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senkrecht herab und in Kurzem bildet sich ein grosser Strom. Wir folgten dem Laufe des Flusses so schnell als möglich und suchten eifrig nach einem Strauche, der uns Brennholz hätte liefern können, doch wurde es dunkel, ehe wir einen solchen fanden, und nun hatten wir keine andere Wahl, als uns auf einen Stein niederzulassen und so die ganze Nacht sitzend im Schneegestöber zuzubringen, nachdem wir an diesem Tag ungefähr 15 Engl. Meilen zurückgelegt hatten. Am nächsten Morgen theilte mir Herr Whitcombe nach einer Messung mit, dass wir uns etwa 1200 Fuss tiefer als der Pass befänden. Der Schnee fiel fortwährend und hüllte Alles ein, aber zwischen den immer zahlreicher und grösser werdenden Felsblöcken im Flussbett bildeten sich Giessbäche, die den Schnee wegwuschen. Der Fluss stürzt nun in lauter Wasserfällen von einem Felsen zum anderen herab, bei jedem ein Becken bildend, die Seitenwände des Flussbettes erheben sich beinahe senkrecht einige tausend Fuss hoch und sind ganz unmöglich zu erklimmen, wenn auch stellenweis einiges Gesträuch daran haftet. Wir legten an diesem Tag nur ungefähr 3 Engl. Meilen zurück und wurden durch das Spritzwasser von den Felsen vollständig durchnässt. Unser Zucker war flüssig geworden und hatte meine Decken und Kleider getränkt und der Zwieback war zu einer Masse nassen Teiges geworden. Die ganze Nacht unterhielt ich ein gutes Feuer, auch schneite es am anderen Morgen nicht mehr, die Sonne schien hell und dennoch konnten wir nicht trocken werden, das Spritzen der Sturzbäche hielt uns in beständiger Nässe. Endlich kamen wir an eine grosse Erdabrutschung, wo es uns möglich wurde, einige hundert Fuss hoch hinan zu steigen, um aus dem Bereiche des Spritzwassers zu kommen und etwas auszuruhen. Wir breiteten Alles in der Sonne aus und schliefen einige Zeit, mittlerweile bedeckten aber die Stechfliegen unsere sämmtlichen Sachen mit ihren Eiern, am ärgsten war Herrn Whitcombe's Opossumfell zugerichtet. Wir reinigten Alles, so gut wir konnten, packten zusammen und stiegen wieder zum Wasser hinab, aber schon zogen wieder dichte Wolken herauf und abermals fiel Regen, der die ganze Nacht anhielt. Wir waren ungefähr 4 Engl. Meilen vorwärts gekommen und auch am folgenden Tage wurde der Weg immer ärger statt besser, der Fluss war so angeschwollen, dass wir nur selten eine Übergangsstelle finden konnten, die beinahe senkrechten Uferwände waren mit dichtem Gebüsch bewachsen, die Felsblöcke, die wir übersteigen mussten, wurden immer umfangreicher und der Regen strömte unaufhörlich. Gegen Mittag gelangten wir an einen Punkt, wo wir nur mit genauer Noth mittelst des Seiles weiter kommen konnten, und am Abend fühlte sich Herr Whitcombe sehr matt

und erschöpft. Er stellte Beobachtungen an und sah, dass wir uns 2000 Fuss unter dem Sattel befanden. Mit Tagesanbruch machten wir uns wieder reisefertig. Beim Frühstück fand sich, dass der Zwiebacks-Teig durch das Trocknen am Feuer sauer geworden war, auch mussten wir uns auf die Hälfte der gewöhnlichen Ration beschränken, da wir wohl merkten, dass der Weg bis an die Küste länger währen würde, als wir gedacht hatten. Das Opossumfell, durch den langen Regen und die Stechfliegen unbrauchbar geworden, liessen wir zurück. Es regnete noch fortwährend. Wir kletterten mit grosser Anstrengung von Fels zu Fels, endlich gegen 10 Uhr kamen wir an ein unübersteigliches Hinderniss, denn der Fluss fiel senkrecht über eine hohe Felswand hinab und bildete unten ein breites tiefes Becken. Es blieb Nichts übrig, als das nördliche Ufer zu ersteigen, das zwar fast senkrecht, aber ganz mit Gebüsch bewachsen war, an dem wir uns festhalten konnten. Den ganzen Tag kletterten wir aufwärts bis zu grosser Höhe, über einen sehr gefährlichen Punkt hinüber und dann auf der anderen Seite wieder herab. Einen ganzen Tag harter Arbeit hat es uns gekostet, etwa 200 Yards vorwärts zu kommen. Ein Feuer anzumachen war an diesem Abend unmöglich, wir assen Etwas von dem Teig, der immer schlechter wurde, so wie das letzte Stückchen Fleisch, das wir bei uns hatten, und legten uns zum Schlafen dicht an einander, um uns warm zu erhalten. Des Morgens verminderten wir unsere Portionen abermals um die Hälfte. Der Regen hörte nicht auf, so dass Alles schon ganz durchweicht war. So schnell als möglich eilten wir immer über Felsen weiter. Es war jetzt ganz unmöglich, über den Fluss zu setzen, das linke Ufer bildet eine fortlaufende senkrechte Wand und nur auf dem rechten kann man vorwärts gelangen. Der Fluss strömt fortwährend in fast gleicher Richtung. Ungefähr 3 Engl. Meilen weiter kamen wir an einen rauschenden Strom, der von Norden hereinfloss und an dem wir 2 Meilen durch sehr dichtes Gebüsch hinauf gehen mussten, ehe wir eine Stelle zum Übersetzen fanden. Die Berge wurden nun etwas niedriger und das rechte Ufer des Hauptflusses weniger steil, das Gesträuch verwandelte sich in Wald von der gewöhnlichen Art. Noch immer fiel Regen, doch war es nicht sehr kalt und wir konnten am Abend an einem grossen Feuer unseren Thee bereiten und von dem schon völlig sauer und schimmelig gewordenen Teig essen. Wir brachen früh wieder auf und erreichten bald eine ungefähr 3 Meilen lange und 2 Meilen breite Ebene, die mit sehr dichtem Strauchwerk bewachsen und von eben so schwer zu passirendem sumpfgen Wald umgeben war. Die Nacht brachten wir unter einem überhängenden Felsen zu und schliefen bei einem

guten Feuer ganz wohl. Jede Nacht stellten wir unsere Rattenfalle auf, doch ohne Erfolg, auch hörten wir keine Waldhühner oder irgend etwas Anderes, auf das wir hätten Jagd machen können. Am folgenden Tag hörte es auf zu regnen. Herr Whitcombe machte wieder eine Messung und meinte, wir könnten nicht mehr als 1000 Fuss über dem Meeresspiegel sein. Diesen Tag konnten wir die Reise wieder im Flussbett fortsetzen, aber immer über ungeheuere Felsblöcke. Gegen Mittag erreichten wir eine Stelle, wo der Fluss von zwei senkrechten, nur 5 bis 6 Yards von einander abstehenden Wänden eingeengt wird, durch die er sich mit unglaublicher Gewalt hindurchzwängt. Mit einiger Schwierigkeit überschritten wir diesen Felsenpass, indem wir einen Umweg von mehr als 2 Meilen machten, aber als wir das Flussbett wieder erreicht hatten, war auch der beschwerlichste Theil des Weges zu Ende, wir konnten nun auf den Schotterbänken weiter gehen und nur ein einmündender Fluss nöthigte uns wieder, ihn aufwärts bis an eine günstige Übergangsstelle zu verfolgen. Bei einem Bache bemerkte ich ganz vorzügliches Material zum Goldwaschen, schönen Sand mit Quarz und Eisenstein vermischt; ich wusch eine Quantität des Sandes und erhielt ungefähr 2 Gran feines Gold. Auch fand ich ein Stück Nephrit, sehr schön und durchsichtig. Am nächsten Tage regnete es stark und war sehr kalt, wir lagerten im Busch und brachten eine frostige Nacht zu. Am anderen Morgen hörten wir das Geräusch des Meeres, aber volle fünf Tage mussten wir uns noch durch Morast und Dickicht durchkämpfen, ehe wir die Küste erreichten. Ich erkannte die Gegend wieder, da ich schon ein Mal dort gewesen war. Der Rest der Provisionen war aufgezehrt und wir fühlten grossen Hunger, doch liessen wir den Muth nicht sinken. Wir machten ein grosses Feuer an, um uns zu trocknen, auch unsere Decken trockneten wir zum ersten Mal seit 13 Tagen, denn so lange hatten wir gebraucht, um vom Rakaia bis an die Küste zu gelangen, und die ganze Zeit über waren wir nicht aus der Nässe gekommen. Gegen Mitternacht war Alles getrocknet und wir übernachteten in einer alten Maori-Hütte, die wir auffanden. Einst hatte ich von den Maoris gelernt, mit einem Grashalm einen scharfen Laut hervorzubringen, der dem Schrei der Waldhühner gleicht, und während ich mit Mr. Drake reiste, gelang es mir, auf diese Art viele derselben anzulocken und zu fangen, doch hier sah und hörte man Nichts von Waldhühnern. Im Sande bemerkten wir viele Hundefährten, und als ich später die Maoris fragte, wovon diese herrührten, hörte ich, sie seien von wilden Hunden, welche alle Waldhühner in der Nachbarschaft weggefangen hätten.

Die Hütte eines freundlichen Maori an dem 6 Meilen entfernten Brunner-Fluss fanden wir leider niedergebrannt, er selbst hatte die Gegend verlassen; in einer zweiten noch stehenden Hütte suchten wir vergebens nach etwas Essbarem und das Durchwühlen des Gartens ergab nach zweistündiger Arbeit nur eine Handvoll kleiner Kartoffeln und etwas Kohl. Es war das letzte kleine Mahl, das wir zusammen einnahmen. Am Abend nach eingetretener Ebbe durchschritten wir den Brunner und gelangten am Meeresstrand hin bald nach Mitternacht zum Taramakau. Es regnete beständig fort. Als wir uns am anderen Morgen umschauten, war kein Mensch zu sehen noch zu hören; deutlich konnten wir den Maori-Pah am anderen Ufer erblicken, es stieg aber kein Rauch daraus auf, ein Zeichen, dass er nicht bewohnt war. Eben so wenig erspähten wir Etwas von Kapitän Dixon's Schiff, Alles war öde und leer. Herr Whitcombe fühlte sich zu erschöpft, um am Taramakau aufwärts noch ein Mal durch den Busch zu gehen, wo wir vielleicht mit Waldhühnern und anderen Vögeln unser Leben hätten fristen können; wir mussten daher über den breiten, tiefen und reissenden Strom setzen, um den Grey-Fluss zu erreichen.

Nach einigem Suchen fanden wir zwei sehr schadhafte kleine Canoes, die ich auf sein dringendes Zureden nothdürftig ausbesserte und an einander befestigte. Aus Brettern verfertigte ich zwei ziemlich gute Ruder und um 4 Uhr traten wir die Überfahrt an. So lange wir in stillem Wasser waren, ging Alles gut, die Canoes blieben 1 Zoll über dem Niveau, doch drang das Wasser ziemlich rasch ein und musste fleissig ausgeschöpft werden. Kaum waren wir aber in die Strömung hinein gekommen, als sich die Canoes schnell mit Wasser füllten und untersanken. Herr Whitcombe zog seinen Rock aus, warf ihn ins Wasser und sprang dann selbst hinein. Durch den Rückstoss, den er dabei verursachte, schlugen die Kähne um und legten sich auf die Seite. Später sah ich ihn mit kräftigen Stössen gegen das uns immer noch nähere südliche Ufer schwimmen, von dem wir ausgegangen waren; ich zweifelte nicht, dass er sich retten würde, doch mich selbst hielt ich für rettungslos verloren, da ich nicht schwimmen konnte. Ich hielt mich fest an der Stange, durch welche die Canoes verbunden waren, und wurde mit ihnen hinaus in die Brandung getrieben. Mein Haar sträubte sich, als die erste Welle sich über mir brach und mich tief ins Meer begrub, doch die zweite hob die Canoes in die Höhe und trug mich auf ihrem Scheitel. Nun wurde ich beständig hin und her geworfen, ein Mal bekam ich einen heftigen Schlag auf den Kopf, ein anderes Mal auf den Rücken und mein linker Arm war so eingeklemmt, dass ich meinte, er

müsse gebrochen sein. Nach einiger Zeit wurde es ruhiger, wenn auch die See noch immer hoch ging und mich hin und her schleuderte. Ich benutzte diesen Augenblick, mich umzusehen, doch die Nacht war sehr finster und der Regen strömte herab. So trieb ich einige Stunden im Meere herum, beinahe erstarrt und so aufgeschwollen vom verschluckten Salzwasser, dass ich kaum athmen konnte. Mein ganzer Körper war wund von den erhaltenen Stössen. Ich hatte keine Hoffnung auf Rettung, ein Gefühl der Verzweiflung erfasste mich und ich beschloss, meinen Leiden mit einem Male ein Ende zu machen. Da fühlte ich, dass das Canoe gegen Etwas anstiess, der Stoss wiederholte sich, ich fühlte festen Grund unter mir, liess die Canoes los, und nachdem mich die Wellen mehrmals niedergeworfen und zurückgetrieben hatten, konnte ich endlich ein Bündel Treibholz erfassen und festen Boden erreichen. Die Nacht war stockfinster, ich lag mit dem Gesicht im Sand und zitterte am ganzen Leib. Seltsame Gestalten schwebten mir vor, ich war ganz betäubt. Erst spät am anderen Vormittag war es mir möglich, mich aufrecht zu setzen, aber nachdem ich einen guten Theil Sand, Galle und Seewasser von mir gegeben hatte, fühlte ich eine bedeutende Erleichterung, bald schleppte ich mich zu einer Quelle und konnte nun sehen, dass ich mich etwa 1 Engl. Meile südlich von der Stelle befand, wo wir über den Fluss hatten setzen wollen. Mein Anzug bestand nur aus einem Paar Beinkleidern und einem Flanellhemd, in meiner Tasche befand sich ein Messer und einige Schillinge, alles Andere hatte das Meer verschlungen. In meiner Jugend hatte ich den Robinson Crusoe mit grossem Vergnügen gelesen und mich sogar an seine Stelle gewünscht; nun da ich in Wirklichkeit beinahe in derselben Lage war, nahm sich die Sache doch ganz anders aus. An der Küste hingehend fand ich Herrn Whitcombe's Rock, den er in den Fluss geworfen hatte, meine Haarbürste, ein Päckchen Tabak, meine Decke, die

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Canoes und den leeren Zwieback-Sack. Etwas entfernter sah ich ein Paar Stiefeln aufwärts gerichtet im Sande stecken, schnell eilte ich dahin und sah mit Entsetzen, dass es Herr Whitcombe selbst war, dessen Kopf und ganzer Körper tief im Sande begraben lag; nur seine Beine ragten hervor. Ich räumte eilig den Sand hinweg und zog ihn heraus, er war aber völlig leblos. Hier konnte ich ihn nicht liegen lassen, ein Paar Stunden später würde die Fluth ihn abermals erfasst haben, ich zog ihn mit vieler Mühe aus dem Bereich der See, grub mit den Händen ein Grab im Sande, breitete das beste Stück meiner Decke unter und legte den Leichnam hinein, ihn mit Sand und darauf mit Holzblöcken zum Schutz gegen Vögel und Hunde bedeckend. Früh am nächsten Morgen verliess ich diesen Ort der Trauer und wanderte durch dichtes Gebüsch längs des Flusses hin, doch traf ich erst am folgenden Tage, fürchterlich ausgehungert, auf eine Hütte mit einer Maori- Familie, von der ich gegen Tabak einige sehr kleine Kartoffeln und drei Fischchen erhielt. Abends, nachdem ich wieder 3 Engl. Meilen flussaufwärts gegangen war, erblickte ich ein Canoe mit fünf Maoris, die mich auf meine Bitte übersetzten, so dass ich noch an demselben Abend die Goldwäschen erreichen konnte, wo ich zwei Maoris mit ihren Weibern traf. Sie hatten kaum Etwas für sich zu essen, gaben mir aber doch ein kleines Stück einer gebratenen Waldhenne und so gelangte ich am folgenden Tag zu meiner grössten Freude an den Brunner-See, wo ich bald Herrn Howitt's Zelt fand. Ich war gerettet. Bei einer guten Mahlzeit erzählte ich meine Abenteuer, ich erhielt trockene Kleider, mit zwei Pferden und reichlichem Proviant trat ich am nächsten Morgen die Rückreise an, traf beim Taramakau-Sattel nach der Verabredung die beiden Männer, welche uns Anfangs begleitet hatten, und erreichte Christchurch ohne weiteren Unfall.

Der SüSSWaSSer-Kanal V0m Nil nach Sues.

(Mit 3 Karten, s. Tafel 8.)

So verschieden auch die Urtheile über den Sues-Kanal in Betreff der Wahrscheinlichkeit seiner Vollendung und seiner künftigen Rentabilität lauten, über die Nützlichkeit des vom Nil nach dem Isthmus geleiteten, im Jahre 1861 begonnenen, im Februar 1862 bis zum Timsah-See und im Januar 1864 bis Sues vollendeten Süsswasser-Kanals herrscht nur Eine Stimme. Zunächst erleichtert er die Arbeiten am maritimen Kanal wesentlich dadurch, dass er eine bequeme Wasserstrasse für den Transport von Lebens

mitteln und sonstigen Bedürfnissen, unter Anderem auch der am Djebel Geneffe gebrochenen Bausteine abgiebt und der grossen Menge von Arbeitern ein überreiches Quantum Trinkwassers zuführt, eine Sache von höchster Bedeutung in der Wüste; sodann dient er auch zur Bewässerung kulturfähiger Ländereien, die zwar nicht in solcher Ausdehnung vorhanden zu sein scheinen, wie man Anfangs sagte, aber doch nicht fehlen und mit der Zeit eine Reihe von bewohnten Oasen bilden werden. Schon die Versorgung von Sues, dieser wichtigen Hafenstation auf der grossen Route nach Indien, mit so reichlichem Flusswasser ist ein Ereigniss von Bedeutung. Herr Dr. Schweinfurth, über dessen botanische Reise nach den Nil-Ländern wir früher berichteten, besuchte den Isthmus im Januar dieses Jahres mit Miani und befuhr dabei den Süsswasser-Kanal von Sues bis zum Timsah-See, also die erst wenige Tage vorher vollendete Strecke. Er war so freundlich, uns eine Karte dieses Kanals von Cazaux, einem der Haupt- Ingenieure, nebst einem Plan der neu entstandenen Stadt Ismailia zu überschicken, die er nach einer Photographie von einem grösseren Blatte gezeichnet hat. Wir fügen ihnen eine Übersichtskarte des Nil-Deltas und des Isthmus bei und lassen hier zur Erläuterung eine kurze Beschreibung des Süsswasser-Kanals folgen!). Vom Moez-Kanal, den der Gründer Kairo's im 10. Jahrhundert erbauen liess, zweigt sich bei Zagazig der berühmte Kanal von Arsinoé ab, in dessen altem Bett der moderne El-Wady-Kanal fliesst. Dieser durchschneidet in der gut angebauten Gegend östlich von Zagazig die beiden Kanäle El-Achdar und El-Meschrafeh, die ihm ein bedeutendes Wasserquantum zuführen, und tritt dann bei dem Dorfe Abu Hammad, wo ihn eine Zugbrücke überspannt, in das Wady Tomeilat oder El-Wady. Vierzig und einige Jahre sind es her, dass Mehemed Ali „das Thal" unter Kultur brachte, indem er den alten Kanal wieder herstellte, nicht weniger als 800 Sakias zur Bewässerung bauen liess und den Maulbeer-Baum und die Seidenzucht aus Syrien einführte. Es erhob sich zu erfreulicher Blüthe, führte Weizen, Reis, Seide in beträchtlicher Menge aus, hatte eine christliche Kolonie von etwa 1000 Seelen, verfiel aber später durch schlechte Regierung und erblüht jetzt aufs Neue unter der Verwaltung der Sues-Kanal-Kompagnie, welche das Wady für 1.997.000 Francs aus dem Nachlass des Prinzen Il-Hamy gekauft hat. Die Kompagnie hat damit einen ausgezeichneten Handel gemacht, man glaubt ziemlich allgemein, dass das Wady sich lohnender erweisen wird als der interoceanische Kanal. Südöstlich von Abu Hammad liegt das grosse Dorf Abbasi und etwas östlicher am Kanal das stadtähnliche Tellel-Kebir mit dem Kasr oder Palast Mehemed Ali's. Auch bei dem letzteren Orte ist eine Zugbrücke über den Kanal gelegt und führt zu einem am nördlichen Ufer desselben hinlaufenden Weg, welcher einen schmalen Kulturstreifen

!) Hauptsächlich nach Badger's „A visit to the Isthmus of Suez Canal Works" und Dr. Schweinfurth's Aufsatz im „Globus", Bd. WI, Lief. 2. Sehr interessante Abbildungen aller wichtigeren Punkte befinden sich in den „Illustrated London News" vom Januar und Februar 1863 und in „Le Tour du Monde" 1863, 2“ sémestre. Aus letzterem sind einige im „Globus" zur Illustration von Schweinfurth's Reise reproducirt.

durchzieht. Etwa 3 Stunden von Tell-el-Kebir kommt man zum Ras-el-Wady, dem Kopf oder Ende des Thales. Dort hörte der von Mehemed Ali angelegte Kanal auf, nur bei hohem Nilstand drang das Wasser noch in dem alten Kanal von Arsinoë weiter bis zu dem Weiler Gasassin und von da zu der Niederung bei El-Maxama, wo es einen kleinen See bildete. Vom Ras-el-Wady an hat nun die Kompagnie den Kanal weiter bis zum Timsah-See geführt, und zwar etwas nörd-. lich von dem Bette des alten Ptolemäischen, dessen hohe Uferbänke sich als augenfällige Gegenstände aus der umgebenden Wüstenebene erheben. Auf der 35 Kilometer langen Strecke bis zum Timsah-See hat er ein Gefälle von 0,478 Meter, seine untere Breite beträgt 7,7 Meter, die am Wasserspiegel 12,5 Meter, die Tiefe 1,2 Meter, so dass er schon ziemlich grosse Boote tragen kann, und einen eigenthümlichen Anblick gewährt es, wenn man von Weitem die grossen lateinischen Segel scheinbar eine Furche mitten durch die Wüste pflügen sieht. Zunächst geht der Kanal nördlich an dem fischreichen Maxama-See vorbei nach dem Örtchen El-Maxama und zu der Ruinenstätte Tell-el-Maskuta, die ihren alten Namen Ramses neuerdings wieder erhalten hat, denn wie man annimmt, war es hier, wo Joseph's Vater und Brüder sich im Lande Gosen niederliessen (1. Buch Mose, 47, 11.) und von wo ihre Nachkommen 430 Jahre später den Auszug nach Kanaan antraten (2. Buch Mose, 12, 37.); dieses beste Land Ägyptens ist jedoch gegenwärtig Nichts als eine Sandwüste. Einen flachen Bogen gegen Norden beschreibend zieht sich ferner der Kanal bei der Station Nutla vorbei nach Nefisch, giebt hier den nach Sues geleiteten Arm ab und geht weiter an Ismailia hin nach dem maritimen Kanal, in den er nördlich vom Timsah-See bei der Villa Said-Pascha's einmündet. Unfern Nefisch liegt der Bir Abu Ballah, eine kleine Oase mit einem Teich und einiger Bodenkultur, im Allgemeinen aber besteht der Boden von Ramses bis zum Timsah-See aus feinem braunen und röthlichen Sand und scheint für den Ackerbau äusserst wenig Chancen zu bieten. Die Stadt Ismailia wurde am Nordufer des TimsahSee's, an der Stelle des früheren Arbeiter - Lagers Timsah, nach einem regelmässigen Plane angelegt und zählt jetzt ungefähr 150 wohlgebaute Häuser mit 3000 Einwohnern, von denen ein Drittel Europäer. Eine Reihe stattlicher Gebäude aus Stein zieht sich parallel dem SüsswasserKanal am Quai Mehemed Ali hin, so das grosse, mit Kolonnaden verzierte, viereckige Gebäude der General-Direktion der Arbeiten, die Häuser des Divisions-Chefs und des Ingenieur-Chefs, das in Schweizer Styl aufgeführte Wohnhaus des Herrn v. Lesseps, das grosse Magazin der Kompagnie, das Hôtel u. a.; dahinter umgeben den Place Cham

pollion die langen Reihen der einstöckigen, mit weit vorspringenden geweissten Dächern und Kolonnaden versehenen Wohnungen der Beamten, nach den Verheiratheten und Unverheiratheten geschieden. Westlich von der Stadt dehnen sich die Baracken, Schilfhütten und Zelte des AraberDorfes aus und östlich von ihr, durch eine grosse, „Arène de l'Impératrice" genannte Sandfläche getrennt, liegt das sogenannte Griechische Dorf, welches auch die Läden, Schenken, Cafés und Speisehäuser enthält. Noch östlicher liegt das Pumpwerk, von welchem Wasser aus dem Kanal nordwärts bis Port Said durch Röhren geleitet wird. Übereinstimmend schildern die Reisenden den Eindruck, den diese mitten aus der Wüste emporgewachsene Stadt auf den Ankömmling macht, als einen sehr günstigen und die Zuvorkommenheit der Beamten, die Höflichkeit der Französischen Einwohnerschaft tragen zu den Annehmlichkeiten des Besuches nicht wenig bei. Bei Nefisch geht, wie erwähnt, der nach Sues geleitete Arm des Kanals von dem Hauptstamme ab. Auch er gewährt grösseren Flussschiffen hinreichenden Raum, wird aber von zwei Schleusen unterbrochen, einer am Anfang bei Nefisch, wo der Niveau-Unterschied im Januar d. J. über 2 Meter betrug, und einer anderen zwischen Geneffe

und Schaluff, wo der Wasserstand damals 1 Meter Diffe

renz zeigte. Von Nefisch aus zieht sich der Kanal durch die hohen Sanddünen im Südwesten des bitter-salzigen Timsah-See's nach der Depression der Bittersee'n, indem er in der Nähe des Arbeiterlagers von Tussum, wo die 33 Fuss hohe Bodenschwelle südlich des Timsah-See's durchgraben wird, und bei der Ruinenstätte von Serapeum vorüber geht. In einem Bogen wendet er sich nun um das Becken der Bittersee'n herum, diese sumpfige, mehrere Meter unter dem Spiegel des Meeres liegende Fläche, welche nach Vollendung des maritimen Kanals ein weites Binnenbecken zu bilden bestimmt ist. Den kahlen, imposanten Djebel Geneffe, an dessen westlichem Fusse die Eisenbahn von Kairo nach Sues hinläuft, zur Rechten lassend durchfliesst der Kanal jenseit der Bittersee'n eine mit reichlicher Gras- und Gestrüpp-Vegetation bekleidete Ebene, wo Tamarix macrocarpa, Hyoscyamus, Datura und Salsola tetrandra dichte Gebüsche bilden, und beschreibt dann einen kleinen Halbkreis um eine thonige, weit nach Osten

sich ausdehnende Ebene, welche einige Krautvegetation nebst den periodischen Kulturen von Saubohnen trägt, die den Winter hier verbringende Beduinen in den ungeackerten Boden auszusäen pflegen. Von da an durchschneidet er bis nach Sues eine einförmige, trostlose Sandwüste, wo ausser der zweiten Schleuse nur das Arbeiterlager von Schaluff Abwechselung bietet, denn hier sind Tausende beim Ausgraben des grossen Kanals beschäftigt. Gegen die abspülende Kraft des Wassers und das Herabrollen des Sandes an den Kanaldämmen, welche beide sich am Süsswasser-Kanal wie am maritimen Kanal als unaufhaltsam wirkende Quelle der Verflachung bereits fühlbar machen, wendet man zum Theil das Anpflanzen der Tamariske an, welche sich durch ihre langen Wurzelgeflechte besonders dazu eignet und vorzugsweise Dünenpflanze ist. Die mehrere Fuss hohen Sträucher der Tamarix macrocarpa, durch die Pracht ihrer Blüthenmassen eine grosse Zierde der Gegend bei den Bittersee'n, geben Veranlassung zur Entstehung der zahllosen kleinen und grösseren Sandhügel, welche dort überall sich erheben. Selbst die völlig kahlen Hügel sind als die Gräber dieser Tamarisken zu betrachten, denn der wandelnde Sand, welcher zwischen den Zweigen haften bleibt, vergräbt dieselben immer tiefer und tiefer; mit ihren neuen Trieben arbeiten sie sich jedoch immer wieder aufs Neue empor und erhöhen so den Boden, auf dem sie wurzeln, bis zu der ansehnlichen Höhe von einigen 20 Fuss. Vermöge ihrer viele Klafter langen Wurzelbrut ist die Tamariske auch im Stande, nach allen Richtungen sich auszubreiten. In der That wandert man oft stundenlang durch den Sand, welcher überall von den strickartigen Wurzeln einer ehemaligen Tamarisken-Vegetation durchzogen ist, während im weiten Umkreis kein Strauch wahrgenommen wird. Die tiefen Einschnitte, welche die Kanal-Ausgrabung an manchen Stellen zu Wege gebracht hat, geben ebenfalls oft in bedeutender Tiefe unter der heutigen Oberfläche Massen solcher Wurzelgewirre zu erkennen, welche einer vor undenklicher Zeit diese Sandwüsten bekleidenden Vegetation angehören. Es liegt auf der Hand, dass die Anpflanzung dieses Gewächses zur Befestigung der Ufer des Kanals von grosser Wichtigkeit für das Bestehen desselben werden wird, und in der That hat man sich von seinem Nutzen bereits überzeugt.

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