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galt, den ersten Kampf gegen jene chamäleonartige Menschenveste zu wagen, die man „Publikum“ nennt?

Adzuängstlich werden die jungen Seelen wohl nicht dageseffen haben: ficherlich werden Verstand, Wit und Ahnung es ihnen beruhigend eingeflößt haben, daß die Besucher derartiger Konzerte ja verschwenderisch mit den Sonnenstrahlen des Wohlwollens, der Liebe und des Mitleids ausgerüstet sind. Wer sollte wohl so grausam geartet sein, jungen, himmelanstrebenden Sprößlingen der Kunst selbst wenn sie hie und da straucheln jubelvollen Beifall als Aufmunterung zur bevorstehenden schweren Laufbahn zu versagen oder nur zu verfümmern? Begegnete gar irgend einer der Ausübenden den wie in einer Liebesflut schwimmenden Augen der geliebten und verehrten Mutter, so schöpfte er aus diesen Blicken heiligster Sympathie gewiß Mut und Kraft zum Gelingen. Und der stille Beobachter erspähte wahrlich nicht wenige liebevolle, zärtliche und dabei auch so frommergebene Mutteraugen.

Das Konzertprogramm zeichnete sich durch eine recht lange und breite Form aus, hatte es ja neben dem sonst üblichen noch mancherlei anderes kundzugeben: wer der Lehrmeister jedes einzelnen gewesen – gleichviel, ob dieser als ausübender oder als schaffender Künstler auftrat oder welches Land, welche Stadt dereinst die jeweiligen Jünger und Jüngerinnen der Kunst erzeugte, wie noch manches andere.

Bei weitem die meisten der konzertierenden Zöglinge gehörten dem deutschen Vaterlande an. Ein fremdländischer

The man that hath no music in himself,
Nor is not mov'd with concord of sweet sounds,
Is fit for treasons, stratagems and spoils:
The motions of his spirit are dull as night,
And his affections dark as Erebus.
Let no such man be trusted.

Shakespeare: Merchant of Venice; Act V, Scene I.

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Name besonders mußte um so mehr die Aufmerksamkeit der Lesenden feffeln, als er einem Lande angehörte, das wohl nur selten eins seiner Kinder zur musikalischen Ausbildung nach Deutschland entsendet.

Auf dem Programm aber stand unter anderem:
Es-dur-Ronzert für Pianoforte und Orchester

von L. van Beethoven, vorgetragen von
Fräulein Anthemia Balleukos aus Delos.

(Lehrer: Der Direktor.) Wie verschiedenartig mochten die Gedanken sein, die darob unter den Zuhörern rege wurden! Welch ein hochtönender Name! Wie diese Jungfrau des modernen Griechentums wohl aussehen mochte? Jung oder alt, schön oder häßlich, groß oder klein, schlank oder formenvoll? das waren hier die Fragen. Ein Mädchen aus dem Mutterlande alles Schönen sucht die Kunst in Deutschland auf, welch ein Wunder am wechselvollen Webstuhle der Zeit! Wird die Hellenentochter diese wunderbare Tonschöpfung des germanischen Tonfürsten Beethoven in seinem Geiste wiedergestalten oder nicht?

Die Erwartung war hoch gespannt: denn da nicht wenige Zuhörer die Musentochter aus Griechenland als neu auftauchendes Gestirn am Pianistenhimmel verehrten und verkündeten, war es nur natürlich, daß an allen Eden und Enden ihr Name erklang, und daß man schon jekt mit Hilfe der Operngläser den Platz erforschte, den jenes Mädchen aus der Fremde vielleicht schon eingenommen hatte.

Arme Anthemia! Vieler Blicke schauen nach dir aus, aber alle aus eitel Neugier. Ist denn kein Auge da, das für dich ein stummberedtes Gebet spricht? Labt dich kein Mutterblick, noch der eines andern teuren Verwandten? Oder vertraust du frohgemut allein dem holden Genius der Kunst?

Doch das Erscheinen des Direktors der Akademie mußte all diesen Vorspielen ein Ende machen. Man mußte diesem feierlich gravitätischen Manne unwillkürlich seine Aufmerf: samkeit widmen und dabei von neuem an die Bedeutung des Abends erinnert werden. Heute war der sonst so gestrenge Herr ganz Freundlichkeit und Milde, spendete hier und dort ein kräftig anfeuerndes Wort, ging mit seinem Händedruck schier freigebig um und war auch in anderen Gunstbeweisen gegen seine untergebenen Lehrer und Schüler durchaus nicht lässig. Wie ein allgeliebter Herrscher von Gottes Gnaden thronte er endlich da mitten unter den zahlreichen Seinen, denen er als sicherer, wohlerprobter Führer ohne Rast und Ruhe die Wege zum Himmelreiche der Musik wies und ebnete. —

Ein noch sehr jugendlicher Kompositionsschüler der Anstalt, der zugleich ein sattel- und bügelfester Klavierspieler war, eröffnete das Konzert. Indem er seine Duvertüre für großes Orchester recht geschickt und umsichtig dirigierte, offenbarte er sich der sichtlich überraschten Zuhörerschar als einen vielverheißenden Komponisten und Dirigenten. Dieser Doppelleistung folgte denn auch kein geringer Beifall. Daran reihten sich allerlei Vorträge für Klavier, Violine, Gesang und Deklamation, an denen sich in buntem Wechsel Jungfrauen und Fünglinge beteiligten. Selbstverständlich wurden alle mit Beifallsrufen und Beifallssalven reichlich belohnt.

Endlich war der ersehnte Augenblick da. Das erwartungsvolle Auditorium sollte Fräulein Palleukos aus Delos sehen und hören. Staunen und Bewunderung malten sich auf aller Gesichtszügen, als fich hier eine stattliche Erscheinung aus dem Griechenlande würdevoll verneigte. Doch war da keine Zeit, sich lange dem Zauber zu überlaffen, der von dieser Gestalt ausstrahlte: denn schon senkte die mächtige Art ihres Beethovenspiels die Sinne fort von jungfräulicher Schönheit auf den Geist der Beethovenschen Musik hin.

Das Schwelgen in der Harmonieen Pracht, die gegenfäbliche Darstellung heroischer Kraft und elfenartig spielender Zartheit, daß es wie Elfentraum aus Wolfenhöhen durch die Gemüter zieht: alles brachte die junge Künstlerin mit vollendeter Fertigkeit zur Geltung.

Dann die sanfte, selige Ruhe im H-dur-Adagio, das die rauschende Lebensfreudigkeit des ersten Sakes] der beschaulichen Einkehr entgegenführt: wie wundersam vermochte es Anthemia, die empfänglichen Seelen damit zu rühren und zu heiligen!

Endlich nach dieser kurzen Seelenrast das feuertrunkene Finale in Es-dur, das in seinem dithyrambischen Aufschwunge eine so fiegreiche Macht verkündet, wie etwa die olympischen Siegesgesänge eines Pindar!

Auch dieser in himmlischer Lust einherbrausenden Festesfraft wußte die Fungfrau den herrlichsten Ausdruck zu verleihen. Wie sie beim unmittelbaren Übergange aus dem Adagio ins feurige Final-Allegro die Klippe, an der selbst Roryphäen des Pianistentums so oft scheitern, mit unfehlbarer Sicherheit ihrem kräftigen Willen unterwarf: da strahlte es hellleuchtend aus den Blicken vieler fundiger Zuhörer.

Unermeßlicher Beifall folgte auf diesen glanzvollen Vortrag. Meisterlicher könnte dieses herrliche Werk (nicht dargestellt werden. Man mußte fich selbst fragen: wer mochte dieser Klavierkünstlerin der Mystagog in die Zauberwelt des erhabensten Genius gewesen sein? Zuversichtlich der unfaßbare Hauch des göttlichen Kunstgeistes selbst. Denn vieles vermag ja ein irdischer Lehrmeister kraft seines feuerbeseelten Lehramtes zu geben, aber nimmermehr den Geist, durch welchen ein Kunstwerk frei und innig erfaßt werden kann.

Es war gut, daß nach Anthemias Klaviervortrage eine Pause eintrat, die es allen ermöglichte, das soeben in blühendstem Zauberglanze vorgeführte Wunder Beethovenscher Tonpoesie innerlich ausklingen zu lassen.

Den machtvollsten Eindruck übte die schönheitstrahlende Anthemia auf einen jungen Mann aus, dessen zartes, geistesvornehmes Antlit, von dunkelblondem Haupthaar mähnenartig umwallt, unschwer den Künstler zu erkennen gab.

Ein günstiges Geschick hatte ihn in die Nähe der Tons heldin geführt. Es kamen glückliche Momente, in denen der junge Mann sich in Anthemias wundersames Wesen versenken konnte. Alles an ihr atmete Eigenart. Es schien ihm una möglich, auch nur das blaffeste Abbild von den Schönheiten dieser hoheitsvollen Erscheinung zu entwerfen.

„E pur si muove“, tröstete er sich und malte folgendes Bild in seine Phantasiewelt hinein:

Er malte ein marmorbleiches und doch so lebensvolles Angesicht, das in jeder freien, zarten Ader eine Leidensgeschichte durchschimmern läßt; aber auf der hohen, himmelreinen Stirn von plastisch-antiker Schönheit offenbarte fich ihm das überwundene Weh. Sie verlieh dem ganzen Wesen eine wahrhafte geiftdurchtränkte Weihe. Er betrachtete die ideale griechische Nase und ein Kinn, auf dem alle drei Grazien ihren Thron aufgeschlagen zu haben schienen. – Daß Blaublütigkeit kein leerer Wahn ist: das predigte Athemias Angesicht nicht minder, als ihre zarte Hand. Dichtes, völlig schwarzes Haargeflecht umgab ihr schmerzenerzählendes Antlik; aber langgezogene Wimpern von tiefster geheimnisbergender Schwärze verkündeten von neuem die idealste Seelenruhe und schienen ehrfurchtsvolle Verehrung zu gebieten. Die dunklen, vollen Augenbrauen waren von der seltensten Eigenartigkeit. Nicht standen sie in verwirrtem Zusammenhange, auch war keine deutliche Leere zwischen beiden sichtbar: sondern in ganz allmäligen Abstufungen liefen sie in einen Punkt zusammen.

Fekt trafen des jungen Mannes Augen unerwartet zwei leuchtende Blicke und schienen seltsam von seinen düsterernsten Zügen betroffen zu sein. Er sah poesievolle Augen. Poesievoll! welch ein armseliger Ausdruck für solche

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