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Die Umgegend Jeddo's ist die grösste und fruchtbarste Ebene des Japanischen Kaiserreiches und die Reis-Produktion hier daher sehr wichtig; dagegen hat die Stadt nur eine geringe industrielle Bntwickelung aufzuweisen; nur einige Kunst- und Luxus-Fabrikate (hauptsächlich Lack- und Bronzewaaren) müssen erwähnt werden.

Das von dem Sohne des berühmten Gongen-sama dekretirte Gesetz des „Sankin", welches alle Da'imio jährlich zu einer sechsmonatlichen Residenz in der Hauptstadt verpflichtete (während ihre Familien sogar das ganze Jahr Jeddo nicht verlassen durften), hat zu einer ungemein schnellen Entwickelung dieser östlichen Hauptstadt mächtig mitgewirkt. Seit der Aufhebung des Sankin-Gesetzes (1866) hat die Einwohnerzahl stark abgenommen, so dass wir heutzutage hier kaum 600.000 ') Einwohner finden, statt der vormaligen lj Million.

Osaka- Fu2) , in der Provinz Setzu, wurde vom Kaiser Nintoku im Anfange des 4. Jahrhunderts gegründet, und war unter dem Namen Kotsu-miya für eine kurze Zeit die Hauptstadt des Kaiserreiches. Später, im 16. Jahrhundert, spielte sie wieder eine wichtige politische Rolle als Residenz des Regenten Kuanbaku (später Taiko) Toyotomi Hideyosi. Zu jeder Zeit aber war Osaka die Hauptstadt des Handels. Diese Bedeutung verdankt Osaka ihrer günstigen Lage nahe bei den Mündungen des schiffbaren Yodogara, welcher, aus dem Biwa-See herausfliessend, eine bequeme Verbindung Kioto's mit dem Meere begünstigt. Osaka selbst hat keine den grossen Schiffen zugängliche Rhede und benutzt als Ausladungs-Punkt die ihr gegenüber liegende Stadt Hiogo (40.000 Einwohner), deren Vorstadt Kobe jetzt eine der wichtigsten Residenzen der fremden Kaufleute ist. Seit der Eröffnung mehrerer Häfen für den fremden Verkehr hat Osaka sehr an Bedeutung und Reichthum verloren. Heute hat diese dritte Hauptstadt Japan's 271.992 Einwohner. Die Einrichtung einer regelmässigen Flussdampfschifffahrt zwischen Osaka und Fusimi in der Nähe von Kioto und die seit zwei Jahren eröffnete Eisenbahn nach Hiogo konnten die Abnahme der Stadt nicht hemmen; es ist zu fürchten, dass die Vollendung der schon seit 1^ Jahren im Bau begriffenen Bahn nach Kioto der Stadt ebenfalls nicht viel helfen wird, da sich der ganze Handel des Landes mehr und mehr in Jeddo und Jokohama concentrirt.

Das ganze Reich, mit "Ausnahme der drei oben genannten Fu und der Provinz Hokukaido, wurde 1871 in 66 Ken eingetheilt; später ist diese Zahl auf 60 reducirt.

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Jedes Ken wird von einem Ken-rey verwaltet, der unmittelbar vom Ministerium des Innern ressortirt; der Name der Hauptstadt ist zugleich derjenige des betreffenden Ken. Wir beginnen das folgende Ken-Verzeichniss mit den Namen der vier für Ausländer zugänglichen Ken-Hauptstädte.

1. Kanagawa (Bezirk Musassi) an der Bai von Jokohama; nur nominell Hauptort des Ken, da die Behörden in Jokohama ihren Sitz haben. Eine 7£ Ri ') lange Eisenbahn führt von Jokohama über Kanagawa, Tsurumi, Kawasaki und Sinagawa nach Jeddo. — 2. Hiogo (Bez. Setzu). — 3. Nagasaki (Bez. Hisen, Kiusiu). — 4. Niigata (Bezirk Etsigo) ist der einzige geöffnete Hafen am Japanischen Meere, jedoch wegen der Entfernung von den Hauptsitzen der Produktion von nur untergeordneter Bedeutung; dazu macht der von den Flüssen Niigata und Sinano herbeigeführte Sand die Rhede grossen Schiffen oft kaum zugänglich.

Die übrigen 56 Ken-Städte sind den Fremden noch verschlossen. Ihre Namen sind folgende: 1. In Kinai: Nara (34° 41' N. Br., 3° 56' W. L. v. Tokio; 21.158 Einwohner; im Bezirk Yamato), Sakai (Bezirk Idsumi; 34° 35' N. Br., 4° 18' W. L. v. Tokio; 38.838 Einw.). 2. In Tokaido: Saitama und Kumagaja (Bez. Musassi), Asigara (Bez. Sagami), Tsiba2) (Bez. Simosa), Nibari und Totsiki (Bezirk Hitatsi), Mije und Wataraie (Bez. Ise), Aitsi (Bez. Ovari), Hamamatsu (Bez. Tootomi), Sidsuoka (Bez. Suruga), Jamanasi (Bez. Kay). In Tosando: Siga (Bez. Omi), Gifu (Bez. Mino), Ibaraki (Bez. Simodsuke), Tsukuma und Nagano (Bez. Sinano), Mijagi und Midsusawa (Bez. Rikusen), Fukusima und Wakamatsu (Bez. Iwaki), Iwamaje (Bez. Iwassiro), Iwate (Bez. Rikutsin), Awomori (Bez. Mutsu), Jamagata und Oitama (Bez. Usen), Akita und Sakata (Bez. Ugo). In Hokurokudo: Tsuruga (Bezirk Etsisen), Nigawa (Bez. Etsisiu), Isikawa (Bez. Kaga), Aikawa (Insel Sado, berühmt durch alte Goldwäschereien). In Sanindo: Sikama (Bez. Harima), Hozio (Bez. Mimasaka), Okajama (Bez. Bisen), Ota (Bez. Bitsiu), Hirosima (Bezirk Aki), Jamagutsi (Bez. Suwo). In Sanjod»: Toyooka (Bez. Tasima), Totori (Bez. Inaba), Simane (Bez. Idsuma), Hamada (Bez. Iwami). In Nankaido: Wakajama (Bez. Kiy), Mioto (Bez. Awa), Kagawa (Bez. Tyo), Kotsi (Bez. Tosa). Saikaido: Fukuoka (Bez. Tsikusen), Saga (Bez. Hisen), Midsuma (Bez. Tsikugo), Kokura (Bez. Busen), Oowake (Bez. Bugo\ Sirokawa (Bez. Higo), Miasaki (Bez. Hiuga\ Kagosima i Bez. Satsuma) 3).

') 1 Ri kann zu 4 Kilometer angenommen werden. Die Bahn von Oosaka nach Kobe ist 8 Ri lang.

s) Die von Metschnikoff eingesandte Karte schreibt Tsita.

3) Eine uns vorliegeode Nummer der Zeitung „The Japan Weekly Mail", vom 17. Januar 1874, führt eine Anzahl Ken auf, die wir bei

Auf die Provinz Hokukaido ist das Gun - ken - System nicht ausgedehnt, dieselbe steht vielmehr unter einer Kolonial-Verwaltung, Eaitakussi genannt. Der Gouverneur von Jesso residirt in Hakodadi. Als ich (im Dezember 1875) Japan verliess, war viel die Rede von der Gründung einer neuen Hauptstadt im Norden der Insel, im Bezirke Iburu.

Jedes Ken zerfällt in eine Anzahl Gun oder Kowori (Distrikte); und zwar fallen solcher Gun auf Kinai 55, Tokaido 129, Tosando 132, Hokurokudo 33, Sanindo 53, Sanjodo 81, Nankaido 51, Saikaido 97 und Hokukaido 86. Ganz Japan zählt also 717 Gun.

Der oben citirten officiellen Statistik entlehne ich folgende Tafel über die Grösse der Haupt-Landestheile:

Q.-RI. Q.-Kilom.

Nai tsi (d. i. „Nippon" mit Sado, Oki, Awatsi,

Hatsizio) 14.592 = 246.604,8

Saikaido 2.457 = 41.623,3

Nankaido (Sikoku) .' 1.170 = 19.773

Hokukaido 5.075 = 85.767,5

Riu-Riu mit Mioka-Sima .... 446 = 7.537'

Total 23.740 = 401.306 = ca. 7255 geogr. Q.-Meilen.

Militärische Einthoilung.

Das ganze Eeich zerfällt in 6 Kriegs-Bezirke:

Erster Kriegs-Bezirk in Tokio (Jeddo) besteht aas 3 Si-kuan oder Mili-
tär-Distrikten.
Zweiter Kriegs-Bezirk in Sendai (Bezirk Rikusen): 2 Si-kuan.
Dritter Kriegs-Bezirk in Nagoya (Bezirk Owari): 2 Si-kuan.
Vierter Kriegs-Bezirk in Osaka: 3 Si-kuan.
Fünfter Kriegs-Bezirk in Hirosima (Bezirk Aki): 2 Si-kuan.
Sechster Kriegs-Bezirk in Kumamoto (Bezirk Higo): 2 Sikuan.

Artillerie-Depots und Arsenale sind in Tinagawa (Jeddo's Vorstadt), Osaka, Hiogo, Nagasaki, Kagosima und Hakodadi.

Metschnikoff vermissen, wogegen andererseits einige der oben genannten hier fehlen; bei einigen Namen finden wir eine in beiden Quellen sehr abweichende Schreibweise. Die letzteren sind Ashiba (J. W. M.) = Tsiba, Tsita (Metschn.); Gumma (J. W. M.) = Kumagaja (M.); Utsunomiya (J. V7. M.) = Mije (M.); Nanao (J. W. M.) = Nagano (M.). Folgende Ken fanden sich nicht bei Metschnikoff: Iruma, Kisaradze, Temba, Nukada, Chikuma, Inungami, Kashiwazaki, Kamiyama, Oida, Tatsushiro, Tsutsuki, Mimitsu; dagegen fehlen in der Jap. W. M.: Tsukuma, Mu■aki und Oowake.

Die ganze Armee besteht aus:

Infanterie . . 42 Regimenter (Dai-tai),

Cavallerie . .3 ,,

Artillerie . . 18 Batterien,

Genie &c.. 10 Bataillons (Sio-tai).

Der stehende Friedensfuss beträgt nur 4 Regimenter Infanterie und 1 Reg. Cavallerie, nebst 2 Batterien und

1 Genie-Bataillon.

Die Kriegs - Marine besteht aus 21 Schiffen (davon

2 eiserne Panzer - Fregatten) mit zusammen 60 Kanonen und 3672 Mann (davon 272 Offiziere). Der erste MarineBezirk hat seinen Sitz in Oodsu im Miura-Kowori (Bezirk Sagami); der zweite in Kagosima.

Eintheilung für Schulzwecke. Für das Schulwesen ist das Reich in 7 Bezirke eingetheilt:

1. Schul-Bezirk Tokio enthält nebst Tokio-fu 9 ken,

2. „ Aitsi enthält 9 ken,

3. „ Osaka enthält nebst Osaka und Saikio-fu 10 ken,

4. „ Hirosima enthält 8 ken,

5. „ Nagasaki enthält 9 ken,

6. „ Niigata enthält 7 ken,

7. „ Aomori enthält 8 ken und die Provinz Hokukaydo.

Jede Bezirks-Stadt besitzt eine höhere Schule, Daygaku-ko. Mittlere Schulen, Tsin-gaku-ko, giebt es 224 im ganzen Reiche; Elementar-Schulen, Sio-gaku-ko, 47.040, für eine Bevölkerung von 33.423.715 Seelen (worunter 16.955.047 männl.). Die Normal-Schulen (Sihan) und Special-Schulen sind bei diesen Angaben ausser Acht gelassen.

Postämter .und Telegraphen-Verbindung. Das Reich zerlällt in 8 Haupt-Postämter, nämlich 1. Tokio, 2. Saikio, 3. Jokohama, 4. Oosaka, 5. Motomura, 6. Oodsu, 7. Sakai und 8. Kobe.

Telegraphische Verbindung ist bereits eingerichtet zwischen:

Tokio und Nagasaki 364 Ri,

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Bilder aus dem hohen Norden.

Von Karl Weyprecht. 7. Der Walross - Jäger.

(GEOGRAPHIE UND ERFORSCHUNG DER POLAR-REGIONEN, Nr. 123.)

Noch vor wenigen Jahren zog alljährlich aus dem nördlichsten Theile Europa's, von Tromsö, Vardö, Hammerfest und aus den Fjorden, die tief nach Finnmarken einschneiden, eine ganze Flotte nach Norden und Osten zum arktischen Eise. Ihr Zweck war die Jagd in den Gewässern von Spitzbergen und Nowaja Semlja. Geladen mit Speck und Häuten, mit Pelzen und Walrosszähnen, kehrte sie im Herbste zurück.

Mit der rasch vermehrten Zahl der Jäger wurde aber auch rasch die Beute geringer, und die Folgen des Gemetzels unter den hochnordischen Thieren Hessen nicht lange auf sich warten. Die Jagd wurde immer schwieriger und immer weniger entsprechend ihr Lohn. Je tiefer im Eise die Jäger nach dem seltener gewordenen Wild suchen mussten, desto grösser war auch die Zahl der Schiffe, die, zerquetscht oder von ihren Bemannungen verlassen, dem Eise als Opfer fielen. Die Schiffs-Assekuranzen stellten immer schwerere Bedingungen und erhöhten von Jahr zu Jahr ihre Prämien , als sie mehr und mehr gewahr wurden, wie häufig die Schiffe leichtsinnig und auf blosse Spekulation dem Eise überlassen wurden. Den grössten Stoss gab aber dieser scheinbar unversiegbaren Einnahmequelle jener so armen Länder das böse Eisjahr 1872, als bei Spitzbergen und Nowaja Semlja im Laufe weniger Wochen ein grosser Theil der Jagdflotte mit vielen Menschenleben den trostlosen Eisverhältnissen jenes traurigen Jahres zum Opfer fiel.

Die Jagd wird zwar noch immer betrieben; allein die Zahl der Schiffe, die alljährlich ausziehen, hat sich bedeutend vermindert. Die Glanzperiode ist vorüber, wo ganz Finnmarken mit Spannung auf die Heimkehr der „Eismeerfahrer" wartete, und wo jedes Kind längs der Küste den Namen des glücklichen Jägers wusste, dem die meisten Bären und Walrosse als Beute zugefallen waren.

Die Jagd gilt Allem, was da lebt und webt im arktischen Eise, denn Alles ist nutzbar, die Hülfsmittel sind aber anders, je nach dem Betriebe.'

Die Einen verlegen sich auf den Fang des arktischen Haies, der sich in 3- bis 400 Meter Tiefe auf dem Grunde umhertreibt. Von dem vor einem langen Taue in hoher See verankerten Schiffe sind ununterbrochen vier bis sechs Angeln ausgeworfen — jede Leine ist auf einem Haspel an der Bordwand aufgerollt und zeigt durch ihr Ablaufen, dass ein Fisch hängt. Rasch wird er heraufgewunden, die Leber entrissen, der Rest über Bord geworfen und die Angel frisch ausgelegt.

Die Anderen umstellen mit ausgedehnten starken Netzen die eisfreien Buchten von Spitzbergen und Nowaja Semlja und erlegen mit Harpune und Gewehr den Weisswal, der sich in die Falle hat treiben lassen. Speck, Leber und Haut gehen hinab in den Raum und verschwinden in den Fässern, die dort ihrer Füllung harren. Wehe dem Jäger, der sich verlocken Hess, für 400 Species an Bord eines solchen Schiffes die Jagdzeit mitzumachen! Vom ersehnten Bären sieht und hört er nichts — dafür trägt er aber sein ganzes Leben lang ein Andenken an die verfehlte Jagd in seiner Nase mit sich.

Und wieder ein Anderer jagt den Finnwal, der nirgends gefangen wird, als an der arktischen Küste von Norwegen. Zu wild und beweglich, um mit der Harpune erlegt werden zu können, wird er mit der Explosions - Kugel aus einem Geschütze erschossen und muss, da er im Gegensatze zum eigentlichen Wal rasch nach dem Tode sinkt, sogleich, nachdem er getroffen ist. 'mit der Harpune an die Leine gelegt werden. Mit dieser wird er dann emporgewunden.

Keiner von diesen wagt sich aber in das Eis, ihr Bereich bleibt das offene Wasser bis zur Eiskante.

Der wahre Mann des Eises ist der Walross-Jäger. Was ihm vor die Büchse oder vor die Harpune kommt, das nimmt er mit. Er erlegt den Weisswal, wenn er ihn trifft, und verschmäht auch den Haifisch nicht; er schiesst das Renthier auf dem Lande und füllt den leeren Raum mit Vogeleiern, die ihm zu Tausenden zu Gebote stehen; er sammelt Eiderdunen, wenn er nichts Besseres zu thun hat, und salzt die erlegten Gänse und Enten als Reserve für den Winter in der Heimath. Seine eigentliche Beute aber, die er immer im Auge hat, die er verfolgt, so lange er kann, und der zuliebe er sein Leben auf das Spiel zu setzen jeder Zeit bereit ist, sind das Walross, der Seehund und der Bär. Ihnen spürt er ununterbrochen nach; sobald er, das Eis in Sicht bekommen hat, sind sie für drei bis vier Monate das Ziel seines Daseins geworden, für das er Alles wagt — der Traum, dem er'.Tag und Nacht nachjagt,

Die. Jagd erfordert kleine, bewegliche und stark gebaute Schiffe vom Tonnengehalte unserer Küstenfahrer, die jede Lücke im Eise, jeden offenen Kanal benutzen können, um vorwärts zu kommen. Je nachdem sie ein oder zwei Fangboote führen, sind sie mit acht oder zwölf Mann und einem oder zwei Harpunieren, „Fangmännern", wie sie dort heissen, bemannt.

Ist das Eis einmal erreicht, so ist der Ort gleichgültig, auf dem sich das Schiff befindet, Das Reiseziel ist das Walross, wo immer es zu treffen ist. Nur die Art des Grundes ist von Bedeutung, da das Walross auf dem Boden seine Nahrung sucht und über gewisse Tiefen nicht hinausgeht. Hierdurch ist die Jagd in hoher See, fern vom Lande, ausgeschlossen, wo nur der Bär und der Seehund vorkommen, denn diese sind nicht ausgiebig genug.

Der Cours des Schiffes ist der Instinkt des Führers. Stösst er auf gute Jagdplätze, so verräth er Niemandem ein Wort und kehrt im kommenden Jahre dahin zurück. Trifft er keine Beute im Meere von Nowaja Semlja, so geht er längs der Eiskante nach Spitzbergen hinüber und schiesst auf dem Wege die Seehunde, die ihm unterkommen; findet er dort kein Wild im Storfjorde, so zieht er hinauf nach der Nördküste und umsegelt wo möglich ganz Spitzbergen in steter Erwartung dessen, was sich ihm darbieten wird. Wo immer sich eine Öffnung im Eise zeigt, da dringen die Schiffe ein, und da ihre Zahl eine grosse ist und eines oder das andere alljährlich die günstigsten Chancen benutzen kann, so haben sie geographische Aufgaben gelöst und Resultate erzielt, an welchen eigens ausgerüstete wissenschaftliche Expeditionen zu wiederholten Malen scheiterten.

In stetem Kampfe mit dem Eise, an das sie gebunden sind, liegen die Schiffe oft Wochen lang im Eise eingeklemmt, ohne sich von der Stelle rühren zu können. Setzt der Wind um, und die Verhältnisse werden günstiger, so geht es weiter; überrascht sie der Herbst in böser Lage, so wird das Schiff dem Eise überlassen, und die Bemannung sucht mühselig mit den Booten in den Buchten und Fjorden nach einem anderen Fahrzeuge, das sie in die Heimath zurückführt. Oft sind alle Fässer schon voll mit Speck und Thran, und der übrig bleibende Raum bis unter die Deckbalken verstaut mit Fellen — es hat schon Jeder die Rechnung gemacht, was ihm an Fangpercenten gebührt, da fasst das neidische Eis am Ende der Jahreszeit das Schiff in seiner unlösbaren Umarmung, und die Bemannung muss ruhig den mühseligen Erwerb des ganzen Sommers im Stiche lassen und froh sein, das nackte Leben retten zu können.

Es ist ein eigentümliches Volk, das mit diesen Schiffen alljährlich im Frühjahr hinauszieht in das Eis. Mehr Jäger und Fischer als Matrosen, sind diese hochnordischen Norweger gänzlich verschieden von ihrem Landsmanne im Süden des Polarkreises, einem der besten Seemänner der Erde. Sie sind ein Typus, der seine guten und seine schlechten Eigenschaften hat, den man aber achten und ehren lernt, wenn man, wie wir, Monate lang im intimsten Verkehr mit ihm gelebt hat. Man kann ihm Manches vorwerfen und über seine Schwächen lächeln, aber man muss ihm gut sein, wenn er auch in mancher Beziehung den Ansprüchen nicht entspricht, die man an ihn als Eismatrosen stellt.

Es sind zwei verschiedene Nationalitäten, welche die Leute zu diesem Gewerbe stellen: der blonde, intelligentere Norweger und der dunkelhaarige Quäne, der Abkömmling eingewanderter Russischer Finnen. Sie gehen schiffweise. Auf ein Quänenschiff wird sich nicht gern ein Norweger verlieren, eher ein Quäne zu Letzteren. Die gleiche Beschäftigung hat aber Beiden den gleichen Charakter aufgedrückt, der nur in untergeordneteren Eigenschaften eine Verschiedenheit aufweist.

Beide leben sie im Elende, in der Abhängigkeit vom Norwegischen Kaufmanne, aus dessen Sohuldbuch sie so leicht nicht mehr herauskommen, sobald sie der Leichtsinn oder das Elend einmal in seine Hände gebracht hat. Der Dorsch, den sie zur Winterszeit im Kampfe mit den Elementen beim Nordkap und bei den Lofoten fangen, wird zum ziemlich willkürlichen Preise von der langen Schuld abgestrichen — die Ausrüstung für die Fahrt in das Eis erfordert im Frühjahre Vorschüsse, welche sie wieder erhöhen. Statt Geld bekommt der weisse Sklave in den meisten Fällen Waare; er arbeitet vergeblich und kommt so leicht nicht vorwärts.

Von der Schiffsführung verstehen nur die Norwegischen Eiskapitaine, die in neuerer Zeit auch ein Examen ablegen müssen, mehr, als dass man das Eis erreicht, wenn man

lange genug gegen Norden fährt, und dass die Magnetnadel die merkwürdige Eigenschaft besitzt, stets nach dieser Richtung zu zeigen. Wenn man dem stolzeren Norweger glauben will, so giebt es aber Quänen, die in der NavigationsKunde noch nicht so weit gekommen sind, und die es vorziehen, aus den Haaren, dem unerschöpflichen Stalle, ein Individuum hervorzuholen und dann mit dem Schiffe die Richtung einzuschlagen, welche dasselbe im Laufe über die ihm vorgelegte Karte anzugeben beliebt.

Im Allgemeinen fahren diese Leute, sobald ihnen die heimathliche Küste ausser Sicht gerathen, so lange in ungefährer nördlicher Richtung, bis sie auf das Eis stossen. Dann sind sie sicher, dass sie, die Eiskante verfolgend, die Berge von Spitzbergen endlich in Sicht bekommen. Haben sie aber diese einmal, so sind sie auf ihrem Jagdgrunde, den sie besser kennen, als irgend ein Lootse der Welt.

Tritt jedoch^durch längere Zeit stürmisches Wetter ein, so ist es leicht möglich, dass ihnen jede Orientirung verloren geht. Nach vergeblichem Suchen müssen sie dann nach Finnmarken zurückkehren und die Reise neuerdings von Anfang an beginnen. Es sind aber schon Fälle vorgekommen, dass der Verirrte bei einer solchen Gelegenheit statt in Hammerfest oder Vardö nach langer Irrfahrt endlich bei den Faröern oder auf den Shetland-Inseln ankam. Diess ist jedoch durchaus kein Grund für den Betreffenden, im nächsten Jahre nicht wiederum vertrauensvoll sein Glück zu versuchen.

Im Storfjorde trafen wir 1871 mit einem Walross-Jäger zusammen, der mit voller Ladung heimkehrte und uns mittheilte, unter Stans Foreland lägen 14 Fahrzeuge, vom Eise besetzt. Gesprächsweise erzählte er, dass Keiner von ihnen mehr wisse, wie viel Uhr es sei. Wenn der Eine frühstückte, legte sich der Andere schlafen, und der Dritte ass zu Mittag, wenn beim Vierten das Nachtessen aufgetragen wurde. Sobald die Sonne nicht mehr verschwindet, kümmert sich Jeder gerade -nur noch so viel um die Zeit, dass er nach vier Stunden von der Wache abgelöst wird, und hierfür genügt die Sanduhr. Die alte Uhr unter dem Skeilicht ist seit der Abreise von Hause nicht gerichtet worden — sie zeigt 12, ergo ist es 12 Uhr. Eine Peilung der Sonne im Süden würde genügen — aber zu was? Das Walross bindet sich auch an keine Stunde.

Erst in neuerer Zeit haben einige der intelligenteren Norwegischen Kapitaine .begonnen, Werth auf die geographischen Entdeckungen zu legen, die ihnen die eigene Kühnheit und eine günstige Laune des Eises häufig in den Schooss warf. Seit Petermann und Mohn die grossen Verdienste dieser Leute um die Geographie jener Meere in das richtige Licht gesetzt haben, heisst es als Ausdruck der anerkennenden Bewunderung: ,,han har vaeret i bögerne" (er ist schon in den Büchern gestanden). Seiner Zeit fuhren Carlsen und Mattilas an Qillis-Land, dessen Erreichung so oft vergeblich angestrebt wurde, ohne zu landen, ruhig vorüber, denn es war kein Fang in Sicht. Es war eher daB Bestreben vorhanden, die neuen Jagdgründe zu verheimlichen, die im Laufe der Reise entdeckt wurden.

Die Ausrüstung an Proviant ist namentlich auf den Quänenschiffen eine höchst primitive. Nur Eines darf niemals bei der Abreise fehlen, nämlich ein Fässchen Rum, das aber hohl klingt, schon lange ehe das Eis in Sicht gekommen ist. Hat der letzte Tropfen seinen Weg aus dem Spundloche gefunden und sind die letzten Reste zum zehnten Mal mit Wasser ausgespült, so geht es an die Schiffsapotheke. Zuerst erreicht die Hofmann'schen Tropfen ihr Schicksal, denen die in Wasser gelösten Aloe-Pillen folgen, und trifft man nach einiger Zeit im Eise mit einer der immer trockener gewordenen Kehlen zusammen, so kann man das schönste Bärenfell um eine Flasche „Starken" haben. Unser alter Carlsen, die gute treue Seele, das Muster des Ishavsfarer, litt gar häufig an hartnäckigen Magenschmerzen, die aber die Eigenthümlichkeit besassen, rasch vorüberzugehen , sobald ihm der Arzt ein Glas Rum verschrieb. Nachdem wir schon ein Jahr vom Eise eingeschlossen waren, iah er die Nutzlosigkeit ein, zoologische Sammlungen nach Hause mitzuschleppen, und bereitete sich resignirt mit dem Spiritus, der ihm für solche aus der Heimath mitgegeben war, hie und da ein heiteres Stündchen.

Weit genügsamer sind [diese Leute im Essen, wenigstens was die Qualität betrifft. Brod, Schmalz, getrockneter und gesalzener Fisch und Salzfleisch als Leckerbissen, bilden mit Hülsenfrüchten durch Monate die einzige Nahrung. Merkwürdigerweise ist das gesunde und wohlschmeckende Bärenfleisch eine nicht sehr beliebte Speise. Der Seehundsspeck, welcher in frischem Zustande entschieden wohlschmeckender ist als das ranzige Schmalz, wird gar nicht gegessen. Beliebt sind vom Wilde nur die leckeren Alken und Eidergänse. Dagegen wird Kaffee, allerdings in der allernordischesten Verdünnung, in unglaublichen Quantitäten genossen. Ein einziger Mann trinkt nach der Wache zu seinem Butterbrode einen grossen Kessel voll gefärbten Wassere zum Imbisse leer.

Wie die meisten Menschen von geringerer Bildung, welche viel mit Gefahren zu kämpfen haben und ein verhältnissmässig einsames Naturleben führen, sind die WalrossJäger ohne Ausnahme zum Aberglauben geneigt. Sogar der Norweger Kjelsen, ein mehr als die Anderen seines Gewerbes gebildeter Schiffsführer, warnte uns, als der alte Quäne Mattilas seinen Besuch an Bord ansagte, weil er die Gewehre zu verhexen verstehe, und ward erst ruhig, als dieser gnädig die Zusicherung gab, dass er nichts Der

artiges beabsichtige. Um der ungläubigen Mannschaft zu beweisen, dass er den Baren zu bannen verstehe, geht Carlsen in festem Vertrauen auf seine Macht, mit dem Gewehre über der Schulter, bis auf fünf Schritt an diesen heran, nimmt die Mütze ab, wünscht ihm höflich „guten Morgen" und schiesst dann das ganz verblüffte Thier, das in seinem Leben noch keinen Menschen gesehen hat, ruhig zusammen.

Als wir am ersten Sonntag im Eise den ersten Seehund erlegten, war Carlsen, obwohl er im Jagdeifor selbst mitgeschossen hatte, höchst ungehalten, weil die Sonntagsbeute Unglück bringt, und meinte später gar manchesmal, es wäre Alles besser gegangen, wenn jene leichtsinnigen Schüsse nicht gefallen wären. Als gutes Beispiel führte er immer den alten Robbenschläger Foyn an, der am Sonntag keine Jagd gemacht haben würde, wenn auch die Seehunde zu Tausenden um ihn herum gelegen hätten. Als dieser einst nach mehrtägiger Abfahrt von Hause bemerkte, dass er den alten Jagdfiaus vergessen hatte, der ihn schon seit 20 Jahren im Eise vor der Kälte beschützte, kehrte er ruhig heim, um ihn abzuholen, obwohl ihn der günstige Wind schon eine schöne Anzahl Meilen seinem Ziele eutgegengeführt hatte.

Hand in Hand mit diesem Aberglauben geht aber ein tiefes religiöses Gefühl. Sonntag Vormittags wird bei jedem Wetter gemeinsam die Bibel gelesen, und jeder Tag im Journale beginnt mit „Gud med os", „Gott sei mit uns!" Obwohl Allen eine natürliche kaufmännische Schlauheit nicht abgeht, die sich schon darin zeigt, dass wohl nicht leicht Einer vergisst, seine wenigen Kleider zu gutem Preise vor der Abfahrt zu assecuriren, in der Hoffnung, einen Profit zu machen, im Falle das Schiff verlassen wird, so besitzen sie doch im gewöhnlichen Verkehre eine Ehrlichkeit, welche in besuchteren und bevölkerteren Gegenden schon lange nur mehr zu den Traditionen gehört. Das von Graf Wilczek bei den drei Särgen auf Nowaja Semlja angelegte Proviant-Depöt wird Jahre lang ruhig liegen; ein Norwegischer Walross-Jäger rührt es sicher nur dann an, wenn er sich in Noth befindet. Die Gutmüthigkeit spricht aus den ehrlichen Gesichtern, und eine Rauferoi kommt selbst im Rausche kaum vor. Mord und Todtschlag wären an der Tagesordnung, wenn im Süden der starke Gebrauch der Spirituosen mit dem Tragen der Jagdmesser vereinigt wäre wie im hohen Norden.

Ein Charakterzug bei Allen ist leider eine grosse Trägheit, die sich beim (Juanen bis zur Apathie steigert. Stunden lang vermag Letzterer auf dem gleichen Platze zu liegen und nach dem gleichen Flecke zu stieren, ohne eine Miene zu verziehen, die verrathen würde, dass sich sein Geist mit irgend etwas beschäftigt. Beim Überschiffen

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