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Die Grundlagen der Karte von der Loango-Küste.

Von Dr. Paul Güssfeldt.

(Mit Karte, 8. Tafel 3.)

Die Karte von West-Afrika, welche dem vorliegenden Hefte beigegeben ist, basirt zum Theil auf den Angaben, welche ich mir an Ort und Stelle während zweier Jahre verschafft habe. Unsere Unbekanntschaft mit der Küste und dem daran angrenzenden Binnenland bedingt es, dass jene Angaben durch Beobachtungen anderer Reisender nicht controlirt werden können, und lässt es eben deshalb wünschenswerth erscheinen, dass dieselben als fundamental betrachtet werden dürfen. Aus diesem Grunde mag es nicht überflüssig erscheinen, wenige Worte über die Mittel zu sagen, durch welche meine kartographischen Beiträge erhalten wurden.

Als Prinzip ist während der ganzen Reise festgehalten worden, dass wo immer die Möglichkeit vorlag, astronomische Ortsbestimmungen gemacht wurden, und wenn die beigegebene Karte nicht mehr astronomisch festgelegte Punkte aufweist, so ist der Grund einfach darin zu suchen, dass sich nicht mehr erhalten Hessen. Es sind hauptsächlich vier Umstände, welche meiner Beobachtungs-Thätigkeit in West-Afrika störend in den Weg getreten sind: der bedeckte Himmel, das Deterioriren der Uhren durch klimatische Einflüsse, die ausgedehnten Wälder und der Fanatismus der Neger, welche in dem Beobachter einen in der Ausübung seiner bösen Künste begriffenen Zauberer sehen.

Die Instrumente, deren ich mich bediente, waren sämmtlich erster Qualität. Es standen zu meiner Verfügung ein 5zöllige8 Universal - Instrument von Hildebrandt, ein 6zölliger Sextant von Imme, ein 5zölliger Prismenkreis von Pistor & Martius und eine Anzahl von Taschen - Uhren, worunter ein Chronometer. Von diesen Instrumenten habe ich mich des Universal-Instrumentes für astronomische Beobachtungen am wenigsten bedient, wie diess bei den Verhältnissen des Reisens in Afrika und der Natur des Instrumentes, welches eine feste Aufstellung verlangt, auch »ein muss. Die Reflexions-Instrumente ersetzen durch den Umstand, dass sie in kurzer Zeit eine grosse Anzahl von Beobachtungen gestatten, was ihnen an Genauigkeit dem Universal-Instrumente gegenüber abgeht, und leisten in der Hand des geübten Beobachters, dem die theoretische Durch

Petermann'i GeogT. Mittheilungen. 1876, Heft II.

bildung zur Seite steht, weit mehr, als was man in noch ganz unexplorirten Ländern zu erwarten sich gewöhnt hat. Der Reisende, der mit den beiden hier erwähnten ReflexionsInstrumenten gearbeitet hat, wird den Sextanten in der Regel dem Prismenkreis vorziehen; und es verdient ausgesprochen zu werden, dass der auf seine Fehler genau untersuchte und gewissenhaft verwandte Sextant auch das leisten kann, was die exakte Wissenschaft verlangt. Ein özölliger Sextant liefert, wenn ein vollständiges System von Beobachtungen vorliegt, die Polhöhe innerhalb 10* und Meridian-Differenzen aus Zeit-Übertragungen bei AnkerUhren erster Qualität, die beständig auf ihren Gang geprüft werden, innerhalb 30" genau. Diess sind Abweichungen von der Wahrheit, die sich beispielsweise auf einer Karte des Maassstabes 1:1.000.000 im schlimmsten Falle als Verschiebungen von einer halben Pariser Linie darstellen.

Was Längenbestimmungen mittelst des Sextanten betrifft, so lassen sich bei günstig angestellten und öfters wiederholten Beobachtungsreihen 5 Bogen-Minuten verbürgen. Hier also ist die Stelle, wo das Universal-Instrument willkommene Dienste leistet, namentlich in den Tropen, wo die rasche Höhenänderung der Gestirne es gestattet, die Länge aus Mondhöhen, also unabhängig von der Kenntniss des Meridians, abzuleiten.

Den obigen Andeutungen entsprechend habe ich meine Resultate so erhalten, dass ich alle Zeit- und Breitenbestimmungen, auch da, wo es sich um Zeit-Übertragung handelte, mit dem Prismenkreise, resp. dem Sextanten ausführte. Die Länge von Chinchoxo und die Länge der Quillu - Faktorei an der Mündung des Quillu, auf welche viele Zeit-Übertragungen gegründet sind, bestimmte ich sowohl mit Hülfe des Sextanten wie des Universal-Instrumentes und controlirte die so erhaltenen unabhängigen Bestimmungen durch eine Zeit - Übertragung, welche nur um l',3, d. h. 19",5 (Bogen - Sekunden), davon abweicht. Aus diesen beiden Punkten sind alle angegebenen Längen abgeleitet; aus der in Aussicht genommenen Veröffentlichung meiner Beobachtungen wird hervorgehen, wie sorg

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faltig die Gänge der zur Zeit - Übertragung verwandten Uhren geprüft worden sind.

Als Regel hielt ich daran fest, dass ich jeine Zeitbestimmung auf sechs Einzelbeobachtungen desselben Gestirnes gründete, von denen ich vier berechnete, und die beiden anderen nur dannjnoch anzog, wenn die ersten vier Beobachtungen die wünschenswerthe Übereinstimmung nicht zeigten, was äusserst selten der Fall war. Sobald es anging, nahm ich aufgehende und untergehende Zeitsterne; in der Regel aber gründete ich — wie diess die Witterungs - Verhältnisse vorschreiben — Gangbestimmungen auf Beobachtungen der untergehenden Sonne, denen ich häufig des Abends einen aufgehenden Zeitstern beifügte. Polhöhen(Breiten-) Bestimmungen können mit dem jSextanten in den Äquinoctial-Gegenden nur bei Nacht angestellt werden, da die doppelte Sonnenhöhe zu allen Zeiten [ausserhalb der Leistungen des Sextanten liegt, ein Umstand, der in WestAfrika um so störender ist, als die hinter Wolkenschleiern und Nebeln^ als blasse Scheibe erscheinende Sonne häufig das Einzige ist, was man innerhalb vieler Wochen von dem gestirnten Himmel sieht. Selbstverständlich habe ich [stets darnach getrachtet, für [Breitenbestimmungen nahezu gleich hohe Sterne im Norden und Süden des Zenith zur Beobachtung zu erhalten, und da wo diesa nicht anging, die Polhöhe nicht direkt aus der Beobachtung 'zu berechnen, sondern aus den Differenzen der Meridianhöhen, die derselbe Stern an zwei verschiedenen, bald nach einander erreichten Orten (von denen einer eine bekannte Polhöhe hat) erreicht. Von einem Stern, der zu Polhöhen-Bestimmungen diente, wurden meist acht Höhen etwa innerhalb 12 Minuten um die Zeit des Durchgangs genommen.

Hieraus ist ersichtlich", dass alle (Bestimmungen aus Beobachtungsreihen', [die sich selber controliren, erhalten wurden. Diejenigen kartographischen Angaben, welche sich nicht auf astronomische Beobachtungen gründen, sind hauptsächlich mit dem Taschen-, resp." Prismen-Kompass und der Uhr erhalten worden; [Spezial-Aufnahmen, wie jFlussmündungen [und Messungen der Breite eines Flusses, wurden mittelst Schrittzähler und des Prismen-Kompasses, resp. dea

Sextanten angestellt. Dadurch, dass alle diese nicht streng exakten Messungen von Zeit zu Zeit durch die astronomische Beobachtung controlirt wurden, konnten die darin steckenden Fehler in erlaubte Grenzen eingeschlossen werden. Im Übrigen muss bemerkt werden, dass die Resultate, welche der geübte Reisende mit Kompass und Uhr, resp. Kompass und Schrittzählen erhält, durch ihre Genauigkeit auch da noch überraschen, wo die Verhältnisse so ungünstig liegen wie in den Waldgebieten West-Afrika's. Hier nämlich hat der Reisende oft Tage lang hinter einander die Aufgabe zu erfüllen, das Routier eines Weges zu construiren, der in ewigen Krümmungen durch dichten Wald führt; es ist kaum möglich, auf mehr als 20 Schritt Entfernung hin zu visiren; alle Zeit und Aufmerksamkeit wird alsdann durch Ablesen und Notiren von Kompass und Uhr in Anspruch genommen. Aber die Mühe ist nicht vergebens, und als'Beleg dafür führe ich an, dass, als ich einst einen neunstündigen Weg durch dichtesten Wald über zwei Gebirgszüge fort zweimal aufzunehmen Gelegenheit fand, beide Wege bei der Construktion fast vollständig übereinstimmten. Bei der Aufnahme von Flussläufen suchte ich möglichst viele, zum mindesten zwei Punkte astronomisch fest zu legen, und ermittelte den Verlauf durch Uhr und Taschen-Kompass, indem ich den Fluss befuhr. Hier liegt die Hauptfehlerquelle im Nichtberücksichtigen der verschiedenen Geschwindigkeit, welche das Canoe auf der Fahrt annimmt. Im Allgemeinen darf angenommen werden, dass Thalfahrten günstiger sind als Bergfahrten. Ich pflegte die Anfangs-Geschwindigkeit des Canoes mit 10 zu bezeichnen und drückte die nach dreistündiger Fahrt gewöhnlich geringer werdende Geschwindigkeit nach Schätzung durch die Zahlen 6, 7, 8, 9 aus.

Bei allen meinen Karten-Construktionen habe ich daran festgehalten, nur das zu bringen, was ich verbürgen kann. Verbürgen aber kann man in West-Afrika nur das, waa man selbst gesehen, und deshalb muss eine gute Karte vom äquatorialen West-Afrika jetzt noch das Bild eines Gerippe tragen, dem Auferstehung und Leben zu geben erst späteren Reisenden vorbehalten bleibt.

Die Geographische Ausstellung in Paris, 15. Juli—16. September 1875.

Von den Delegirten der Perthes'schen Anstalt in Gotha. (Schiuss').)

An die vorausgegangenen allgemeineren Bemerkungen schliesseu wir nun einige Notizen über die einzelnen Abtheilungen der Ausstellung.

') Den Anfang dieses Aufsatzes siehe in Ueft 1, S 18.

Prankreich.

Naturgemäss war es für Frankreich am leichtesten, eine

Ausstellung in seiner Hauptstadt reich zu beschicken, und

es entfaltete denn auch in ungefähr 18 Zimmern und Sälen

eine so umfangreiche' Sammlung seiner Erzeugnisse auf geographischem Gebiete, dass die meisten Besucher zunächst gewiss die Behauptung mancher Französischer Schriftsteller, Frankreich habe seine Misserfolge im letzten Kriege hauptsächlich der Vernachlässigung der geographischen Disziplinen zu verdanken, mit einem gelinden Zweifel zurückgewiesen haben. Eine solche Fülle geographischer Produktionen und Lehrmittel verlangt mehr als vierjährige Arbeit. Freilich bei näherer Betrachtung konnte man sich der Überzeugung nicht verschliessen, dass in Frankreich nur jene grundlegenden Original - Arbeiten, wie sie in den topographischen Landesaufnahmen gipfeln, eine längere und ruhmreiche Geschichte aufzuweisen haben, dass dagegen auf dem weiten Felde der Reproduktionen erst die letzten Jahre einen so wesentlichen Fortschritt dokumentiren und ein sehr beträchtlicher Theil der älteren, wenn auch etwas aufgefrischten Publikationen ruhig der Vergessenheit anheim fallen darf. Unter diesen Umständen hält der Gesammtwerth der Französischen Ausstellung mit der Gesammtzahl der Nummern — 2080 — nicht gleichen Schritt.

Den imposantesten Eindruck — die gesammte Ausstellung in's Auge fassend — machte unstreitig die, fast die ganze Bückwand der ansehnlichen „Salle des F^tats" ausfüllende Generalstabskarte des Festlandes von Frankreich, in ca. 260 Sektionen stattlicher Grösse, ein wahres Kunstwerk in der Zusammensetzung '). Wenngleich diese Karte, schon im Jahre 1833 begonnen, in ihren älteren Theilen nicht die Eleganz des neueren Kupferstichs aufweisen konnte, so gewann der Beschauer doch ein überraschendes Gesammtbild der Oberflächen - Gestaltung, ein Umstand, der für treffliche einheitliche Bearbeitung spricht. Er erblickte nicht eine Sammlung zusammengesetzter Karten, sondern eine einzige! Mit Recht kann Frankreich stolz sein auf diese Karte, denn kein anderes grosses Land kann sich einer fertigen Aufnahme im einheitlichen Maassstab rühmen. Sie bildete den denkbar passendsten Schmuck des grossen Sitzungssaales.

Recht lehrreich, und den ungemeinen Fortschritt unseres Jahrhunderts illustrirend, war der Vergleich zwischen dem Blatt Clermont der Karte von Cassini, im Maassstab von 1: 86.000 und dem correspondirenden Blatte der Generalstabsaufnahme in 1: 80.000; obgleich nur ein Zeitraum von 70 Jahren zwischen der Herstellung beider Karten liegt, kann man sich doch kaum einen grösseren Unterschied in der Aufnahme und Darstellung ein und desselben Stückchens Erde vorstellen.

Durch besonders geschmackvolle Ausführung und wirklich exakte Bearbeitung fiel zunächst die, [vorzüglich mili

') Die vollständige Karte besteht einschliesslich der 7 Blätter von Coraic» aus 274 Sektionen.

tärischen Zwecken dienende, 15blättrige Karte Frankreichs, im Maassstab von 1: 500.000 in's Auge. Dieselbe erstreckt sich von der Insel Ouessant im Westen bis Frankfurt im Osten und von Haag und Utrecht im Norden bis zur EbroMündung im Süden und lagen die westlichen und nördlichen Sektionen bereits vollendet vor. Durch Anwendung verschiedener Farben ist ein klares Kartenbild erreicht worden, das Terrain ist in braunen Seh raffen ausgeführt und in einem grünen Farbenton treten von den Waldungen namentlich diejenigen hervor, welche bei der Kriegsführung von Bedeutung werden können.

Unter den Karten, welche das De"pot de la guerre ausstellte, möchten wir noch auf eine 1799 von Dupain Triel (nicht Treil) entworfene hypsometrische Karte von Frankreich aufmerksam machen, indem diese zum ersten Mal Horizontal-Kurven zur Anwendung brachte; freilich, wie nicht anders zu erwarten sind dieselben mit solchen auf heutigen Karten gar nicht mehr zu identificiren. Der Verfasser kennt ganze Gebirgssysteme seines eigenen Vaterlandes noch gar nicht. Es verlohnte sich wohl, dieselbe einmal in einfacher Weise zu reproduciren.

Die geographischen Gesammtresultate der Französischen Militär-Expeditionen in Mexiko sind von dem GeneralstabsKapitän N. Niox in einem sauber lithographirten Blatt, im Maassstabe von 1:3.000.000 zusammengestellt worden. Ein zweites Exemplar dieser Karte, neben dem ersten aufgehängt, zeigte den gelungenen Versuch einer Reproduktion durch Typographie. Als interessante Neuigkeit zog eine grosse Manuskriptkarte (in 1: 100.000) die kundigen Besucher an, das Resultat der [Nivellements-Expedition durch die Schott-Gegend der Algerischen Sahara unter Capitaine Roudaire. Zwar stellen sich der Ausführung des genialen Projektes, die Depression südlich des Djebel Aures in ein Binnenmeer zu verwandeln], nach den Untersuchungen des Landstrichs zwischen ihr und dem Golf von Gabes durch die GeologenTuchs und Stäche, so wie durch^die Italienische Expedition unter Antinori so ungünstige Verhältnisse entgegen, dass die Kosten unverhältnissmässig hoch sein würden, aber die genaue Bestimmung des Betrags und Umfangs jener Depression ist in geographischem Sinne von ungewöhnlichem Werthe. Es hat sich herausgestellt, dass sie auf Algerischem Boden ein Areal von 6000 Q.-Kilometer einnimmt, wozu nach Roudaire's Meinung noch etwa 10.000 Q.-Kilometer in der Tunesischen Sahara kommen; die Tiefe -unter dem Meeresspiegel beträgt im Maximum 20 bis 27 Meter. Eine] Reduktion der Karte] auf 1:800.000 ist seitdem im Augusthefte des Bulletin der Pariser Geogr. Gesellschaft erschienen, dagegen harrt eine unfern der Roudaire'schen Karte ausgestellte Serie statistischer Karten noch grösstenteils der Publikation. Es sind diess die schönen, auf einheitlich über ganz Frankreich ausgedehnten Untersuchungen und Erhebungen baairten Karten von dem berühmten Geologen Delesse, dem Präsidenten der CentralCommission der Pariser Geogr. Gesellschaft, über die Beschaffenheit der Ackerkrume und ihre Ernteerträge. Eine kleine Probe davon, die als „Carte agricole de la France" in 1:4.000.000 das Oktoberheft des Bulletin von 1874 zierte, hat bereits die allgemeinste Aufmerksamkeit erregt, sowohl wegen der Fülle der in ihr enthaltenen Information als wegen der sinnreichen Anwendung des Kurven-Systems zur Darstellung des Bodenertrags. Eine zweite Probe hoffen wir binnen Kurzem in den „Geogr. Mittheilungen" vorlegen zu können.

Das Ministerium der Marine und Kolonien hatte eine ausgewählte Reihe seiner hydrographischen Karten, deren technische Ausführung eine mustergültige ist, ausgestellt. Dieselben erstrecken sich nicht nur auf Frankreich's Küsten, sondern auch über seine überseeischen Besitzungen und fremde Küsten, und von den neueren Arbeiten sei hier nur einer Abtheilung von Manuskriptkarten über die Küste von Algier, nach Kapitän Mouchez' Aufnahmen 1867 bis 1873, gedacht.

Von Französischen geographischen Anstalten und Privaten seien nur erwähnt: Hachette & Co., deren reicher Verlag das Vorzüglichste an Karten, Reisewerken &c. darbot. Hachette besitzt keine technische Anstalt, sondern die Firma verlegt nur eine Menge geographischer Artikel und vermittelt in grossartigem Maassstabe die Verbreitung derselben so wie fremder Artikel über ganz Frankreich. So umfangreich wie es auf den ersten Blick erschien, ist die Produktion von Hachette jedoch nicht. Denn beispielsweise denselben Blättern des in Herstellung begriffenen, unter Vivien de Saint-Martin's Leitung bearbeiteten ,Atlas universel de ge"ographie moderne, ancienne et du moyen äge" begegnete man vier- bis fünfmal in der Ausstellung, bald gebunden, bald lose, bald einzeln, bald zusammengesetzt oder unter Glas und Rahmen. Hier zeigte sich die Kunst dys Ausstellens. Der genannte Atlas in 95 Blättern stattlichen Formates wird ein Meisterwerk einheitlicher und technisch-künstlerischer Ausführung werden und der Name des Bearbeiters bürgt für den wissenschaftlichen Werth desselben. Freilich werden zahlreiche, namentlich ausserEuropäische Blätter vor ihrer Publikation wieder gründlicher Correkturen bedürfen, welche die heut' zu Tage so rasch fortschreitende Kenntniss der Erdoberfläche bedingt, doch wenn diess in gründlicher Weise geschehen, darf dieses Werk gleich dem in demselben Verlage erscheinenden „Atlas - Manuel de gdographie classique ancienne et moderne", gleichfalls von Vivien de Saint - Martin, als die beste derartige Leistung in Frankreich bezeichnet werden.

Bei der splendiden Ausführung erscheint uns eine gewisse Sparsamkeit jedoch nicht am Platze, welche sich besonders bei dem Blatte von der Schweiz bemerklich macht, indem nämlich die Terrain-Schraffirung mit der Landesgrenze abbricht und das Gesammtbild jenes Alpen-Gebietes unvollendet lässt. — Der gleiche Verleger hatte auch die, namentlich für Frankreich vortrefflichen Reisewerke A. Joanne's, deren Reihe bereits 103 Bände umfasst, so wie dessen „Dictionnaire ge"ogr., administr. &c. de la France" ausgestellt, ein Werk, um welches bekanntlich die meisten anderen Nationen Frankreich beneiden können.

Gleich reichhaltig war die Ausstellung des „Institut geographique de Paris", welches, obwohl erst nach dem Kriege von 1870 von Ch. Delagrave gegründet, „nach dem Muster der Geographischen Anstalt, welche in Gotha blüht", — wie die Vorrede zum Verlags - Katalog ausspricht — doch schon eine ansehnliche Reihe geographischer Publikationen hervorgebracht hat. Da dieselben jedoch fast ausschliesslich dem Unterrichte gewidmet sind, so erstatten wir lieber im Schlussartikel darüber näheren Bericht.

Als selbstständiger Aussteller trat auch der meist für fremde Firmen arbeitende graveur-geographe, Herr Erhard Schieble, in Frankreich meist nur „Mr. Erhard" genannt, auf, in dessen lithographischer Anstalt eine grosse Reihe von Künstlern beschäftigt werden. In der That sind die aus derselben hervorgegangenen Karten grösstentheils Meisterwerke der Technik, wie z. B. das „Massif du Montblanc" 1:40.000 (schon 1865 erschienen), Mont Pelvoux 1: 40.000, die, in Farbendruck hergestellt, die Vorzüge der Karte Jast mit der Schönheit eines Landschaftsgemäldes zu vereinigen wissen. Neuerdings sind von ihm zahlreiche Wandkarten Frankreich's publicirt, welche die Aufmerksamkeit der Besucher der Ausstellung auf sich lenken mussten, da sie an vielen Stellen derselben, namentlich im Treppenhause zur dekorativen Ausstattung der kahlen Flächen Verwendung gefunden hatten. Wir kommen auf dieselben zurück.

Die „Archives nationales" und die „Bibliotheque nationale" boten eine ausserordentlich werthvolle Sammlung historischer Kartenwerke dar, namentlich das letztere Institut hatte sich, obwohl an neueren geographischen Materialien reich, fast ausschliesslich auf alte, seltene oder unveröffentlichte Objekte beschränkt und bot so eine Entwickelungsgeschichte der Kartographie, von den ersten Anfängen beginnend, dar.

Das Ministerium des öffentlichen Unterrichts hatte in einem besonderen Saal der vierten Etage (Salle 35) die Arbeiten der von Napoleon III. in'B Leben gerufenen „Commission de la Topographie des Gaules" zu einer für den Historiker höchst instruktiven und werthvollen Samnilung zusammengestellt. Die interessantesten Funde wie Waffen, Geräthe, Inschriften auf Stein oder Metall, Altäre &c. waren da zu sehen und eine Reihe von Karten zeigte die Resultate der bisherigen geographisch-historischen Studien, welche mit den Uranfängen des Gallischen Volksstammes, im Steinalter beginnen und sich bis auf das merowingische Zeitalter erstrecken. Besonders lehrreich für die Methode und die Gründlichkeit, mit welcher die Französischen Gelehrten dieser Commission zu Werke gehen, war eine Auswahl der von General Creuly copirten historischgeographischen Inschriften, im halben Maassstabe der Originale, welche sich auf die Römischen Strassen, Ortschaften, Kolonien und Gaue des alten Gallien beziehen und in dem grossartigen Gallo-Römischen Museum zu St. Germain autbewahrt werden. — Ein anderer Saal derselben Etage (Salle 40) enthielt eine reiche Sammlung von Originalplänen der Stadt Paris und Umgebung oder darauf bezüglichen Werken (Beigrand: Le bassin parisien, aux ages antehistoriques, 3 Bde, und Berty: Topographie historique du vieux Paris, 2 Bde). Die Pläne führten, in grössten Maassstäben und schönster Ausführung, die historische Entwickelung der Stadt seit der Römischen Eroberung bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts vor, und trugen Daten von 1530, 1540, 1552, 1609, 1652, 1739. 1791 &c. Derartige Pläne waren übrigens noch in grosser Menge in den ausgedehnten Räumlichkeiten der Französischen Abtheilung zerstreut, und es würde einen den Umfang dieses Berichts weit überschreitenden Raum beanspruchen, wollten wir auch nur eine Liste derselben geben. Der Katalog erleichtert in seiner Eintheilung nach Gruppen — und hier hätten wir es speziell mit der vierten, der historischen, Gruppe zu thun — eine Zusammenstellung sehr und müssen wir deshalb auf denselben oder auf die später über den Congress zu publicirenden Eisten verweisen. Eben so waren Ubersichtsund Spezialkarten von Frankreich oder einzelnen Gouvernements aus dem 16., 17. und 18. Jahrhundert in grosser Anzahl vorhanden, aber zum grössten Theil in zusammengebundenen Kartensammlungen versteckt; so fanden wir beim Durchblättern eines solchen von einem Herrn Paul Bohart unter dem bescheidenen Titel „Recueil de cartes geographiques" ausgestellten Convoluts von 135 Nummern alte Karten von Nolin, de Fer, de l'Isle, Faillot u. A., viele in Deutschen Privatsammlungen wohl äusserst seltene Spezialkarten, welche für die Reconstruktion der alten Gebiets- und Diöcesen-Grenzen bei kritischer Behandlung von unschätzbarem Werthe sein würden. Man sieht schon bei einer Musterung des Katalogs, dass es an Karten-Material zu einem geographischen Atlas zur Geschichte Frankreichs in weitestem Umfang und gründlichster Spezialität durchaus nicht fehlt und dass es gewiss eine äusserst dankbare,

geradezu beneidenswerthe Aufgabe für denjenigen Gelehrten wäre, welcher Müsse dazu fände, diese Schätze für einen solchen Atlas zu heben. Denn wenngleich dem allgemeinen Unterrichts-Bedürfniss durch die von Barbaret und Perigot gezeichneten, in Delagrave's Institut herausgegebenen SchulAtlanten — wie den Atlas de la Geographie historique in 50 Karten (Preis 10 Fr.) — in ausreichender Weise entgegengekommen ist, so muss doch der allzu kleine Maassstab derselben und die geringe Zahl der Blätter für die Abtheilung Frankreich als ganz ungenügend erscheinen, um eine so reiche Detaillirung der Grenzen, Ortsangaben, Differenzirung der Signaturen und der historisch-geographischen Nomenklatur geben zu können, wie es ein HandAtlas zum Studium der gesammten Geschichte des Landes und Volkes erfordert. — Erwähnenswerth, weil in ihrer Vollständigkeit vielleicht einzig, ist ferner eine von einem Docteur Antoine Mattei ausgestellte Collektion von Dokumenten über die Insel Corsica. Dieselbe umfasste in vielen Convoluten aller Formate, systematisch geordnet, alle vorhandenen Atlanten, Land- und Seekarten, Albums von Ansichten , archäologischen und ethnographischen Bildern, Reisetagebüchern in Manuskript und Druck, und eine Unzahl von Broschüren und fliegenden Blättern, welche auf die Naturgeschichte, physikalische Geographie, Geschichte, Industrie &c. &c. dieser Insel Bezug haben.

Russland.

Von allen ausser-Französischen Ausstellern gebührt ohne Zweifel Russland das Lob, durch seine Ausstellung ein klares Gesammtbild seiner Leistungen auf geographischem Gebiete gegeben zu haben. Gegen 70 Aussteller hatten sich vereinigt, nach jeder Richtung hin den Fortschritt der Arbeit auf dem weiten Felde der Erdkunde vor Augen zu führen, und mancher Besucher mag wohl den Reichthum, der sich da zeigte, nicht erwartet haben.

Vor Allem wurde das Herz des Geographen durch die kostbare Sammlung von Original-Aufnahmen im Manuskript, die sich vorzüglich auf den Asiatischen Theil Russland's bezogen, erfreut. In ansehnlichen Maassstäben, mit äusserster Sorgfalt gezeichnet waren die Aufnahmen des Feldzuges nach Chiwa, die Marschrouten der verschiedenen Abtheilungen von Osten und Westen her und die Spezialaufnahmen im Delta-Gebiet des Amu-Darja, so wie am Westufer des Aral-See's, meist in 1:42.000 und 1:84.000 der natürlichen Grösse. Eine recht nützliche Verarbeitung der Gesammtresultate des Jahres 1873 fand sich in dem sauber lithographirten Blatt: „Karte des Chanates Chiwa und des unteren Amu-Darja, zusammengestellt in der kartographischen Abtheilung der kriegstopographischen Abtheilung des Generalstabes, nach den Materiahen von 1873, Mst. 1 : 550.000",

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