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Die Schwedische Expedition nach Spitzbergen, 1861.

VI. Geographische Beschreibung der nordöstlichen Theile von Spitzbergen und der Hinlopen-Strasse. Von A. E. Nordenskjöld).

(Mit Karte, s. Tafel 6.)

Es lag mit in dem ursprünglichen Plane der Schwedischen wissenschaftlichen Expedition nach Spitzbergen im Jahre 1861, dass einige der Theilnehmer während des Sommers auf dem Polareise so weit wie möglich gegen Norden vorzudringen suchen sollten. Bald musste gleichwohl dieser Plan wegfallen, weil das von uns benutzte Fahrzeug, der Schooner Äolus, schon im Anfange unseres Aufenthaltes an der nördlichen Küste Spitzbergens von hohem, undurchdringlichen Treibeise eingeschlossen wurde. Dadurch wurden alle längeren Ausflüge von dem Fahrzeuge ganz unmöglich gemacht, und als endlich nach dem Verlauf mehrerer Wochen das Eis sich vertheilte, war schon ein so grosser Theil des in diesen hohen Breiten so kurzen Sommers verflossen, dass ein eigensinniges Festhalten an der zuvor beabsichtigten Eisfahrt ganz zwecklos gewesen sein würde. Daher widmeten denn während des noch übrigen Theiles des Sommers die für die Eisreise bestimmten Mitglieder der Expedition ihre Kräfte geographischen und geognostischen Untersuchungen des Nordostlandes und der Hinlopen - Strasse. Die Resultate dieser Untersuchungen, so weit dieselben auf mir beruhen, werden hier in der Form einer geographischen und geologischen, von einer Karte begleiteten Beschreibung über die von uns besuchten Gegenden mitgetheilt.

Diese Karte gründet sich theils auf Parry's bekannte Karte, theils auf Mittheilungen der übrigen Theilnehmer an der Expedition, besonders von Carl Chydenius, vornehmlich aber auf Beobachtungen, welche O. Torell und ich auf den Bootfahrten gemacht haben, die wir in der Gesellschaft des berühmten arktischen Reisenden, des Dänen Petersen, und von vier Bootsleuten begleitet längs den auf der Karte gezeichneten Küsten unternommen haben.

Auf diesen Fahrten so wie überhaupt auf der ganzen Spitzbergen'schen Reise benutzte ich jede Gelegenheit, die sich mir darbot, jeden heiteren Tag, jede wolkenfreie Nacht zur Anstellung geographischer Ortsbestimmungen. Auf dem Theile von Spitzbergen, welchen die beigefügte Karte umfasst, sind also 28 Punkte hinsichtlich ihrer Lage astronomisch bestimmt und diese Ortsbestimmungen bilden die eigentliche Basis der Karte. Von diesen astronomisch be

!) Aus dem Schwedischen der Kongl. Svenska Vetenskaps-Akademiens Handlingar, Bd. 4, Nr. 7, übersetzt von C. F. Frisch.

stimmten Orten sind zwischen den umliegenden Spitzen und Inseln, Berghöhen im Inneren der Fjorde u. s. w. Winkel gemessen und daher auch diese mit ziemlicher Genauigkeit in die Karte eingetragen worden. Die dazwischen liegenden Küstenstrecken sind später nach dem Augenmaasse gezeichnet. Die Ortsbestimmungen sind berechnet von D. G. Lindhagen und in einer in die Verhandlungen der Akademie aufgenommenen besonderen Abhandlung bekannt gemacht worden !).

Folgende Berghöhen sind entweder durch BarometerObservationen oder durch Winkelmessungen direkt gemessen worden.

Schwedische Pariser

- - - - - - - - - Fuss. Fuss.
Kap Fanshaw, nach Winkelmessungen 1300 1190
Das dem Meere zunächst gelegene Plateau vom
Lovén Berg, nach Winkelmessungen . . . 1720 1570
Das dem Meere zunächst gelegene Plateau des
Kap Selander, nach Winkelmessungen 880 800
Das schroff in die Bird-Bay hinabstürzende
Plateau des Snötoppen (Schneekuppe), nach
Barometer-Beobachtungen . . . . . 1300 1190
Die höchste Spitze des Snötoppen, nach Baro-
meter-Beobachtungen . - - - . . 1900 1740
Castrén Inseln, nach Winkelmessungen . 800 30
Extreme Hook, nach Winkelmessungen . . . 1200 . 1100
Kap Lindhagen (die Berge zunächst am Meere),
nach Winkelmessungen - -- - . . 820 750
Der Grytberg (Grapenberg) . - - . . 1700 1550
Die Kleine Tafel-Insel (Lilla Taffel-ö), nach
Winkelmessungen - - - - - 770 700
Die Tafel-Insel (Taffel-ö), nach Winkelmessungen 880 800
Der höchste Gipfel auf Parry Insel, nach
Winkelmessungen - - - 1860 1700
Der höchste Gipfel auf Marten Insel, nach
Winkelmessungen - - - - . . 1440 1320
Die nördliche Spitze von Phipps Insel, nach
Winkelmessungen - - - - - 1880 1720
Die südöstliche Spitze von Martens Insel, nach
Winkelmessungen . . . | 940 860

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Stürme, welche auf der Eigenschaft der Meerenge als eines Verbindungskanales zwischen dem östlichen und westlichen Eismeere beruhen, herrschen dort fast immer und machen die Schifffahrt in der Strasse gefährlicher als in irgend einem anderen Theile des Spitzbergen'schen Meeres. Daher wird dieselbe auch selten von den Norwegischen Walross-Jägern besucht und selten oder niemals ist sie so eisfrei, dass man ungehindert hindurchsegeln kann. Wenigstens ist ein solches Unternehmen noch keinem einzigen Norwegischen Walross-Jäger gelungen, welches ein bisher unerreichtes Ziel ihres Ehrgeizes zu sein scheint. Mancher von ihnen rühmt sich zwar, dass er rund um Spitzbergen gesegelt ist; bei näherer Nachfrage aber findet man bald, dass sie darunter nichts Anderes verstehen, als dass sie zu verschiedenen Zeiten bis an dieselbe Stelle in der Strasse vorgedrungen sind, das eine Mal von Norden her, das zweite Mal von Süden. Im Jahre 1861 war der südliche Theil der Strasse, etwa bis an die Süd-WaygatsInseln, noch am 14. Juli mit festem Eise bedeckt, und als dieses Eis später im Sommer durch Sturm und Strömung zerstreut wurde, nahm Treibeis, welches östliche Winde in dem südlichen Theile der Strasse angehäuft hatten, die Stelle desselben ein. Vergeblich versuchte daher einer der kühnsten Spitzbergen-Fahrer, ein alter Schiffer aus Hammerfest, in den ersten Tagen des September 1861, da man an der nördlichen Küste nicht einmal gegen Norden Eis sehen konnte, durch diese gefährliche und launenhafte Meerenge zu segeln. In dem südlichen Theile derselben stiess er auf undurchdringliches Treibeis und war genöthigt umzukehren. Die arktische Natur tritt an den von uns besuchten Gegenden Spitzbergens nirgends so prachtvoll und grossartig auf als in dem südlich von der Wahlenberg Bucht und der Lomme-Bai belegenen Theile der Hinlopen-Strasse. Die Meerenge, die hier ziemlich breit ist, wird zu beiden Seiten von hohen, bis an das Meeresgestade herabreichenden Fjellen umgeben, welche entweder aus Hyperit bestehen und dann oft senkrecht ins Meer hinabstürzen oder aus horizontalen, ebenfalls am Meere plötzlich abgeschnittenen Kalklagern, oben bedeckt mit einer mächtigen schwarzen Hyperit-Schicht. Dieses bis an das Meeresufer herabgehende, unten grauweisse, oben schwarze Fjell-Band wird nur von grossen, in die Thäler und Bergklüfte eindringenden Jökeln unterbrochen, von deren senkrecht gegen das Meer abfallendem Rande stets ungeheuere Eisstücke mit starkem Geräusch und Getöse herunterstürzen. Einige dieser Berge dürften eine besondere Erwähnung verdienen. Wenn man in die südliche Hälfte der Strasse einsegelt, so ziehen gleich zwei Berge die Aufmerksamkeit des Reisenden auf sich, nämlich Lovén Berg an dem westlichen

und Angelin Berg gegenüber am östlichen Gestade. Jeder dieser Berge ist bemerkenswerth wegen seines Reichthums an Versteinerungen und besteht, gleich einer Menge anderer Berge an der Strasse, unter anderen auch der ganzen Küstenstrecke zwischen dem Angelin Berge und der Wahlenberg Bucht, aus grauen, oft stark kieselhaltigen Kalk- und Sandsteinlagern, welche oben mit einer hohen, schwarzen, ebenfalls horizontalen Schicht bedeckt sind, auf welcher man hie und da wiederum denselben grauen Kalk wie am Fusse des Berges antrifft. Das dem Meere zunächst gelegene Plateau des Lovén Berges liegt zwischen 1700 und 1800 Fuss über dem Meere, der höchste Gipfel desselben aber ist bedeutend höher und zwar 2500 Fuss nach Abschätzung von Chydenius, der diesen Berg bestiegen hat. Angelin Berg ist bei weitem niedriger, sein dem Meeresufer zunächst gelegenes Plateau vielleicht nur 900 bis 1000 Fuss. Im Norden vom Lovén, Berg beginnt die Hyperitmasse sich immer mehr und mehr zu senken, bis sie endlich etwas südlich von Duym-Point die Meeresfläche erreicht. Ein mächtiges Fjell an dieser Spitze besteht

ausschliesslich aus Hyperit und nördlicher, zwischen Duym

Point und Kap Fanshaw, bildet diese Steinart einen etwa 1000 Fuss hohen, gegen das Meer ganz senkrecht herabstürzenden, in unzählige Klüfte und kolossale frei stehende Säulen zersplitterten Berg, bewohnt von einer unglaublichen Menge Alken und Fischmeven, welche hier zahlreicher vorkommen als an irgend einer anderen Stelle auf Spitzbergen. Im Norden dieses Alken-Fjelles erhebt sich die schwarze Hyperitmasse von Neuem, so dass der Fuss der hohen Berge, welche das Kap Fanshaw bilden, aus anderen Bergarten, wie Kalk- und Sandsteinlagern, besteht.

Die Hyperitberge sind entweder abgerundet oder stürzen, wie das oben beschriebene Alken-Fjell, ganz schroff gegen das Meer ab, die Seiten der Kalkberge dagegen bilden einen einzigen grossen Trümmerhaufen von herabgestürzten Steinen, an welchem man nur mit Schwierigkeit hinaufklettern kann, nicht ohne Gefahr vor den stets von der Bergspitze herabrollenden Steinen und Felsstücken. An der Grenze zwischen dem Jökel und dem Fjell, zwischen dem Eis- und Steinberge, findet man doch beinahe immer einen Weg, der leichter zu betreten und auch weniger gefährlich ist, um auf den Gipfel des Berges zu gelangen oder richtiger auf das zusammenhängende, nur in der Nähe des Meeres von Jökeln zerschnittene Berg- oder Eisplateau, aus welchem das Innere des Landes besteht. Auf einer Höhe von 500 bis 1000 Fuss trifft man noch keinen sogenannten ewigen Schnee, sondern während des letzteren Theiles des Sommers schneefreie Ebenen an, auf denen hie und da verkrüppelte Exemplare der in der hoch-arktischen Zone vorkommenden Pflanzen stehen. Erst in einer Höhe von 1500 bis 2000 Fuss scheint eine beständige Schneeregion zu beginnen. Chydenius, der eine Fusswanderung in das Innere des Landes von den Bergen im Süden des LovénBerges an die südliche Bucht der Lomme-Bai gemacht hat, beschreibt die von ihm besuchte Gegend als ein zusammenhängendes, mit losem Schnee bedecktes Eisplateau, aus welchem sich keine Berggipfel erheben, wohl aber einige 100 bis 150 Fuss hohe, von Nord nach Süd sich erstreckende Eiswälle. Diese von keinen tieferen Thälern unterbrochene Eisebene bildet deutlich den eigentlichen Firn und die Quelle der zahlreichen in das Meer mündenden Jökel. Im Norden der Lomme-Bai und der Wahlenberg-Bucht sind die Ufer zu beiden Seiten der in diesen Gegenden sehr schmalen Strasse ganz niedrig. Das westliche Ufer besteht aus einem ungeheueren, vom Eiskap bis an den Hecla-Hook sich erstreckenden Jökel, der nur in der Mitte von einigen wenig bedeutenden schwarzen Bergmassen unterbrochen ist. Das östliche Ufer wird gebildet von einer niedrigen, kahlen und öden Kalkrehde, welche an Vegetation ärmer und dürftiger ist als selbst die nördlichen Granitfelsen der Sieben Inseln. Ältere Holländische Karten haben hier eine lange, durch einen schmalen Sund von dem eigentlichen Nordost- Lande getrennte Insel, die NordostInsel genannt. Von dem Sunde, welcher diese NordostInsel von dem Nordost-Lande trennen sollte, ist wenigstens jetzt keine Spur mehr vorhanden, wohl aber konnte Chydenius, der während seiner Rekognoscirung für die Gradmessung auch in diesen Gegenden etwas tiefer in das Land eindrang, bemerken, wie die Kalkberge, welche die alte Nordost-Insel bilden, sich erst langsam zu einem 1000 bis 1500 Fuss hohen Bergkamm erheben und sich darauf von Neuem zu einem nur ein Paar hundert Fuss über das Meer sich hebenden, fast von der Lady Franklin-Bucht bis an die Wahlenberg-Bucht sich erstreckenden, mit Eis bedeckten Thale senken. Dieses Thal, welches leider Niemand von uns Gelegenheit hatte vollständig zu untersuchen, ist nicht sehr breit und seine nordöstliche Seite wird nach Chydenius begrenzt von einer senkrechten, 1500 bis 2000 Fuss hohen Eiswand oder mit Eis bekleideten Bergwand, welche die Grenze des hohen Eisplateau's zu sein scheint, welches das ganze Innere des Nordost-Landes bildet. Drei Fjorde dringen aus dem von uns besuchten Theile der Strasse tief hinein in Neu-Friesland und in das Nordost-Land. Der nördlichste derselben, Murchison - Bucht, ist an der Ostseite der Strasse zwischen der sogenannten NordostInsel und der Grossen Stein - Insel (Stora Sten-ö). Durch einen niedrigen Isthmus wird dieser Fjord von Lady Frank

lin - Fjord getrennt und die Grosse Stein - Insel ist also Petermann's Geogr. Mittheilungen. 1864, Heft IV.

keine Insel, wie ältere Karten angeben, sondern nur eine Halbinsel. Das nördliche, in drei Spitzen auslaufende Ufer des Fjordes besteht aus ziemlich hohen und steilen Bergen, nach Malmgren's Beobachtungen merkwürdig als die einzigen mit Gewissheit bekannten Brutstellen der schönen schneeweissen Meven-Art Spitzbergens, Larus eburneus, oder der Elfenbein- oder Eismeve. Auch der östliche Strand des Fjordes besteht aus hohen Bergen, der südliche Strand dagegen und die vielen kleinen Inseln in der Bucht bestehen aus niedrigen, ganz zertrümmerten Kalkfelsen von gleicher Formation und gleichem traurigen Aussehen wie die Felsen an der Nordost-Insel. Auf einem zwischen der WalfischInsel (Hval-ö) und der Dépôt- Insel belegenen Holme in dieser Bucht ist eine alte Russenhütte, auf einem zweiten ein schön verziertes Russenkreuz, auf einem dritten Überreste eines Walfisch - Skelettes und endlich auf der Insel, bei welcher während unserer Anwesenheit der Schooner vor Anker lag (Dépôt-Insel), ein von uns aus Steinen errichtetes kleines Denkmal. Noch in der Mitte des Juli lag von der Walfisch- Insel bis in das Innere der Bucht festes Eis, nach einigen Tagen wurde jedoch dieses Eis so schwach und löcherig, dass man nicht ohne Gefahr hinübergehen konnte, und als etwas später im Sommer der Schooner die Bucht von Neuem besuchte, war diese völlig eisfrei. Südlicher, ungefähr in der Mitte der Strasse, dringt die Wahlenberg - Bucht tief in das Nordost- Land ein. Diese Bucht wird an der Südseite begrenzt von recht hohen, gegen das Meer schroff abfallenden Bergen von gleicher Formation und gleichem Aussehen wie Lovén- und Angelin - Berge, der nördliche Strand dagegen ist bedeckt von ungeheueren, nicht wie gewöhnlich am Meere scharf abgeschnittenen, sondern in konische Spitzen oder Zacken zersplitterten Jökeln. In dem nordwestlichen Winkel der Bucht liegt eine ziemlich grosse Insel, die Hyperit-Insel, und eine andere Insel von ungefähr gleicher Grösse befindet sich in der Mitte der Mündung der Bucht. Die erstgenannte dieser Inseln, die Hyperit-Insel, besteht, wie schon ihr Name andeutet, ganz und gar aus HyperitFelsen, welche am westlichen Ufer der Insel senkrecht ins Meer stürzen und die ganz verschiedenartigen Kalkbildungen am nördlichen und südlichen Ufer der Bucht trennen. Die letzterwähnte Insel ist niedrig und unansehnlich, vielleicht auch auf der Karte unrichtig gezeichnet, da ich keine Gelegenheit hatte, durch ganz zuverlässige Winkelmessungen ihre Lage zu bestimmen. Die ganze Bucht war noch am 12. Juli mit festem Eise bedeckt, aber eisfrei, als der Schooner dieselbe etwas später im Sommer besuchte. Gegenüber, an der anderen Seite der Strasse, drängt sich die Lomme-Bai tief in den unter dem Namen Neu

Friesland bekannten Theil von Spitzbergen hinein. Viel17

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leicht der stattlichste Jökel des Landes, „der Veteran", wurde von Chydenius im Hintergrunde der langen schmalen Bucht, die im Süden den eigentlichen Fjord fortsetzt, angetroffen. An dem nordwestlichen Strande trifft man ebenfalls einen stattlichen, weit an der anderen Seite des Eiskaps fortgesetzten Jökel, am südlichen Strande dagegen ein weites, mit Jökel-Flüssen und Lagunen erfülltes Tiefland. Übrigens ist dieser schöne Fjord begrenzt von hohen Fjellen, welche sich am östlichen Ufer in terrassenförmigen Absätzen an das Meer hinabsenken, am westlichen dagegen ganz schroff herabstürzen. Eine einzige niedrige Insel, an deren südlichem Ufer nach Chydenius ein kolossaler Riesentopf von dem Wasser oder Eise in den Felsen gedrechselt ist, liegt in der Mitte des Fjordes. Parry hat dieselbe Foot-Insel benannt. Das ganze Innere des Fjordes bis zu dieser Insel war bei Torell's und meinem ersten Besuche hierselbst am 20. Juli mit festem Eise bedeckt; als wir dagegen zu Ende des August den Ort von Neuem besuchten, war im Wasser kein anderes Eis zu sehen als hie und da ein von einem Jökel herabgestürzter Eisberg. Im Süden dieses Fjordes müsste die Meerenge münden, die im Jahre 1860 von Norwegischen Spitzbergen-Fahrern entdeckt worden ist und welche im Norden des WalterTymens-Fjordes den Stor-Fjord mit der Hinlopen-Strasse verbinden soll. Wir suchten gleichwohl diese Meerenge vergeblich, wahrscheinlich konnten wir wegen des Eises nicht so weit gegen Süden vordringen, dass wir ihre Mündung erreichten. Gleich im Westen der Hinlopen-Strasse liegt endlich der Fjord, in welchem unser Fahrzeug so lange von Eis eingeschlossen lag, nämlich Sorge- Bai oder, wie er auf Holländischen Karten genannt wird, Treurenberg-Bai. Die Sorge- Bai ist eine 1 (Schwedische) Meile tiefe, sich von Nord nach Süd erstreckende Meeresbucht, die im Osten begrenzt wird vom Hecla-Hook, im Süden von einem nunmehr zurückgehenden Jökel, welcher grosse SchlammMoränen vor sich her geschoben hat und weiter im Inneren des Landes von hohen Berggipfeln begrenzt wird. Der ganze westliche Strand bildet zunächst am Meere ein weites, zu Ende des Juni noch mit Eis bedecktes, vor der Mitte des Juli aber fast ganz schneefreies Tiefland, welches im Norden mit der nördlichsten Spitze des eigentlichen Spitzbergen, Verlegen-Hook, endigt und im Westen von einem ungefähr / bis /2 Meile vom Strande hinstreichenden, steilen, aus Glimmerschiefer bestehenden Bergkamm begrenzt wird. Die Mitte der Bucht ist gleichsam zugeschnürt von zwei Spitzen, welche beide, jede auf ihre Art, merkwürdig sind. An der östlichen derselben erwartete die Hecla, das Fahrzeug Parry's, die Rückkehr der bekannten, auf das Polareis ausgesendeten Expedition. Die meisten magneti

schen Beobachtungen auf dieser berühmten Reise sind dort angestellt und Überreste der von Parry auf Point Crozier errichteten Flaggenstange sind noch jetzt vorhanden, am westlichen Strande dagegen erinnert eine Menge Holländischer Gräber an den Anlass zu dem unheimlichen Namen dieser Bucht. Unser Fahrzeug warf am 6. Juni am Strande dieser Grabspitze Anker und wurde gleich darauf dort ganz plötzlich von Treibeis vollkommen eingeschlossen, und dieses nicht zum ersten Mal. Dasselbe Fahrzeug hatte nämlich in den beiden vorhergehenden Sommern ungefähr um dieselbe Zeit des Jahres diesen Hafen besucht und war beide Male mehrere Wochen lang in demselben von Treibeis eingesperrt worden. Diese anmerkungswerthen Thatsachen haben die Besatzungen der Fahrzeuge in einem grossen, auf dem Gipfel des Hügels errichteten, mit passenden Inschriften versehenen hölzernen Kreuze zu verewigen gesucht. Der Ort wurde daher von uns oft Äoli Kors (Kreuz) genannt. Sowohl bei Äoli Kreuz oder dem Grabhügel als auch in der kleinen, Hecla-Cove benannten Bucht im Süden des Point Crozier giebt es gute Ankerplätze selbst für ziemlich grosse Fahrzeuge, dennoch aber würde der von einem der Mitglieder der Expedition für diesen Fjord vorgeschlagene Name „Mäusefalle" sehr angemessen und passend sein. Auch wenn ein vollständiger östlicher oder südlicher Sturm in der Strasse tobt, herrscht schon in der Mitte der Bucht eine vollkommene Stille und kaum scheinen rein nördliche Winde im Stande zu sein, ihre Luftpartikeln in eine stärkere Bewegung zu versetzen. Vor dem Winde ist hier also keine Gefahr, desto mehr aber vor dem Eise. Der

Fjord kann in der einen Stunde ganz eisfrei und in der

anderen dermaassen angefüllt sein von Treibeis, welches Strom und Sturm aus dem nördlichen Eismeere dorthin getrieben haben, dass nicht einmal ein Boot sich hindurchzwängen kann. Wenn der Fjord eisfrei ist, so sammelt sich das Eis gern bei dem äusserst treffend benannten Verlegen - Hook und hindert also die Fahrzeuge, gegen Westen zu segeln; nach Osten hin aber ist der Rückweg stets gesperrt, denn die Strasse ist in ihrer ganzen Länge niemals offen, d. h. frei von Eis oder Treibeis, und gewöhnlich weht dort ein so starker, mit dichtem Nebel verbundener südöstlicher Sturm, dass es schon mit sehr grosser Gefahr verbunden ist, wenn ein Fahrzeug nur quer hinüber segeln will. Man kann mehrere Wochen lang bei Äoli Kreuz klares und schönes Sonnenscheinwetter haben, während % Meile nördlicher in der Mündung der Strasse fast ohne Unterbrechung Nebel und Sturm herrschen; daher ist auch der Horizont in dieser Richtung, während der Himmel übrigens ganz klar und wolkenfrei ist, fast immer begrenzt von dicken dunklen Wolkenmassen, die von dem südöstlichen Sturme mit der grössten Schnelligkeit über die Meeresfläche getrieben werden. Während des grössten Theiles der Zeit, da wir bei Äoli Kreuz lagen, war die ganze Bucht im Süden des Kreuzes mit festem Eise belegt, um die Johanniszeit aber war dieses Eis schon so schwach und zerfressen, dass man nicht ohne Gefahr über dasselbe gehen konnte, und schon zu Anfang des Juli schien der grösste Theil des festen Eises sich gelöst zu haben und gleichzeitig mit dem draussen vorliegenden Treibeise vom Strome und Winde hinweggeführt worden zu sein. Die Landspitze zwischen der Sorge-Bai und der Strasse ist bedeckt von einer sehr bedeutenden Fjellmasse, HeclaHook, die sich gleichwohl im Norden nicht ganz bis an das Meeresufer hinab erstreckt, sondern von demselben getrennt wird durch einen ziemlich breiten, niedrigen und sumpfigen Küstenstrich, hauptsächlich gebildet von zertrümmerten Quarzit- und Schieferblättern und in Folge dessen sehr arm und dürftig an Vegetation. Dieser Berg, welcher nach Parry 2000 Fuss hoch, nach Dunér's Messungen aber etwas niedriger ist, ist längs einiger Schluchten an der Nordseite sehr leicht zu besteigen, stürzt aber an der Westseite ganz steil herab nach der Sorge-Bai. Als Fingerzeig für Reisende, welche wie Parry und wir vielleicht in der Zukunft freiwillig oder gezwungen diese Bucht zu ihrer Hauptstation wählen, mag zuletzt noch erwähnt werden, dass sowohl an der östlichen als an der westlichen Seite der Sorge-Bai grosse Massen einer stark magnetischen Bergart zu Tage treten; der Ort dürfte daher zu magnetischen Beobachtungen nicht besonders passend sein. In dem südlichen Theile der Strasse begegnet uns eine recht bedeutende Inselgruppe, welche seit den Zeiten, da die Holländer Spitzbergen besuchten, den Namen der SüdWaygats-Inseln geführt hat. Einige dieser Inseln sind ganz niedrig, andere bilden gerade abgestumpfte HyperitCylinder, d. h. 100 bis 200 Fuss hohe gleichförmige Ebenen, welche so schroff gegen das Meer abfallen, dass man nur mit Schwierigkeit eine Stelle finden kann, wo es möglich ist, von dem schmalen Uferstreifen auf das eigentliche Plateau der Insel emporzuklimmen. Nur auf der grössten dieser Inseln erhebt sich aus dieser Ebene noch ein einige hundert Fuss hoher kegelförmiger Berggipfel, welcher, gleich den Bergen der Insel im Allgemeinen, aus Hyperit besteht. Die grösstentheils senkrechten HyperitFelsen an den Ufern dieser recht grossen Insel werden von zahlreichen Alken - Kolonien bewohnt und oberhalb derselben an dem äussersten Rande der Ebene haben sich viele Spitzbergen'sche Blaufüchse niedergelassen und ihre Wohnungen angelegt in dem durch die Verwitterung des Hyperits entstandenen, an höher belegenen Theilen von Spitzbergen sehr seltenen Sandgrus.

Ungefähr in der Mitte der Strasse erstreckt sich eine andere Inselgruppe quer über dieselbe. Auch diese Inseln, welche von Parry die Foster-Inseln benannt worden sind, bestehen aus Hyperit. Sie sind bei weitem kleiner als die Süd-Waygats -Inseln, höher und abgerundeter, und scheinen in den Jahren, da das Eis bei Zeiten von ihren Ufern gewichen ist und sie dem gefährlichsten Vogelfeinde in Spitzbergen, dem Fuchse, unzugänglich gemacht hat, die beliebtesten Brutplätze der Eidergänse zu bilden. Als wir die Foster - Inseln besuchten, war das Eis, wenn wir urtheilen durften nach den bedeutenden umhertreibenden und zerfressenen Eisfeldern, welche diesen Theil der Strasse erfüllten, doch erst ganz neulich zwischen denselben und dem Nordost- Lande aufgebrochen und eine Menge alter, aber sehr wenige auch in diesem Jahre bewohnte Eidernester wurden darum auf diesen Inseln angetroffen, wogegen eine zahllose Menge von Eidergänsen sich auf der wahrscheinlich früher eisfreien Insel am Duym Point niedergelassen hatte. In dem schmalen nördlichen Theile der Strasse giebt es keine eigentlichen Inseln, sondern nur einige kleine Kalkriffe oder Kalkholme, welche in einer Entfernung von ein Paar tausend Ellen die Küste der auf älteren Karten gezeichneten Nordost-Insel begleiten.

Ganz im Nordosten wird die Mündung der Strasse von einer Halbinsel begrenzt, welche auf älteren Karten als eine vollkommene Insel angegeben und Stora Sten-ön (die Grosse Stein-Insel) benannt wird. Der südliche Theil dieser Halbinsel ist erfüllt von einem ziemlich hohen, gegen das nördliche Ufer der Murchison - Bucht steil abfallenden Berge, der übrige Theil derselben aber bildet ein ziemlich ausgedehntes Tiefland, aus welchem nur hie und da einige kleine Kalkfelsen an den Tag treten. Dieses Tiefland ist angefüllt mit seichten Süss- oder Salzwasser-Lagunen und besteht grösstentheils aus demselben unfruchtbaren Kalkgrus wie die Inseln in der Murchison- Bucht. An den Ufern liegen ungeheuere Massen von Treibholz verbreitet, so wie eine Menge anderer von dem Golfstrome hierher geführter Dinge, als Bimsstein, Kork, Rindenstücke, Überreste von Schiffstrümmern, Flossen von Fischgeräthschaften u. a. m., und hier traf auch Torell unter diesen unverwerflichen Zeugnissen von der Erstreckung des Golfstromes die Bohne eines West-Indischen Balgengewächses, Entada gigalobium.

Im Norden dieser Halbinsel erstreckt sich eine ziemlich bedeutende Bucht, von uns Lady Franklin - Bucht benannt, tief in das Land hinein. Diese Bucht wird im Süden begrenzt von dem öden und langweiligen Tiefland der Grossen Stein-Insel, im Westen von einem in den innersten Theil der Bucht mündenden Jökel, im Norden von der zwischen

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