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GESCHICHTE

DES GALLO-FRÄNKISCHEN

UNTERRICHTS-

UND

BILDUNGSWESENS.

VON DEN ÄLTESTEN ZEITEN BIS AUF

KARL DEN GROSSEN.

MIT BERÜCKSICHTIGUNG DER LITTERARISCHEN VERHÄLTNISSE.

VON

DR. V. M. OTTO DENK,

CORRESP. MITGLIED DER KGL. AKADEMIE DER BUENAS LETRAS

ZU BARCELONA.

OF THE

UNIVERSITY

CALIFORNIA

MAINZ,

VERLAG VON FRANZ KIRCHHEIM.

1892.

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Vorwort.

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ehrere Jahre hindurch bereits beschäftigt mich eine ausführliche Darstellung der Entwickelung, welche seit den ältesten Zeiten bis zum Ausgange

des Mittelalters herab das Bildungs- und Unterrichtswesen eines Volkes genommen, das wie das französische, früher als jedes andere abendländische an der intellektuellen Aufgabe Roms sich beteiligte. Das Material, welches sich mir insbesonders von der Zeit Karls des Grossen ab in ganz ausserordentlicher Fülle zur Verfügung stellte, sollte in die Form mehrerer Bände gegossen werden. Bereits hatte ich den ersten, die Jahrhunderte vor dem gewaltigen Frankenherrscher erörternden, zu Ende geführt, als der Zwang äusserer Verhältnisse und eine damit zusammenhängende Ablenkung meiner Studien nach einer anderen Richtung hin mich veranlassten, die Weiterführung meines ursprünglichen Planes auf unbestimmte Zeit zu vertagen. Da ich aber nicht weiss, wann und ob ich an die Wiederaufnahme meiner Arbeit gehen kann, habe ich mich entschlossen, den bisher ausgearbeiteten Teil derselben, um ihn nicht als Torso verstauben zu lassen, mit dem Charakter eines selbständigen Buches der Öffentlichkeit zu übergeben, wobei mich die Überzeugung trug, dass der dort gebotene Inhalt alle Bedingungen berge, die erforderlich, um das Interesse eines fachmännischen Publikums zu gewinnen.

Bislang haben sich deutsche Federn dem von mir behandelten Gegenstande keineswegs mit jener Hingabe gewidmet, welche er vermöge seiner inneren wie äusseren Bedeutung zu fordern berechtigt ist. Wohl finden sich sporadische Anläufe, im knapp gehaltenen Rahmen von Aufsätzen und Schulprogrammen die eine oder andere Persönlichkeit und Erscheinungsform des gallo-fränkischen Bildungswesens in die Beleuchtung zu rücken, so bei G. Kaufmann mit seinen leider nur zu kurz bemessenen Abhandlungen über ,,Rhetorenschulen und Klosterschulen in Gallien während des 5. und 6. Jahrhunderts“ und über Sidonius Apollinaris, sowie bei Fertig in seinen drei Schulschriften ebenfalls über Sidonius (Würzburg 1845, Passau 1846 und 1848). Damit ist aber auch die Aufzählung so ziemlich erschöpft. An eine ausführliche pragmatische Geschichte des gallo- , fränkischen Erziehungs- und Schulwesens hat in Deutschland aber noch Niemand Hand angelegt, obschon eine derartige Arbeit als Beitrag zur Kenntnis der Wandelungen, welche sich an der abendländischen Geisteskultur vollzogen, für jeden von Wert ist, dessen Beruf es mit sich bringt, aus den Wechselgängen der Geschichte und ihren zahlreichen Verästelungen belehrenden Stoff entnehmen zu müssen.

Wie das Bild eines Stromes gibt sich die Geschichte des gallo-fränkischen Bildungswesens der inneren Anschauung. Dort die Teilung in einen Ober-, Mittel- und Unterlauf, hier die Gliederung in die druidische Zeit (Druidenschule), in die gallo-romanische Zeit (heidnische Rhetorenschule) und in die christliche Periode (Klosterund Episkopalschulen).

Aus dem geheimnisvollen Dunkel der Druidenhaine tritt die Flut heraus, sich fast unvermerkt in das breitgerissene Strombett römischer Rhetorik und Schulgelehrsamkeit einsenkend, in welchem die blitzenden Wellen sich vorbeiwiegen an stolzen Städten und prunkenden Landhäusern, abwechslungsweise reichbebaute Gefilde durchschnellend. Aber elementarische Gewalten entladen sich die wilden Stürme der Völkerwanderung trüben den Strom, und seine Wasser, vorher noch klar und blank, schleichen in schmutziger Färbung dahin, langsam und in trägem Laufe; Versumpfung droht ihn mit ihrer Umarmung zu ersticken. Da naht das Christentum, entfernt die Schleusen der Barbarei und löst den Strom von dem ihn umengenden, verderblichen Schlamm. Bald rauschen seine Wasser wieder licht dahin, Klöster und Kathedralen spiegeln sich in seinem Geflute und es scheint, als ob sein Lauf fürderhin nicht

mehr gehemmt und seine Wellen nicht mehr getrübt werden sollen; aber nochmals droht ihm verhängnisvolles Stauen in dem betäubenden Giftschwadem des Sumpfes. Doch wieder wird Hilfe. Des grossen Karl gewaltiger Geist rettet und sichert dem Abendlande den Bildungsstrom und zerstreut, wenn auch nicht für immer, die Nebel und das Dunkel der Barbarei. Das Auftreten des unsterblichen Frankenherrschers zieht diesem Buche zugleich die Grenzfurche, die es nicht überschreiten will.

Es ist leicht begreiflich, warum bisher die Zeit von Karl dem Grossen an und die Geschichte des dieser Periode eigenen Geisteslebens mehr Schilderer gefunden hat als die vorausgehenden Jahrhunderte fränkischer Geschichte. Für jene Epoche fliessen die Quellen reichlicher und heller, als für diese; hier sickern sie oft nur dünn aus dem Geschiebe der Felsen, dort drängen sie sich breiter an die Tageshelle und der nach Wahrheit dürstende Forscher kann sich müheloser an ihnen satt trinken. Selbst die Franzosen haben es gefühlt, wie schwer es ist, das Material zu einer die Zeiten der vorkarolingischen Verhältnisse behandelnden Geschichte ihres Bildungswesens in ein wohlgeordnetes Ganze zusammenzufassen, und doch kann ihnen Niemand die Anerkennung vorenthalten, dass sie sich nicht eifrig um die Erforschung derselben umgethan. Überhaupt sei hier ausdrücklich darauf hingewiesen, dass wir, was die Ausbeutung der Archive zu schulgeschichtlichen Zwecken betrifft, recht gut von unseren westlichen Nachbarn lernen können, die, seitdem Jules Simon im Jahre 1870 an die Departements- und Gemeindearchive die Anordnung erlassen, eifrigst nach dem Stande des Volksunterrichts vor dem Jahre 1789 zu forschen, eine ungemein rührige Thätigkeit entfalten, welche sich keineswegs auf die Zeit vor der Revolution beschränkt, sondern die entlegensten Perioden des Mittelalters ins Auge fasst. In zahlreichen Werken, Broschüren, Zeitschriften und Zeitungen legen seitdem Archivare, Privatgelehrte, Akademiker, Professoren und Volksschullehrer die Früchte ihres Forscherfleisses nieder, uns das alte Frankreich in intellektueller Beziehung in einem äusserst günstigen Lichte zeigend.

Und diese

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