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Endlich heißt personam gerere etc. häufig nicht blos soviel wie eine Rolle auf der Bühne, im Drama spielen, sondern auch im Leben irgend eine Funktion verrichten; und darum ferner auch: eine andere Person vertreten, — sofern der Vertreter gewisser

dare, praebere, detrahere, demere alicui; ferner sub persona, ex persona alicuius. Von diesen werden einige allerdings — imponere, suscipere, sustinere auch mit partes verbunden, was aber nur darum möglich war, weil diese Verba auch sonst schon in übertragenem Sinne gebraucht wurden, während bei einer Reihe anderer unter ihnen, z. B. inducere, abicere, detrahere eine Verbindung mit partes kaum denkbar gewesen wäre. Einige im eigentlichen Sinne nur auf körperliche Gegenstände beziehbare, aber oft auch in übertragenem Sinne gebrauchte Verben, die in der ursprünglichen Bedeutung auch mit persona hätten verbunden werden können, finden sich dennoch, wie es scheint, immer nur in Verbindung mit partes: excipere, subire; obtinere, deferre alicui; aber es beruht vielleicht nur auf Zufall, daß sie uns in Verbindung mit persona nicht überliefert sind. Mehrere Verben umgekehrt, die, in eigentlichem Sinne gebraucht, mit partes verbunden vorkommen, aber wenn auch freilich etwas gezwungen, persona als Objekt hätten zu sich nehmen können, finden sich mit diesem nie zusammen: tribuere, habere, deposcere. Endlich werden — und hierin tritt die Verschiedenheit der Ausgangspunkte besonders klar zu tage — mit partes zwei Wörter zusammengestellt, die mit persona sich unmöglich verbinden können: discere, transigere. — Cicero Harusp. resp. 28 verbindet einmal pleonastisch persona und partes: hanc orationem

non suscepissem, nisi hanc personam et has partes deberem et possem

sustinere.

3) Unstatthaft wäre es hier, sich auf die in den Plautus- und Terenzausgaben durchgängig den einzelnen Komödien unter der Überschrift personae oder dramatis personae vorausgeschickten Verzeichnisse der spielenden Personen des Stückes zu berufen, um zu beweisen, daß persona schon bei jenen Dichtern die Bedeutung .Person" gehabt habe. Denn diese Verzeichnisse sind nur zur Bequemlichkeit des modernen Lesers von den Herausgebern hinzugefügt. Für Plautus finden sie sich weder im Palatinus noch im Ambrosianus, wie für ersteren die photographische Wiedergabe von Zangemeister, für letzteren das Apographum von Studemund zeigt; nur über den einzelnen Szenen sind die in ihnen auftretenden Personen aufgeführt. Ebenso steht es bei Terenz. In den illustrierten Handschriften seiner Komödien (über deren antiken Charakter zu vergl. Fr. Leo, die Oberlieferungsgeschichte des Terenz, im Rhein. Museum für Phil., N. F. Bd. 38 S. 317 ff., 338) sind vor der Mehrzahl der in ihnen enthaltenen Komödien die Masken der Personen des Stücks in einem Armarium aufgestellt, aber ohne Angabe ihrer Namen, abgebildet (vielleicht nach dem Vorbilde der armaria, in denen die imagines, die Wachsmasken der Ahnen der Adligen im Atrium aufbewahrt waren) (cf. Codd. Graec. et lat. photogr. depicti t. VIII. (1903) Terentius, cod. Ambros. etc. ed. Bethe). Zu der ganzen Frage vergl. noch Wiesel er, Theatergebäude und Denkmäler des Bühnenwesens bei den Griechen und Römern (1851) S. 43 sub 28. A. Spengel, Szenentitel u. Szenenabteilungen in der lat. Komödie, in den Sitzungsber., der phil.-hist. Kl. d. bayr. Akad. d. W. 1883 S. 257, 298 u. dazu O. Seyfert in Bursians Jahresber. über die Fortsch. der cl. AW., Bd. 47 (1887) 2. Abt. S. 10.

maßen die dem anderen eigentlich zukommende Rolle spielt; und in diesem Sinne tritt es auch in der juristischen Litteratur nicht selten auf.1)

!) Z. B. Cicero, de off. 1, 34: magistratus gerit personam civitatis. Aus

der juristischen Litteratur: Cod. Theod. 4, 22, 1: iudices absentium suscipiant

in jure personam. Dig. 34,3 7,5: pupillum personam sustinere eius a quo legetur. 41,1 34: hereditas non heredis personam, sed defuncti sustinet. 46,2 24: heredem, cuius personam interim hereditas sustinet. 47,2 57 (58) 4: curator furiosi — / — personam domini sustinet, (vorher: tutor domini loco habetur.) — Es ist unrichtig, in den Stellen, in denen von der hereditas ausgesagt wird, daß sie personam defuncti sustinet, in diesen Worten, wie gewöhnlich geschieht, den Ausdruck der Personifikation der Erbschaft zu sehen. Wie eine Person, d. h. so als ob sie ein Mensch wäre, — nicht etwa als eine „juristische Person* — wird sie allerdings in gewissen Beziehungen behandelt. Das aber ist es nicht, was in diesen Stellen ausgesprochen wird. Das wird in ihnen vielmehr als bekannt vorausgesetzt; sie wollen nur sagen, es werde so angesehen, und die Rechtsverhältnisse werden, soweit das Vorhandensein, nicht auch etwa das Handeln, eines v/irklichen Menschen erforderlich ist, so behandelt als ob — hierauf allein kommt es dabei an — die Erbschaft der, als noch lebend gedachte Erblasser, nicht als ob sie der zur Erbschaft Berufene wäre. Die Fiktion, daß die Erbschaft eine persona d. h. ein Mensch sei, findet sich nur einmal in den Quellen ausgesprochen, in Dig. 46,1, 22 (Florentinus) in den Worten: hereditas personae vice fungitur, — sie vertritt die Rolle eines Menschen, der als Träger der auf den Erben zu übertragenden Rechte und Pflichten erforderlich erscheint. Auf einer Kontamination beruht die Ausdrucksweise in Jnst. III, 14,2: nondum enim adita hereditas personae vicem sustinet, non heredis futuri, sed defuncti. — —

Die Bedeutung, die persona bei den lateinischen Grammatikern hat, bei denen es für die Personalpronomina und die die grammatische Person andeutenden Flexionsformen des Verbum das bezeichnet, was auch wir in der Grammatik unter „Person" verstehen (1., 2., 3. Person) habe ich im Texte übergangen, weil sie für den Zweck dieser Untersuchung nicht in Betracht kommt. Es scheint mir übrigens nicht zweifelhaft, daß auch sie mit der Bedeutung „Maske* zusammenhängt. Diese Verwendung des Wortes haben die römischen Grammatiker sicher von den griechischen entlehnt, die das Wort nQöau>nov gebrauchen. In diesem Sinne wendet es, wie sich aus den Bemerkungen des Theodosius Alexandrinus (Gramm, graeci ed. R. Schneider vol. IV p. 10, 22) und des Sophronios (ibid. p. 413, 17 sq.) ergibt, schon der Verfasser des ältesten Handbuchs der griechischen Grammatik, Dionysius Thrax an. Apollonius Dyscolus {neQi &vztavvfiiag ed. R. Schneider 1. c. vol. I p. 18 14 sq.) sagt aber von den Pronomina und den die Person andeutenden verbalen Flexionsformen: iTzizrjöeiov yäQ zovzo öel^iv amfiazixrjv xai rpv%ikr/v äid&taiv TiaQaazijaai. 6q&ü>g Ovv >/ öioQi^ovaa Aigig za TiQoxeifieva nQöaU>nov ixArj&rj. Die Pronomina und die Verbalformen sind, — so meint er offenbar — die Erkennungszeichen für die hier in Frage stehenden Begriffe, wie die Gesichtsmasken (denn das ist ja auch eine Bedeutung von TiQöaomov) solche für die im Drama darzustellenden Charaktere sind. Vielleicht sind auch die Bezeichnungen Hqguov, öevieQov, Zqliov \ nQÖawnov in der Grammatik mit den drei Personen des griechischen Dramas, dem TiQwzaywviairrjg (nQmiöXoyog) öevceQo —, zQizaywviairjg in Zusammenhang zu bringen. ] § 4.

Fortsetzung. — Persona in den römischen Rechtsquellen.

Oberschauen wir diese verschiedenen Bedeutungen, von persona insgesamt, so können wir nicht bezweifeln, daß erstens die Bedeutung von personam gerere etc. = „eine Rolle auf der Bühne spielen" nur davon hergeleitet sein kann, daß der Spieler eine persona, Maske, trägt; wir werden es behaupten müssen, weil da, wo einem Ausdruck zwei verschiedene Bedeutungen, eine sinnliche und eine nichtsinnliche, zukommen, diese sich in der Regel erst aus jener entwickelt hat, und weil ferner auch die mit persona zusammen hier auftretenden Verba gerere, suscipere, sustinere usw. augenscheinlich ursprünglich allein auf einen körperlichen Gegenstand bezogen warenx), und sich der Gebrauch derselben Verba in den Fällen, in denen personam gerere die andere Bedeutung hat, nur aus späterer Übertragung erklären läßt.

Eines besonderen Beweises bedarf ferner auch nicht die Behauptung, daß auch die Bedeutung von persona als Typus einer im Drama auftretenden Person, wie sie bei Terenz uns begegnete, nicht eine ursprüngliche, sondern wiederum nur durch Übertragung von der Maske her genommen sein kann, — eine Übertragung, die hier sehr nahe lag: waren ja doch gerade in der römischen Komödie die in ihr auftretenden Figuren die typischen, zum größten Teile regelmäßig wiederkehrenden Ausdrucksformen für bestimmte Menschenklassen, so daß sehr leicht die Maske des miles gloriosus von Terenz als metaphorische Bezeichnung des Typus von Menschen, wie Menander oder Plautus in seinem miles gloriosus sie gezeichnet haben, für die Gestalt eines Prahlhanses benutzt werden konnte, dieparasiti persona (Colax) für den Typus des schmeichlerischen Schmarotzers. Ebenso leicht aber konnte man von hier aus oder auch unmittelbar von persona (Maske) militisgloriosi, parasiti, lenonis etc. dazu kommen, darunter auch die konkrete Figur, wie sie in der wirklich gespielten Komödie auftrat, zu verstehen, den Soldaten, den Parasiten, den Kuppler, der durch den maskierten Schauspieler in leiblicher Gestalt den Zuschauern vorgetäuscht wurde.

!) Vergl. oben S. 19, Anra. 2.

Und endlich konnte das Wort auch, absolut gebraucht, die Bedeutung des Maskenträgers des in dem Drama mitwirkenden Schauspielers annehmen, wie wir es z. B. bei Diomedes (Ars gramm. III, Keil gramm. lat. I, p. 490, 27) finden, wenn er sagt:

In graeco dramate feretres personae solae agunt .

quid quarta Semper muta. at latini scriptores complures

personas in fabulas introduxerunt, ut speciosiores frequentia

facerent

wobei allerdings durch das Wort persona, ebenso wie vorher (p. 489), zugleich der Gedanke an die von den Spielern dargestellten Personen angeregt wird.

Alle diese verschiedenen, aber im Gebrauche für den Sprechenden und Hörenden gewiß häufig ineinander fließenden Bedeutungsnuancen stehen noch in engem Zusammenhange mit dem Bühnenwesen. Nur bei der übertragenen Bedeutung von personam gerere etc. als des Spielens einer Rolle im Leben, des Verrichtens gewisser Funktionen, das mit dem Agieren des Schauspielers nichts mehr zu tun hat, wird der Gedanke an die Herkunft dieser Bedeutung vom Theater dem Römer ebensowenig mehr wie uns, wenn wir von jemandem aussagen, er spiele (im Leben) eine Rolle, eine bedeutende, eine verächtliche, zweideutige Rolle usw., zum Bewußtsein gekommen sein. So steht es ja auch mit den sonstigen zahlreichen dem Theaterwesen entlehnten bildlichen Ausdrücken in unserer Sprache: eine Rolle übernehmen, ablehnen; hinter den Kulissen wirken; Schauspiel, Szene, Komödiant in der Bedeutung eines Heuchlers (wie im Griechischen bei späteren Schriftstellern bnozQin'jg); komisch, tragisch u. a., bei denen auch wir erst bei besonders darauf gerichteter Aufmerksamkeit uns ihrer ursprünglichen Bedeutung bewußt werden.

Aber wie mochte persona zu der Bedeutung von Person, eines Menschen überhaupt gelangen, so daß es auch den Gegenstand von Aussagen bilden konnte, die weder im eigentlichen noch im übertragenen Sinne mit dem Schauspiel etwas zu schaffen hatten? Hier können gewiß nicht mehr, wie bei den bisher betrachteten Entwicklungsphasen, psychologische Gesetze wirksam gewesen sein, nach denen der geistige Gehalt der Begriffe seine Triebkraft entfaltete, sondern nur solche Ursachen, die, wenngleich selbstverständlich, wie alles in der Entwicklung der Sprache, gleichfalls der psychologischen Grundlage nicht entbehrend, doch mehr mechanischer Natur waren. Hier wird sich, wie zu vermuten, mehr die an die äußere Erscheinung der Ausdrucksformen anknüpfende Analogie als wirksam erwiesen haben, und zwar in folgender Weise.

Das Spielen einer bestimmten Rolle, im eigentlichen wie im bildlichen Sinne, drückten die Römer nicht blos durch personam Hecubae, regis, consulis gerere etc., sondern auch, — zunächst vielleicht nur in der Vulgärsprache, später auch in der Schriftsprache — elliptisch durch Hecubam, regem, consulem gerere aus1), so wie auch uns statt: die Rolle des Hamlet, des Herrn, des Kranken, des Wahnsinnigen spielen die Wendung: den Hamlet, den Herrn usw. spielen ganz geläufig ist. Aus der so gegebenen Gleichung personam Hecubae, regis gerere = Hecubam, regem gerere ergab sich als Facit: persona Hecubae Hecuba, persona regis = rex und umgekehrt, und so konnte man dazu kommen, auch in Zusammenhängen, in denen man weder bewußt noch auch halb unbewußt an Schauspieler und Masken dachte, eine Person durch persona mit dem sie individualisierenden Eigennamen oder einem sonstigem Nomen zu bezeichnen, statt Agesilaus zu sagen: persona Agesilai, statt socius: persona socii, — alles das um so leichter, als ja im Theater unter persona in einem beschränkten Umfange bereits seit langer Zeit Personen, nämlich im Sinne des Personentypus im Drama und ferner der im gespielten Drama von dem Spieler dargestellten dramatischen Figur und endlich auch des agierenden Spielers verstanden wurden. Dabei mußte das für das Bewußtsein jetzt inhaltsleer gewordene Wort persona hinter das den allein noch für das Urteil wesentlichen Begriff ausdrückende Agesilaus, rex etc. vollkommen zurücktreten, und zu einem bedeutungslosen Vorschlag oder Anhängsel dieses anderen Wortes werden, genau so wie bei den deutschen Wörtern Mannsbild, Weibsbild (mhd. mannes bilde = Mannes Gestalt) nur die Begriffe Mann, Weib, nicht aber mehr die von Bild, Gestalt, die ursprünglich hier den metonymischen Ausdruck eines Menschen darstellten, unmittelbar empfunden werden. Persona war jetzt ein jedes eigenen Gehalts entbehrendes Rudiment

l) Vergl. die zahlreichen Belege bei Forcellini-Vit s. h. v.

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