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Hier ist persona überall zweifellos nicht Rolle, sondern Person. Muß es aber nicht wegen der Attribute iusta, legitima hier in einem technischen Sinne verstanden werden? Erbringen nicht wenigstens diese für die herrschende Meinung bisher noch niemals angerufenen Stellen den überzeugenden Beweis für sie? Auch das ist zu leugnen. Die Attribute iusta, legitima zunächst würden nicht für, sondern gegen die Deutung von persona als Rechtssubjekt sprechen. Denn hätte das Wort für sich schon diesen Sinn, dann würde die Beifügung jener Attribute in einem einzelnen Falle wohl als ein gelegentlich angebrachter Pleonasmus nicht auffällig, in ihrer beständigen Wiederkehr aber nicht erklärlich sein. Gegen die Annahme einer technischen Bedeutung von persona in diesen Stellen spricht es aber auch, daß in jeder von ihnen persona legitima, iusta etwas anderes ausdrückt. Für legitimus, a, um besteht in den Quellen ein sehr vielfältiger Gebrauch; überall aber hat es den allgemeinen Sinn, daß etwas dem Gesetze, der lex (im eigentlichen Sinne oder in dem weiteren von Recht) gemäß, daß es durch Gesetz eingeführt, geboten, anerkannt, geduldet, gestattet sei. Von den zahlreichen Dingen, denen legitimus, a, um als Attribut hinzutritt, genügt es folgende zu nennen: ius, conventio, actio, accusatio, actus, spatium, tempus, horae, impedimentum, computatio, hereditas. Ebenso vielfältig sind die Verbindungen mit Personen; z. B. deus, filius, successor, tutor, testis, hostis (iustus et legitimus), accusator. In ungefähr der gleichen Bedeutung wird auch iustus, a, um gebraucht; hier sei namentlich hervorgehoben der iustus accusator (D. 40, 16, 3) (bei Cassiodorius, Varia I, 37, Mommsen p. 35,17: legitimus accusator) und der iustus contradictor (D. 48, 5, 9). Manche dieser Verbindungen treten nur gelegentlich auf. In welcher der verschiedenen Bedeutungen aber die Wörter legitimus, iustus zu verstehen seien, das läßt sich überall nur aus dem Zusammenhange entnehmen. Und nicht anders steht es auch mit den legitimae, iustae personae.

unter den Bewohnern der Städte (vergl. über sie Jac. Gothofredus ad Cod.Theod. 1, 8, 1), dignitatis personae Personen, die ein Staatsamt (dignitas) bekleiden (vergl. Walter, Röm. RG. § 402); vel maioris (sc. dignitatis) heißt also: „sogar ein höheres (Staatsamt)". Auch die höchsten amtlichen Würden sollen den Anhänger der verbotenen Sekle nicht vor Strafe schützen.

l) Belegstellen finden sich in großer Zahl bei Dirksen, man. lat. und bei Heumann-Thon, Handlex.

In Cod. Theod. 4, 22, 1, 1 bezeichnet es die Person, der das geltend zu machende Recht zusteht; in Cod. Theod. 2, 4, 4 offenbar die zur Führung von Prozessen, oder wohl richtiger des Prozesses fähige Person, worin einmal liegt, daß die in eigenem Namen auftretende Partei nicht durch irgend welche gesetzliche Gründe, z. B. durch Minderjährigkeit, von der selbständigen Geltendmachung ihres Rechtes, ferner aber auch, daß der als Vertreter eines anderen Auftretende nicht durch allgemeine oder für den konkreten Fall wirkende Gründe von der Vertretung ausgeschlossen ist und daß er auch für diese die nötige Vollmacht hat. Dasselbe gilt von der Stelle aus der Gaiusepitome, wo am Schlusse aber auch das personam habere in dem oben bestimmten Sinne auftritt.

Cod. Theod. 4, 22, 6 enthält wohl eine für den vorliegenden Fall an den Statthalter ergangene Rechtsbelehrung. Da der Tatbestand aber nicht mitgeteilt, auch aus dem Rechtsbescheid nicht mit Sicherheit zu rekonstruieren ist, so läßt sich auch der Sinn von conventio legitimae personae nicht klar erkennen, zumal der Genetiv ebensogut Gen. obiectivus (wie z. B. in Dig. 43, 24, 15, 2) wie subiectivus sein könnte; es ist daher unsicher, ob mit der legitima persona hier der zur selbständigen Geltendmachung des Rechtes zugelassene Berechtigte oder der nachher genannte curator, als der nach dem Gesetze zur Vertretung des Minderjährigen Berufene, gemeint sei.

Ganz abseits dagegen von jener Bedeutung liegt die der persona legitima in der Cassiodorstelle. Es soll bei dem Besitzstreit, so heißt es hier, persona legitima disceptationibus non desistere. Das kann offenbar nur auf den vorliegenden Rechtsstreit bezogen und nicht etwa als eine für alle Besitzprozesse gegebene Verordnung verstanden werden. Auch kann persona hier nicht „Rolle" bedeuten; denn es wird nicht verlangt, daß den Parteien, sondern daß bei den Verhandlungen (disceptationibus) persona legitima nicht fehle. Und nur von einer Person, deren Anwesenheit erforderlich sei, spricht das Reskript; es kann also nicht eine der Parteien, sondern nur eine dritte Person gemeint sein, die auch nicht etwa der Richter oder ein Advokat sein kann. Also muß es eine Person sein, die außer den ohnehin bei jedem Prozeß mitwirkenden Personen besonders hinzugezogen werden soll. Erwägt man nun, daß der Rechtsstreit, auf den sich das königliche Reskript bezieht, zwischen einem Römer und einem Gothen geführt wurde, und daß nach einer von Cassiodor (Varia VIII 3, rec. Mommsen p. 202, 30 sq.)1) mitgeteilten königlichen Verordnung zu jedem zwischen einem Gothen und einem Römer vor Gericht verhandelten Rechtsstreit der Richter sich einen ,prudens Romanus' zuordnen sollte, so wird man nicht bezweifeln, daß eben dieser prudens Romanus, jedenfalls ein rechtskundiger Römer, unter der legitima persona zu verstehen sei.2)

Es wird nun zwar zuzugeben sein, daß zwischen legitimam personam non habere und legitimam personam non esse ein sachlicher Unterschied kaum bestehe. Aber sprachgeschichtlich und psychologisch waren es doch sehr verschiedene Ausgangspunkte, von denen aus man zu den verschiedenen Ausdrucksweisen gelangte, und das zu betonen war für den Zweck dieser Untersuchung, die Hinfälligkeit der herrschenden Meinung von der technischen Bedeutung von persona zu erweisen, unumgänglich.

Nach den die letzten Untersuchungen einleitenden Bemerkungen (S.61f.)kann das für personam non habere in der Novelle Theodosius II und in Cassiodor Varia VI, 8 gewonnene Resultat: „Sklaven spielen im Recht keine Rolle", „sie spielen im Rechte nicht mit" nur als ein vorläufiges betrachtet werden. Denn es ist aus einem unvollständigen Material gewonnen. Die Untersuchung beschränkte sich zunächst auf die lateinischen Quellen, in der Voraussetzung, daß Theophilus in den die Sklaven als änoöawnoi övreg bezeichnenden Stellen nur das lat. personam non habentes, wie es ihm in jenen entgegengetreten war, ins Griechische übertragen habe.

So bestechend diese Annahme und unser Ergebnis vielleicht manchem erscheinen wird, so darf doch ein erhebliches Bedenken

V — — qui secundum edicta nostra inter duos Gothas litem debuit amputare. si quod etiam inter Gothum et Romanum natum fuerit fortasse negotium, adhibito sibi prudente Romano certamen possit aequabili ratione discingere.

2) Das Wort legitimus findet sich übrigens auch in anderen germanischen Gesetzen sowie in Geschäftsurkunden des Mittelalters als Attribut zu homo und vir in denselben oder ähnlichen Bedeutungen, wie in den im Texte erläuterten Stellen; z. B. in L. Langob. II 29, 1 (Liutpr. 4, 1, 19): Hoc prospeximus ut intra undeviginti annos non sit legitimus homo ad res suas alienandas — —. Vergl. auch Ducange, gloss. lat. s. v. legitimus; vergl. übrigens auch s. v. boni homines. nicht unterdrückt werden. Wenn nämlich einem Worte mehrere verschiedene Bedeutungen zukommen, so kann jede einzelne von ihnen ihm doch immer nur bedingungsweise zugeschrieben werden, unter der Bedingung nämlich, daß entweder der Zusammenhang, in dem es sich findet, auf sie hinweist, oder daß es in Verbindung mit einem Worte oder einem der Wörter auftritt, mit denen es regelmäßig da verbunden zu sein pflegt, wo es in dieser besonderen Bedeutung gemeint ist. Keines von beiden trifft in unseren Stellen zu; denn einerseits ist nicht von etwas die Rede, was den Gedanken an das Spielen einer Rolle, Verrichtung einer bestimmten Funktion erwecken könnte; auch ist personam gerere etc., ohne ein adjektivisches oder im Genetiv beigefügtes Attribut im Lateinischen niemals in dem prägnanten Sinne gebraucht worden, wie unser: „eine Rolle spielen" = „in Betracht kommen". Ferner aber gehört habere nicht zu jenen Wörtern, die als von der Urbedeutung „Maske" her überkommene, auch für den bildlichen Gebrauch von persona charakteristisch sind. Aus diesem Grunde ist es bedenklich, das für personam habere hier gewonnene Resultat sofort zur Erklärung von äjiQöawnog bei Theophilus zu verwenden, und es ist geboten, zunächst unabhängig von den lateinischen Quellen den Sinn dieses Wortes zu erforschen.

§ 8.

nPosnnoN und -rnozTAsiz, 'äiiposqiios und 'AxrnosTATOS in der Trinitätslehre und Christologie.

Wechselwirkungen zwischen beiden Wörterpaaren.

Wenn wir unsere Untersuchung nunmehr unmittelbar auf den Ausdruck änqöawnog, ov richten, so trifft unser Blick zunächst auf einige Bedeutungen, die wir sofort als für die Theophilusstellen unzutreffend ausscheiden dürfen. Nach Hesychius s. h. v.1) ist änQöaconog = oix evnqöaojiog, und Suidas2) gibt dafür als Bedeutung an: övaeiöeg, y.axöfioQcpov, — eine Bedeutung, die sich in der Tat auch schon bei Plato findet und offenbar auf der Anschauung beruht, daß ein häßliches Gesicht so gut wie kein Gesicht

l) Lexicon rec. M. Schmidt p. 266.

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