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jzQÖaconov seiend" zu verstehen ist sprachlich unmöglich, was immer man sich unter nqöawnov denken mag. 'AnQöawnog ist ein aus dem Substantivum nqöaconov gebildetes Adjektivum, und nur eins von den vielen hunderten gleicher Bildung, deren gemeinsames Merkmal darin besteht, daß ein Substantiv der ersten oder zweiten Deklination (die aus Substantiven der dritten Deklination gebildeten dürfen hier außer Betracht bleiben)1), das d privativum oder ein anderes Präfix wie z. B. ev, övg zugefügt und das Wort in Bezug auf das Genus flektierbar gemacht wird'2). Alle diese Wörter aber besagen ausnahmslos, daß das Subjekt, von dem sie ausgesagt werden, das durch das in ihm enthaltene Nomen bezeichnete Ding nicht habe (oder in guter, in schlechter Beschaffenheit usw. habe), nicht dagegen, daß es dieses Ding nicht sei (oder nicht von der durch ev, övg etc. bezeichneten Beschaffenheit sei).

So kann daher auch nach einer schlechterdings unabweisbaren Analogie anqoaconog nicht bedeuten, daß das Subjekt, von dem es prädiziert wird, kein Tiqöacotiov sei, sondern nur, daß es kein TzqöaWjzov habe. Das tritt auch in den verschiedenen später zu bemerkenden, feststehenden Bedeutungen von dnqöawnog bestimmt hervor. Aus der hiernach als sicher zu betrachtenden Tatsache, daß auch bei Theophilus "dnqöawnog nur „kein nqöaconov habend", „ohne jzQöaoinov" bedeuten kann, läßt sich nun schon für das djzQöaconog des Theophilus von vornherein der negative Schluß ziehen, daß das in ihm enthaltene nquaomov unmöglich etwas bezeichnen könne, wovon man nicht aussagen kann, daß ein Mensch es „habe" oder „nicht habe". Und da es sinnlos wäre zu sagen: „Sklaven haben nicht Menschen", oder — wenn man die herrschende Deutung des Wortes nqoawnov einmal annehmen wollte — „Sklaven haben kein Rechtssubjekt", so steht fest, daß das in dnqöaomog

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enthaltene nqöawnov weder Person im vulgären Sinne, noch in dem behaupteten technischen Sinne bedeuten kann1).-—

Ich unterbreche aber hier die Untersuchung über nqöawnov und änqöaoTiog, um mich zunächst der Betrachtung der lateinischen Stellen zuzuwenden, die man zum Beweise für die Bedeutung des Wortes persona = Rechtssubjekt angeführt hat.

Der methodologische Grund für dieses Verfahren ist folgender. Die lateinischen Stellen, — die Theodosische Novelle und die Stelle aus Cassiodor — sagen: servum personam non habere; und wir haben ferner soeben festgestellt, daß änqöawnov elvai nur bedeuten könne: „kein nqöawnov haben". Da nun, wie vorhin gezeigt, iiqöa<x>nov bei den byzantinischen Juristen überall dem lateinischen

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persona äquivalent ist, so liegt die Vermutung nahe, daß auch das bei den Griechen vom Sklaven ausgesagte änqöawnov elvai genau dasselbe besage, wie das lat. personam non habere; und da ferner eher angenommen werden kann, daß die byzantinischen Quellen hier durch das Lateinische beeinflußt gewesen seien, als das Umgekehrte, so empfiehlt es sich, in den lateinischen Quellen zunächst dem Sinn von personam non habere nachzuforschen. Allerdings wäre es mit Rücksicht auf die späte Zeit, der die beiden lateinischen Stellen angehören, nicht unmöglich, daß der lateinische hier durch einen schon im fünften Jahrhundert bestehenden griechischen Sprachgebrauch für dnqöawjiog hervorgerufen und das personam non habere nach dem Muster von änqöawnov elvai entstanden wäre. Aber die Ergebnisse der vorangegangenen Untersuchungen scheinen doch prima facie für eine Entwicklung im umgekehrten Sinne zu sprechen.

§ 7.

Personam habere und non habere.

Schon die äußere Gestalt der in der Theodosischen Novelle und in Cassiodors Varia enthaltenen Sätze kann uns als Wegweiser dienen für die Richtung, in der wir die dem persona hier zukommende Bedeutung zu suchen und auf welche von den früher gefundenen Bedeutungen von persona wir unsere Wahl zu lenken und welche unter ihnen hier auszuscheiden haben.

Wird gesagt: die Sklaven haben nicht persona, so kann dieses Wort nur in einem Sinne in Frage kommen, der persona als etwas erscheinen läßt, was man haben kann; und andererseits müssen wir alle diejenigen Bedeutungen von persona von vornherein hier ausscheiden, die etwas enthalten, wovon man nicht sagen kann, daß jemand es habe.

Zahllose Dinge sind es, die wir zu „haben" als Objekt denken, zahllose, die dem lat. habere als Objekte hinzutreten können. Vor allem namentlich alle körperlichen Sachen, die einer Person oder Sache als etwas Selbständiges gegenüberstehen, — alle Sachen namentlich, die der Jurist als Gegenstand des Besitzes bezeichnet; aber auch Menschen (Ehefrau, Kinder, Knechte). Ferner können Teile einer Person oder Sache als Dinge, die sie hat, bezeichnet werden: der Mensch hat einen Körper, einen Kopf, Hände, der Krug hat einen Henkel usw. Indem wir so allgemein das Ganze als etwas seinen einzelnen Teilen gegenüber Selbständiges, von ihm Verschiedenes und über ihm Stehendes denken, können wir von jedem einzelnen Teile sagen, daß es ihn habe. Aber auch von dem einzelnen Teile einer Person oder Sache sagen wir und sagten auch die Römer, daß er den anderen, mit ihm zusammen ein Ganzes ausmachenden, habe; nur daß man von einem nebensächlichen Bestandteil nicht leicht sagen wird, daß er den hauptsächlichen habe: der Körper hat eine Seele, die Seele hat einen Körper; das Haus einen Garten, der Garten ein Gartenhaus usw.

Aber nicht bloß körperliche, auch unkörperliche Dinge der allerverschiedensten Art bezeichnen wir, wie die Römer, als Gegenstände des Habens, habere: Freuden und Leiden, Krankheit und Gesundheit, Gedanken, Vorstellungen, Empfindungen, Leidenschaften, Zustände, Beziehungen zu anderen (necessitudinem, familiaritatem cum aliquo), auch Existenz, Dasein, Bestand, substantiam. Schließlich kann man auch sich selbst haben,1) nur daß wir hier „in der Gewalt" hinzuzufügen pflegen. Kurz, die Gegenstände des habere sind so außerordentlich mannigfaltig, daß man schneller sagen kann, was man haben, als was man nicht haben kann.

Fragen wir nun, von welchen durch persona im Lateinischen bezeichneten Dingen man sagen kann, daß jemand sie haben könne, so werden wir selbstverständlich vor allem die „Person" im grammatischen Sinne ausschließen: eine Person oder ein Ding kann nicht eine 1., 2., 3. Person in diesem Sinne haben; nur von einem Worte können wir das aussagen: das Verbum hat in der Regel in jedem Tempus drei Personen,2) ein Substantivum hat keine Personen usw.

Ebenso steht es mit persona = Mensch, Person im vulgären Sinne. Man kann wohl von jemandem sagen, daß er andere (uxorem, filium, regem, servum habere) oder daß er sich selbst

1) Z. B. Martial, 2, 68, 5 sq: Reges et dominos habere debet, Qui se non habet. — Hierher gehört auch offenbar: se bene, male etc. habere, unser „sich wohl gehaben".

2) So sagt auch Varro de L. L. IX, § 101: quod quaedam verba neque personas habent ternas neque tempora terna, X, § 31 si (verba) habent personas. habe (vgl. oben S. 63); daß aber, wie wir es in der Theodosischen Novelle und bei Cassiodor annehmen müßten, jemand „Person" schlechthin und absolut habe, das wäre eine ganz widersinnige Aussage. Das Urteil „Sklaven haben nicht Person", wäre ebenso sinnlos, wie wenn jemand sagen wollte: Pferde haben Tier, Einhörner haben nicht Tier; Buchen haben Baum, Moose haben nicht Baum.

Man hat sich nun mit der von dem Standpunkt der herrschenden Meinung unverständlichen Redeweise personam habere sehr einfach dadurch abzufinden gesucht, daß man in persona den Ausdruck einer dem Menschen innewohnenden Eigenschaft — Persönlichkeit, Rechtspersönlichkeit, Rechtsfähigkeit — erblickte.1) Aber wie kann man denn das einen Menschen bezeichnende Wort persona ohne weiteres so behandeln wie ein eine abstrakte Eigenschaft des „Person-Seins" ausdrückendes Substantivum? Ein solches Wort würde ,personalitas' lauten müssen, — ein Wort, das aber erst dem mittelalterlichen Latein angehört und auch hier eine andere Bedeutung hat, als die dem persona hier zugeschriebene. Persona kann ebensowenig „Persönlichkeit" als eine Eigenschaft bezeichnen, wie es möglich wäre, etwa homo und humanitas gleichzusetzen.2) Für

1) So sagt z. B. Mühlenbruch, Doctr. pand. I, §176: personam

potestatem iuris vocamus, sive facultatem et iurium exercendorum et officiorum subeundorum hominibus iure legeque accommodatam et vetut impositam. Ex quo intellegitur, quid sit quod persona abiudicetur iis qui aut prorsus nullo aut valde imperfecto gaudeant iure, und Schilling, Lehrb. der Inst. des röm. Priv.-R., II, S. 85 unter Berufung auf unsere Stellen: „Das Wort persona wird im römischen Recht zwar nicht selten im gewöhnlichen Sinne gleichbedeutend mit homo und also auch von einem Sklaven gebraucht; im technischen Sinne aber bezeichnet es teils ein rechtsfähiges Subjekt, teils die] Rechtsfähigkeit, bald im allgemeinen, bald in bezug auf bestimmte Rechtsverhältnisse, und in diesem Sinne wird die persona dem Sklaven abgesprochen." So sagt auch O. Gierke, Das Genossenschaftsr., III, S. 37 f.: „— — so daß die abstrakte .persona' auch dem Hausgesinde an sich zukam und (es) nur in ihrer Betätigung behindert schien"; und „— den Sklaven fehlte schlechthin die Persönlichkeit" und dann S. 389: „Der Sklave hat weder ,capuf noch .persona' und 3811: Auch hierbei scheint das sinnlichere .capuf als voll oder gemindert vorgestellt worden zu sein, während die abstraktere .persona' nur bejaht oder verneint werden konnte.*

2) So heißt es z. B. in D. 44, 4, 1 (Ulpian): et habet haec senteniia Juliani humanitatem. Würde es jemand für möglich halten, humanitatem hier etwa durch hominem zu ersetzen?

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