Page images
PDF
EPUB

Ist das naqä zolg vöfioig in den anderen beiden Stellen auch nicht ausgesprochen, so ist es in ihnen zweifellos hinzuzudenken; und auch in ihnen wird kein verständiger Leser etwas anderes gesehen haben, als den Ausdruck des vorhin bezeichneten Gedankens, der nur nicht offen, sondern unter der Maske einer Fiktion ausgesprochen wird. Statt einfach zu sagen: „auf Sklaven findet das Gesetz keine Anwendung", sagt Theophilus: es wird im Rechte so gehalten, als wären die Sklaven garnicht auf der Welt, — was im Erfolge ja das nämliche bedeutet1).

Das ist aber genau dasselbe, was schon Jahrhunderte vor ihm römische Juristen ausgesprochen haben in Wendungen wie servi pro nullis habentur2), servitutem mortalitati fere comparamus3).

J) Ganz in demselben Sinne wie das o\nQÖaamog von den Sklaven, prädiziert Theophilus das &vvTiöazazog von Testamenten, in denen ein Noterbe praeteriert ist (vergl. oben S. 93). Ein solches Testament hat bekanntlich keine rechtliche Wirkung. Statt dies nun unmittelbar auszusprechen, sagt Theophilus, obwohl es, wenn den sonstigen Formvorschriften genügt ist, doch in Wahrheit existiert: es existiert nicht, — wobei wiederum als etwas ganz Selbstverständliches hinzuzudenken ist: naoä zoig vöfioig. In jenen Worten ist also dasselbe enthalten, was die römischen Juristen öfter mit den Worten nullum est negotium etc. sagen (vergl. meine Abh. Zur Lehre vom Zwange S. 16 ff.). Selbstverständlich reichte die praktische Tragweite der auch hier verwendeten Fiktion nicht über den Inhalt des Rechtssatzes hinaus, der in dieses Gewand gekleidet war, also nicht über die Frage der rechtlichen Wirksamkeit des Testaments. Wo sonst etwa, z. B. wenn eine Zuwendung des A. an den B. von der Bedingung abhängig gemacht war, daß A. oder B. oder ein Dritter ein Testament errichte oder nicht errichte, da müßte zweifellos auch ein einen Noterben präterierendes als existierendes Testament gelten. Daß .testamentum nullum est' nicht von einem existierenden Testament prädizieren will, es habe die Eigenschaft der „Nichtigkeit", und daß diese Auffassung auch gegen die Logik verstößt, wenn sie etwas anderes sagen will, als daß es keine rechtliche Wirkung habe, darüber vergl. meine Lehre vom Zwange S. 11 ff.

2) So U1 p i a n in Dig. 28, 8, 1 pr. — quia pro nullo isti (sc. servi) habentur apud praetorem. 50, 17, 32: Quod attinet ad ius civile, pro nullis habentur. Ohne diese Fiktion spricht derselbe Jurist den Gedanken, daß der Sklave für das Recht und das Recht für den Sklaven nicht existiere, aus in Dig. 28, 1, 20, 7:

Servus cum iuris civilis communionem non habeat in totum, ne praetoris

quidem edicti. In allen diesen Stellen finden sich aber auch dem Tzaoä zoig vöfioig des Theophilus entsprechende Wendungen. Vergl. ferner schon Gaius, III, 176: — non idem iuris est, si a servo stipulatus fuero; nam tunc prior proinde adhuc obligatus tenetur ac si postea a nullo stipulatus fuissem. Dieser Satz ist wörtlich in Justinians Institutionen (III, 23, 3) übergegangen, und den Schlußworten entsprechen bei Theophilus (III, 23, 3) die Worte: äuQöamTiog öb Tiaoä zolg vöfioig 6 iovAog. In den Basiliken (II, 3, 32) ist dagegen Dig. 50, 17, 31 pro nullis habentur wiedergegeben mit den Worten: oiöiv elaiv ol öovAoi.

3) Dig. 50, 17, 209.

Und mit diesem Resultate stimmt genau die Erläuterung überein, die Theodorus Hermopolites, ein unter Kaiser Mauricius lebender byzantinischer Jurist zu dem von ihm in demselben Zusammenhange wie bei Theophilus gebrauchten dnqöaoinog gibt:

ö öovÄog naQä xolg vöfioig dnqöaconög £ati, tovtianv otiöe

öoxei ^ijv i) vnEivai4').

Durch diesen Nachweis des Sinnes der Worte des Theophilus hat also das Ergebnis, das wir aus anderen Teilen seiner Paraphrase auf Grund rein sprachlicher Betrachtungen gezogen haben, volle Bestätigung erhalten, — das Ergebnis: daß auch in Theophilus die Lehre von dem juristischen Begriffe „Person" keine Stütze findet. —

Wenden wir uns nach der hier gewonnenen Einsicht noch einmal der Betrachtung der oben S. 9 f. 62 ff. bereits besprochenen lateinischen Stellen zu, in denen von servi ausgesagt wird: personam non habent, so können wir uns jetzt nicht der Überzeugung entziehen, daß die Auffassung des Wortes persona im Sinne von „Rolle", die uns prima facie den Sinn jener Stellen zu erschließen schien, einer anderen weichen muß, und daß persona, das im Kirchenlatein dem griechischen nqöao>nov entsprach, hier nur in dem gleichen Sinne verstanden werden darf, in dem dieses als ein Bestandteil des dnqöawnog in den Theophilusstellen aufzufassen war. Die Worte servi personam non habentes sind augenscheinlich gleichbedeutend mit oixstai änqöao>noi övxeg. Auch die lateinischen Stellen besagen demnach nichts weiter, als daß Sklaven kein Dasein haben, — natürlich nur „für das Gesetz", — was Cassiodor mit dem Worte legibus auch ausdrücklich ausspricht, und was in der Novelle Theodosius' II. durch das, bei Fiktionen auch sonst so oft verwendete Wort quasi in erkennbarer Weise angedeutet wird.

Hierin liegt ein neues Argument gegen die Annahme, daß hier an „Person im Rechtssinne", „rechtliche Persönlichkeit" u. ä. gedacht werden dürfte. Da sich im Lateinischen ein Weg nicht auffinden läßt, der von der uns bekannten Bedeutung zu der Bedeutung „Dasein", „Existenz", „Wirklichkeit" hinüberleitete, so sind wir zu der Annahme genötigt, die auch noch durch andere Gründe

4j Die Stelle ist abgedruckt in der Fabrot'schen Ausg. der Paraphr. des Theophilus p. 479 not. 9.

bestätigt werden wird, daß persona in dieser Verbindung nur die Übersetzung des griechischen nqöawnov ist, das auf dem oben nachgewiesenen Wege als Bestandteil des Wortes äjzQöawnog zu einem Synonymum des Wortes imöataaig in seiner Bedeutung „Wirklichkeit" geworden war.

Hierin liegt aber zugleich ein sicheres Zeichen dafür, daß der Einfluß der Terminologie der Kirchenschriftsteller, der Symbolformeln und Konzilienbeschlüsse auf die griechische Profansprache, wie er bei Theophilus festgestellt werden konnte, sich schon lange vor ihm geltend gemacht hat; — leicht erklärlich, weil ja die Bedingungen hierfür bereits im 5. Jahrhundert, zu der Zeit des Theodosius II. und des Cassiodor, in der die Nestorianischen Streitigkeiten gerade entbrannt waren und kaiserliche und synodale Eingriffe und Anathematismen hervorgerufen hatten, im vollsten Umfange bestanden.

Ob der eigentümlichen Bedeutung, die das Wort persona so angenommen hatte, ein weiteres Fortleben auf einem breiteren Boden beschieden gewesen, vermag ich nicht zu sagen. Daß sie nicht auf den Fall, in dem sie sich uns hier darbot, beschränkt geblieben, sondern in weiterem Gebrauch wie die Glut unter der Asche sich Jahrhunderte lang lebendig erhalten hat, das zeigt die Art, wie das Wort persona später in einer von Friedrich II. für das Königreich Neapel erlassenen Konstitution vom Jahre 1231l) verwendet wird, um so zu einer Zeit, da das Lateinische längst eine tote Sprache war, noch Zeugnis abzulegen von dem Sinn, den es in gewissen Verbindungen hatte, als diese noch eine lebende war.

In jenem von Ducange (Gloss. lat. m. et. inf. aevi t. V. p. 214) zitierten Gesetze heißt es:

Hi qui per inquisitiones huiusmodi generales inventi fuerint notabiles, si tale quid contra eos probatum appareat

per quod mori non debeant nec membro aliquo mutilari;

ceterum si tale quid contra eos probatum exstiterit, ex quo personam amittere debeant vel membrorum mutilationem

incurrere aut perpetuo carceri macerari, tunc inquisitionis

ei copia tribuatur.

l) Vergl. Canciani, Barb. leges antiq. t. I p. 320 (Constit. Neap. sive Sicul. lib. 1. tit. 50 c. 2).

Die Gegenüberstellung von mori non debere und personam amittere beweist unwiderleglich, daß das zweite die Todesstrafe bezeichnet, und persona hier nichts anderes als die Existenz, das Leben des Verurteilten bedeuten kann; und es ist wohl nicht zu kühn, diese Bedeutung mit jener in historischen Zusammenhang zu bringen, die wjr in der kirchlichen Litteratur und ihrem personam habere kennen gelernt haben1).

§ 10.

Funktion der Wörter persona und IIPOHQHON in den trinitarischen und christologischen Erörterungen und Entstehungsgründe ihrer besonderen Bedeutung.

Mit dem hier gewonnenen Ergebnis ist das dieser Untersuchung gesteckte Ziel erreicht. Nirgends hat sich ein Punkt gefunden, an den für die Wörter persona und nqöaonov die ihnen von der herrschenden Lehre vindizierte Bedeutung „Rechtssubjekt", „rechtliche Persönlichkeit" u. ä. unmittelbar oder mittelbar sich hätte anknüpfen lassen, und wir sind, da es auch irgend ein anderes diesen von der neueren Theorie angenommenen Begriff ausdrückendes lateinisches oder griechisches Wort nicht gibt2), zu dem Schlusse berechtigt, daß dieser ganze Begriff, dessen Inhaltlosigkeit durch innere Gründe darzutun nicht mehr Aufgabe dieser Abhandlung ist, den römischen wie auch den byzantinischen Juristen fremd war.

Bei der Zähigkeit aber, mit der einmal einem herrschenden System einverleibte und von einer Reihe von Generationen eingelernte Begriffe sich zu behaupten pflegen — und merkwürdiger

1) Bei Ducange 1. c. findet sich noch eine Catalanische Konstitution aus einer von ihm nicht näher bezeichneten Handschrift: Statuimus quod Saracenus vel Saracena non possit fieri Judaeus vel Judaea — — et qui hoc fecerunt amittant personas suas.

2) Daß das Wort ,caput' diesen Begriff nicht bezeichnete, liegt auf der Hand; schon darum konnte er es nicht, weil caput den Römern nicht etwas war, was jemand ist, sondern was er hat. Im übrigen liegt die Bedeutung und der Ursprung der technischen Bedeutung von caput, der wahrscheinlich auch den Römern der späteren Republik und der Kaiserzeit nicht mehr ganz klar gewesen sein wird, noch sehr im Dunkeln.

weise vielleicht in keiner Wissenschaft mehr als in der Jurisprudenz

— empfiehlt es sich, die Lebensschicksale der Worte persona und nqöaomov auf allen seinen Wegen zu verfolgen und ihnen namentlich auch auf jenen Pfaden nachzugehen, die sie auf dem Gebiete der Theologie und der theologischen Philosophie eingeschlagen haben. Wie leicht könnten sie noch einen Schlupfwinkel bieten, in dem die herrschende Lehre von der „Person" einen den Verfolger täuschenden Rückhalt fände, und der ihr darum von vornherein verlegt werden müßte!

Vor allem ist hier die Frage nach der Funktion zu untersuchen, die den Wörtern persona und Tvqöaootzov in den trinitarischen und christologischen Erörterungen zufiel, zumal nach A. Harnack's Vorgange von zahlreichen neueren Kirchenhistorikern ein Zusammenhang zwischen dem trinitarischen und christologischen persona (nqöawnov) und einer vermeintlichen spezifischjuristischen Bedeutung des Wortes mit großer Bestimmtheit behauptet wird.

Von präjudizieller Bedeutung für diese Untersuchung aber ist die Ermittelung des Ursprungsgebietes des in den Worten persona und nqöawnov sich ausprägenden theologischen Begriffs.

Die vorangegangenen Beobachtungen haben uns darüber belehrt, daß die Entwicklungsgänge dieser beiden, im wesentlichen denselben Begriff ausdrückenden Wörter wie zwei verschiedene Ströme in der abendländischen und morgenländischen Theologie in derselben Richtung nebeneinanderherliefen, daß aber von dem einen gewisse Einwirkungen — eine Art von Induktionswirkung

— sich auf den Parallelstrom geltend gemacht haben, und daß der auf dem hellenistischen Gebiet fließende sich in zwei nahezu parallele, in den Wörtern nQÖaomov und {möaxaaig sich erkennbar machende Arme verzweigte. Wo haben wir die Quelle dieser Ströme zu suchen? Hat jeder seinen eigenen Ursprung? Oder hat vielleicht der eine, und welcher von ihnen sich von dem andern erst an einer späteren Stelle seines Laufes abgezweigt? und an welcher Stelle und infolge welcher Ursachen?

Auf diese Fragen ließe sich vielleicht auf dem Wege sprachwissenschaftlicher oder rationalistischer Reflexionen eine befriedigende Antwort finden. Glücklicherweise sind wir aber auf diesen

« PreviousContinue »