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Zum Beweise aber, daß die Römer auch die „Wesen", die man heutzutage juristische Personen nennt, schon als personae bezeichnet, diesen Begriff also schon als technischen gekannt haben, beruft man sich einerseits auf

Frontinus, de controv. agr. II (Rom. Feldmesser, von Blume, Lachmann und Rudorff I, p. 54,23):

Est alia inscribiio quae inscribitur „Silva pascua"

aut „Fundus Septicianus, coloniae Augustae Concordiae". Haec inscribtio videtur ad personam coloniae ipsius pertinere neque ullo modo abalienari potest a republica. Agenius Urbicus, 8,6 (a.a.O. I, p. 16): Quaedam loca feruntur ad publicam personam attinere, nam personae publicae etiam coloniae appellantur. Quae habent assignata in alienis finibus quaedam loca, quae solemus praefecturas appellare. Harum praefecturarum proprietates manifeste ad colonos pertinent sunt et aliae proprietates quae municipiis a principibus sunt concessae"; andererseits auf Dig. IV, 2. 9, 1 Ulpianus:

et ideo si singularis sit persona, quae metum intulit vel populus vel curia vel collegium vel corpus, huic edicto locus erit,l) indem man aus der Gegenüberstellung von singularis persona gegen populus, curia usw. schließt, daß Ulpian auch diese als personae, aber als personae publicae gedacht, wenn auch nicht ausdrücklich bezeichnet habe, — sodaß also hier, in den Stellen des Frontinus und des Ulpian Zeugnisse für" den technischen Gebrauch von persona schon aus klassischer Zeit vorliegen würden.

Daß in einem Teile der hier angeführten Stellen und zwar sicher in der Theodosischen Konstitution und in der Stelle aus Cassiodor in der Tat dem Worte persona eine von dem gemeinen Sprachgebrauch abweichende Bedeutung zukommt, das läßt sich schon bei einer rein äußerlichen Betrachtung unmöglich leugnen: das in beiden wiederkehrende habere personam schließt den Gedanken an eine der bekannten sonstigen Bedeutungen von persona aus, und das Gleiche ist auch von dem Worte Tzqöacotiov zu sagen, das in dem sich drei Mal bei Theophilus findenden dnqöaconoq

!) Vergl. Kierulff, Theorie des gem. Zivilrechts I, S. 83** Windscheid, Pand. I § 496.

steckt und mit dem lat. persona hier sicher gleichbedeutend ist. Schon prima facie wird man die Vermutung wagen dürfen, daß — was später nachgewiesen werden soll — Theophilus nichts anderes sagen will, als Theodosius und Cassiodor. Unzulässig dagegen ist es, für persona und nqöaconov in diesen Stellen eine für sie eigens erfundene juristische Bedeutung zu unterstellen. Den Sinn der beiden Wörter in jenen Stellen zu ergründen, müssen wir andere Wege beschreiten, und deren stellen sich zwei zunächst als möglich dar. Die besondere hier dem Worte persona und dem Worte TzQÖawnov zukommende Bedeutung kann entweder eine solche sein, die sich nach den allgemeinen Gesetzen der Sprachgeschichte aus einer der diesen Wörtern zukommenden regelmäßigen Bedeutung für besondere Fälle entwickelt hat; oder ganz singulare Verhältnisse, zufällige Ereignisse, äußere Eingriffe oder ähnliche Momente haben außerhalb der Bahn gesetzmäßiger Bedeutungsentwicklung eine eigentümliche Bedeutung für sie ins Leben gerufen, die aber auch in diesem Falle in einem, wenn auch vielleicht sehr entfernten Kausalzusammenhange mit der ursprünglichen oder einer der von dieser abgeleiteten Bedeutungen von persona und nqöawnov steht. Mag das eine oder das andere vorliegen — um es zu erkunden, ist es unerläßlich, die Geschichte dieser Wörter auch in ihren bekannten Bedeutungen, soweit es angeht, zurückzuverfolgen. Diese Untersuchung muß für persona und nqöawnov getrennt geführt werden. Denn wenngleich die geschichtliche Entwicklung beider schließlich zu dem nämlichen Endziele geführt hat, so waren doch die Ausgangspunkte für beide verschieden, und so sind es auch, durch diese bedingt, die mannichfachen Schicksale, welche die Bedeutungen beider Wörter endlich in demselben Punkte haben zusammentreffen lassen.

§ 3.

Geschichte des Wortes persona.

Zwei Bedeutungen des Wortes persona treten uns in häufigster Übung in der römischen Litteratur entgegen.

1. In der verbreitetsten bezeichnet persona nichts anderes, als was auch wir unter Person verstehen: einen Menschen. Aber wie wir, so brauchten auch die Römer es nur da, wo es nicht irgendwie auf Betonung der menschlichen Eigenschaften eines menschlichen Individuums oder eines Gegensatzes zwischen Menschen und anderen, niederen oder höheren Wesen ankommt, sondern nur ein menschliches Wesen in einem Zusammenhange, in dem seine Eigenschaft als Mensch als selbstverständlich gilt, bezeichnet werden soll. Wie es uns in den meisten Fällen, in denen wir das Wort Person verwenden, widerstrebt, dafür „Mensch" oder „Mann" zu sagen, wird es auch den Römern als unangemessen erschienen sein, es durch homo oder vir zu ersetzen und umgekehrt, wogegen persona den verächtlichen Sinn, in dem wir zuweilen das Wort „Person", allerdings aber auch das Wort „Mensch" brauchen, bei den Römern wohl niemals gehabt hat. Auch von den Juristen wird, wo ein Mensch als an einem rechtlichen Verhältnis irgendwie beteiligt erwähnt wird, meistens persona, nicht homo gewählt, ohne daß man jedoch daraus die Berechtigung herleiten dürfte, persona als ein Juristenwort zu bezeichnen: in der juristischen Litteratur stellt sich uns der Gebrauch von persona und sein Verhältnis zu homo, vir genau in der nämlichen Weise dar, wie in der nichtjuristischen.

2. Die andere, seltener zwar, aber doch häufig genug auftretende Bedeutung von persona ist: Gesichtsmaske, Larve, die der Schauspieler auf der Bühne trägt.

Es ist nun für die vorliegende Untersuchung — und auch darüber hinaus für die Sprachgeschichte — von Interesse, das historische Verhältnis dieser beiden Bedeutungen von persona zu einander zu ermitteln.

Von jeher hat man, wie auch die Alten schon taten, die Bedeutung „Maske" als die ursprüngliche angesehen und sich dafür auf Etymologien berufen1), die jedoch durchgängig aller Begründung

i) Nach Gellius' (V, 7) Berichte leitete Qavius Bassus persona von personare her, wegen der in der Schauspielermaske angebrachten askustischen Vorrichtung. Man wird diese Etymologie mit Rücksicht auf die Quantitätsverschiedenheit des 8 in persona und in persönare und in Erwägung des tf in den Kompositen personus, consönus, dissönus ohne weiteres verwerfen dürfen; ebenso, aber aus anderen Gründen die in Comment. Einsidl. in Donati artem minorem (Gramm, lat. ex rec. H. Keil, suppl. anecd. Helvet. ex rec. Hagen p. 248,33) angegebene Ableitung: Persona, verbale nomen a verbo .persono, personas' et dicitur persona, eo quod per se sonat. Im höchsten Grade unsicher ist auch die von vielen Neueren verteidigte Ableitung von nQoaamtlov, die Maske, das die römische Volkssprache in die dem Lateiner bequemer liegende Form persona umgewandelt haben soll. Warum entbehren; und da der sprachliche Ursprung von persona noch unerklärt ist und es vielleicht für immer bleiben wird, so werden wir für die Bestimmung des Abstammungs- und Altersverhältnisses der beiden Bedeutungen auf die Hilfe der Etymologie zu verzichten und zunächst in psychologischen Überlegungen den einzigen Weg zu unserem Ziele zu erblicken haben. Übrigens würden wir, auch wenn sprachwissenschaftlich das höhere Alter der Bedeutung „Maske"

persona der lateinischen Zunge mehr zugesagt haben sollte, als ein mit pro beginnendes Wort, ist nicht gut einzusehen, zumal der griechischen ITeQa^cpövrj gerade umgekehrt lateinisch Proserpina entspricht. — In neuester Zeit hat O. Wiedemann (in Bezzenberger und Prellwitz Beitr. z. K- d. indog. Spr. XXIII S. 19) auch mit Recht dagegen auf die zahlreichen nicht glaublichen Wandlungen hingewiesen, die ein Übergang von TiQoamTietov in persona voraussetzen würde. Aber auch die von ihm selbst vermutete Abstammung des Wortes ist nicht annehmbar. Ausgehend von der Vermutung von Stolz, histor. Gramm, der lat. Sprache S. 488, daß -öna in persona Suffix sei, nach Analogie zahlreicher dieses aufweisenden lateinischen Wörter (wie z. B. matrona, patrönus, Bellöna, Pomona, colönus) führt Wiedemann persona zurück auf einen es-Stamm lat. perces *percs von der Bedeutung .Umhüllendes", .Hülle". Das ist aber eine Petitio principii; denn eine Wurzel perces ist sonst nirgends nachweisbar, und Wiedemann hat sie allein aus dem aus ihr zu erklärenden Worte erst gezogen und ihr die zur Erklärung geeignete Bedeutung selbst erst beigelegt. — Beiläufig möchte ich hier, selbstverständlich ohne den Gedanken an einen etymologischen Zusammenhang oder an eine Analogie, bemerken, daß nach Nöldeke (bei Dittenberger, Orient. Graec. inscr. sei. I p. 6441) in allen aramäischen Dialekten nQöamnov bei der Übertragung sich in parsopä verwandelt hat, und daß ferner, nach einer freundlichen Mitteilung von Herrn Dr. G. Kampffmeyer zu einer Stelle der syrischen Übersetzung einer Schrift des Nestorius (vergl. die Stelle unten in § 5) das griechische TiQöau>nov im Syrischen die Form parsopä angenommen hat. — Nur als eines der zahlreichen Beispiele, wie die Alten Etymologien machten, führe ich die des Placidus (cod. Paris, in C. Gloss. ed. Goetz V 132,10) an: persona eo quod per se una est. So wenig sie linguistisch ernst zu nehmen ist, so ist doch sachlich der ihr zu Grunde liegende Gedanke insofern interessant, als sie an die später noch zu erwähnenden Definitionen von persona bei Boethius, Cassiodor u. a. erinnert, in denen immer das Merkmal der Ungeteiltheit oder der Unteilbarkeit (Jndividuum') als wesentlich für den Begriff persona betont wird, und als das ,per se unam esse' doch gewiß auf der gleichen Anschauung beruht, so daß ein historischer Zusammenhang mit dieser Etymologie zu vermuten ist, wie er auch zwischen ihr und einigen Bemerkungen lateinischer Grammatiker zu persona im grammatischen Sinne sich, wie ich glaube, nachweisen läßt (vergl. unten § 9). Das per se unum esse rührt jedenfalls aus der Sprache der Philosophen her; vergl. z. B. Joh. Damascenus, de haeres. c. VII (Migne patrol. S. Gr. t. 94 col. 744: J-oyog, ci xai aizbg xad-' iaviöv etg ianv.) Böcking, Einl. in die Pand. S. 135 führt endlich ohne Anführung ihres Urhebers die Ableitungen von Tieqi±c!>v>j und neQi aü>fia an, über deren Verkehrtheit man kein Wort zu verlieren braucht.

feststände, uns die Beschreitung des zweiten Weges nicht ersparen dürfen: denn die Möglichkeit eines Bedeutungswandels von „Maske" in „Person" in dem oben S. 11 angegebenen Sinne, ist keineswegs so wenig der Erklärung bedürftig, wie man allgemein bisher angenommen zu haben scheint, und es müssen sehr verschlungene Pfade gewesen sein, durch die die Verbindung zwischen den beiden Bedeutungen hergestellt wurde.

Wenn wir ohne vorgefaßte Meinung an das Problem herantreten, so bieten sich drei Möglichkeiten, von denen eine jedenfalls eine Lösung enthalten muß, nämlich die, daß entweder:

1) die Bedeutung persona = Person die ursprüngliche, Maske die abgeleitete ist;

2) daß der Bedeutungswechsel sich im umgekehrten Sinne vollzogen hat;

3) daß beide Bedeutungen selbständige und einander koordinierte Derivate aus einer Urbedeutung des Wortes sind, die selbst schon in der Zeit der ältesten litterarischen Überlieferung in Vergessenheit geraten wäre.

Die dritte Möglichkeit werden wir nun ohne weiteres aus unseren Erwägungen ausschalten dürfen, weil, auch wenn es vielleicht einer psychologischen Betrachtung gelingen sollte, eine solche Urbedeutung zu ersinnen, von der sich gewisse Merkmale als den Begriffen Maske und Person gemeinsame erwiesen, und als gemeinsames, von jener auf sie übergegangenes Erbteil gelten könnten, (— für die beiden Bedeutungen von Tiqöacötiov ist ein solches wirklich erweislich1)), so würde doch eine solche, jedes litterarischen Anhalts entbehrende Annahme nur eine luftige Hypothese und nichts anderes als Petitio principii sein.

Aber auch mit der ersten Möglichkeit kann nicht gerechnet werden. Auch der lebhaftesten Phantasie wird eine von der Bedeutung „Person" zu der von „Gesichtsmaske" führende Brücke nicht erkennbar werden. Es ist allerdings nicht ohne Beispiel, daß eine Sache, namentlich ein Kleidungsstück, das Menschen einer gewissen Gattung zu tragen pflegen, mit dem Namen dieser Personen

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