsberge befindlichen Quellen abfliessen. Auf solche Weise lassen sich diese so merkwürdigen Erscheinungen in ungezwungener und den bekannten Thatsachen völlig sich anschliessender Weise erklären. Ich habe es im Vorstehenden versucht, eine Schilderung des Bauerngraben und der sich an ihn anknüpfenden Erscheinungen zu geben, weil dieser Punkt für die physikalische Geographie des östlichen Harzes von grossem Interesse ist und in den bekannteren Beschreibungen des Harzgebirges dieser See nirgends genannt und beschrieben

ist. Es wird aber auch für das grössere Publikum von

grossem Interesse sein, einen Punkt kennen zu lernen, der von dem so kleinen Strome von Reisenden, die durch den Kyffhäuser nach dem südlichen Harzrande gelockt werden, bis jetzt durchaus nicht beachtet worden ist und der doch durch die wilde Scenerie der steilen Gypswände, durch den schönen Blick auf das Agnesdorfer Längenthal und den Harzrand zu den anziehendsten Punkten jener Gegend gehört; es kommt noch hinzu, dass man von der Höhe des in der Nähe der oben genannten Heerstrasse unbewaldeten Gypsrückens aus nach Süden hin den Kyffhäuser und seine steil abfallenden Nebenberge in voller Majestät als Hintergrund einer herrlichen, mit Städten und Dörfern übersäeten Landschaft erblickt, die mit Recht unter dem Namen der Goldenen Aue als eine Perle unseres Vaterlandes betrachtet wird. Möge die jetzt noch im Bau begriffene Eisenbahn von Halle nach Nordhausen, die sich im Helme-Thal hinziehen wird, nicht nur dem Kyffhäuser, sondern auch dem so schönen und interessanten Südrande des Harzes recht viele Gäste zuführen!

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Der Riñihue-See in Chile und die tiefe Passsenkung der Andes bei demselben. Von Wilhelm Frick !).

(Mit Karte, s. Tafel 3.)

Seit einigen Jahren waren unbestimmte Nachrichten in Umlauf, dass der Valdivia- oder Callecalle-Fluss seinen Ur

!) Dieser Aufsatz ist die von Herrn Frick selbst besorgte, von uns nur in einigen unwesentlichen Sätzen abgekürzte und durch spätere Briefe Frick's ergänzte Übersetzung seines offiziellen Berichtes an den Präsidenten von Chile. Der Bericht hatte den Zweck, eine Expedition zur Untersuchung des Riñihue-Passes zu veranlassen, auch hat Frick durch Anknüpfung von Verbindungen mit den Kaziken der dabei in Betracht kommenden Indianer-Stämme einer solchen Expedition bereits Vorschub geleistet, aber die Regierung scheint dem Projekt bis jetzt keine Aufmerksamkeit geschenkt zu haben.

Es könnte allerdings auf den ersten Blick unglaublich erscheinen, dass eine vollständige Wasserverbindung zwischen dem Valdivia-Fluss und den Pampas quer durch die Andes existiren soll, allein auch frühere Nachrichten deuten auf eine solche oder doch wenigstens auf eine sehr bedeutende Passsenkung der Cordilleren in jener Gegend hin. So liest man in des alten Thomas Falkner Beschreibung von Patagonien (Deutsche Ausgabe, Gotha 1775, S. 101): „Unter den Flüssen, welche sich auf der nördlichen Seite des Rio negro in denselben ergiessen, ist ein langer, breiter und tiefer, der aus einem grossen See entspringt, der beinahe 12 Meilen lang, fast rund ist und Huechum lavquen oder Grenz-See genannt wird. Dieser See ist etwa 2 Tagereisen von Waldivia entfernt und entsteht aus Bächen, Quellen und Flüssen, die von den Cordilleras herabkommen. Ausser dem Fluss, den dieser See nach Osten und Süden sendet und der einen Theil des Rio negro ausmacht, soll noch ein anderer aus ihm hervorkommen, der nach Westen gehen und bei Valdivia eine Kommunikation mit der Südsee haben soll; weil ich aber dieses Vorgeben nicht genug untersucht habe, so kann ich auch die Wahrheit desselben nicht bekräftigen." Willarino, der 1783 den Catapuliche genannten Quellarm des Rio negro bis 39° 33' S. Br. hinauffuhr, setzt die Mündung eines aus dem Huechum-See kommenden gleichnamigen Flusses in den Catapulchi in 39° 40' S. Br. und erfuhr von Pehuenchen aus der Gegend des See's, dass derselbe inmitten der dort sehr niedrigen Cordillere liege, Valdivia davon nur 2 bis 3 Tagereisen entfernt sei und dass sie mit den Bewohnern auf der Westseite des Gebirges in Verbindung ständen. Den Zusammenhang des HuechumSee's mit dem Fluss von Valdivia bestritten sie, aber jener beträchtliche Fluss sei allerdings nur 1 Tagereise entfernt und ein ausgedehntes Thal scheine sich als ununterbrochene Öffnung durch das Gebirge hinzuziehen bis an die Küsten des Stillen Oceans, obwohl nördlich und südlich schneebedeckte Berge es begrenzten. Villarino selbst beabsichtigte, nach Valdivia hinüberzugehen, wurde aber durch sein unkluges Einmischen in die Streitigkeiten der Indianer daran verhindert. Nicht weit südlich von dem Riñihue-See befinden sich andere bedeutende Einsenkungen des Gebirges; so lesen wir bei Gilliss (U. S. Naval Astronomical expedition, I, p. 14): „Wenn man sich auf die Nachricht verlassen kann, nähern sich einige Zuflüsse des Rio negro bis auf 1 oder 2 Engl. Meilen dem Ranco-See und der Bergzug, welcher die Wasserscheide zwischen dem Atlantischen und Grossen Ocean bildet, ist kaum mehr als eine Hügelkette", und bekannt ist die Senkung, welche den See Todos los Santos birgt.

Müssen wir die Richtigkeit von Frick's nur auf Aussagen von Indianern beruhenden Darstellung, besonders was den angeblichen Ursprung des Rio de Valdivia auf den Pampas im Osten der Cordilleren betrifft, vorläufig dahin gestellt sein lassen, so kann man doch an der Existenz eines tiefen, leicht zu passirenden Einschnittes quer durch die Andes östlich vom Riñihue-See kaum zweifeln und schon diese Entdeckung ist sowohl geographisch von hohem Interesse als praktisch von möglicher Weise bedeutenden Folgen. Von dem Riñihue-Pass wusste man, wie auch noch Martin de Moussy in seinem neuen, fleissig gearbeiteten Werke über die Argentinische Konföderation bezeugt, bisher gar Nichts. Die See'n von Pirehueico und Lacar (Lajara) finden wir

sprung in den Pampas von Buenos-Aires nimmt: ein Mal sprach man von einem Versuch, den Herr Wilhelm Döll machen wollte, die Cordillere zu durchschiffen; ein ander Mal wurde eine kurze Nachricht mitgetheilt, die Herr Hieronymus Agüero über den See von Riñihue – aus dem unser Fluss von Valdivia fliesst – und die Erzreichthümer gegeben, die man dort vermuthet, und worin es in Bezug auf die Wasserverbindung mit der anderen Seite heisst, wie folgt: „Ausserdem ist der See noch nicht von civilisirten Personen befahren worden, man weiss, dass man auf einem der beiden Flüsse, die in ihn einmünden, bis nach Panguipulli gelangen kann, aber es bleibt noch zu versuchen, ob man den anderen bis zum Neltume-See befahren und von hier einen anderen Fluss verfolgen kann, bis man ins Argentinische Gebiet hinaus kommt, wie Eingeborne jener Gegenden gethan haben sollen." – Obgleich es auf den ersten Blick sehr unwahrscheinlich aussieht, dass ein Fluss, die Cordillere durchschneidend, von den Pampas von Buenos-Aires nach dem Stillen Ocean fliessen könne, so

zwar durch Wasserläufe mit dem Riñihue-See verbunden auf Claude Gay's Karte (1836) und nach dieser auch auf der zu Gilliss' Werk gehörigen angedeutet, diese ganze See'nkette wird aber hier als zwischen den westlichen Vorbergen der Andes gelegen dargestellt und weit östlich davon der Übergang über das Gebirge als Boquete de Riñihue angegeben. Diese ganze Darstellung beruhte zudem auf so zweifelhaften Angaben, dass Major B. Philippi auf seiner Karte von Valdivia vom Jahre 1846 und Dr. R. A. Philippi auf der in den „Geogr. Mitth." publicirten die beiden See'n Pirehueico und Lacar wieder fortliessen, obgleich sie über jene Gegend besser informirt waren als Gay, denn sie zeichnen den Fluss von Valdivia der Wahrheit gemäss als dem RiñihueSee entströmend, während ihn Gay aus dem Panguipulli-See herauskommen lässt. Eine nähere Untersuchung des Passes ist dringend zu wünschen. Über die Aufnahme des Riñihue-See's, der hier zum ersten Mal in richtigerer Gestalt erscheint, giebt Frick selbst in dem Berichte Aufschluss, die Übersichtsskizze soll dagegen nur eine ungefähre Vorstellung von der Lage jener See'n geben, wie sie sich Frick nach den Beschreibungen der Indianer gebildet, und er bemerkt in dem die Skizze begleitenden Brief ausdrücklich, dass die Form der See'n mit Ausnahme des von Riñihue durchaus imaginär sei. Was die im Text angeführten Längenmaasse betrifft, so ist 1 Chilenische Legua = 36 cuadras, 1 cuadra = 150 varas, 1 vara = 3 pies oder Fuss. Nach dem Gesetz vom 29. Januar 1848 wird die vara zu 0,836 und die euadra zu 125,39 Meter angenommen, genauer ist die cuadra = 125,386 und die legua = 4513,892 Meter.

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