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die Meeresfläche und erstreckt sich, nach dem Äusseren der Berge zu urtheilen, noch weit südlich gegen die Mündung der Strasse hin. Oberhalb des schwarzen HyperitBandes am Lovén- und Angelin-Berg sieht man dagegen wiederum graue Kalklager, welche nach Proben, die von Chydenius und Torell genommen worden sind, gleiche Versteinerungen mit den darunter liegenden Kalk- und FeuersteinBildungen enthalten. Diese Proben hatten ein verbranntes Aussehen, der Kalk war hart und kieselhaltig, der Versteinerungen waren wenige und schlecht erhaltene, – Alles deutete darauf hin, dass sie mehr oder weniger verändert worden waren beim Durchbruche der glühenden geschmolzenen Hyperit-Masse und dass daher auch diese über dem Hyperit liegenden Lager vor dem Hervortreten des Hyperits abgelagert worden sind. Dieses Hervorbrechen scheint geschehen zu sein durch zwei grosse, über die Foster-Inseln und die Süd-Waygat-Inseln gehende Klüfte und die geschmolzene Masse ist von dort zwischen die nahe liegenden Schichten eingedrungen. Auf jeden Fall ist es merkwürdig zu sehen, wie diese horizontalen Hyperit-Lager mit den Schichten des Kalkes parallel laufen und wie wenig die Lager durch die Hyperit-Eruption aus ihrer ursprünglichen horizontalen Lage verrückt worden sind. Auch in einem vorhergehenden Jahre habe ich den Adjunkt Torell auf einer fast ausschliesslich von ihm ausgerüsteten Expedition nach Spitzbergen begleitet. Damals besuchten wir nur einzelne zerstreute Stellen an der Westküste und mit geographischen Bestimmungen gab ich mich nicht ab, suchte aber, so weit die nicht eben bedeutenden Mittel der Expedition es gestatteten, – nur eine kleinere, von einem Mann geruderte sogenannte Schnigge konnte während der Reise zu meiner Disposition gestellt werden – die geognostischen Verhältnisse der von uns besuchten Gegenden zu erforschen. Die meisten dieser Stellen, z. B. Amsterdam-Insel, Norsk-Insel, Cloven-Cliff, Eis-Fjord u. a., wurden auch bei der Expedition des Jahres 1861 von der Schaluppe Magdalena besucht und vollständiger, als es mir möglich gewesen war, in geognostischer Hinsicht untersucht von dem Adjunkt Blomstrand, welcher auch schon zu den Verhandlungen der Akademie einen Bericht über seine während der Reise gemachten Beobachtungen eingereicht hat. Es dürfte daher nicht nöthig sein, hier einige von meinen weniger vollständigen Beobachtungen über die Geologie der sowohl von Blomstrand als von mir besuchten Stellen mitzutheilen; dagegen aber, meine ich, wird es nicht ohne alles Interesse sein, mit einigen Worten der geologischen Verhältnisse am nördlichen Strande des Bellsundes zu erwähnen, um so mehr, als die Formationen an diesem von Blomstrand nicht besuchten Orte gerade mit eben demselben Gliede in der Kette beginnen, mit

welchem sie an den von uns besuchten Theilen von NeuFriesland und dem Nordostlande endigen. Der Bellsund bildet einen bedeutenden, in den südlichen Theil der Westküste Spitzbergens einschneidenden, in drei Theile getheilten Fjord. Die Mündung des nördlichsten Armes des Fjordes ist beinahe gänzlich verschlossen durch einen langen und schmalen, von Norden nach Süden sich erstreckenden Holm. Dem Ende dieses Holmes gegenüber besteht die nördliche Küste aus drei nicht sehr hohen Berggipfeln, und geht man von diesen weiter gegen Osten, so begegnet man erst einem rückgängigen, mit einem von Jökel-Flüssen durchkreuzten Schlammlande endigenden Jökel, darauf einem niedrigen Hügel mit einem Russenkreuze und einigen Gräben; nun folgt eine niedrige Ebene, im Sommer durchflossen von einem sehr wasserreichen, stark strömenden, trüben Flusse, und endlich ein 1900 Fuss hoher Berg, Kolfjell, welcher, in mehr oder weniger isolirte Gipfel zerschnitten, sich bis weit in das Innere des Fjordes hin fortsetzt. Die Haupterstreckung der Schichten ist in diesen Gegenden von Nord nach Süd und man erhält daher, wenn man von Ost nach West geht, von dem äussersten der drei zuerst erwähnten Berggipfel ein sehr schönes Querprofil der an diesen Stellen herrschenden Formationen. Diese sind, wenn man mit den ältesten und am weitesten gegen Osten liegenden Lagern den Anfang macht und von diesen zu den jüngeren und westlicheren geht, nach der Reihe folgende: I. Aufrecht stehende Lager von einem weissen Sandstein, der äusserst hart ist und keine Spuren von Versteinerungen darbietet. Zwischen diesen weissen, von Norden nach Süden streichenden Sandsteinlagern liegen bisweilen nicht sehr breite Lager von einem dunkleren Sandsteine. Im Osten dieser Sandsteinbildung, welche sehr mächtig ist und die äusserste der drei Bergspitzen, welche im Westen des Jökels liegen, ganz einnimmt, trifft man erst, wie man aus den von dem Fjell herabgestürzten Steinen schliessen kann, ein unbedeutendes Lager von Konglomerat und dann II. Einen sehr harten und unreinen, sowohl in frischem Bruche, als nachdem er von Wasser und Atmosphärilien aufgelöst ist, grauen Kalk, hie und da Schalen von Euomphalus, Productus, Stämme von Cyatophyllum, Stacheln von Meerigeln u. A. enthaltend. Fast die ganze mittlere der drei im Westen des Jökels gelegenen Bergspitzen besteht aus dieser Formation. Diese Lager gehören vielleicht zu einerlei Formation mit denen auf Kap Fanshaw. III. 1. Ein loser grauer Kalk, beinahe ganz bestehend aus schönen und gut erhaltenen Versteinerungen, besonders von Brachyopoden, welche denselben Arten anzugehören scheinen wie die Versteinerungen vom Lovén-Berg und Angelin-Berg an der Strasse. Wegen der bedeutenden Bergstürze, die hier wie überall auf Spitzbergen die feste Kluft an den nicht ganz senkrecht abstürzenden Bergseiten bedecken, war ich nicht im Stande, diese vermuthlich nicht sehr mächtigen Lager in anstehender Kluft zu beobachten, wohl aber traf ich am Strande kantige, von diesen Lagern herrührende Kalkstücke, welche ein reissender, während der Schneeschmelze wasserreicher Bach augenscheinlich von dem darüber liegenden Bergkamme mit sich hinweggeführt hatte. Zusammen mit diesem losen, Versteinerungen führenden Kalk findet man hier Stücke von einer eigenthümlichen Breccie, bestehend aus kantigen, mit einem grauen Bindungsmittel zusammengekitteten Stücken von einem weissen, mit Kiesel gemischten Kalk. Diese in der Breccie eingeschlossenen Kalkstücke sind, wie schon erwähnt, ganz scharfkantig, sehr lose und haben ganz das Aussehen von gebranntem Kalkstein, was zu beweisen scheint, dass dieses Lager sich bei dem Hervorbrechen der Hyperit-Masse gebildet hat, welche auch am Bellsund die sedimentären Formationen durchbrochen hat und jetzt theils einen Theil des mittleren Berges an der Mündung des Fjordes ganz einnimmt, theils als ein schwarzes horizontales Lager den eigentlichen obersten Kamm auf dem äussersten Fjell bildet. Schon zwischen den zu II und III gehörenden Lagern liegen mehrere nicht sehr mächtige Lager von geschichtetem Quarz, in denen, so weit ich nach einer flüchtigen Untersuchung urtheilen konnte, gar keine Versteinerungen vorkommen; doch erst im Osten der Kalklager treten diese Quarzmassen in etwas grösserer Menge auf und bilden die zweite Abtheilung in dieser Gruppe, nämlich: 2. mehr oder weniger reinen, geschichteten, dunklen Kiesel mit Productus, Spirifer u. A. m. Diese Lager, ausgezeichnet durch ihren bedeutenden Reichthum an Kiesel, sind äusserst dicht und hart, so dass man nur mit Schwierigkeit einige Exemplare der schönen und vorzugsweise grossen Versteinerungen, welche man darin findet, abhauen kann. Auf der langen Insel, welche die Mündung des NordFjordes abschliesst, kann man einen ausgezeichnet schönen Durchschnitt dieser oft aufrecht stehenden, meistentheils aber, besonders an der Ostseite der Insel, nach Osten steil abfallenden, ungefähr von Norden nach Süden streichenden Quarzschicht sehen. Man kann möglicher Weise diese Lager in zwei verschiedene Abtheilungen eintheilen, nämlich: 1. einen grauen, durch Verwitterung an der Luft gelbbraunen, äusserst dichten und schwer zu zerstörenden Kieselschiefer, der sich in frischem Bruche ganz homogen zeigt, wenn er aber eine längere Zeit der Einwirkung der Atmosphärilien ausgesetzt gewesen ist, ein rauhes und zackiges Aussehen erhält; 2. einen schwarzen, in der Luft wenig verwitternden Kiesel. In petrefactologischer Hinsicht sind

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gleichwohl diese beiden Abtheilungen, von denen jene den grössten Theil der Insel, diese einen schmalen Kamm an der östlichen Seite derselben einnimmt, ganz identisch. IV. a. Ein von Norden nach Süden streichender, steil gegen Osten fallender Sandstein mit Spuren von Pflanzenabdrücken und oben auf demselben ein etwas glimmerhaltiger Schiefer, ebenfalls mit Spuren von Pflanzenabdrücken. Diese Lager nehmen die Berge gleich im Westen des Jökels ein, von welchem ein bis an das Kolfjell fortgesetztes, bei unserem Aufenthalt am Bellsund noch mit

Schnee bedecktes Tiefland beginnt. Nur hie und da kann

man in diesem Tieflande, gleich unterhalb des Jökels und im Westen desselben, eine anstehende Kluft treffen, welche zeigt, dass die Bergart fortwährend entweder aus einem schwarzen Schiefer oder aus einer grauen sandsteinartigen Masse besteht, beide, mit Ausnahme einiger undeutlicher Pflanzenabdrücke, ganz ohne Versteinerungen. Die Schichten streichen von Norden nach Süden und fallen ganz senkrecht theils nach Osten, theils nach Westen ab, an Einem Orte sind sie sogar von einer darunter liegenden plutonischen Bergart (Hyperit) ganz sattelförmig umgebogen worden. Am Strande an der östlichen Seite des Jökels stürzt ein kleiner, sehr zersplitterter Berg ins Meer hinab, der, wie man von seiner Lage erwarten sollte, aus eben solchem Sandstein bestehen müsste. Das ist jedoch nicht der Fall; man trifft nämlich hier von Nordost nach Südwest streichende und nur 12° gegen Nordwest fallende Lager von einem bituminösen Schiefer mit einigen wenigen Pecten- und Ostreaartigen Versteinerungen. Weiter nach unten auf demselben Berge liegen Lager von einem dunklen Schiefer mit eingesprengten schwarzen, zum Theil Speerkies enthaltenden Drusen, durch deren Verwitterung diese Lager an der Oberfläche ein weissliches Aussehen erhalten haben. b. Die Lager am Mittel-Hook. – Ich hatte keine Gelegenheit, das im Grunde des zuvor erwähnten Tieflandes liegende hohe Fjell zu besuchen und also direkt die unmittelbar auf den vorhergehenden Bergformationen ruhenden Lager zu untersuchen; doch glaube ich, dass dieses von keiner so grossen Wichtigkeit und Bedeutung war, da das grosse Fjell, welches den nördlichen und mittleren Fjord im Bellsund von einander trennt, ohne Zweifel aus denselben Lagern gebildet ist, welche ursprünglich auch das mehr erwähnte Tiefland bedeckt haben. Dieses an der äussersten Spitze des südlichen Strandes am Nord-Fjord belegene Fjell ist den Seefahrenden sehr wohl bekannt unter dem Namen „Mittel-Hook". Einige kleine, ein Paar Schussweiten vom Strande liegende Schären so wie die passende Tiefe in der Bucht zwischen diesen Schären und dem Festlande bilden nämlich hier einen kleinen, aber guten Hafen, der von Zeit zu Zeit von Spitzbergen-Fahrern besucht wird. Weil der hohe Berg ganz senkrecht gegen den Strand abstürzt, kann man schon in weiter Ferne seine lagerförmige Struktur unterscheiden und bei näherer Untersuchung findet man, dass er aus wechselnden Lagern von Quarzit, Kalk, Sandstein, Konglomerat, Hyperit und Glimmerschiefer besteht. Die Lager streichen von Nordost nach Südwest und fallen 14 bis 17° gegen Südost. Das Konglomerat enthält etwas kohlensauren Kalk und besteht aus abgerundeten Quarzit- und Feuersteinbällen, hart zusammengekittet von einem braunen, meistentheils aus Kiesel bestehenden Bindemittel. Die nicht sehr mächtigen Lager von Glimmer- oder Chloritschiefer und Hyperit liegen ganz uniform gelagert zwischen den übrigen Schichten, in denen keine Spuren von Versteinerungen angetroffen werden. Diese mächtigen Lager sind, aus den grobkörnigen Konglomeraten zu schliessen, ganz lokale Bildungen, doch aus der Beschaffenheit des Konglomerates (es ist augenscheinlich gebildet aus Fragmenten der Lager I, II und III), aus der von der horizontalen Fläche nur wenig abweichenden Lage dieser Schichten u. A. m. kann man schliessen, dass die Lager im Kolfjell auf Bildungen ruhen, gleichzeitig mit denen, die am Mittel-Hook im Bellsund angetroffen werden, und diese wiederum auf den Productusführenden Kalk- und Feuersteinlagern, die oben unter III beschrieben wurden. V. Die Lager am Kolfjell (Kohlenberg). – Diese bestehen vornehmlichst aus drei verschiedenen, wenn auch allmählich in einander übergehenden Schichten, nämlich: a. Einem schwarzen, leicht zersplitterten Schiefer, an einigen Orten Bälle von Speerkies oder Kalk mit einem unbedeutenden Kern von Kies enthaltend. Diese Lager, in denen man bisweilen ziemlich deutliche Pflanzenabdrücke (sehr schöne Laubabdrücke) antrifft, nehmen besonders die durch ein Tiefland von dem eigentlichen Fjell getrennte Basis des Berges ein und man kann einen schönen Durchschnitt derselben an dem senkrechten, einige Klafter hohen Absatze sehen, mit welchem dieses sanft sich senkende Land am Meere endigt. Diese Lager streichen von Norden gegen Süden und fallen 18° gegen Osten. Zwischen dem schwarzen Schiefer trifft man oft unbedeutende Lager eines mehr oder weniger dichten grauen Sandsteines, und je mehr man sich der östlichsten Grenze des schwarzen Schiefers nähert, desto mehr nehmen diese Lager an Zahl zu, so dass die Formation ganz allmählich übergeht in: b. Grauweissen Sandstein. Diese Sandsteinbildung nimmt den untersten Theil des eigentlichen Kohlenberges ein und zeichnet sich durch eine grössere Dichtigkeit und dadurch aus, dass sie oft unterbrochen ist sowohl von dem unter a angeführten Schiefer als auch von Konglomerat und von einem groben harten Sandsteine, erfüllt mit Fucus

Abdrücken, die oft beinahe 1 Fuss breit sind. Das Kohlenlager, von welchem grosse Stücke unter den Steinstürzen, 500 Fuss hoch über der Meeresfläche, angetroffen werden, gehört ohne Zweifel ebenfalls hierher. Bisweilen enthalten diese Sandsteinlager Versteinerungen, die nicht eben schön und deutlich sind, ähnlich den Versteinerungen von den horizontalen Lagern am Eis-Fjord. c. Ein loser grauer Sandstein mit feinen eingesprengten Talkschuppen und zahlreichen, wenn auch wenig deutlichen, kleinen Fucus-artigen Pflanzenabdrücken. Diese Lager, welche den oberen Theil des Kohlenberges und ein etwas weiter gegen Osten im Inneren der Bucht belegenes kleineres Fjell einnehmen, liegen fast horizontal mit einer sehr schwachen Neigung gegen Norden oder Nordosten. Die unter IV aufgenommenen Lager gehören augenscheinlich alle ein und derselben, auf Spitzbergen weit verbreiteten Formation an, welche sich über das Innere des Landes, wahrscheinlich bis hinauf nach Drei Kronen (Tre Kronor) zu erstrecken scheint. Ein Jeder, der Gelegenheit gehabt hat, die Lagerungs-Verhältnisse dieser Schichten an Ort und Stelle zu sehen, kann keinen Augenblick bezweifeln, dass die Lager, welche die laubreichen Pflanzenabdrücke enthalten, und diejenigen, welche die zu den Geschlechtern Nucula, Arca, Inoceramus u. a. angehörenden Versteinerungen führen, zu ein und derselben Formation gehören oder wenigstens dass die Lager mit Pflanzenabdrücken an mehreren Orten diesen letzteren, Nucula, Arca u. s. w. führenden Schichten untergelegt sind, welche wiederum völlig gleichartig sind mit den Lagern, in denen Blomstrand am EisFjord Abdrücke von recht grossen und schönen Ammoniten angetroffen hat. VI. Ein neu gebildeter Sandstein, der ganz lose ist und abgerundete Kohlenstücke sowie äusserst undeutliche Fucusähnliche Pflanzenabdrücke enthält. Diese Sandsteinlager, welche deutlich durch Zerstörung der unter V aufgenommenen Bildungen entstanden sind, werden am südlichen Strande des Bellsundes, auf der Spitze, welche den südlichen Arm des Fjordes vom Meere trennt, anstehend getroffen. Die in diesem Sandstein eingeschlossenen abgerundeten Kohlenstücke enthalten bisweilen kleine harzähnliche Drusen. Grössere lose Kohlenstücke liegen reichlich am Strande umher zerstreut, eine Thatsache, die vielleicht als eine Bestätigung der Aussage unseres kundigen Quän’schen (Finnischen) Wegweisers angesehen werden kann, dass auch hier in der Nähe des Strandes anstehende Kohlenlager vorkommen sollen. Als ich diesen Strand besuchte, war gleichwohl der Boden an allen tiefer belegenen Stellen noch dermaassen mit Schnee bedeckt, dass sich mir zur näheren Prüfung dieser Aussage keine Gelegenheit darbot.

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Whitcombes Reise durch die Südlichen Alpen von Neu-Seeland und die näheren Umstände seines Todes.

Je rascher die letzten Reste der unbekannten Länderstrecken unseres Erdkörpers schwinden, desto zahlreicher sind die Opfer, welche die allseitig fortschreitende Erforschung kostet. Nicht nur Afrika mit seinem verrufenen Klima und seiner barbarischen Bevölkerung, nicht nur die eisigen Polar-Regionen oder die unwirthlichen Einöden Australiens haben in den letzten Decennien muthige, talentvolle, für die Wissenschaften begeisterte Männer zu Dutzenden verschlungen, selbst die blühende Inselgruppe NeuSeeland, zum Wohnort civilisirter Menschen geeignet wie wenige andere Länder, ist nicht ungestraft der Wissenschaft erschlossen worden, die Eroberung der Südlichen Alpen, allerdings ein glänzender Erfolg in der neuesten Geschichte der Geographie, hat im vergangenen Jahre mehrere Menschenleben gefordert. Zwei Expeditionen, die eine unter Führung des Kolonial-Geometers Whitcombe, die andere unter Charlton Howitt, gingen in den ersten Monaten des Jahres 1863 von Christchurch aus, um verschiedene Wege durch den nördlichen Theil der Provinz Canterbury über das Gebirge nach der Westküste aufzusuchen und theilweis zu bahnen. Whitcombe gelangte im Thal des Rakaia!) zu einem Passe, der etwas östlich von Mount Tyndall über den Kamm des Gebirges führt, folgte von da in nördlicher Richtung unter dem 171. Meridian (östl. v. Gr.) dem Okipiki-Fluss bis zu dessen Mündung (wenig südlich von der Mündung des Brunner-Flusses) und dem Meeresufer nordwärts bis zur Mündung des TaramakauFlusses, fand aber im Mai beim Übersetzen über diesen letzteren den Tod. Auch sein Gefährte Jakob Louper wurde von dem Strom in das Meer hinausgeführt, aber die Fluthen warfen ihn lebend zurück auf den Strand und in elendester Lage schleppte er sich bis zum Brunner-See, wo er die Howitt'sche Expedition antraf und von ihr unterstützt die Rückreise antreten konnte. Howitt hatte unfern der nördlichen Grenze der Provinz das Gebirge überschritten, einen Weg längs des Taramakau gebahnt und am Brunner-See sein Standquartier aufgeschlagen; er sollte Whitcombe nur kurze Zeit überleben, denn schon am 27. Juni ertrank er in dem See zugleich mit seinen Begleitern Robert Little und Henry Mullis, als er in einem gebrechlichen Kahn überzusetzen versuchte.

Howitt's Reise führte durch Gegenden, die auch vor ihm schon ziemlich gut bekannt waren, Whitcombe dagegen hat neuen Boden betreten, und wären nicht seine Arbeiten

) Zur Orientirung siehe die Karte von Neu-Seeland in „Geogr. Mittheilungen" 1862, Tafel 14.

mit ihm verloren worden, so würde seine Route zur Kenntniss der Südlichen Alpen, namentlich ihres westlichen Abhanges, wesentlich beigetragen haben. Ganz fruchtlos ist indessen seine mühevolle und so traurig geendete Reise trotzdem nicht gewesen, die Existenz des von ihm überschrittenen Passes, die Richtung des Okipiki-Flusses von Süd nach Nord statt von Ost nach West, wie bisher auf den Karten angenommen war, sind für die Geographie von Neu-Seeland neu und ausserdem giebt der Bericht, den Jakob Louper in der „Lyttelton Times" vom 11. Juli 1863 veröffentlicht hat, Anhaltepunkte für eine deutliche Vorstellung von der Beschaffenheit der durchreisten Gebirgsgegend im Allgemeinen. Aus dieser schlichten, sehr ausführlichen Erzählung, die uns durch Herrn Dr. v. Hochstetter's - gütige Vermittelung in Deutscher Übersetzung zukam, wollen wir das für die Geographie und für das Interesse an Whitcombe und seines treuen Gefährten Schicksal Wesentliche herausnehmen. Wir verliessen, – erzählt Louper – von Herrn Whitcombe vorausgeschickt, Christchurch am 13. April 1863, mit Lebensmitteln und allem zur Reise Nöthigen wohl versehen. Die Gesellschaft bestand aus drei Männern mit einem Pferd und Karren, in welchen wir 200 Pfund Zwieback, Thee, Zucker und ein Hammelsviertel packten. So ausgerüstet machten wir uns in bester Laune und bei herrlichem Wetter auf die Reise. Die drei ersten Stationen waren Giggs' Herberge am Selwyn-Fluss, Woolshed Hill und Atkin's Station. In der letzteren holte uns Herr Whitcombe am 16. zu Pferde ein und am folgenden Tage rüsteten wir uns zur Weiterreise. Da der Weg nun sehr rauh zu werden anfing, beschloss Herr Whitcombe, den Karren nebst einem Theil des Zwiebacks in der Station zurückzulassen; da das Pferd nicht die ganze Last auf ein Mal tragen konnte, sollte ein Mann zurückkehren und den Rest nachholen. In der Station versahen wir uns mit frischem Fleisch. Herr Whitcombe nahm seine Reisetasche vor sich aufs Pferd, jeder der Männer trug die seinige. Die Last des anderen Pferdes, die beiläufig 200 Pfund betrug, bestand aus Zwieback, Thee und Zucker, einem Zelt, Beilen, Stricken, Rattenfallen und vielen anderen Kleinigkeiten, welche Herr Whitcombe für nöthig erachtet hatte. Wir setzten unseren Weg längs des Flusses (Rakaia) fort und kamen, immer die besten Pfade aufsuchend, nahe am Heron-See vorüber!). Gegen Abend gelangten wir an

*) Diess ist jedenfalls ein Irrthum, die Reisenden kamen nicht am Heron-, sondern am Coleridge-See vorüber. A. P.

einen Arm des Rakaia, welcher von Westen kommend sich hier mit dem Hauptstrom vereinigt und wegen seiner Tiefe erst eine Strecke weiter aufwärts von uns durchschritten werden konnte. Wir langten Alle glücklich am anderen Ufer an und schliefen in einer bequemen Hütte. Am folgenden Tag, den 18., erreichten wir nach einem Marsche von 8 bis 10 Engl. Meilen eine Station zum Übernachten, wo wir uns mit frischem Fleische versahen. Am 19. gingen wir über den Fluss und fanden bald einen sehr guten Lagerplatz, wo wir unser Zelt aufschlugen, denn es regnete ein wenig und war ausserdem Sonntag. Am nächsten Tag setzten wir unsere Wanderung am Flusse aufwärts fort. Wir hatten keine besonderen Schwierigkeiten zu überwinden, da wir im Flussbett bleiben und beinahe an jeder Stelle von einer Seite zur anderen gelangen konnten, nur wurde es sehr kalt und regnete dann und wann bei heftigem Winde. Am anderen Morgen legte sich der Wind und ein prachtvoller Sonnenaufgang versprach einen schönen Tag. Hohe Berge, die Gipfel mit Schnee bedeckt, erhoben sich zu beiden Seiten des Thales, gegen Süden erblickte man Gletscher voll ewigen Schnee's und ungefähr 2 Meilen von unserem heutigen Lagerplatz versperrte ein ausgedehnter Gletscher die nun enger werdende Schlucht. In dieser Richtung weiter vorzudringen, war augenscheinlich mit den höchsten Schwierigkeiten verbunden, aber westlich von dem Lagerplatz bemerkte ich eine tiefe Spalte in der Bergkette, von welcher aus einem Seitenthal kommend ein grosser Fluss herabströmte, und ich vermuthete, es möchte diess der von Herrn Whitcombe gesuchte Pass sein.

An jenem Abend forderte mich Herr Whitcombe auf, ihn allein nach der Westküste zu begleiten, er sei entschlossen, bis an das Meer zu gehen und sodann an den Taramakau zurückzukehren. Die beiden anderen Männer würden uns als Neulinge nur Ungelegenheiten machen, statt irgend einen Dienst zu leisten. Es könne nicht viel über 50 Engl. Meilen bis an die Küste sein und der Weg müsste in der That sehr schlecht werden, wenn wir nicht 5 bis 6 Meilen täglich zurücklegen sollten. Diess würde also höchstens 10 Tage in Anspruch nehmen, bis zum Taramakau brauchten wir weitere 2 Tage und dann 1 Tag bis zum Grey, auch könnten wir uns von Kapitän Dixon ein Canoe mit Lebensmitteln verschaffen, den Taramakau aufwärts so weit als möglich fahren und dann über den „Sattel" mit Leichtigkeit in 4 bis 5 Tagen gelangen. Sollte Kapitän Dixon die Gegend verlassen haben, so könnten wir die Brüder Sherrin aufsuchen, die uns hinreichenden Proviant liefern würden, oder wir fänden die Goldgräber, welche Kapitän Dixon hierher brachte ). Sollte

!) Captain Dixon hat bekanntlich vor zwei Jahren das Gold am Taramakau entdeckt. A. P.

Petermann's Geogr. Mittheilungen. 1864, Heft VI.

alles diess nicht glücken, so gingen wir weiter an den Grey und nähmen von den Maoris so viel wir brauchten, um nach Howitt's Station am Brunner-See zu gelangen. Es wurde nun beschlossen, auf 14 Tage Zwieback, je vier Stück per Tag, etwas Thee und Zucker, ein Beil, ein langes dünnes Seil, einen kleinen Theekessel und Trinkbecher, etwas Tabak, Salz, das gekochte Hammelviertel, welches wir mit hierher gebracht hatten, Zündhölzchen, die Rattenfallen sowie zwei Decken und das Instrument zum Höhenmessen mitzunehmen, und die beiden anderen Männer wurden angewiesen, am folgenden Tage den Rückweg nach Christchurch anzutreten und sich von dort mit den Pferden an den Fuss des Taramakau-Sattels zu begeben, wo sie uns in einer Hütte zu erwarten hätten. Nachdem wir am Morgen des 22. ungefähr 3 Engl. Meilen zurückgelegt hatten, kamen wir an den Fuss des Gletschers, aus welchem der Rakaia entspringt. Das blaue Wasser strömt mit Heftigkeit aus einer Wölbung unter dem Eise hervor. Da der Tag schön war, erstiegen wir den ersten, niedrigen Gletscher, der das Thal verbarrikadirte; er war ungefähr 4- bis 500 Fuss hoch und beinahe eben, so dass wir leicht bis an die Spitze gelangen konnten. Von hier hatten wir eine prachtvolle Aussicht auf andere Gletscher, die sich ringsherum zu grosser Höhe erhoben. Nachdem wir unsere Schaulust befriedigt hatten, kehrten wir auf demselben Weg zurück und versuchten nun den Durchgang durch jenes Thal, welches ich am Abend vorher entdeckt hatte. Ein grosser reissender Fluss durchströmt das enge Thal, man sieht keinen Strauch und auch keinen Gletscher mehr. Hohe Berge erheben sich zu beiden Seiten, ihre Gipfel beladen mit Schnee, aber ohne Eis. Gegen 11 Uhr Vormittags zogen plötzlich schwere Wolken an den Bergen auf und gleich fing es heftig zu regnen an. Wir dachten, es werde nur ein vorübergehendes Gewitter sein, aber der Regen nahm immer mehr zu und endlich fiel Schnee in grossen Flocken, der bald Alles bedeckte. Wir erreichten den höchsten Punkt des Sattels, der aus losen Felsblöcken besteht und sich einige hundert Yards beinahe eben fortzieht, setzten uns nieder, um auszuruhen, und Herr Whitcombe machte eine Messung mit seinem Instrument und sagte, dass wir uns beiläufig 4000 Fuss über dem Meeresspiegel befänden. Es war gegen 1 Uhr Nachmittags, fortwährend fiel sehr dichter Schnee und die Kälte wurde empfindlich. Bis an diesen Punkt könnte eine Strasse geführt werden, wenn auch mit grossen Kosten; nun beginnt aber ein Abhang, der zwar nicht steil, aber überall ganz zerrissen und zerklüftet ist. Das Thal verengt sich immer mehr, Wasser strömt aus allen Felsspalten hervor, von beiden

Seiten des Thales stürzen kleine Wasserfälle beinahe 28

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