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SEINEM THEUEREN FREUNDE

DEM PROFESSOR UND STADTRATH

IN POTSDAM

ALEXANDER BUTTMANN

IN ALTER ZUNEIGUNG

GEWIDMET

VON

DEM HERAUSGEBER.

Vorwort zur zweiten Auflage.

Der Standpunkt, den ich bei der neuen Auflage der Horazischen Oden eingenommen habe, unterscheidet sich nicht von dem in dem Vorwort zur ersten dargelegten. Da aber derselbe manchen Missverständnissen ausgesetzt gewesen ist, so seien mir zu seiner grösseren Klarlegung wenige Worte vergönnt.

Man hat, den Zweck einer Schulausgabe urgirend, die Herbeiziehung kritischer Streitfragen in den Schulunterricht getadelt. Dass mir eine solche Absicht fern gelegen hat, könnte ich durch meine langjährige Praxis leicht erweisen. Wenn ich Erörterungen jener Art, namentlich über die Athetesen, ausdrücklich in den Anhang verwiesen habe, so konnte man daraus doch nicht schliessen, dass sie mit den Schülern durchgenommen werden sollten; warum ständen sie denn im Anbang ? Wo aber sonst in den erklärenden Noten kritische Anführungen vorkommen, lehrt ein nur geringes Nachdenken, dass sie den Stützoder Ausgangspunkt für die angeschlossene Erklärung bilden, die ohne sie in der Luft schweben würde. Ich möchte wenigstens wissen, wie man in der jetzigen Zeit den Horaz erklären soll, wenn man auf die Verschiedenheit der Lesart und die zahllose Menge bedeutender Conjecturen gar keine Rücksicht nehmen will. Dass dabei mitunter, vielleicht recht oft, Inconsequenzen sich eingeschlichen haben, leugne ich nicht; ich will sie auch nicht damit entschuldigen, dass der ursprüngliche Zweck dieser Ausgabe allerdings ein anderer gewesen ist, wie das auch einer meiner Recensenten richtig vermuthet hat. Sie war, in lateinischer Sprache abgefasst, ziemlich fertig, als ich mich auf den Rath des Verlegers und sachverständiger Freunde entschloss, sie umzuarbeiten und der Schule zugänglicher zu machen. Es ist nur zu natürlich, dass das „quo semel est imbuta recens, servabit odorem testa diuauch an diesen Blättern sich bewährt hat; und es ist eine meiner Hauptbemühungen gewesen, diesen Nebengeruch nach Möglichkeit jetzt zu tilgen.

Dabei verwahre ich mich aber nachdrücklichst gegen die Voraussetzung, dass ich mit dem Ausdruck ,,für die Schule bestimmt“ nur an die Schüler gedacht habe. Wer diesen Standpunkt einnimmt, würde beispielsweise die treffliche Classen'sche Ausgabe des Thucydides von der Schule ausschliessen müssen, noch mehr Fritzsche's Ausg. der Hor. Satiren, die ja den gesammten gelehrten Apparat mittheilt. Wenn von vielen meiner Recensenten anerkannt ist, dass meine Ausg. den Lehrern gute Dienste zu leisten geeignet sei, so hat doch bis jetzt noch Niemand daran gedacht, die Lehrer aus der Schule zu verweisen. 1) Wenn ferner meine Ausg. ausserdem Gelehrten und Studenten, die sich in die bei H. vorkommenden wissenschaftlichen Fragen hineinarbeiten wollen, oder auch wissenschaftlichen Laien willkommen sein sollte ich gebe damit nicht mein Urtheil, sondern das von Kritikern, die mich z. Th. nicht haben loben wollen

so ist mir dadurch eine grössere Ehre erwiesen, als ich zu hoffen gewagt habe. Vielleicht hätte ich jetzt, nachdem ich in dieser Beziehung meinen kritischen Standpunkt einmal gekennzeichnet habe, den Anhang ganz oder grösstentheils gestrichen, wenn mir das nicht von einsichtsvollen Gelehrten, und zwar gerade Schulmännern, widerrathen wäre.

Jedenfalls habe ich mich bemüht, Alles zu beseitigen, was mir bei strenger Durchsicht als entbehrliches Beiwerk erschien. So habe ich die vielen, meist mit erstaunlicher Belesenheit vertheidigten, aber dennoch oder vielleicht gerade darum, weil sie so weit hergeholt sind, unhaltbaren Vorschläge Unger's grösstentheils weggelassen: nicht als hielte ich sie an sich für werthlos, sondern weil eine Sammlung von Conjecturen, die weder Aufnahme noch hinlängliche Widerlegung finden, Aufgabe einer ihrem Wesen nach erklärenden Ausgabe nicht sein kann. Dasselbe gilt von den meisten Athetesen Gruppe's, während ich bei denen Peerlkamp's, die für die Kritik eine so grosse Bedeutung gewonnen haben, dasselbe Verfahren einzuschlagen mich nicht habe entschliessen können. Auch Lehrs' Ausführungen, um von den kurzen stets von feinem Geschmack eingegebenen Bemerkungen Meineke's abzusehen, sind so anregend und interessant, dass sie wohl nicht einfach todt geschwiegen zu werden ver

1) Oder beabsichtigt das der mir gänzlich unbekannte Censor von Nauck's 9. Aufl. der Hor. Oden? Leider habe ich selbst den Namen dieses grossen

„Pädagogen“ wieder vergessen; das muss er wohl sein, da er über pädagogischen Tact so unfehlbar abzusprechen versteht. Hätte er das Unglück gehabt, mein Schüler zu sein, so würde er wenigstens Eins gelernt haben, nämlich in echt Horazischem Sinne Mass zu halten und den Mund nicht so voll zu nehmen, wenn man einmal einen Gedanken gefasst zu haben glaubt.

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