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ein sehenswerthes Grabmal bauen lassen, zu dem jetzt eifrig gewallfahrtet wird. Ain-Mahdy, etwa so gross wie Tadjmut, ist für eine Araber-Stadt gut befestigt, denn die krenelirte Ringmauer ist, wie auch die meisten Häuser, von Steinen aufgeführt. Es hatte seiner Zeit einen harten Angriff Abd-el-Kader's auszuhalten, der sich des dem Scherif gehörigen Landhauses bemächtigte und das Wasser, welches von dort aus die Stadt versorgt, abschnitt. Er beschoss die Stadt auch mit Kanonen, konnte derselben aber doch nicht Herr werden. Mit dem Falle Abd-el-Kader's und nach der Einnahme von Laghuat erkannten die Bewohner von Ain-Mahdy freiwillig die Französische Herrschaft an, das Beste, was sie thun konnten. Die Bewohner zeichnen sich durch Reinlichkeit aus und ihre Gesichtszüge sind schöner als bei den Bewohnern der umliegenden Ksar. Morgen werde ich den Djebel Amur betreten, wo der erste Ksar, den ich antreffe, Reischach !) heisst. Reischach, den 18. Septbr. – In Ain-Mahdy habe ich dennoch zwei Empfehlungsbriefe erhalten, einen für Timimun und einen anderen an einen Tuareg-Häuptling. Der Weg hierher ist entsetzlich oder vielmehr es existirt gar kein Weg, man hat eine Kette des Djebel Amur zu übersteigen, wo die Maulthiere kaum fortkommen können. Reischach ist eine schöne Oase, wegen der bedeutenden Höhe hat sie zwar keine Datteln, aber Trauben, Pfirsiche und Feigen sind im Überfluss vorhanden und ich schwelge alle Tage in diesem herrlichen Obste. In Tadjmut und Ain-Mahdy fängt man an, Baumwolle zu ziehen, die, wie ich mich selbst überzeugt habe, ausgezeichnet geräth, hier gedeiht sie wegen des kalten Klima's nicht, dagegen zieht man hier ausgezeichnete Kartoffeln. Reischach ist ferner berühmt wegen der Schönheit seiner Frauen und ihrer Leichtsinnigkeit, die wohl daher rühren mag, dass früher ein Bureau arabe hier bestand. Tauielah, den 19. Septbr. – Ich muss mich, nach der Kälte zu urtheilen, beinahe 1500 Meter über dem Meeresspiegel befinden. Mein Thermometer erreicht nie mehr als 20° des Nachmittags und die Nächte sind ordentlich kalt. Hier muss das Klima dem in Nord-Deutschland ähnlich sein, nur dass die intensive Hitze der Juli- und Augustsonne noch Feigen und Pfirsiche zur Reife bringt. Wein wird wenig mehr gezogen, die Kartoffeln, und der Mais gedeihen als zweite Ernte ausgezeichnet. Die Oase hat ein blühendes Aussehen und wird durch zwei starke Quellen reichlich ernährt, der Ort selbst sieht aber armselig aus, die Häuser sind roh und schlecht gebaut. Der Kaid empfing mich wie gewöhnlich zuvorkommend, einige Bewohner aber, die meine Europäische Reisetasche

!) Richa der Französischen Karten. A. P.

auffallend fanden, schienen ihm Zweifel an meiner DeutschTürkischen Herkunft einzuflössen und trotz meines Empfehlungsbriefes verlangte er meine „Karta" zu sehen, wie die Eingebornen eine Art Passkarte nennen, welche das Bureau arabe ihnen im Reisefall ausstellt. Ich glaubte Anfangs, er wolle scherzen, und erklärte ihm, ich besässe keinen Pass, da ich aber sah, dass er es ernstlich und amtlich meinte, präsentirte ich ihm mein gestempeltes Hospital-Billet von Laghuat. Sobald er den blauen kaiserlichen Adler sah, fand er sich vollkommen beruhigt und die Grösse des Zettels und die vielen gedruckten Linien schienen ihm noch einmal so viel Respekt einzuflössen als eine gewöhnliche Passkarte. Rassul, den 25. Septbr. – Von Reischach bis hierher bin ich mit einer Karawane der Uled-Sidi-Scheich gereist und habe die Dörfer Homeida und Boalam) passirt, ohne jedoch einzukehren, weil die Karawane immer in den Duar anhielt, die hier sämmtlich von den Marabuts der Uled-SidiScheich bewohnt sind. Ihre Zelte zeichnen sich dadurch aus, dass oben auf der Spitze drei Straussenfederbüsche angebracht sind, etwa in der Art, wie man sie auf Wappenhelmen sieht. Erblickt man von Weitem die drei Federbüsche, so kann man sicher sein, dass die Zelte den Uled-Sidi-Scheich angehören. Es ist diess der verbreitetste Stamm in diesem Theil der Wüste, ihre Duar erstrecken sich bis weit südlich von Golea hinaus. Ihr angestammter Herrscher ist Sidi Sliman - ben.-Hamsa, dessen Vater sich den Franzosen freiwillig unterwarf und die BaschaghaWürde empfing. Sidi Sliman-ben-Hamsa residirt als echter Wüstensohn bald hier, bald da in seinem grossen Zelt, für den Augenblick ist er in Abiod Sidi Scheich, einer kleinen Stadt, wo seine Vorfahren begraben liegen und wo sie eine Sauija gegründet haben. Übermorgen werde ich bei ihm sein. Arba-taschtani, den 2. Oktober. – Durch die Umstände gezwungen musste ich länger, als ich wollte, in Rassul bleiben. Auf dem Wege fand ich in Keragheda keinen Menschen, der mich bis hierher geleiten wollte, die gesammte männliche Bevölkerung, mit Ausnahme eines Greises und eines eben erst gekauften, aus dem Sudan gekommenen Sklaven, war auf Reisen, ich sah mich also genöthigt, wieder nach Rassul zurückzukehren und daselbst

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ich allein gewesen wäre. Dabei war es so kalt, dass mein Thermometer auf 13° C. sank. Endlich erreichten wir gegen 2 Uhr Nachmittags Keragheda. Um mich zu er"wärmen, war ich abgestiegen, aber alle meine Kleider waren triefend nass, und als die Leute noch weiter ziehen wollten, widersetzte ich mich entschieden; da auch keine Aussicht war, dass der wolkenbruchähnliche Regen nachliess, so gaben sie nach und wir vertheilten uns in die verschiedenen Häuser und Zelte. Keragheda ist ein zerstörtes Dorf, aus drei den Einfall drohenden Häusern und neun zerrissenen Zelten bestehend. Ich wurde beim Kaid, der Bu-kabodja (Vater der Melonen) hiess, einlogirt. Er hatte sein Zelt in der Mitte des Stromes aufgeschlagen, der fast das ganze Jahr hindurch ohne Wasser ist, gegen Abend jedoch schwoll er an, das Wasser trat in der Nacht bis an unser Zelt und ich fürchtete alle Augenblicke, dass es ins Zelt selbst eindringen werde, doch verlief es sich bis zum Morgen wieder, da schon am Abend der Regen aufgehört hatte. Wir waren die ganze Nacht auf einer kleinen Insel von 20 Fuss Durchmesser gewesen. Am Abend langten wir in Arba-taschtani an, das nur eine halbe Tagereise von Abiod Sidi Scheich entfernt ist, und ich würde schon heute dahin aufgebrochen sein, wenn mich nicht meine linke grosse Zehe an jeder Bewegung verhinderte. Ob der Regen oder die Kälte die Schuld trägt, genug, sie ist angeschwollen und verursachte mir gestern einen solchen Schmerz, dass ich, der ich doch eine gute Portion Schmerzen ertragen kann, mich kaum zu retten wusste. Die Leute wollten Henna auflegen, die Zehe mit Feuer brennen oder sie in heisses Wasser stecken, ich liess mich aber auf alles diess nicht ein, sondern bereitete mir etwas Eau sédative d'après Raspail und heute ist es bedeutend besser. Ich denke morgen in Abiod Sidi Scheich zu sein und werde von dort einen Boten mit diesen Zeilen nach Geryville schicken, das 2 Tagereisen nördlich von hier liegt. Abiod Sid Scheich, den 5. Oktober. – So eben bin ich hier angekommen. Sidi Sliman ist nicht hier, er kehrt erst heute Abend zurück, daher weiss ich noch nicht, wann ich weiter reisen werde. Hier liegt die Grosse Wüste vor mir, der erste Schritt nach Timbuktu hin ist also gethan. Welche Freude, wenn ich als erster Europäer von Algerien aus nach dem Senegal komme! So viele Schwierigkeiten mir bevorstehen, ich werde sie überwinden. Mein Fuss bessert sich auch bedeutend, doch wird mir das Gehen noch ein wenig schwer. In Arba ward ich recht gastfreundlich vom Kaid bewirthet, jedoch habe ich auf seinem Teppich eine Legion Läuse aufgerafft, welche die schon vorhandenen verstärkten; ich habe ihnen jedoch einen argen Streich gespielt, indem ich die Taschen und Nähte mit Kampfer einrieb.

Gestern Abend kam ein ungeheurer schwarzer Skorpion auf mich losgerückt, ich hatte fast Angst, als ich ihn mit meinem Stock durchbohrte und er seinen krummen Schwanzstachel in denselben trieb. Da er so ungewöhnlich gross war, maass ich ihn und fand seine Länge zu 8,4 Centimeter. Die Leute betrachteten es als eine glückliche Vorbedeutung, dass ich ihn getödtet hatte. Ich habe mich hier noch nicht umgesehen, sondern warte die Rückkehr Sidi Sliman's ab, so viel kann ich jedoch sagen, dass Abiod Sidi Scheich aus zwei grösseren und drei kleineren, auf Steinwurf-Weite von einander liegenden Dörfern besteht. Von Gärten ist kaum eine Spur vorhanden, da das Wasser mangelt, nur einige hundert Palmen beleben die Scene etwas. Die Umgegend ist flach und steinicht. Im Norden sieht man die Gebirgszüge von Arba, nach Süden zu eine endlose Ebene. Den 15. Oktober. – Ich bin vollkommen wohl und hinlänglich kräftig, um die Reise zu unternehmen, aber mein Aufbruch von hier hat sich verzögert. Sidi Slimanben-Hamsa, der heute Morgen über Geryville nach seinem Duar abgereist ist, hatte mir Empfehlungsbriefe selbst bis Timbuktu versprochen. Da ich nun schon bezweifelte, dass er Verbindung mit dieser Stadt habe, so fragte ich ihn denn, an wen er mich adressiren wolle. Er erwiderte: „An den Scheich", ohne jedoch den Namen desselben zu wissen. Als er am folgenden Tage den Namen Ahmed-el-Bakay von mir hörte, sagte er, dass er mir an diesen Mann, welcher Dr. Barth's Beschützer in Timbuktu war, einen Empfehlungsbrief geben wolle. Unglücklicher Weise lebt aber El-Bakay gar nicht mehr, sondern ist voriges Jahr von Hadj Omar, der sich Timbuktu's bemächtigt hat, getödtet worden; so berichteten wenigstens die Draui. Sidi Sliman ist Araber im echten Sinne des Wortes, lügenhaft, prahlerisch und geldgierig. So stieg er denn auch heute Morgen zu Pferde, ohne mir nur einen einzigen von den vielen versprochenen Empfehlungsbriefen gegeben zu haben, und als ich ihn danach fragte, schlug er sich vor die Stirn und erwiderte, es ganz vergessen zu haben. Schon darauf vorbereitet, hatte ich indess einen Brief an den Kommandanten von Geryville geschrieben, um ihn durch diesen zu

zwingen, mir wenigstens Empfehlungen für Tuat und Gu

rara zu schreiben, allwo er Besitzungen hat. Gestern war ich mit ihm auf der Jagd, wo mit Falken einige Hasen und kleine Wüstenrebhühner erlegt wurden, die Sache war aber langweilig und auch anstrengend für mich, denn mein Pferd – ich ritt das des Kaid, seines Oheims – ging zwei Mal mit mir durch. Später wollte Sidi Sliman mir zeigen, dass er auch ackern könne, und stellte sich an einen Pflug, ich sah aber bald, dass diese Arbeit ihm eben so ungewohnt war als mir; ein vornehmer Araber will aber Alles können und wissen. Ich bewohne jetzt seine beiden Zimmer, die er im Hause des Kaid Djedid inne hatte. Der ganze Ort ist auf, ihn zu begleiten, auch der Kaid, und ehe er den Ort verliess, betete er in mehreren der kleinen Tempel seiner Vorfahren, namentlich in dem Sidi Scheichs, und sprengte dann mit seinen Gumm (unregelmässige Reiterei) zwei Mal vor dem Grabmal dieses Marabuts vorbei, im Laufen die Flinten abfeuernd. Mittlerweile ist die Karawane für Gurara aufgebrochen und ich werde nun wohl die grosse abwarten, die alljährlich vom Tell nach Gurara sich begiebt, um gegen Korn, Wolle u. s. w. Datteln einzutauschen. Den 16. Oktober. – Heute Morgen um 5 Uhr stand das Thermometer unter 9° R. Des Morgens ist es jetzt meistens kühl, bei Tage aber herrscht noch bedeutende Hitze, welche durch den fast immer wehenden Samum erhöht wird. Auch die Abende sind kühl, doch noch zu warm, um Feuer im Kamin zu gestatten. Die frostigen Wüstenbewohner unterlassen es aber nicht, jeden Abend in meinem Zimmer, das eine Art von Kamin besitzt, ein Feuer anzuzünden. Da kauern sie sich denn so dicht wie möglich davor und erzählen sich unglaubliche Dinge. Das Kamin ist durch die Franzosen bis hierher eingeführt, während man in dem sonst viel luxuriöseren Fes eine solche Einrichtung vergebens suchen würde. Meine Bücher bringen mich in den Ruf eines grossen Gelehrten oder Thaleb und alle Augenblicke kommt Jemand, um ein Amulet geschrieben zu haben oder über sein künftiges Loos Etwas zu erfahren u. s. w. Auch einige medizinische Praxis habe ich, doch will ich meine Medikamente hier nicht verbrauchen, da sie mir später bessere Dienste leisten können. Die Aufregung, die mein

Hiersein unter der Bevölkerung hervorgerufen hat, fängt

an sich zu legen. Man gewöhnt sich daran, mich als einen Muselmann zu betrachten, während man Anfangs daran zweifelte. Die Leute bringen mir Früchte, Melonen, Pastinaken und andere, gewissermaassen zur Belohnung dafür, dass ich zum Islam übergetreten sei. Wie sie mich zerreissen würden, wüssten sie den Grund meiner Reise! Den 18. Oktober. – Bis zum 11. November werde ich wohl hier bleiben oder vielleicht noch einige Tage länger, da man um diese Zeit die Karawane für Gurara aus dem Tell hier erwartet. Bei dem Kaid Djedid -ben-Naimi, in dessen Haus ich jetzt logire und der, obgleich nicht viel älter als Sidi Sliman, dessen Grossonkel ist, habe ich schon ein Mal eine Nacht zugebracht, als ich von Marokko zurückkam. Damals lebte er in seinem grossen Zeltlager, wo auch jetzt seine Heerden sich befinden, während er mit seiner Familie den Winter in seinem Hause zubringt. Der älteste Sohn, der 20 Jahre alt sein mag, ist bereits verheirathet und Vater eines Töchterchens. Zwischen ihm und seinem

Neffen Sidi Sliman-ben-Hamsa gab es neulich eine hübsche Scene. Er hatte diesen nämlich auf seiner Tour nach Schellala begleitet und auf dem Rückweg in irgend einem Duar einen Esel gestohlen oder erpresst. Am anderen Morgen, als wir gerade beim Kaffee sassen, fanden sich die Eigenthümer klagend ein und der Baschagha Sidi Sliman-ben-Hamsa, sein Neffe, befahl ihm, den Esel herauszugeben oder zu schwören, dass er ihn bezahlt habe. Da schwur er denn bei dem Haupte Abd-el-Kader-ben-Mohammed's, eines ihrer Vorfahren, dass er dem Eigenthümer 35 Francs gegeben habe; bald darauf aber überwies ihn sein Neffe, dass er falsch geschworen, und liess den Esel zurückgeben. Dabei blieben sie aber ganz gute Freunde, denn ein falscher Eid ist bei den Arabern so wenig, als wenn bei uns Jemand unterlässt, seinem Freunde guten Tag zu bieten. Im Hause selbst scheint eine unordentliche Wirthschaft zu herrschen, denn bald erhalte ich mein Frühstück ganz früh Morgens, bald, wie heute, um 4 Uhr Nachmittags. Die Kost ist mager, heisses auf Stein gebackenes Brod, el-schabs genannt, und Morgens und Abends Kuskus. So lange der Baschagha hier war, gab es Kaffee und Fleisch, seitdem hat diess aber aufgehört. Den 19. Oktober. – Heute hat mir der Kommandant von Geryville wieder sehr freundlich und verbindlich geschrieben und mir sämmtliche Gegenstände, die mir noch fehlten, auf meinen blossen Wunsch hierher geschickt, wie einen recht warmen Burnus, ein Kilogramm Kaffee, Zucker, einige Kleidungsstücke, Tabak, Medikamente u. s. w. Er schreibt mir nicht einmal, wie viel es kostet. Ich möchte ihn gern persönlich kennen lernen, aber obwohl ich Zeit genug hätte, nach dem nur 2 Tagereisen nördlich von hier gelegenen Geryville zu reiten, so verbietet meine Lage mir zurückzukehren. Der Kommandant schickte mir auch einen warmen Empfehlungsbrief für den Kaid Djedid und nun steht Alles im Hause zu meinen Diensten. Ich schwelge bei einer Tasse Kaffee und einer Cigarette, Dingen, die ich schon bis St.-Louis aufgegeben hatte !).

!) Herr J. Lehmann, Redacteur des „Magazin für die Literatur des Auslandes", hatte die Güte, uns folgende Berichtigung in Bezug auf die von G. Rohlfs in „Geogr. Mitth." 1863 S. 362 mitgetheilte Inschrift über dem Thore von Agadir zuzustellen: „Die Inschrift enthält nicht, wie der Reisende meint, in erster Reihe einen Namen, sondern das Ganze ist eine holländische Übersetzung des Bibelverses: Fürchtet Gott und Ehret den König. „Hätte sich Herr Rohlfs an einen der jüdischen Bewohner Agadir's mit seiner Frage um Auskunft gewandt, so würde ihm diese wohl geworden sein, da jener alttestamentliche Bibelspruch wahrscheinlich von einem Holländisch-Spanischen Juden herrührt. Auch die Juden in Marokko sind nämlich von Spanischer Abkunft und standen im 17. und 18. Jahrhundert mit ihren Glaubensgenossen in Holland in vielfacher socialer und geschäftlicher Verbindung. Namentlich gab es vor 150 Jahren viele jüdische Konsuln Hollands in der Berberei. In Tarudant besitzen die Juden Spanischer Abkunft ebenfalls eine alte Synagoge und Schule."

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Produktion und Handel Von Chorassan“).

Obgleich vor etwa 25 Jahren die westlichen Distrikte Simnan, Damghan und Schahrud-Bastam von Chorassan abgetrennt worden sind, bildet letzteres doch noch die grösste Provinz Persiens, seine Bewohnerzahl kann man auf etwa 1.500.000 anschlagen, und zugleich könnte sie zur produktivsten gemacht werden, wenn sie es nicht schon ist. Die prächtige Strasse von Mesched nach Teheran, die nur in ihrem nördlichsten Theile zwischen Schahrud und Mesinan von den Turkomanen beunruhigt wird, erleichtert den Transport ausserordentlich und die unsichere Strecke könnte durch Errichtung einiger mit Reiterei besetzter Dörfer leicht geschützt werden. Mesched ist der grosse Markt für Europäische Waaren, welche von da nach Afghanistan, dem Turkomanen-Land und Buchara gehen; sie geben /s in Münze oder Waare ab. Baumwollenstoffe werden in Mesched sehr schön gedruckt, auch ist daselbst eine gute Shawl-Fabrik, welche 11 pence Steuern per Stück bezahlt. Der Boden der Umgegend ist ausserordentlich fruchtbar, er trägt gutes Getreide und ausgezeichnetes Obst. Wein von bester Qualität könnte bereitet werden, da die Trauben an diesem Orte sich ganz besonders hierzu eignen. Bis vor 200 Jahren war Nischapur die Hauptstadt von Chorassan und Stadt wie Umgegend muss einst dicht bevölkert gewesen sein, jetzt zählt sie nur noch 10.000 Einwohner. Auch dort ist der Boden sehr fruchtbar, es wird vortreffliche Baumwolle producirt, und da es nicht an Wasser fehlt, könnte ihr Anbau sehr ausgedehnt werden. Die Methode der Kultur, Ernte und Reinigung der Baumwolle ist in Chorassan noch möglichst schlecht und dennoch findet das Produkt einen günstigen Markt in Russland und anderen Nachbarländern. Man ist daher zu der Ansicht berechtigt, dass in Chorassan Baumwolle gezogen werden kann, die jeder ausser der Sea Island gleich steht, und der Boden ist auf grosse, jetzt wüste Strecken so gut geeignet für diese Kultur, dass die gegenwärtig 3 Millionen Pfund betragende Menge der zu exportirenden Baumwolle leicht bis zu jedem beliebigen Betrage gesteigert werden könnte. Am besten ist die zu Nischapur und Kain gezogene, am geringsten die von Sebsewar. Der gewöhnliche Preis gereinigter Baumwolle in Chorassan ist 1 pence per Pfund, die Abgaben betragen 4 pence per Pfund, der

!) Aus einem Bericht des Britischen Legations-Sekretärs zu Teheran, E. B. Eastwick, an Earl Russell vom 2. Februar 1863 in: „Reports by H. M.'s Secretaries of Embassy and Legation, on the manufactures, commerce, etc., of the countries in which they reside. Nr. 6. London 1863''.

Transport von Nischapur zum Aschuradeh-Hafen am Kaspischen Meer etwa 1 penny per Pfund, so dass der Artikel an dem Platze, von dem er zu Wasser bis nach England gebracht werden kann, 2 pence per Pfund kostet. Das grösste Hinderniss für einen vermehrten Transport liegt darin, dass es in der Gegend von Nischapur und Sebsewar nur eine beschränkte Anzahl von Kameelen und Maulthieren giebt, welche die Baumwollenballen nach dem Kaspischen Meere tragen müssen; würden aber die Lastthiere bedeutend vermehrt, so müsste man eine viel grössere Menge Getreide zur Fütterung bauen. Das Zweckmässigste wäre daher, eine Schienenbahn nach Amerikanischem System von Gez am Kaspischen Meere bis Sebsewar anzulegen, die mit Pferden betrieben werden könnte und nicht mehr als 240.000 Pfd. Sterling kosten würde. Ausser Baumwolle sind die Hauptexport-Artikel Chorassans Wolle, Häute, Metalle, Edelsteine, andere Mineralien und getrocknete Früchte. Die Wolle aus Chorassan steht auf den Indischen Märkten höher im Preis als die von Indien oder Sindh, sie verkauft sich in Mesched gewöhnlich zu 3 pence das Pfund und zahlt wie die Baumwolle / penny per Pfund Steuer. Bedeutende Quantitäten könnte man aus dem TurkomanenLande beziehen, seit 12 Jahren ist jedoch der Weg nach Merw den Persischen Händlern verschlossen. Unter den Häuten sind die wichtigsten die berühmten Lammfelle von Buchara, welche seit einigen Jahren über Herat nach Mesched eingeführt werden, weil der Weg nach Merw verschlossen ist. Diese Lammfelle zahlen zu Mesched 4 shilling 7 pence Steuer auf jedes Packet von 10 Stück. Sie finden leicht Absatz in Persien, da sie zu den nationalen Hüten und zur Einfassung der Winterkleider gebraucht werden, und verkaufen sich zu 5 bis 15 shilling per Stück. Die theuersten sind die „karpak" genannten, von denen 10 Stück 7 Pfd. St. kosten und die von vorzeitig geborenen Lämmern herkommen. Wie man sagt, werden die Mutterschafe einen Monat vor der Zeit der Geburt in kalter Nacht etwa 1 Stunde weit getrieben und dann plötzlich in einen sehr warmen Stall gebracht, wobei der Temperaturwechsel die Frühgeburt veranlasst. Ein Hut aus solchen Häuten kostet fast 10 Pfd. Sterl., da nur ausgesuchte Theile der besten Häute dazu verwendet werden. Gewöhnliche Sorten sind die „abguli" und die „jan-i-farih", wovon die ersteren wieder in eine geringere, mittlere und bessere Klasse eingetheilt werden. Die Qualität der Häute wechselt mit den Jahren, besonders gut gerathen sie, wenn der Winter in Buchara ungewöhnlich kalt ist. Ausser Lammfellen werden auch Pelzmäntel aus Kabul nach Mesched gebracht und zahlen dort 2 sh. 4 p. Steuer. Wenn die Strasse von Herat her offen ist, werden etwa 50.000 Fuchs- und 2- bis 4000 Marder-Felle jährlich von Chorassan nach Westen ausgeführt. Die ersteren kosten in Mesched 1 bis 2 sh. das Stück, die letzteren 4 bis 6 sh. In Russland verkauften sich dieses Jahr die Fuchsfelle aus Chorassan zu 4 sh., die Marderfelle ebendaher zu 12 sh. das Stück. Chorassan ist reich an Blei, Eisen, Kupfer, Antimon, Kohlen, Marmor, Alabaster, Schwefel und Steinsalz. Auch Silber kommt vor und etwa 20 Engl. Meilen westlich von Mesched ist es seit den letzten 12 Jahren bergmännisch gewonnen worden. Goldkörner finden sich in einigen Flüssen. Von allen Bergwerken liegen die auf Kupfer für den Handel am bequemsten, einige sind dicht an der grossen Strasse zwischen Teheran und Mesched. Gegenwärtig bearbeitet ein intelligenter Kaufmann in Schahrud Kupferminen bei Zaidah, wenige Meilen von Meiamei, der ersten Station östlich von Schahrud. Das Erz ist dort sehr rein. Er zahlt den Bergleuten 5 pence täglich und verkauft das Kupfer 7 Pfund zu 8 sh. 3 p., so dass er an jedem Pfund 1 sh. reinen Gewinn hat. Hier wie in allen anderen Metallminen Persiens wird der Gewinn durch den Mangel an gut gebauten Öfen bedeutend geschmälert. Kohlenminen giebt es ohne Zweifel in der ganzen 800 Engl. Meilen langen Bergreihe von Rescht bis Mesched. Die für den Bedarf des Arsenals zu Mesched bearbeitete liegt ungefähr 24 Engl. Meilen von dieser Stadt. Ausgezeichneter Salpeter kommt überall in Chorassan an der Oberfläche in Menge vor. Der in der Pulverfabrik zu Mesched verwendete kommt von Tahat Chan, etwa 28 Engl. Meilen nördlich von der Stadt. Er wird zwei Mal an Ort und Stelle gereinigt und verkauft sich dann auf dem Markt zu Mesched zu 10 sh. der Centner. Für die Pulver-Fabrikation ist er jedoch noch nicht rein genug, dazu muss er noch drei bis vier Mal gereinigt werden und giebt dann ungefähr 65 Prozent reinen Salpeter. Die in der Fabrik gebrauchte Holzkohle wird aus der Weissen Weide gebrannt. Schwefel findet sich in Menge in allen Bergen bei Mesched und innerhalb 5 Engl. Meilen von der Stadt. Ungereinigt kostet er 1 penny per Pfund, beim Reinigen giebt er nur 30 Prozent Schwefel. Das in Mesched fabricirte Pulver steht dem besten Englischen gleich oder übertrifft es noch. Die Fabrik liefert jetzt 700 Pfund in 36 Stunden, soll aber nächstes Jahr bedeutend erweitert werden, so dass sie drei Mal so viel liefern kann. Bei Schandiz, 20 Engl. Meilen von Mesched, hat man begonnen, einen Steinbruch von gelblich-weissem Marmor auszubeuten, und der Prinz-Gouverneur wird 100 Kameel

ladungen davon nach Teheran schicken, um ihn bei seinem neu zu bauenden Hause zu verwenden. Er gleicht dem bei Jezd gewonnenen. Eine ausgezeichnete Bleigrube, deren Erz 60 Prozent reines Metall enthält, findet sich 16 Engl. Meilen von Ahuwan zwischen Simnan und Damghan. Die hauptsächlichsten in Chorassan vorkommenden Edelsteine sind Karfunkeln und Türkisen, mit beiden wird lebhafter Handel getrieben. Der Pächter sämmtlicher Edelsteingruben Chorassans zahlte voriges Jahr gegen 7000 Pfd. St. Pacht und musste ausserdem Geschenke an einflussreiche Personen im Werth von 3000 Pfd. St. machen und doch hat er noch bedeutenden Profit. Aus den Türkis-Gruben allein wurden für fast 20.000 Pfd. Sterl. Steine gewonnen, wenn auch nicht alle verkauft. Gegenwärtig ist ihre Bearbeitung theilweis sistirt, weil sich die Gruben mit Wasser gefüllt haben. Der Schah besitzt einen kegelförmigen Türkis von ungefähr 1 Zoll Durchmesser, dessen Werth auf mehr als 20.000 Pfd. Sterl. veranschlagt wird, doch sind Türkisen selbst nur von 500 Pfd. Sterl. Werth schon sehr selten. Der Stein ist sehr geschätzt, besonders wenn sich die Farbe dem Indigo nähert, wogegen hellere Schattirungen nicht in Ansehen stehen. Ein gewinnreicher Handel liesse sich mit Saphiren und Smaragden treiben. Diese Steine kauft man in Chorassan zu einem Preis, der volle 50 Prozent Gewinn in Europa erlaubt. Sehr hoch geschätzt sind in Persien die „lal" genannten Topase von dunkel-rosenrother Farbe und stehen so im Preise, dass der Europäische Importeur 200 Prozent gewinnen würde. Getrocknete Früchte kann man aus Chorassan in jeder beliebigen Menge beziehen. Der Zoll beträgt nur 1 sh. 4 p. für die Kameelladung. Hauptsorten sind Feigen, Pflaumen, Rosinen, Aprikosen, Jujuben und Mandeln, alle ausserordentlich billig. So kann man vortreffliche Rosinen in Turschis für weniger als 1 penny das Pfund haben. Grosse Massen werden nach Russland exportirt. Die AskariyaTraube eignet sich vorzüglich zur Champagner-Fabrikation. Der Tabak ist in Chorassan von geringer Qualität, wahrscheinlich wegen der Art seines Anbaues. Tebes allein producirt einen besseren, wegen seines Parfums sehr beliebten Tabak, der mit dem Schiras gemischt wird, um das Aroma zu erhöhen. Der Weizen von Chorassan ist gut und 700 Pfd. werden in Mesched mit 13 sh. bezahlt. Gerste kostet 8 sh die gleiche Quantität. Aus Mangel an Nachfrage wird kein Getreide ausgeführt, ausser in Chorassan selbst könnte man aber aus Seistan die grössten Quantitäten beziehen, denn dort wird so viel mehr gezogen als verbraucht, dass das Getreide kaum irgend einen Preis hat. Die Strasse von Mesched nach Seistan ist 476 Engl. Meilen lang und geht über folgende Orte:

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