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bestimmte Person oder einen bestimmten Menschentypus, sondern eine Eigenschaft ausdrückendes Nomen im Genetiv hinzugefügt erscheint, und wo dieses Nomen nicht wie sonst dasjenige bezeichnet, als was der Träger erscheint, sondern das, was er als Maske anlegt. *)

Auch diese auf den Gebrauch von persona in juristischen und ihnen nahestehenden Quellen bezüglichen Nachweise haben also kein der unter den Juristen herrschenden Meinung irgendwie günstiges Ergebnis geliefert, ja zum Teil sogar ihre Unmöglichkeit dargetan.

§ 5.

Geschichte des Wortes nPOSQüON.

Mit Rücksicht auf die als Stütze für die unter den Juristen herrschende Auffassung allgemein verwendeten Stellen des Theophilus (vergl. oben S. 9) ist auch das Wort nQÖawnov einer Betrachtung zu unterziehen, für das man als das dem lat. persona entsprechende Wort die nämliche technisch-juristische Bedeutung „rechtsfähiges Subjekt" vindiziert hat. Eine eingehende Untersuchung über die Bedeutungsentwicklung von nQÖawnov ist von Interesse nicht blos für das in dieser Abhandlung verfolgte Ziel, sondern auch für ein anderes Gebiet, auf dem der Begriff nqöawnov eine wichtige Rolle spielt, für die Geschichte des christlichen Dogmas; und da von neueren Kirchenhistorikern ein unmittelbarer Zusammenhang des nqöawnov der Trinitätslehre und der Christologie mit dem vermeintlichen juristischen Personenbegriff behauptet worden ist,2) so erscheint eine möglichst genaue Feststellung des Tatbestandes des Gebrauchs des Wortes Jiqöamtiov unter Berücksichtigung aller für seine Bedeutungsentwicklung einflußreich gewordenen Momente geradezu geboten.

Die älteste Bedeutung von nQÖaconov, in der es sehr häufig, und zwar ohne Konkurrenz einer anderen schon bei Homer auftritt,

1) Ein anderes Beispiel dafür vergl. in der bei Georges s. v. persona zitierten Stelle aus Lampridius: Gravitatis severitatisque personam non appetivi, sed a republica mihi impositam appetivi.

2) Vergl. unten § 11.

ist „Gesicht" oder „Antlitz", dem es wohl auch der zu Grunde liegenden Vorstellung nach entspricht, als das was „entgegenblickt".1) Alle anderen Bedeutungen können sich daher, da eine ältere etwa in vorlitterarischer Zeit schon untergegangene, schon mit Rücksicht auf die mit jener Bedeutung vollkommen harmonierende Etymologie nicht angenommen werden kann, nur aus der Bedeutung „Gesicht" entwickelt haben, und wir können demnach den Ursprung der verschiedenen Bedeutungen von nqöawnov — anders als die von persona — bis zu einer auch in etymologischer Beziehung völlig aufklärenden Stelle zurückverfolgen.

Als abgeleitete Bedeutungen werden in den Wörterbüchern regelmäßig verzeichnet:

1. Maske, die später auch durch jiQoawTzeTov ausgedrückt wird,2)

2. Person.

Von einigen anderen, wie Vorderseite, Front eines Heeres, Bild,3)

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Erscheinung, Gestalt1), Glanz, Ansehen, Ruf2), Person im grammatischen Sinne darf hier abgesehen werden.

Die Bedeutung Maske ist schon für die klassische Periode der griechischen Litteratur nicht zweifelhaft, und vollkommen klar ist auch, auf welche Art sie sich von der ursprünglichen Bedeutung abspalten konnte. Die Schauspielermaske ahmt ein menschliches Gesicht nach, und man kann sie darum, wenn wir von ihrer stofflichen Beschaffenheit und davon absehen, daß sie den ganzen Kopf umgab, und ihren Zweck und den mit ihr bis zu einem gewissen Grade auch erreichten Erfolg, anderen ein menschliches Gesicht vorzutäuschen, allein ins Auge fassen, geradezu ein Gesicht nennen; sie ist ein künstliches Gesicht, genau so, wie die Vorderseite des menschlichen Kopfes ein natürliches ist. Es ist aber eine bekannte Art von Synekdoche, welche die Species (hier: das künstliche Gesicht) durch das das ganze Genus (hier: Gesicht) bezeichnende Wort ausdrückt. Wenn wir uns aber bei Gesicht doch nicht blos die abstrakte mathematische Fläche, sondern ein substanzielles Stück des menschlichen Kopfes mit seinen Farben, seinem Inkarnat, seinem seelischen Ausdruck vorstellen, und wenn ferner nicht selten das Mittel, durch das ein beabsichtigter Erfolg erzielt wird, durch das diesen selbst oder durch das auf dessen Hervorbringung gerichtete Handeln ausdrückende Wort bezeichnet wird (z. B. „Sicherheit" für Pfänder und Bürgen, cautio für eine Schuldurkunde), so konnte das Wort nQöaomov infolge eines Zusammenwirkens dieser verschiedenen psychologischen Momente zu der Bedeutung der Gesichtsmaske gelangen, und so ist es vermutlich schon von der Zeit her, da die Griechen zum ersten Male Gesichtsmasken vor Augen bekamen oder sie selbst erfanden, als Ausdruck für sie verwendet worden. Mit dieser Art der Erklärung wird man sich zufrieden geben dürfen; es läßt sich schwerlich auch in den

z. B. Eurip. Med. 1198: etipvhg nQÖau>nov. -— Auf die äußere Gestalt eines Dinges bezieht sich auch die Stelle aus Plutarch, epit. I, 29 bei Diels, Doxogr. Gr. p. 326: 'EnlxovQog äazazov alzlav jiQoaümoig %Qövoig zönoig.

2) Vergl. Praechter, Philologus N. F. Bd. 63 S. 155 ff. und die dort angef. Stellen. Im Sinne von „Ruf" ist es aber wie dieses deutsche Wort neutral; so daß z. B. Theophilus paraphr. 2,18,1 (Ferrini p. 197) ala%Qbv nQöaianov in der Bedeutung von Bescholtenheit gebrauchen konnte: fy>ixa ala%Qbv £Tii%ovaiv ol yeyQa/i/iivoi TiQöaiünov olov fivio%oi utuoi xzi.

Quellen etwas finden, was ihr widerspräche. Äußerlich erkennbar macht sich diese Bedeutung des Wortes überall durch den Zusammenhang, insbesondere aber auch durch die Verbindung mit Wörtern, die auf ein Anlegen, Umlegen oder Abnehmen eines körperlichen Gegenstandes hindeuten, wie z. B. neqni&ea&ai, neQißdXXeiv, ävazeiveiv, {mozi&Ead-ai, dvaZafißdveiv.

Wie im Lateinischen für persona konnte sich aber auch für TiQöawnov auf demselben Wege und unter denselben Bedingungen wie bei persona der Begriff „Rolle" im eigentlichen, wie im übertragenen Sinne und ferner der der im Schauspiel auftretenden Person ausbilden, und daß es wirklich geschehen, dafür sprechen mancherlei Belege1).

Nicht minder einleuchtend scheint es zu sein, wie sich aus der Bedeutung „Gesicht" die von Person entwickeln konnte. Wie das den Teil bezeichnende Wort häufig als Bezeichnung für das Ganze gebraucht wird, wie der Grieche z. B. häufig, namentlich in traulicher Anrede %e(paZi\, v.aqä, wie auch ipv%i\ für die ganze Person gebraucht, wie im Lateinischen caput, im Deutschen „Kopf" bei Zählungen im Sinne von Mensch, Person gesetzt wird und wir im Deutschen in gewissen Zusammenhängen gelegentlich auch „Gesicht" für „Mensch" sagen (z. B. „man traf viele bekannte Gesichter"), so konnte es dem Griechen naheliegen, auch nqöaiönov, in dem wie in einem Spiegel der geistigen und seelischen Eigenschaften uns der ganze Mensch entgegentritt, im gleichen Sinne zu verwenden. Es ließe sich auch eine doppelte Synekdoche als Grundlage des Bedeutungswandels denken: das Gesicht als das die menschliche Gestalt beherrschende für die äußere Erscheinung des Menschen gesetzt, und das Wort, nachdem es diese Bedeutung angenommen, wiederum als Bezeichnung für den Menschen, die Person überhaupt.

Dagegen fehlte es im Griechischen an den Voraussetzungen, die hier, auf mechanischem Wege, wie beim lat. persona die Ent

!) Für Rolle im übertragenen Sinne vergl. z. B. Plutarch El nQeaßviiQv noAizevziov in der unten S. 43 Anm. 1 zit. Stelle: Tioxizixöv TiqÖamjiov; für die spielende Person z.B. Lucian de calumn. 1,6: Iqiü>v ö'Svzov Tiqoawtiiüv xad-dneQ tv zalg xofKpölaig zov öiaßdAAovzog xal Zov öiaßaA.A.ofievov xal Zov tzQög ov 1/ öiaßo^ij ylyvtzai. ThemistillS oratt. Dindorf p. 321,3: dxvoiv öi avzoTiQöamnog aywvi^ea&ai, £n\ ävü>vvfia nQÖamTza xaiacpvyydueig &gTieQ iv zalg zQayipöiaig Szav övo/adzcov äjioyvwaiv ol Tioirjzcu'.

Wicklung der Bedeutung „Person", mit oder ohne einen zum Genet. appos. gewandelten Genetiv aus der Bedeutung von Maske befördern konnten, da im Griechischen das Spielen einer Rolle wohl überwiegend durch äywvi^eiv, bnoxQivea&ai mit dem Akkusativ der Person, die vorgestellt wird, und ohne Verwendung von Tiqöautiov ausgedrückt wurde, die Gleichung nqöawnov 'Ayaptyvovog Vtioxqivea&ai = 'AyafiEfivova vjioxQivead-ai mit dem Resultat: Tzqöocjtiov 'AyafiEfirovog = 'Ayaftifivcov (vergl. oben S. 24) viel ferner lag1).

Die Wege der Herausbildung der beiden abgeleiteten Bedeutungen der Wörter nQÖawnov und persona würden also, wenn der Bedeutungswechsel von nqöawnov in der Tat in der hier geschilderten Weise vor sich gegangen wäre, infolge der Verschiedenheit der Ausgangspunkte, — hier Maske, dort Gesicht — sehr verschieden gewesen sein. Die beiden abgeleiteten Bedeutungen „Maske" und „Person" wären unmittelbare Abkömmlinge von nQÖaconov und ständen zu einander im allernächsten Verhältnis der Seitenverwandtschaft. Von den beiden korrespondierenden Bedeutungen von persona stammt dagegen die eine, „Person", von der anderen, „Maske", ab; aber die Art der Entstehung dieses Deszendenzverhältnisses harmoniert so wenig mit den regelmäßigen Grundsätzen der Sprachentwicklung, daß man diese Verwandtschaft fast eine illegitime nennen könnte.

Aber es ist doch vor allem zu fragen, ob nqöaomov überhaupt im Griechischen soviel wie „Person" bedeutet hat. Das ist in neuester Zeit geleugnet worden2), und wir haben uns zunächst über diese Frage Klarheit zu verschaffen.

Wenn wir einem Worte einer bestimmten Sprache als abgeleitete Bedeutung einen Sinn zuschreiben, der einem bestimmten Worte unserer eigenen oder einer anderen Sprache zukommt, so meinen wir damit, daß jenes Wort {allgemein oder in gewissen Zu

1) Darum hat sich im Griechischen für nQöamnov in Verbindung mit den das Anlegen, Tragen, Ablegen der Maske bezeichnenden Verben ein Sprachgebrauch, entsprechend dem personam alcs sustinere etc. in seinem bildlichen Sinne des Spielens einer Rolle im Leben, Verrichtens einer Funktion, des Vertretens eines Anderen wohl niemals ausgebildet; wo im Bilde davon gesprochen wird, da liegen immer nur okkasionelle Vergleiche, aber nicht ein fester Sprachgebrauch wie bei dem lat. personam, partes sustinere usw. vor.

2) vergl. L o o f s in dem Art.: Christologie, Realencykl. f. d. protest. Theol. IV3 S. 38. .

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