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treten mochte, schablonenmäßig mit nqöawnov wiedergegeben, das in der Bedeutung „Maske" schon von altersher dem lat. persona korrespondierte, später aber, wie oben nachgewiesen wurde, vereinzelt auch in anderen Bedeutungen im Griechischen verwendet worden war. Von diesem in der Juristensprache errungenen Siege datiert wahrscheinlich seine allgemeine Herrschaft in der Volkssprache.

§ 6.

Fortsetzung. nPOSQllON bei den Kirchenschriftstellern und bei den byzantinischen Juristen. — 'AiiPomno2(ON).

Es ist bisher einer Erscheinung noch nicht Erwähnung geschehen, die sich bei den Kirchenschriftstellern in einer bisher meines Wissens noch nicht genügend beachteten Weise zeigt, und deren Würdigung nicht blos unser sprachgeschichtliches Interesse beansprucht, sondern auch für die vorliegende Untersuchung von Wichtigkeit ist, weil die Verteidiger der technischen Bedeutung von persona und nqöawnov sie vielleicht, wenn auch unberechtigterweise, für ihre Lehre auszubeuten versucht sein könnten.

Während nämlich bei nQÖawnov im profanen Gebrauch, genau wie bei persona, durch einen hinzugefügten Genetiv stets nur ein einzelner Mensch bezeichnet wird, so zeigt sich bei dem nqöawnov der Kirchenschriftsteller, besonders bei Origenes und in der Kirchengesetzgebung eine große Mannigfaltigkeit der Wesen, deren Namen im Genetiv zu ihm hinzutreten.

Nicht nur von dem nqöawnov menschlicher, sondern auch göttlicher Wesen, von Engeln und Heiligen wird gesprochen; und nicht nur von dem einzelner Menschen und von Mehrheiten individuell bestimmter Menschen usw., sondern auch von dem nqoaconov1) der Kirche, und nicht nur von dem nqöacojzov sichtbarer, sondern auch unsichtbarer Dinge2).

Vergl. Cod. Just. 1, 2, 15 pr. (Zeno): Et itj öwQeav xivrjiä>v fj &xivrjzmv jiQayfidzwv fj olovörjnoze öixalov nonjaoiio elg nQöaiünov olovörjnoze /adQivQog f) anoazäXov ^ tiQocptpov }} z&v äyltov ayyiAmv — —.

2) Vergl. z. B. Irenaeus contra haeres. III, 10, 9 (Migne patr. S. Gr. 7, 890) uazaioi ndvze$ xai äfia&eig nQoaizi xai ioAfirjQol ol — — etze nXeiova cize

Wenn mancher Jurist vielleicht behaupten wird, und von dem hergebrachten Standpunkt aus folgerichtig behaupten würde, hier sei die Kirche als juristische Person gemeint, so würde man ihm entgegenhalten dürfen, daß dann auch die Seele eines Menschen, die heilige Schrift, die Evangelien es sein müßten.

Aber wie kam man zu diesem Sprachgebrauch? Es scheint nahe zu liegen, hier auf Stellen bei griechischen Dichtern hinzuweisen, in denen gleichfalls nqöawnov mit im Genetiv beigefügten abstrakten Nomina verbunden auftrat; so Euripides, Iphig. in Aul. 977 sq.:

nov tb zäg

alöovg, xag äosxäg
ad-ivei Ti nqöawnov
Aristoph. Aves, 1318 sq.
ti yaq ovtc £vi zavtr\
xaXöv ävöol fiEzolxEiv;
Soyia IIÖ&og dfißqoaiai Xdoixsg
Te tf]g äyavöipQOvog f\av%iag EvdfiEqov nqöaomov.

Und Lob eck1) hat sogar die Vermutung ausgesprochen, daß derartige Stellen es gewesen seien, die der Verbindung von nqöacoiiov mit Personenbezeichnungen im Genetiv zum Vorbilde gedient und den Ausgangspunkt für die Entwicklung der Bedeutung „Person" gebildet hätten.

Aber abgesehen davon, daß aus naheliegenden Gründen dieser Hergang der Dinge ganz unglaublich scheinen muß, so geht man vollkommen fehl, wenn man in jenen Stellen etwa in dem Worte jzqöaomov den bildlichen Ausdruck für ein menschliches Wesen sieht, ja überhaupt diesem Worte hier irgend eine übertragene Bedeutung

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beimißt. Sicher wollten die Dichter, indem sie vom Gesichte der Tugend, der Moral, des Friedens sprachen eben von nichts anderem als von ihrem Gesichte sprechen. Denn es wäre in hohem Grade unpoetisch, wenn ein Dichter, um dem Hörer einen abstrakten Begriff in menschlicher Gestalt erscheinen zu lassen, ihn, wie der Maler ihn allegorisch als solchen darstellt, ausdrücklich, und täte er es auch nur durch einen metaphorischen Ausdruck, geradezu als solche bezeichnete. Er denkt sie sich als menschliche Gestalten, und von dieser Vorstellung ausgehend kann er alsdann im eigentlichen Sinne von ihrem Antlitz sprechen und es wie Euripides und Aristophanes hier taten, als ein kraftvolles, mildes, heiteres schildern, wodurch allerdings der Hörer genötigt wird, nicht etwa das Antlitz als den Ausdruck für die ganze Gestalt zu verstehen, aber doch die Vorstellung der ganzen Gestalt, von deren Gesicht ihm gesprochen wird, sich selbst in seiner Phantasie zu bilden1). Von hier aus gab es keinen Weg, auf dem das Wort jiQöaonov zu der Bedeutung „Mensch", Person hätte gelangen können.

Daß in den oben erwähnten Zusammenhängen Origenes und die anderen genannten Schriftsteller mit dem Gebrauch von nQÖacjjzov einen poetischen Effekt bezweckt haben könnten, ist ausgeschlossen. Nur ein anderer Weg kann sie zu diesem Sprachgebrauch geführt haben; und sofort wird er uns sichtbar, wenn wir bedenken, daß es sich um einen Sprachgebrauch der Theologen handelt. So liegt es nahe, an eine religiöse Quelle zu denken. Und welche läge hier näher als die Bibel? Außerordentlich häufig findet sich denn auch im Neuen Testament nqöaomov in Verbindung mit Genetiven der zu bezeichnenden Person, wobei das Wort nqöaconov für das Bewußtsein des Lesers völlig zurücktritt und als bedeutungsloses Füllwort erscheint (wie in dem unzählige Male zu lesenden TiQöaconöv fiov, aov, fjfiüv, abzov, tov nvqiov, tov Xqiatov, ferner dyyeZov, HeiZdtov u. a.), in einer Verwendungsart also, die, abgesehen von den Kirchenschriftstellern und anderen, wahr

*) Das gleiche poetische Kunstmittel gebraucht Plotin, enn. I, 6, 4 (ed. Creuzer I p. 104, 11 D.): oiöe Jieqi &Qeirjg cpiyyovg, zolg firjöe cpavzaa&Eiaiv, ä>g xaXi>v zb zrlg ömaioavvrjg xal atacpQoavvrj£ nQÖamnov, xal oüze PanseQog oüze iipog oßzm xaXöv.

scheinlich durch das Lateinische beeinflußten Schriftstellern und Rechtsurkunden, erst im fünften Jahrhundert aufgekommen und im justinianischen Zeitalter allgemein geworden ist.

Ferner aber begegnet uns Jiqöacotiov im Neuen Testament wiederholt auch in Verbindung mit dem Genetiv von Wörtern, die eine Personenvereinigung bezeichnen; z. B. Luc. 2, 31: xmä TiqöaCotiov ndvtcov tcbv Xawv. Acta ap. 5,41. änb nqoaümov tov avveÖQiov 2. Cor. 8, 24. Gal. 1, 22: nqöaomov Twv kv.nXrjaiG)v; und endlich auch in Verbindung mit Dingen Luc. 21, 35: nqöao>nov ndarjg tfjg yfjg, ibid. 12, 53 xrjg yfjg xai tov otiqavov. Act. ap. 17, 26 TcQöacoTcov vfjg yfjg; Apocal. 12, 14: nqöawnov tfjg öcpswg.1)

l) Nur in 2. Cor. 1, 11 (ix TioXAwv nQoaihnwv) finden wir nQöamnov absolut gebraucht = persona, homo. Das läßt sich schwerlich leugnen, obwohl diese Gebrauchsweise im Neuen Testament vereinzelt dasteht. Aber sie findet sich ja schon in jener Zeit auch sonst, wenn auch selten, in der griechischen Litteratur (vergl. oben S. 43) und es spricht nichts gegen die Annahme, daß auch Paulus es einmal gelegentlich so gebraucht habe. Wenn diese Verwendungsart, wie ich vermute, der Vulgärsprache nicht fremd oder vielleicht in die xoivrj übergegangen war, so ist nur zu verwundern, daß wir ihr nicht häufiger im Neuen Testament begegnen. Man täte den Worten Gewalt an, wenn man, um die Paulusstelle mit der sonst im Neuen Testament bei nQÖaamov üblichen Konstruktionsweise in Einklang zu bringen, Tioxx&v als einen dem nQoadmmv subordinierten Genetiv ansehen wollte. Dagegen spricht weniger der Umstand, daß diese Unterordnung bei der Gleichartigkeit des Suffixes des Nomen regens nicht klar hervorgetreten, und daher von Paulus eine solche Konstruktion deshalb vermieden worden sein würde, — solche Fälle finden sich im Neuen Testament und auch sonst garnicht so selten — als vielmehr dieses, daß, auch, wo eine Mehrheit von Personen durch einen Plural

bezeichnet wird, im Neuen Testament nQöaianov dabei stets im Singular steht.

Dagegen hat nQöamnov in der im Neuen Testament sehr häufigen Verbindung nQönmnov Aafißdveiv, nQoaiojioXrj/irpia, TiQoawnöArjfimog, &nQoacüTioXrj/A,mmg (cf. Luc. 20, 21; Acta ap. 10, 34; 1. Petr. 1, 17; Röm. 2, 11; Eph. 6,9; auch Doctr. apost. (Patr. Apost. ed. Funk II, 12) gewiß nicht die Bedeutung von Person, sondern von Gesicht, d. h. der Autor beabsichtigte hier überall in dem Leser die Vorstellung von .Gesicht" zu erwecken und nur diese wurde auch in ihm erregt. Das wird ganz klar aus den Stellen des Neuen Testaments, in denen das parteiische Richten (das ist ja die Bedeutung von nQöamnov Aafißdveiv) durch ßAeneiv elg od. xaza nQöawnov ausgedrückt wird (Matth. 22, 16; 2. Cor. 10. 7), daß ferner in Matth. 1. c, dem nQöawnov noch der Gen. &vd-Qü>Timv, der hier doch zweifellos nur der Gen. poss. sein kann, hinzugefügt ist, und dieser Gen. (äv&Qätnov) in Gal. 2, 6 auch bei dem mit Aafißdveiv verbundenen nQöamnov steht. Das Gesicht wird hier gedacht als die sichtbare Verkörperung der Individualität des Menschen, dessen Anblick den Richtenden in seinem Urteile beeinflussen und zu einem parteiischen Urteil verleiten könnte. (In der LXX findet sich übrigens statt Aafißdveiv das Wort &avfid^eiv, das im Neuen Testament m. W. nur in Judith 16 vorkommt). Es braucht

Alle diese verschiedenen Gebrauchsweisen für Hqöacotzov sind, wie schon der erste und gewiß richtige Eindruck ergibt, auf demselben Stamme gewachsen. Wenn aber, wie schon oben gezeigt, die Verbindung mit einem Genetiv hier nicht in derselben Weise wie im Lateinischen bei persona aus der Bedeutung Maske entstanden sein kann, so müssen wir uns nach einer andern Erklärung umsehen. Sie liegt zweifellos im Alten Testament, im hebräischen sowie in der LXX und in den andern griechischen Übersetzungen, die etwa den Evangelisten und Paulus bekannt waren.

In der hebräischen Bibel werden in hunderten von Stellen Personen in umschreibender Weise durch DMB, Gesicht und dem

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im Genetiv hinzugefügten Namen der Person bezeichnet, und als Übersetzung dafür finden wir in der LXX überall Jzqöaotiov mit einem Genetive aov, /iov, fjfiüv etc. atizov, Sdqag, zov äöeZyov, ävd-qünov, ävÖQcbv, ßaaiZswv, övvdazov, nqeaßvxov, öixaiov; aber auch dsov, äyyeXov. Ferner treffen wir im A. T. nqöacoTiov auch schon in Verbindung mit Wörtern, die eine Mehrheit nicht individuell bestimmter Menschen bezeichnen, an: Jzqöawjzov avvaycoyfig (Num. 20,6); tdv Viöiv 'IaQai\X (eod. 22,3); Xaov (Deut. 31,7); IxxZtjaiag (1. Chr. 28,8); ö%Xov (2. Chr. 20,15); g&vovg (ibid. 32,7).

Dieses nqöawnov zeigt sich aber auch bei Tieren, in Stellen, wo nicht etwa blos das Gesicht des Tieres genannt ist: nqöawnov öq>eog (Sir. 21, 2) Movzog (Arnos 5, 19) nqoßdxov (Jer. 27, 8) &rjqiwv (Ez. 14, 15). Dann auch in Verbindung mit den verschiedenartigsten leblosen Dingen, die kein Gesicht haben, und in Zusammenhängen, in denen nicht etwa bildlich die Vorderseite des Dinges, wie öfter bei den griechischen Klassikern, gemeint sein kann, sondern der Ausdruck offenbar auf das ganze Ding geht. So von Städten1) und Ländern2), der Wüste8), der Erde4), der Ebene5), Flüssen und Bächen)53,

übrigens wohl kaum gesagt zu werden, daß nQöaamov, wo es im Neuen Testament mit einem Genetiv steht, oft nichts weiter als Gesicht, Antlitz bedeutet z. B. Gal. 1,

22 äyvoovfievog r$ TiQoaünif zalg £xxAr/aiai,g, Jac. 1, 23 xazavoovvzi nQöamnov

zrjg yeveaemg iv iaönzQip.

!) Gen. 18,16, 19,28, 25,18; 2) Gen. 25,18, Jud. 2,25 ('A?aßtag); 3) Ex. 16,14, Num. 21,19(20) Thren. 5,9; 4) Gen. 4,14, 6,7, 7,23, 8,9, 13 u. a., Deut. 11,25 u. sonst sehr häufig—vergl. auch ep.Barnab. 6,9: änb nQoaanov yaQ zjfc yijg >) nXdaig

Iov 'Aöäfi iyivEzo (offenbar nach Gen. 2,67, wo aber steht: Unlaaev &nb t% yrjg),

dagegen Basilius adv.Eunom. IV, 681, MigneS.Gr.t.32,681 B: aXXr\ yaQ vnaQ§iv ix y^g TiAaad-evzog; 5) Ez. 16,5, 5") 3 Reg. 17,3, 1 Macc. 5,37.

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