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Schriften Ciceros beruht, möchte nun die gegenwärtige Ausgabe sowol durch eine ausführlichere Einleitung, als auch durch eine möglichst vollständige und erschöpfende Erklärung an ihrem Teil zu fördern suchen.

Zu dem Ende ist der Text unter sorgfältiger Vergleichung der Erlanger Handschrift mit den Lesarten des Parisinus genau revidiert und, wo es nötig war, verbessert*), der Commentar aber (da es an einer irgend brauchbaren speciellen Vorarbeit fehlte) fast ganz selbständig und in ähnlicher Weise, wie früher meine Ausgaben der grösseren rhetorischen Schriften Ciceros, ausgearbeitet worden.

So darf ich denn wol die vorliegende Bearbeitung als die erste wenigstens genauere Specialausgabe der Partitiones oratoriae bezeichnen und damit zugleich den Wunsch aussprechen, dass sie als solche sich brauchbar erweisen und eine günstige Aufnahme finden möge.

Hanau, im Mai 1867.

Karl Wilhelm Piderit.

*) Vgl. m. Abh. zur Kritik von Ciceros Partitiones oratoriae P. I. Hanau 1866 und N. Jahrb. B. 95, H. 4. n. 36. S. 275 ff.

EINLEITUNG.

An Ciceros grössere rhetorische Werke reiht sich bekanntlich § 1. noch eine kleine Schrift an, die den Titel de partitione oratoria dialogus oder genauer partitiones oratoriaet) führt.

Es ist, wie dieser Titel anzeigt?), eine Zerlegung und Zer

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1) Quintilian citiert die Schrift nur unter diesem Titel, partitiones orato riae oder kurz partitiones (dialoéGELS) III 3, 7 (Cicero) in partitionibus oratoriis ad easdem quinque pervenit partes; III 11, 10 idque et in rhetoricis Cicero et in partitionibus dicit; III 11, 19 at in partitionibus oratoriis etc. IV 2, 107 (Cicero) in partitionibus praecipit. Darauf führt auch Cicero selbst part. or. 40, 139 expositae sunt tibi omnes oratoriae partitiones. Der Plural weist auf die verschiedenen Ober- und Unterabteilungen hin, in welche das rhetorische Lehrgebiet zerfällt, vgl. Brut. 88, 302 attuleratque (sc. Hortensius) minime vulgare genus dicendi, duas quidem res, quas nemo alius: partitiones, de quibus dicturus esset et collectiones eorum, quae essent dicta contra quaeque ipse dixisset (die jedesmalige Vorausangabe oder Aufzälung der Hauptstücke und das jedesmalige Resumé).

2) vgl. part. or. 19, 67 atque haec fere est partitio consultationum damit schliesst Cic. die systematischgegliederte Angabe der einzelnen Abteilungen des genus infinitum ab; 32, 110 atque ipsa quidem partitio causarum (die Gliederung des genus finitum) paullo ante in suasionis locos distributa est; de or. II 61, 248; Brut. 53, 198; de fin. I 13, 45; Quint. I 2, 13. So definiert Cicero selbst den Begriff der partitio Top. 5, 28 atque etiam definitiones aliae sunt partitionum, aliae divisionum: partitionum,

CIC. PARTITIONES.

cum ea res, quae proposita est, quasi in membra discerpitur und hernach 6, 30 in partitione quasi membra sunt ut corporis caput, humeri, latera, crura, pedes et cetera. Von der divis sio will Cicero die partitio insofern unterschieden wissen, als partitio zunächst nur Zerlegung des Ganzen in seine Bestandteile, des Organismus in seine Glieder ist (ut si quis dicat, ius civile id esse, quod in legibus, senatus consultis, rebus iudicatis, iurisperitorum auctoritate, edictis magistratuum, more, aequitate consistat Top. 5, 28); die divisio dagegen Angabe der Arten oder species, in welche die Gattung, das genus, zerfällt Top. 1, 1. divisionum autem definitio formas omnes complectitur, quae sub eo genere sunt, quod definitur und weiter unten 7, 30 in divisione formae (sunt), quas Graeci εi'dn vocant, nostri, si qui haec forte tractant, species appellant (Quint. V 10, 63 Cicero docet - divisionem differre a partitione, quod haec sit totius in partes, illa generis in formas). Die Aufzälung der zu einem bestimmten Gebiet gehörigen Stücke, die partitio, soll zwar möglichst vollständig sein; da aber zuweilen ein solches Gebiet unabsehbar und unerschöpflich ist, so kann man von der partitio nicht immer verlangen, dass sie absolut vollständig sei, während an die divisio allerdings diese Forderung absoluter Vollständigkeit zu stellen ist Top. 8, 33 partitione tum sic utendum est, nullam ut partem relinquas, ut si partiri velis

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gliederung des rhetorischen Organismus in seine einzelnen Bestandteile und zwar in systematischer Ordnung d. h. so, dass die Haupt- und Unterabteilungen, die Hauptstücke, Kapitel und Abschnitte des gesamten rhetorischen Systems in geordneter Aufeinanderfolge aufgeführt werden. Die Form, in welcher diess geschieht, ist die von Frage und Antwort – der Sohn fragt, der Vater antwortet sodass wir also eine Art rhetorischen Katechismus vor uns haben, in dem die Hauptstücke der Lehre von der Beredsamkeit nach Inhalt und Umfang möglichst vollständig in bestimmter, sachgemässer Reihenfolge übersichtlich und

fasslich dargelegt sind. $ 2. Die nächste Veranlassung zur Ausarbeitung eines solchen rhe

torischen Katechismus lag für Cicero zunächst wol in dem Bestreben, seinem einzigen Sohne Marcus einen Leitfaden in die Hand zu geben, der ihm nicht nur das im früheren Unterricht gelernte leicht und sicher vergegenwärtigen), sondern ihm auch bei seinem etwaigen öffentlichen Auftreten von erheblichem praktischen Nutzen sein könnte. An griechischen Compendien der Art fehlte es allerdings nicht 4); dafür sorgten die zalreichen griechischen Rhetoren, die sich als Jugendlehrer in Rom aufzuhalten pflegten, in ausreichendem Masse. Aber ein kurzes in lateinischer Sprache abgefasstes Lehrbüchlein, das speciell die Theorie der römischen Beredsamkeit ins Auge fasste, mochte noch immer als ein fühlbares Bedürfnis erscheinen. Und wenn sich der Abfassung eines solchen Lehrbuchs ein Mann wie Cicero unterzog, der frei von der mechanischen Manier der griechischen Lehrmeister, mit den erforderlichen theoretischen Kenntnissen zugleich eine reiche praktische Erfahrung verband, so konnte eine solche Schrift nicht bloss Ciceros Sohne, sondern auch noch andern jüngeren und älteren

tutelas, inscienter facias, si ullam
praetermittas; at si stipulationum aut
iudiciorum formulas partiare, non est
vitiosum in re infinita praetermittere
aliquid, quod idem in divisione vitio-
sum est; formarum enim certus est
numerus, quae cuique generi subiici-
antur; partium distributio saepe est
infinitior, tamquam rivorum a fonte
diductio. Itaque in oratoriis artibus
quaestionis genere proposito quot
eius formae sint, subiungitur abso-
lute, at cum de ornamentis verborum
sententiarumve praecipitur, quae vo-
cant oxýuata, non fit idem; res est
enim infinitior; ut ex hoc quoque in-
tellegatur quid velimus inter partitio-
nem et divisionem interesse; quam-
quam enim vocabula prope idem
valere videbantur, tamen quia res dif-

ferebant, nomina rerum distare voluerunt. Es ergibt sich übrigens aus dieser Begriffsbestimmung von selbst, dass die partitio recht wol in der Form der divisio auftreten kann, wo sie nämlich (wie diess eben in den part. or. meistenteils geschieht) die sämtlichen Glieder des rhetorischen Organismus in systematischer Ordnung und Reihenfolge nach Ober- und Unterabteilungen aufführt.

3) part. or. 1, 2 sic enim et ego te meminisse intellegam, quae accepisti et tu ordine audies, quae requires.

4) Darauf deutet gleich der Anfang der p. or. 1, 2 visne ut tu me Graece soles ordine interrogare, sic ego te vicissim eisdem de rebus Latine interrogem.

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unter den gebildeten Römern immerhin sehr dankenswerte Dienste leisten. Daher entschloss sich denn Cicero, als ein brauchbares Hülfsmittel für seinen Sohn, wie für andere studierende junge Leute einen solchen Katechismus der Rhetorik in lateinischer Sprache, vom Standpunkt der römischen Beredsamkeit aufzustellen und so auch in dieser, wenn schon geringfügigeren Beziehung, doch immerhin einen weiteren Schritt zur Erreichung des höhern Gesamtzieles zu thun, das, wie wir wissen, von Seiten Ciceros darauf gerichtet war, der griechischen Prosaliteratur eine wo möglich völlig ebenbürtige römische gegenüberzustellen.

Das kleine Lehrbuch soll aber zugleich noch einen andern § 3. propädeutischen Zweck erfüllen. Wie die methodische Gliederung des oratorischen Systems selbst wieder auf der tieferen Grundlage der griechischen akademisch-peripatetischen Philosophie beruht“), die besonders die Kunst der Dialektik mit der schönen Form der Darstellung verbindet 6) und ausserdem die dem Redner unentbehrlichen ethischen Stoffe in reichem Masse darbietet), so sollen eben diese hier gegebenen partitiones oratoriae nichts anderes, als nur die Fingerzeige zu den eigentlichen Quellen, den philosophischen Wissenschaften der akademisch-peripatetischen Schule sein. Die partitiones oratoriae geben im Allgemeinen nur die Fundstätten an, wo das edle Metall zu finden ist, die Schätze selbst soll der junge Marcus bei Plato und Aristoteles suchen, denen Cicero selbst nach seinem eigenen Geständnis für seine rednerische Ausbildung so unendlich viel zu verdanken hat%). Durch das Studium der philosophischen Wissenschaften werden die oratorischen Lehrstücke, die hier eigentlich nur aufgezeigt sind, erst mit dem rechten, lebendigen Inhalt erfüllt und überhaupt der geistige Gesichtskreis in dem Grade erweitert, wie es für den zukünftigen Redner nötig ist. Darauf soll nach des Vaters Willen das Streben des Sohnes gerichtet sein).

Zu dem Ende hat sich denn Cicero nicht bloss auf die streng $ 4. rhetorischen Stoffe im engern Sinn beschränkt, sondern an rechter Stelle auch die andern, besonders die ethischen und juristischen Kategorieen hervorgehoben, die im weiteren Sinn ja gleichfalls in das Gebiet der Rhetorik gehören. Nicht bloss die eigentliche rbetorische Thätigkeit als solche, das invenire, collocare und eloqui, die actio und die memoria wird ins Auge gefasst; nicht bloss die Rede mit ihren Teilen, dem principium und der narratio, der argumentatio und peroratio, die Lehre von den status causae, die

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ratio coniungitur cum suavitate di-
cendi et copia.

7) p. or. 40, 140; Or. 4, 16; 33, 118;
de fin. V 3, 7.

8) Or. 3, 12.
9) p. or. 40, 140.

bekannte Unterscheidung zwischen allgemeinen und besonderen Fragen (propositum und causa) und die drei Hauptredegattungen, das genus demonstrativum, deliberativum und iudiciale bilden den Gegenstand der theoretischen Erörterung, sondern Cicero versäumt es auch nicht, sowol beim genus demonstrativum eine kurze Uebersicht des Hauptteils der Ethik zu geben 10) und beim genus deliberativum auf die hier geltenden ethischen Kategorieen sorgfältig hinzuweisen 11), als auch beim status qualitatis ein besonderes Schema über die verschiedenen Hauptabteilungen des gesamten Rechtsgebiets aufzustellen 12) und überhaupt die Gesichtspunkte möglichst genau und vollständig zu bezeichnen, die der accusator oder der defensor, der suasor oder der dissuasor zu nehmen hat 13). Ist doch an einer Stelle 14) zur Erläuterung des status definitivus absichtlich gerade ein sehr specielles Beispiel aus dem römischen Recht, die Begriffsbestimmung des praevaricator, gewält worden. Es waren das lauter Winke, worauf sich die Aufmerksamkeit und das weitere Studium des jungen Marcus Cicero für die Zukunft zu richten habe; ein brauchbares Vademecum, sowol um an das bereits gelernte immer wieder von neuem erinnert, als auch um auf das noch zu studierende zweckmässig hingewiesen zu werden.

Diese höhere Anlage des Schriftchens, die sich weit über den Standpunkt des rhetorischen Elementarunterrichts erhebt und in manchen Partieen, wie z. B. der eben erwähnten praevaricatio, eine schon gereiftere Auffassungsfähigkeit voraussetzt, legt nämlich die Vermutung sehr nahe, dass zur Zeit der Abfassung der Schrift Ciceros Sohn gleichfalls schon in einem etwas vorgerückteren Jünglingsalter stand, etwa in der Periode des Uebergangs aus den mehr vorbereitenden Privatstudien zu dem Studium der höheren philosophischen Wissenschaften auf der von den jungen vornehmen Römern fast allgemein besuchten Universität zu Athen 15).

Marcus Tullius Cicero, Ciceros und der Terentia einziger Sohn, geboren im Jahr 65 v. Ch. (689 a. u.) 16) – etwa 13 Jahre

) später, als seine Schwester Tullia hatte in seinem neunten Lebensjahre den ersten eigentlichen Elementarunterricht gemeinschaftlich mit seinem etwas älteren Vetter Quintus Tullius Cicero im elterlichen Hause zu Rom erhalten, teils vom Vater selbst, teils

§ 5.

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10) p. or. 22, 75 (sed hic locus virtutum atque vitiorum latissime patens ex multis et variis disputationibus nunc in quandam angustam et brevem concludetur) 23, 82.

11) p. or. 24, 86 27, 96.

12) p. or. 37, 129 iuris est omnis ratio nobis explicanda) — 37, 131.

13) p. or. 4, 14 und 5, 15; 17, 59f;

24, 85; 27, 95 f; 34, 117f und 35, 119 f; 35, 121; 36, 124 ff.

14) p. or. 36, 123 ff.

15) Darauf scheinen auch die Schlussworte der p. or. 40, 140 hinzudeuten: ad quos (sc. fontes) si nobis ducibus aliisve perveneris etc.

16) ad Att. I 2, 1 L. Iulio Caesare C. Marcio Figulo consulibus (sc. designatis) filiolo me auctum scito, salva Terentia.

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