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Einen sprechenden Beweis für diese Annahme liefert uns das Verhalten der späteren Wissenschaft gegenüber dem Worte persona Auch eine spätere Zeit mit ihren energischen Bestrebungen, jene naiven anthropomorphistischen Vorstellungen zurückzudrängen und auszurotten, vermochte des einmal eingebürgerten Wortes persona in bestimmten Fällen nicht mehr zu entraten, um das Subjekt in ihren Urteilen über das Wesen und Wirken der trinitarischen Wesen zu bezeichnen. Aber sie stellte nunmehr alle jene Aussagen, die von ihnen wie von menschlichen Wesen sprachen, einerseits nur als stammelnde Versuche dar, dem für Menschen garnicht Faßbaren der göttlichen Natur und dem eigentlich auch nicht Ausdrückbaren, dem ineffabile (d^rjxÖv) dennoch einen, wenn auch nur schattenhaften Ausdruck in Worten zu geben1). Und andererseits konnte ihr auch der Widerspruch zwischen diesen neueren Anschauungen und Tendenzen und dem hergebrachten Sinn des Wortes persona nicht entgehen. Darin liegt auch der Grund, aus dem Boethius das griechische Wort bnöaxaaig als eine passendere Bezeichnung für die Personen der Trinität ansieht, als das lateinische persona2) und aus dem ferner der Aufnahme von jiQöawnov als Ersatz für vnöaxaaig von manchen morgenländischen Theologen anfänglich Widerstand geleistet wurde. Und weiter fällt von hier aus Licht auf die Erscheinung, daß im fünften Jahrhundert, vermutlich auch schon um vieles früher die Wissenschaft sich um eine genaue Definition des Wortes persona bemüht. Das Altertum hatte niemals ein Bedürfnis, den Begriff von persona zu definieren, empfinden können. Jedermann wußte, was und wie wenig es in den meisten Fällen besagte, und niemand kannte das Wort anders, denn als ein auf Menschen allein bezügliches. Als aber persona als Bezeichnung auch für nicht menschliche Wesen sich eingebürgert hatte, als in der christlichen Kirche auch Gott, Christus, der Heilige Geist, Engel und Heilige personae genannt wurden, da mußte man darauf aufmerksam werden, daß die Theologen sich fort und fort hier eines Wortes bedienten, dessen gewöhnlicher Sinn im Widerspruch stand mit der von ihnen jetzt vertretenen übermenschlichen,

1) Augustin, de trin. VII, 4, 7 i. f. (!. c. col. 939) VIII, 1, 2 (eod. C. 947) Novatian, de trin. cap. 5, 6 (Migne S. L. t. 3 col. 895 sq.) vergl. auch Origenes, contra Celsum 7,38 (II p. 188,11 sq.).

2) Vergl. oben S. 100 Anm. 1.

rein geistigen Natur der göttlichen Wesen. Zugleich aber sagte man sich, daß das alte Wort persona sich mit einem neuen Inhalt erfüllt habe, und fühlte sich teils aus rein spekulativem Interesse, teils und vielleicht vorwiegend, um den durch seinen Gebrauch erregten Schein des Anthropomorphismus abzuwehren, gedrungen, sich über diesen Inhalt genaue Rechenschaft abzulegen. Die Definition dieses neuen, erweiterten Begriffes von persona ergab sich von selbst, sobald man aus den nunmehr damit bezeichneten Dingen die ihnen gemeinsamen Merkmale abstrahierte. Als solche fand man aber, daß ein jedes von ihnen ein selbständiges, nur sich selbst gleiches Wesen, ein Individuum' war, und daß zweitens alle als personae bezeichneten Wesen mit Vernunft begabte Wesen seien. Und so definiert Boethius (de persona et duabus naturis cap. III Migne S. L. t. 64 col. 1343 C).

Quocirca si persona in solis substantiis est atque in his rationalibus, substantiaque omnis natura est, nec in universalibus sed in individuis constat, reperta personae est igitur definitio: Persona est naturae rationalis individua substantia.

Ferner läßt Cassiodor, expositio in psalterium. ps. VII (Migne S. L. t. 70,66) der den Psalm kommentierenden Bemerkung:

(David) in prima divisione ex sua persona dominum deprecatur, ut ab omnibus persecutoribus eius virtute liberetur ohne jede erkennbare Veranlassung eine Definition des hier einer Erklärung garnicht bedürftigen Wortes persona folgen:

Persona vero hominis est substantia rationalis individua suis proprietatibus a consubstantialibus caeteris segregata. Und endlich sei hier noch hingewiesen auf die Definition des römischen Diaconus Rusticus, contra Acephalos disputatio (Migne S. L. t. 67 col. 1238 B):

Demonstratum est, quod — — persona — — sit concursus eorum quae describunt subsistentiam rationalem1).

l) Es ist hier keine Veranlassung, auf diese Definitionen, und auf die Unterschiede in ihrem Wortlaut näher einzugehen. Zweifellos scheint, daß sie alle dasselbe sagen, als das Genus proximum die allgemeine Gattung: selbständige Wesen oder Dinge, bezeichnen wollen (die selbständige Existenz, die das Einzelwesen als etwas von allen anderen Gesondertes erscheinen läßt, drückt das bei Boethius,

So waren in dem Begriff einerseits neben den Menschen jetzt auch die göttlichen und übermenschlichen Wesen untergebracht, auf der anderen Seite alle leblosen Dinge und die Tiere als vernunftlos ausgeschlossen. Sein Inhalt erschien damit, so sehr er sich über die Grenzen der Bedeutung der persona' der Profansprache hinaus erweitert hatte, doch wesentlich enger, als das zu den gleichen Zwecken von den griechischen Theologen verwendete öjiöataaig, das sowohl seiner ersten Bedeutung nach, wie auch im Gebrauch der Philosophie alle existierenden Dinge umfaßte, aber in seiner trinitarischen Verwendung nur auf denselben Inhalt wie persona bezogen wurde, ohne jedoch im übrigen und für den profanen Gebrauch etwas von seinem ursprünglichen Umfange einzubüßen. Bei seiner Rezeption in die griechische Theologensprache in der Gestalt von nqöawnov behielt persona auch unter dieser griechischen Maske naturgemäß seine auf subsistentiae rationabiles

Cassiodor und Rusticus wiederkehrende Individuum, das griech. äzofiov aus, das in diesem Zusammenhange das Einzelwesen der Gattung gegenüber als etwas nicht mehr wie diese sich in eine Mehrheit von Wesen Spaltendes darstellt. Vergl. bes. Boethius, in Porphyr, dial. I Migne S. L. t. 74 col. 29 C. Id. in Porphyr, comm. III. Migne 1. c. col. 97 D.), und daß die Differentia specifica die rationabilitas ist. — Von Cassiodor wird übrigens nicht sowohl das Wort persona definiert, als vielmehr dieser Begriff, dessen Definition sich aber aus der Stelle entnehmen läßt, vorausgesetzt, und ihm eine besondere Art von personae homo subsumiert. Über die Definition des Rusticus Diaconus vergl. unten S. 115 Anm. 4. Die Definition von persona scheint die Geister schon lange vor Boethius und Cassiodor lebhaft beschäftigt und auch das Interesse profaner und nichtchristlicher Kreise erregt zu haben. Merkwürdigerweise hat die Definition von persona, die in der Gestalt, in der sie bei den oben angeführten Schriftstellern vorliegt, wohl allgemeine Billigung gefunden hatte, und die auf theologisch-philosophischem Boden entsprungen, nur durch ein theologisches Bedürfnis veranlaßt worden sein kann, auch in einer entsprechenden Adaptierung für Zwecke Verwendung gefunden, die der Trinitätslehre vollkommen fern liegen. So ist sie augenscheinlich schon Diomedes bekannt gewesen, wenn er in der Lehre von den grammatischen personae (1. c. p. 329,18 I, 19 sq. de persona verborum) definiert: Persona est substantia rationalis. Personae in verbo sunt tres etc.; und auch bei Charisius scheint sie anzuklingen, wenn er (Jnst. gramm. II p. 168,12) sagt: Persona est substantia nominis etc. Mit dieser Diomedesstelle dürfte die vonTixeront a.a.O. aufgestellte Behauptung, daß Boethius der Urheber der im Texte erwähnten Definition von persona sei, nicht vereinbar sein, wenn nicht etwa in der Diomedesstelle, ebenso wie in dem Psalmenkommentar des Cassiodor ein späteres Glossem vorliegt. — In irgend einem Zusammenhange mit allen diesen Definitionen steht vielleicht auch die im Comm. Einsidl. in Donat. (vergl. oben S. 12 Anm. 1) gegebene p. 202: Secundum vero substantiam persona est individua uniuscuiusque rei repraesentatio.

beschränkte Bedeutung bei, und hat trotz seiner auf griechischem Boden erfolgten Gleichstellung mit dem eine weitere Sphäre umspannenden finöaxaaig auch wohl niemals wie dieses eine Beziehung auf Tiere und leblose Dinge erhalten. Wie ihm dagegen jene Gleichstellung mit imöazaaig in der Theologie einen Zuwachs an Bedeutungen nach anderen Richtungen verschafft hat, die ihm auch außerhalb der theologischen Begriffswelt zu gute kamen, das ist bereits Gegenstand ausführlicher Darlegungen gewesen.

§ IL Bestätigung

der im Vorangegangenen aufgestellten Ansichten aus Rusticus Diaconus, disputatio contra Acephalos.

Der Niederschlag der im Vorangegangenen dargelegten Entwickelung der Bedeutungen von persona, uQöawnov und inoataaig und ihres gegenseitigen Verhältnisses zeigt sich in einer eigentümlichen, zugleich alle hier vorgetragenen Behauptungen bestätigenden Weise, wie in einem Spiegelbilde, in einer in lateinischer Sprache verfaßten Schrift des römischen Diaconus Rusticus, der .disputatio contra Acephalos'1). Zu ihrer richtigen Würdigung ist es erforderlich, sich in Kürze die Person des Verfassers und Art und Ort der Entstehung der Schrift zu vergegenwärtigen.

Rusticus, ein Neffe des Papstes Vigilius, ging mit diesem nach Konstantinopel, beteiligte sich an dem Dreikapitelstreit, wurde aber wegen der Art seiner Stellungnahme in diesem vom Papste (vor dem Jahre 550) exkommuniziert. In Konstantinopel verblieben, revidierte er die lateinischen Akten des Konzils von Chalcedon nach Handschriften des griechischen Textes und veröffentlichte später, als das Konzil von Konstantinopel 553 den Dreikapitelstreit entschieden hatte, gemeinsam mit dem afrikanischen Abt Felix eine Streitschrift gegen das Konzil, die den Kaiser Justinian veranlaßte, ihn in die Thebais zu verbannen2). Im Exil verfaßte er die obengenannte Schrift, in der er in der Form einer Disputation zwischen

!) Migne patr. S. L. 67, 1167 sq.

2) Vergl. Bardenhewer in Wetzer u. Welte, Kirchenlexikon X., col. 1415 f.

einem Orthodoxen und einem Häretiker gegen die Häresien der Sekte der Acephali streitet. Die Schrift enthält, wie er selbst in der praefatio (Migne, p. 1170) erzählt, die Früchte seiner in Konstantinopel, Alexandrien und in Antinous sowie in diesem benachbarten Orten betriebenen litterarischen Studien und der daselbst mit anderen Theologen gehaltenen gelehrten Besprechungen. Es ist nur zu natürlich und von vornherein zu erwarten, daß Rusticus sich bei seinem jahrelangen Aufenthalt im griechischen Osten vollständig in den griechischen Ideenkreis hineingelebt und in stetem Verkehr mit griechischen Werken und griechischen Theologen sich in griechischen Kategorien und in griechischer Sprache zu denken gewöhnte und daß, wenn er auch seine Schriften — vielleicht, weil er sie in griechischer Sprache ganz korrekt zu schreiben sich nicht getraute — lateinisch veröffentlichte, sie sich von Gräzismen erfüllt zeigen und zum mindesten griechische Theologenausdrücke häufig in lateinischem Gewande erscheinen würden. In der Tat erweckt auch eine Durchmusterung der Disputation auf den ersten Blick schon den Eindruck, daß wir es mit der Arbeit eines zwar lateinisch schreibenden, aber griechisch denkenden Theologen zu tun haben, und wir brauchen nur die immer wiederkehrenden Schlagwörter persona und subsistentia durch die griechischen nqöawnov und bnöataaic, zu ersetzen, um vieles, was uns im Lateinischen hier befremdlich, mindestens nicht autochthon erscheint, als auf griechischem Boden heimisches Gut zu erkennen, so daß wir die Schrift des Rusticus geradezu auch als Quelle für die Erkenntnis griechischen Sprachgebrauchs verwerten können.

Vor allem drängt sich uns als ein fortwährend wiederkehrendes das Wort subsistentia auf, das hier überall dem griech. vnöazaaig in seiner trinitarischen Bedeutung „Wesen" (vergl. oben S. 81 f.) entspricht. Dieser Gebrauch des Wortes ist allerdings nicht erst von Rusticus erfunden. Ebenso wie substantia sprachlich eigentlich nichts anderes als eine lateinische Übersetzung von bnöazaaig, war es schon lange vorher, z.B. schon bei Augustin1), zur Bezeichnung von „Wesen", „existierendes Wesen" in der Trinitätslehre verwendet worden2).

1) In dem Tractat de trinitate, passim.

2) Weshalb hierfür substantia auf die Dauer als nicht geeignet befunden werden konnte, das werde ich bei anderer Gelegenheit zu zeigen versuchen.

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