Page images
PDF
[blocks in formation]

I. Abschnitt: Von Algier über Laghuat bis Abiod Sidi Scheich, August bis Oktober 1863.

Die schweren Opfer, welche die Erforschung von InnerAfrika im vergangenen Jahre abermals gefordert hat, der noch frische Schmerz über den Tod des tüchtigen Steudner, welcher dem tückischen Klima der wasserreichen Heiden

Länder weit südlich von Darfur erlag, und des kühnen,

energisch vorwärts dringenden v. Beurmann, der an der Westgrenze des mohammedanischen Wadai hingemordet wurde, lassen nur mit Bangen an das Schicksal der muthigen Männer denken, die, von mächtigem Forscherdrange beseelt, trotz aller warnenden Beispiele in die gelichtete Reihe der Afrikanischen Reisenden eintreten, um an der grössten geographischen Aufgabe der Gegenwart mitzuarbeiten. Immer nur Einzelnen unter Vielen ist es gelungen, ein bedeutenderes Stück des grossen Afrikanischen Kontinentes der Wissenschaft zu erobern, bei weitem die Meisten wurden nach kurzem Kampfe zurückgeschlagen oder büssten ihre edle Kühnheit mit dem Tode und selbst die wenigen Auserwählten konnten selten das zuerst erstrebte Ziel erreichen, fast immer wurden sie nach anderen Gegenden verschlagen. Handelt es sich nun vollends um eine Reise nach Timbuktu, so werden die Besorgnisse noch durch den gefahrdrohenden Umstand erhöht, dass sich jene berühmte Stadt gegenwärtig in der Gewalt des fanatischen Hadj Omar, des erbitterten Franzosen-Feindes, befinden soll, von welchem einem aus Algerien kommenden Europäer das Schlimmste bevorsteht. War es doch schon vordem ein waghalsiges Unternehmen, die Stadt zu betreten. Der ritterliche Major Laing, der einzige Europäer, der von Norden her nach Timbuktu gelangt ist, nachdem er unterwegs von Tuareg angefallen und beinahe erschlagen worden, musste, von den Fulbe ausgewiesen, die Stadt schon nach kurzem Aufenthalt (18. August bis 22. September 1826) wieder verlassen und fiel wenige Tage darauf durch die Hand des ihn Geleitenden; welchen ernsten Gefahren von Seite derselben Fulbe aber Dr. Barth ausgesetzt war, so lange er in Timbuktu weilte, ist aus seinem Werke hinlänglich bekannt. Wir können daher unseren wackeren Deutschen Landsmann, Herrn Gerhard Rohlfs aus Vegesack, nur mit bangen Gefühlen auf seinem gefahrvollen Wege nach Timbuktu begleiten; ob er einer der wenigen Auserwählten sein wird? ob er zurückweichen muss oder gar die schon ohnehin

so grosse Zahl der Opfer vermehren wird? Diess liegt in Petermann's Geogr. Mittheilungen. 1864, Heft I.

der Hand der Vorsehung. Kühn und doch besonnen zugleich schreitet er vorwärts. Schon ein Mal war er dem Tode nahe, als er in der Marokkanischen Sahara von seinem Führer meuchelmörderisch im Schlafe überfallen und mit Wunden bedeckt hülflos liegen blieb, bis nach mehreren Tagen barmherzige Marabuts ihn retteten, die gekommen waren, den vermeintlich Todten zu beerdigen. Noch ist sein linker Oberarm, dessen Knochen damals durch einen Schuss zerschmettert wurde, nicht vollständig geheilt, aber Muth und Selbstvertrauen sind geblieben und die überstandenen Gefahren werden seine Vorsicht erhöhen. Ein langer Aufenthalt in Marokko und Algerien, die Reise durch die Marokkanische Sahara im J. 1862) haben ihn mit dem Orientalischen Leben, mit Sprache und Sitte vertraut gemacht, er ist kein Neuling, Erfahrungen aller Art, Gewöhnung an Strapazen, Ungemach und Entbehrungen sind seine wichtigen Bundesgenossen und die rühmliche Munificenz des Senats der Freien Stadt Bremen hat es ihm möglich gemacht, sich gut auszurüsten. Sein Unternehmen ist daher, so weit seine Persönlichkeit in Betracht kommt, nicht ohne Aussicht auf Erfolg: möchte es ihm gelingen, die schwierige Aufgabe durchzuführen, als erster Europäer von Algerien über Timbuktu nach dem Senegal sich durchzuschlagen und nicht nur den Preis, den die Geographische Gesellschaft zu Paris auf diese That gesetzt, zu erringen, sondern vor Allem den daran geknüpften hohen Ruhm zu erkämpfen! Gerhard Rohlfs hat im August 1863 von Algier aus seine Reise nach Timbuktu angetreten, die letzten uns zugekommenen Nachrichten datiren vom 19. Oktober aus Abiod Sidi Scheich südlich von Geryville, wo er bei längerem Aufenthalt seine Ausrüstung vervollständigte. Bis dahin hat er nicht Gelegenheit gehabt, neuen Boden zu betreten, aber sein Tagebuch enthält doch schon Manches von Interesse, sowohl über Land und Leute im westlichen Theile der Algerischen Sahara als über seine eigenen Verhältnisse und Aussichten in Bezug auf die bevorstehende grosse Reise. Wir drucken daher das Tagebuch, so weit es uns bis jetzt zugegangen ist, mit wenigen Kürzungen hier ab. Karavanserail Ain-Assera, den 29. August 1863. – So bin ich denn unterwegs und schon über 200 Kilometer

[ocr errors]

von Algier entfernt. Ich fange mein eigentliches Tagebuch noch nicht an, da diese Gegend eben so wie die BeniMzab, die ich noch durchlaufen werde, hinlänglich durch Französische Reisende bekannt sind, sondern will nur Einzelnes erzählen. Den letzten Abend in Algier sprach ich noch mit Herrn Berbrugger, er meinte, es müsste mich Jemand bei Martimprey angeschwärzt haben, sonst könne er es sich nicht erklären, dass mich derselbe ohne Staatsunterstützung ziehen lasse. Doch es ist mir so fast eben so lieb, mein Verdienst wird um so grösser sein, und wenn ich mit vielem Gepäck die Strasse gezogen wäre, auf der ja vorher Major Laing umgekommen ist, so stände mir vielleicht ein gleiches Schicksal bevor; unscheinbar aber, wie ich reise, glaube ich Nichts zu befürchten zu haben. Der Weg bis Boghar über Blidah und Medeah ist sehr schön, immer bewaldetes Gebirge. Medeah, dem Umfang nach so gross wie Milianah, liegt sehr hoch und es war denn auch recht frisch, als ich am Morgen nach meiner Ankunft um 5 Uhr aufwachte, das Thermometer zeigte 13° R. Ich stellte mich mit einem Empfehlungsbriefe dem General vor, der mich sehr zuvorkommend empfing und mir einen Empfehlungsbrief an den Commandant supérieur in Laghuat schrieb. Boghar, ein alter kleiner Arabischer Ksar (aus Steinen gebautes Städtchen oder Dorf), das hoch oben auf einer Bergkuppe liegt, hat sich recht durch die Franzosen gehoben, wegen seiner vortheilhaften Lage hat es beständige militärische Besatzung und so sieht man jetzt über den alten grauen Arabischen Mauern schöne Europäische Häuser hervorragen. Die Gegend ist schrecklich öde, über Boghar hinaus gegen Süden fängt die Kleine Wüste an, die in jeder Beziehung einförmiger und unfruchtbarer als die Grosse ist, eben so ist sie, weil aus einem Hochplateau bestehend, bedeutend ärmer an Wasser. Die Grosse Wüste nimmt, wenn man von Algier aus südwärts geht, mit Laghuat ihren Anfang. Die Leute wissen nicht, was sie aus mir machen sollen. In Blidah war ich im Hôtel Périgord abgestiegen, und als ich mich. Abends zu Tische setzte, kam die Wirthin und fing folgendes Gespräch mit mir an: „Pardon, der Herr ist dem Aussehen nach doch kein wirklicher Araber?" – „In der That, nein." – „Warum haben Sie denn Ihre Haare abgeschoren und tragen Araber-Tracht?" – „Weil mir das wegen des Klima's besser gefällt.“ – „Der Herr sind der Aussprache nach Engländer." – „Um Verzeihung, nein." – „Da weiss ich wirklich nicht, wenn Sie kein Franzose sind, wer Sie sind." – „Wünschen Sie meinen Pass zu sehen, Madame?” – „Mein Gott, nein, Sie sind aber jedenfalls ein Engländer." Damit ging sie hinweg. Unterwegs hielten mich die Franzosen oft für einen Spahi, die Araber für einen Türken, ich lasse sie bei ihrem Glauben. Die Wirthin einer kleinen Zwischen

station meinte, ich sei ein Missionär, der auszöge, die Mohammedaner und Heiden zu bekehren, und stellte sich deshalb sehr fromm. Hospital von Laghuat, den 4. September. – Von Medeah bis Laghuat sind es 18 Etapen und ausser den Dörfern Boghar und Djelfa hat man ungefähr alle 40 Kilometer ein Karavanserail und zwischen den Karavanserails Posten, die von Spahis, welche den Courierdienst versehen, besetzt sind. In dem Karavanserail, in welchem ich gestern logirte, feierte man die Hochzeit der Tochter. Der Mann aus Djelfa hatte zufällig erfahren, dass ich Afrika-Reisender sei, was mir denn die Ehre verschaffte, zum Abendessen eingeladen zu werden. Da gab es Wild, als Rebhühner, Hasen, Kaninchen u. s. w., in Menge, aber ausser einem aus Djelfa beigeschafften Salat nichts Vegetabilisches. Es war also ein förmliches Fleischgerichtsmahl, denn ausser dem Wilde trug man natürlich auch Ochsenfleisch, Hammelbraten, Hühner und Enten auf; nur beim Nachtisch waren Früchte aus Laghuat reichlich vertreten. Heute Morgen endlich sah ich den Palmenwald von Laghuat vor mir, eine grosse herrliche Oase, obgleich die Palmen noch nicht das üppige Grün haben, wie in den südlicheren Oasen, die ich voriges Jahr durchreiste. Ich verirrte mich Anfangs in den Gartenstrassen, welche wie in allen Wüsten-Oasen von hohen Thonmauern eingefasst sind, gelangte aber doch endlich zur Stadt selbst. Der Kommandant empfing mich auf die zuvorkommendste Art und gab mir die Versicherung, mich mit Empfehlungsbriefen, einem Führer und Maulthier versehen zu wollen, so weit die Französische Autorität reiche. Ich sagte ihm, dass ich diess nur bis Abiod Sidi Scheich wünsche, wohin ich zunächst mich begeben wolle. Sodann bat ich ihn um Erlaubniss, auf einige Tage ins Hospital treten zu dürfen, und auch diese Bitte wurde sofort gewährt. Ich bin nämlich von Djelfa an zu Fuss gegangen, da mir das Reiten zu theuer kam; war es nun von der Anstrengung oder der Hitze, am zweiten Tag schwoll mein linker Oberarm bedeutend an. Ich wusste, was das zu bedeuten hatte, nämlich dass eine der Wunden wieder aufbrechen würde; diess wird mir wohl noch oft passiren, ich sehe aber, dass es nicht gefährlich ist. Gestern hatte sich Eiter an der unteren Oberarm-Wunde angesammelt, ich machte einen Einstich und hatte diesen Morgen die Freude, den Arm in seinem natürlichen Zustand zu sehen, ausgenommen, dass die Wunde noch stark eitert. War ich schon in Geryville gut aufgenommen, so war ich es hier noch weit besser; dort musste ich mit allen Leuten in Einem Zimmer sein, weil keine Offizierzimmer vorhanden waren, hier dagegen habe ich mein eigenes Zimmer, eigene Bedienung und gute Kost. Ich denke in einigen Tagen wieder hergestellt zu sein. Das Hospital

[blocks in formation]

I. Abschnitt: Von Algier über Laghuat bis Abiod Sidi Scheich, August bis Oktober 1863.

Die schweren Opfer, welche die Erforschung von InnerAfrika im vergangenen Jahre abermals gefordert hat, der noch frische Schmerz über den Tod des tüchtigen Steudner, welcher dem tückischen Klima der wasserreichen HeidenLänder weit südlich von Darfur erlag, und des kühnen, energisch vorwärts dringenden v. Beurmann, der an der Westgrenze des mohammedanischen Wadai hingemordet wurde, lassen nur mit Bangen an das Schicksal der muthigen Männer denken, die, von mächtigem Forscherdrange beseelt, trotz aller warnenden Beispiele in die gelichtete Reihe der Afrikanischen Reisenden eintreten, um an der grössten geographischen Aufgabe der Gegenwart mitzuarbeiten. Immer nur Einzelnen unter Vielen ist es gelungen, ein bedeutenderes Stück des grossen Afrikanischen Kontinentes der Wissenschaft zu erobern, bei weitem die Meisten wurden nach kurzem Kampfe zurückgeschlagen oder büssten ihre edle Kühnheit mit dem Tode und selbst die wenigen Auserwählten konnten selten das zuerst erstrebte Ziel erreichen, fast immer wurden sie nach anderen Gegenden verschlagen. Handelt es sich nun vollends um eine Reise nach Timbuktu, so werden die Besorgnisse noch durch den gefahrdrohenden Umstand erhöht, dass sich jene berühmte Stadt gegenwärtig in der Gewalt des fanatischen Hadj Omar, des erbitterten Franzosen-Feindes, befinden soll, von welchem einem aus Algerien kommenden Europäer das Schlimmste bevorsteht. War es doch schon vordem ein waghalsiges Unternehmen, die Stadt zu betreten. Der ritterliche Major Laing, der einzige Europäer, der von Norden her nach Timbuktu gelangt ist, nachdem er unterwegs von Tuareg angefallen und beinahe erschlagen worden, musste, von den Fulbe ausgewiesen, die Stadt schon nach kurzem Aufenthalt (18. August bis 22. September 1826) wieder verlassen und fiel wenige Tage darauf durch die Hand des ihn Geleitenden; welchen ernsten Gefahren von Seite derselben Fulbe aber Dr. Barth ausgesetzt war, so lange er in Timbuktu weilte, ist aus seinem Werke hinlänglich bekannt.

Wir können daher unseren wackeren Deutschen Landsmann, Herrn Gerhard Rohlfs aus Vegesack, nur mit bangen Gefühlen auf seinem gefahrvollen Wege nach Timbuktu begleiten; ob er einer der wenigen Auserwählten sein wird? ob er zurückweichen muss oder gar die schon ohnehin

so grosse Zahl der Opfer vermehren wird? Diess liegt in Petermann's Geogr. Mittheilungen. 1864, Heft I.

der Hand der Vorsehung. Kühn und doch besonnen zugleich schreitet er vorwärts. Schon ein Mal war er dem Tode nahe, als er in der Marokkanischen Sahara von seinem Führer meuchelmörderisch im Schlafe überfallen und mit Wunden bedeckt hülflos liegen blieb, bis nach mehreren Tagen barmherzige Marabuts ihn retteten, die gekommen waren, den vermeintlich Todten zu beerdigen. Noch ist sein linker Oberarm, dessen Knochen damals durch einen Schuss zerschmettert wurde, nicht vollständig geheilt, aber Muth und Selbstvertrauen sind geblieben und die überstandenen Gefahren werden seine Vorsicht erhöhen. Ein langer Aufenthalt in Marokko und Algerien, die Reise durch die Marokkanische Sahara im J. 1862 ) haben ihn mit dem Orientalischen Leben, mit Sprache und Sitte vertraut gemacht, er ist kein Neuling, Erfahrungen aller Art, Gewöhnung an Strapazen, Ungemach und Entbehrungen sind seine wichtigen Bundesgenossen und die rühmliche Munificenz des Senats der Freien Stadt Bremen hat es ihm möglich gemacht, sich gut auszurüsten. Sein Unternehmen ist daher, so weit seine Persönlichkeit in Betracht kommt, nicht ohne Aussicht auf Erfolg: möchte es ihm gelingen, die schwierige Aufgabe durchzuführen, als erster Europäer von Algerien über Timbuktu nach dem Senegal sich durchzuschlagen und nicht nur den Preis, den die Geographische Gesellschaft zu Paris auf diese That gesetzt, zu erringen, sondern vor Allem den daran geknüpften hohen Ruhm zu erkämpfen! Gerhard Rohlfs hat im August 1863 von Algier aus seine Reise nach Timbuktu angetreten, die letzten uns zugekommenen Nachrichten datiren vom 19. Oktober aus Abiod Sidi Scheich südlich von Geryville, wo er bei längerem Aufenthalt seine Ausrüstung vervollständigte. Bis dahin hat er nicht Gelegenheit gehabt, neuen Boden zu betreten, aber sein Tagebuch enthält doch schon Manches von Interesse, sowohl über Land und Leute im westlichen Theile der Algerischen Sahara als über seine eigenen Verhältnisse und Aussichten in Bezug auf die bevorstehende grosse Reise. Wir drucken daher das Tagebuch, so weit es uns bis jetzt zugegangen ist, mit wenigen Kürzungen hier ab. Karavanserail Ain-Assera, den 29. August 1863. – So bin ich denn unterwegs und schon über 200 Kilometer

[ocr errors]

von Algier entfernt. Ich fange mein eigentliches Tagebuch noch nicht an, da diese Gegend eben so wie die BeniMzab, die ich noch durchlaufen werde, hinlänglich durch Französische Reisende bekannt sind, sondern will nur Einzelnes erzählen. Den letzten Abend in Algier sprach ich noch mit Herrn Berbrugger, er meinte, es müsste mich Jemand bei Martimprey angeschwärzt haben, sonst könne er es sich nicht erklären, dass mich derselbe ohne Staatsunterstützung ziehen lasse. Doch es ist mir so fast eben so lieb, mein Verdienst wird um so grösser sein, und wenn ich mit vielem Gepäck die Strasse gezogen wäre, auf der ja vorher Major Laing umgekommen ist, so stände mir vielleicht ein gleiches Schicksal bevor; unscheinbar aber, wie ich reise, glaube ich Nichts zu befürchten zu haben. Der Weg bis Boghar über Blidah und Medeah ist sehr schön, immer bewaldetes Gebirge. Medeah, dem Umfang nach so gross wie Milianah, liegt sehr hoch und es war denn auch recht frisch, als ich am Morgen nach meiner Ankunft um 5 Uhr aufwachte, das Thermometer zeigte 13“ R. Ich stellte mich mit einem Empfehlungsbriefe dem General vor, der mich sehr zuvorkommend empfing und mir einen Empfehlungsbrief an den Commandant supérieur in Laghuat schrieb. Boghar, ein alter kleiner Arabischer Ksar (aus Steinen gebautes Städtchen oder Dorf), das hoch oben auf einer Bergkuppe liegt, hat sich recht durch die Franzosen gehoben, wegen seiner vortheilhaften Lage hat es beständige militärische Besatzung und so sieht man jetzt über den alten grauen Arabischen Mauern schöne Europäische Häuser hervorragen. Die Gegend ist schrecklich öde, über Boghar hinaus gegen Süden fängt die Kleine Wüste an, die in jeder Beziehung einförmiger und unfruchtbarer als die Grosse ist, eben so ist sie, weil aus einem Hochplateau bestehend, bedeutend ärmer an Wasser. Die Grosse Wüste nimmt, wenn man von Algier aus südwärts geht, mit Laghuat ihren Anfang. Die Leute wissen nicht, was sie aus mir machen sollen. In Blidah war ich im Hôtel Périgord abgestiegen, und als ich mich Abends zu Tische setzte, kam die Wirthin und fing folgendes Gespräch mit mir an: „Pardon, der Herr ist dem Aussehen nach doch kein wirklicher Araber?” – „In der That, nein.” – „Warum haben Sie denn Ihre Haare abgeschoren und tragen Araber-Tracht?" – „Weil mir das wegen des Klima's besser gefällt." – „Der Herr sind der Aussprache nach Engländer." – „Um Verzeihung, nein." – „Da weiss ich wirklich nicht, wenn Sie kein Franzose sind, wer Sie sind." – „Wünschen Sie meinen Pass zu sehen, Madame?” – „Mein Gott, nein, Sie sind aber jedenfalls ein Engländer." Damit ging sie hinweg. Unterwegs hielten mich die Franzosen oft für einen Spahi, die Araber für einen Türken, ich lasse sie bei ihrem Glauben. Die Wirthin einer kleinen Zwischen

station meinte, ich sei ein Missionär, der auszöge, die Mohammedaner und Heiden zu bekehren, und stellte sich deshalb sehr fromm. Hospital von Laghuat, den 4. September. – Von Medeah bis Laghuat sind es 18 Etapen und ausser den Dörfern Boghar und Djelfa hat man ungefähr alle 40 Kilometer ein Karavanserail und zwischen den Karavanserails Posten, die von Spahis, welche den Courierdienst versehen, besetzt sind. In dem Karavanserail, in welchem ich gestern logirte, feierte man die Hochzeit der Tochter. Der Mann aus Djelfa hatte zufällig erfahren, dass ich Afrika-Reisender sei, was mir denn die Ehre verschaffte, zum Abendessen eingeladen zu werden. Da gab es Wild, als Rebhühner, Hasen, Kaninchen u. s. w., in Menge, aber ausser einem aus Djelfa beigeschafften Salat nichts Vegetabilisches. Es war also ein förmliches Fleischgerichtsmahl, denn ausser dem Wilde trug man natürlich auch Ochsenfleisch, Hammelbraten, Hühner und Enten auf; nur beim Nachtisch waren Früchte aus Laghuat reichlich vertreten. Heute Morgen endlich sah ich den Palmenwald von Laghuat vor mir, eine grosse herrliche Oase, obgleich die Palmen noch nicht das üppige Grün haben, wie in den südlicheren Oasen, die ich voriges Jahr durchreiste. Ich verirrte mich Anfangs in den Gartenstrassen, welche wie in allen Wüsten-Oasen von hohen Thonmauern eingefasst sind, gelangte aber doch endlich zur Stadt selbst. Der Kommandant empfing mich auf die zuvorkommendste Art und gab mir die Versicherung, mich mit Empfehlungsbriefen, einem Führer und Maulthier versehen zu wollen, so weit die Französische Autorität reiche. Ich sagte ihm, dass ich diess nur bis Abiod Sidi Scheich wünsche, wohin ich zunächst mich begeben wolle. Sodann bat ich ihn um Erlaubniss, auf einige Tage ins Hospital treten zu dürfen, und auch diese Bitte wurde sofort gewährt. Ich bin nämlich von Djelfa an zu Fuss gegangen, da mir das Reiten zu theuer kam; war es nun von der Anstrengung oder der Hitze, am zweiten Tag schwoll mein linker Oberarm bedeutend an. Ich wusste, was das zu bedeuten hatte, nämlich dass eine der Wunden wieder aufbrechen würde; diess wird mir wohl noch oft passiren, ich sehe aber, dass es nicht gefährlich ist. Gestern hatte sich Eiter an der unteren Oberarm-Wunde angesammelt, ich machte einen Einstich und hatte diesen Morgen die Freude, den Arm in seinem natürlichen Zustand zu sehen, ausgenommen, dass die Wunde noch stark eitert. War ich schon in Geryville gut aufgenommen, so war ich es hier noch weit besser; dort musste ich mit allen Leuten in Einem Zimmer sein, weil keine Offizierzimmer vorhanden waren, hier dagegen habe ich mein eigenes Zimmer, eigene Bedienung und gute Kost. Ich denke in einigen Tagen wieder hergestellt zu sein. Das Hospital liegt auf einem Felsen und ich übersehe von meinem Zimmer einen grossen Theil der Stadt so wie fast die ganze Oase. Das Haus des Gouverneurs, am grossen Platze gelegen, ist sehr schön, das Empfangszimmer fürstlich; Laghuat ist aber auch ein wichtiger Ort und wird, wenn erst weiter gegen Süden Garnisonen verlegt werden (unterworfen ist das Land bis Uargla, Metlili und Golea), Sitz eines Generals werden. Tadjmut, den 13. September. – Gestern habe ich Laghuat verlassen und bin nun auf dem Wege nach Abiod Sidi Scheich. Nach viertägigem Aufenthalt im Hospital blieb ich noch drei Tage in Laghuat, um eine Karawane abzuwarten. Gestern bin ich denn auch in Begleitung einer solchen aufgebrochen, obgleich ich eben so gut allein hätte reisen können, weil man hier, wo die ganze Gegend den Franzosen unterworfen ist, noch Nichts zu befürchten hat. Der Kommandant von Laghuat hat sich äusserst liebenswürdig gegen mich benommen und mir einen Empfehlungsbrief an den Marabut von Ain-Mahdy geschrieben, wohin ich morgen komme (heute halte ich Ruhetag, da ich so langsam wie möglich reise, theils um meine Kräfte zu schonen, theils um Bekanntschaften anzuknüpfen, die mir später vielleicht von grossem Nutzen sein können). Dieser Marabut ist ein sehr einflussreicher Mann, der grosse Güter, unter Anderem Haus und Hof in Ain-Salah besitzt. Der Kommandant schrieb ihm, mir einen Empfehlungsbrief für Ain-Salah auszufertigen, was mir von grossem Nutzen sein würde, da die nach Timbuktu bestimmten Karawanen von Tunis, Tripoli, Tuggurt, Tuat, Tafilet u. s. w. dort zusammentreffen. In Ain-Mahdy werde ich wohl einige Tage bleiben und dann über Tadjruna nach Abiod Sidi Scheich gehen. Obgleich ich jetzt sehr langsam reise, werde ich doch vielleicht meine Reise schneller beendigen, als ich berechnet habe, denn später werde ich mich freiwillig nirgends lange aufhalten, wenn nicht Gewalt oder Umstände mich zwingen, sondern sobald ich die nöthigen Renseignements genommen, weiter eilen, um möglichst bald in Bakel einzutreffen. Ich werde diess schon deshalb thun, um wo möglich Konkurrenten zuvorzukommen, denn ich glaube stark, dass sich irgend ein Franzose aufmachen wird, um von Algerien über Land nach dem Senegal vorzudringen. Man sprach in Algier von einem Geometer, der die Absicht habe, sich dem zu unterziehen. Es bot sich mir selbst noch am letzten Tage in Algier ein Architekt, der bei den Hafenbauten beschäftigt war, zur Begleitung an unter der Bedingung, dass er die Hälfte der ausgesetzten Prämie bekomme, der Mann sprach aber kein Wort Arabisch und hatte von solchen Reisen überhaupt die sonderbarsten Begriffe. Der Weg von Laghuat bis Tadjmut ist entsetzlich öde

und einförmig, immer kahle Berge und steinige Ebenen, wo nur Halfa (Stipa tenacissima) und Schih (Artemisia odorata) fortkommen. Um so lachender und erfreulicher erscheint. Einem dann die Oase, wenn man von Weitem die hohen Palmwipfel und unter ihnen das üppige Grün der Feigen, Aprikosen, Mandeln, Pfirsiche u. s. w. wahrnimmt. Tadjmut ist ein Dörfchen von 60 Häusern, amphitheatralisch an einem Berge hinaufgebaut, während die Gärten sich am Fusse in einem Halbmond herumziehen. Ich fand beim Kaid eine offene Aufnahme und für den, der sich über Schmutz u. s. w. hinwegsetzen kann, war auch das Essen nicht übel. Ich hielt mich hauptsächlich an den grossen Obstkorb voll Trauben, Feigen und Pfirsiche, den mir der Kaid zwei Mal des Tags zuschickte. Auch mit Kaffee bewirthete er mich, die Freude an dem guten Geschmack desselben wurde aber einigermaassen gedämpft, wenn ich daran dachte, dass er den Zucker jedes Mal aus seinem nicht eben zu sauberen Taschentuche herauswickelte. Sein Sohn brachte gesottene Eier abgeschält in der Hand und legte sie in Ermangelung eines Tisches vor uns auf den Teppich, auf dem vielleicht kurz vorher Einer mit seinen üngewaschenen Füssen umhergelaufen war. Über dergleichen Kleinigkeiten muss man sich hinwegzusetzen wissen, so Etwas kommt alle Tage vor. Im Ganzen war der Kaid Aissa (Jesus auf Deutsch) ein sehr gastfreundlicher und, wie alle Kaids, die Franzosen liebender Mann. Ain-Mahdy, den 14. Septbr. – Gegen 10 Uhr Morgens bin ich hier eingetroffen, Ain-Mahdy ist nicht weit von Tadjmut entfernt. Es liegt ebenfalls auf einer kleinen Anhöhe, um welche sich die Oase herumzieht. Das Haus der Schürfa!) und die Moschee sehen recht stattlich aus. Hier wohnen nämlich nicht Marabuts (Abkömmlinge der Jünger des Propheten oder eines hervorragenden Heiligen), sondern, wie ich gestern erfuhr, Schürfa (Abkömmlinge des Propheten), zugleich ersehe ich auch, dass der Empfehlungsbrief nicht an den einflussreichen Scherif gerichtet ist, sondern an den Kadi. Diess Versehen ist wahrscheinlich auf dem Bureau arabe geschehen, ob absichtlich, weiss ich nicht, doch schien sich der Chef des Bureau etwas piquirt zu fühlen, dass ich ausschliesslich die Dienste des Commandant supérieur in Anspruch nahm. Meine Aufnahme beim Kaid lässt übrigens bis jetzt Nichts zu wünschen übrig. Ain-Mahdy, den 15. Septbr. – So eben komme ich vom Scherif zurück, der im Sommer ein Landhaus ausserhalb der Stadt bewohnt; er ist Mulatte, noch jung und fängt an, sich zu civilisiren, er ist im Besitz eines Wagens. Seinem Vater hat er in einer Kobba (Dom) im Ksar

!) Plural von Scherif. 1

[graphic]
« PreviousContinue »