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bahn von der Küste des Atlantischen bis zu der des Stillen Oceans.

In seinem Bericht an den Präsidenten der Republik Bolivia sagt Palm: „Den Zweck der Eisenbahn nach Matto Grosso durch die Provinz Paranä richtig erwägend, kann dieselbe keine bessere Richtung bekommen, als vom Hafen Antonina ausgehend über die Serra do Mar nach Curitiba; von hier muss sie in nordöstlicher Richtung Campo Largo und Palmeira durchschneiden bis an's Thal des Ivahy, und in diesem von seinem oberen Theile (wo der Fluss noch Rio dos Patos heisst) an fortlaufen bis an den Paranä. 'Nach Überschreitung dieses mächtigen Stromes muss die Bahn die weiten Prairien der Serra de Maracajd, die sich zum Bau einer Eisenbahn eignen, durchschneiden, dann das Paranä-Thal verlassen und in das Thal des Paraguay übergehen, um nach Miranda zu gelangen. Von hier an muss sich die Bahn nach Cuyabä nördlich wenden, dann wieder südwestlich nach dem Paraguay, der Bolivianischen Stadt Capaö d'Oqueima gegenüber. Hier setzt die Bahn nach Bolivia über und verfolgt dieselbe Richtung bis an die äusserste Grenze von Pirapeti, wobei sie fast nur von Indianern bewohnte Gegenden passirt. Von Pirapeti an wendet sie sich nach dem Departement Chuquisaca und durchläuft die reichsten und bevölkertsten Departements Bolivia's bis zur ehemaligen Hauptstadt Chuquisaca oder Sucre; von hier geht sie im Thale. des Pariä-See's bis zur Stadt Oruro und über die Dörfer Sicasica und Catamarca bis Carocaro. Hier schliesst sie sich an die schon im Bau begriffene Bahn von Islay am Stillen Ocean über Arequipa und Puno nach der Stadt La Paz an."

Ein drittes Projekt hat vor Kurzem der Brasilianische Ingenieur-Kapitän Monteiro Tourinho eingereicht. Er trifft die Linie Lloyd's im Thale des Iguassü-Stromes am 79. Kilometer, geht in diesem Thale entlang und wendet sich dann nach Guarapuava und den Quellen des Piquiry, dessen Laufe er bis zu seiner Mündung in den Parand folgt. An diesem Strome geht er abwärts bis zu den Sieben Fällen, der Mündung des Iguarey - Flusses gegenüber. Den Paranä überbrückt er am Salto Grande, läuft dann durch das Thal des Iguarey und geht von diesem in das des fast dieselbe Richtung verfolgenden Xexuy über, wobei er sich Curuguaty nähert, läuft am Fusse der Serra de Maracajii

entlang bis an den Iponeguassu, den er bis Villa Real begleitet. Hier setzt er über den Paraguay, wendet sich nach dem Thale des Pilcomayo und läuft in diesem bis S. Ignacio de Camullos und von hier über Cachymago nach dem, 3700 Meter über der Meeresfläche gelegenen Chuquisaca. Dann dringt er durch das Thal des Desaguadero in das Departement Oruro ein, geht über Paria und Oruro nach dem Departement La Paz und erreicht, den westlichen Abhang der Anden hinabsteigend, die Stadt Tacua im Peruanischen Departement Arequipa, von wo Bchon eine Eisenbahn nach dem Hafen Arica führt. Die Hauptrichtungen dieser Linie sind westlich bis an den Paraguay und nordwestlich bis an den Stillen Ocean in der Absicht, die reichsten und bestbevölkertsten Departements Bolivia's zu durchschneiden. Tourinho zieht diese Richtung der nach Cobija, dem einzigen Hafen Bolivia's, vor, weil die Bahn in diesem Falle die ärmsten und unbewohntesten Gegenden dieses Landes berühren würde. Um diesen Hafen, der von Chuquisaca über 1000 Kilometer entfernt ist, zu erreichen, müsste die weite Steppe Atacama passirt werden. Aus diesem Grunde ist auch schon seit 1847, in Folge eines Vertrages mit Peru, Arica der Stapelplatz für den Bolivianischen Handel.

Ein viertes Projekt, vom Ingenieur Rebongas, fasst das Thal des Iguassu in's Auge, das in fast gerader Linie westlich bis an den Paranä führt, von wo man in fast eben so gerader Linie bis Assuncion, der Hauptstadt von Paraguay, gelangen kann. Er macht darauf aufmerksam, dass folgende Orte fast unter demselben Breitengrade liegen:

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Deutsche Enclaven in Italien.

Von Dr. Mupperg, Venedig, August 1876.

1. Das Bladner Thal.

Manch' einsames Deutsches Dorf im verwälschten SüdTirol, manche von Deutschen Volksgenossen bewohnte Gebirgsschlucht in Italien habe ich besucht, so angeheimelt und doch so wehmüthig hat mich noch keine, wie das Thal von St. Bladen ') (Sappada von „Zappa" im Wälschen, zu Deutsch Hacken, Roden) in Friaul, nordöstlich von Pieve di Cadore, gestimmt!

Innichen im Puster-Thal, mit seiner uralten Kirche und seinen Römischen (Aguntum), Slavischen und Bajuwarischen (Thasailo II.) Erinnerungen lag hinter mir; das Reiseglück stellte sich von Neuem ein, der Regen hörte auf, immer höher hoben sich die Nebelballen und Schwaden an der Haunoldsspitz hinauf, immer klarer zeigten sich die Wandungen des prächtigen und doch so selten von uns Deutschen besuchten Sexten-Thaies, da tauchte zum ersten Mal, wie trotzig den grauen Umhang von sich abschüttelnd, der Schuster und sein Gesell (3160 Meter) in all' seiner Macht und gewaltigen Dolomiten-Schönheit hervor. Dem Schuster folgte die Oberbacher Spitz und Moos gegenüber bot sich der Anblick auf die überraschend hübsche Mulde von Sextenbad dar! Wenn irgendwo, so wäre hier am letzten Hause von Moos der Platz, ein Wirths- und Rasthaus zu errichten zu längerem Aufenthalt. Vorne der weite grüne Wiesengrund (1331 Meter hoch), dann waldbewachsene Hänge und im Hintergrund des Tischlein-Thales (des Seitenthaies vom Sexten-Thal) die volle Schönheit all' der mit jedem Vorwärtsschreiten sich verlierenden und doch wieder neu in Sicht tretenden, von der Morgensonne hier und da grell erleuchteten und nebenan mit dicken Nebelstreifen noch umringten Dolomit - Riesen: drei Zinnen, Paternkofel, Eilferkofel, Zwölferkofel (von der Tageszeit und Sonnenuhr so genannt seit alter Zeit)! Die Morgenluft war dem Reisen günstig. Bald hatten wir den Kreuzberg, den Pass in's Wälschland erreicht (1632 Meter). Es war kühl oben, 11° R. im Schatten um 10 Uhr! Das Deutsche Grenzwirthshaus Hess uns freundliche Wirthsleute, wenn auch nur den geringsten Comfort, finden. Initiative und Spekulationsgeist sucht man in den meisten Orten Tirols, gerade wo es am schönsten ist, wie oben bei dem trägen Wirth im Sexten-Thale, vergebens. Bald zogen wir hinab vom Deutschen Mauthhaus und auf Italienischem Gebiete dem

<) Zur Orientirung s. Berghaus, Karte der Alpen, 2. Abth. (OstAlpen), Bl. 3 und 4. Gotha, J. Perthes. — Sodann: Berghaus' Physikalischer Atlas, 8. Abth. Ethnographie Nr. 9 , wo die beiden Enclaven verzeichnet sind.

I Padola-Thale zu. Manchmal zogen noch dicke schwere Wolken eilend aus SO. über unseren Häuptern weg und machten uns bange, als wollten sie dem leichten Träufeln einen ausgiebigen Schauer folgen lassen. Allein höher und höher zog die Sonne die Unholde an sich und schickte sie im eiligen Tummeln und Hasten auf die Heimath am Rheine zu! So lag plötzlich der ganze viel schroffere Abfall des Kreuzpasses vor unseren entzückten Augen. Welch' eine Ausschau auf die immer tiefer sich hinabwindenden Schluchten der Padola, der tiefgrünen Vorberge und der bleichen, grauen, zackigen Massengebirge der Padola-Spitze, der Najärnola, des Monte Cornon, drüber hinweg auf den Monte Marmarole (8374 F.) und zu oberst über alle auf den Monte Anteiao (10.020 F.) bei Pieve di Cadore. Das ganze Thal bildet Eine politische Gemeinde, Comelico; es zerfällt aber wieder in zahlreiche einzelne (Fraktionen) Weiler.

In Dosoledo, dem ersten derselben, war eben die Kirche aus; St. Annafest. Wohl 100 Gesichter fixirte ich vor dem Gotteshause und auf der langen, vortrefflichen, noch von den Österreichern erbauten Landstrasse; nur wenig Bauersleute fand ich, die nicht physiognomisch vollständig unter unsere Fulder und Poppenreuther gepasst hätten! Römischen Typus schrieb ich etwa 10 Prozent zu! Ist doch ganz Ober-Italien voll von Deutschen Namensresten. An den Bergen haften die, in anderer Sprache von den Vorvätern gegebenen Urbenennungen besser als an den Orten. „Udine ward aus Weiden fabricirt, Tischleinsweiler" ward zu Timau, Schönfeld zu Tolmezzo. Nur Wenige wissen diess! Denn so klar wie Spilimbergo, Sonnimbergo, Laipaeyo &c. tragen nicht alle umgetaufte Flecken ihren Ursprung an der Stirne. Wo sind die Deutschen, denen es bekannt ist, dass bei Cividale, wo der Longobarden-Held, Herzog Gisulf, begraben wurde, noch ganze Burgreihen im Norden und Nordwesten Deutsche Namen tragen? Bei den Bergen lehrt auch den oberflächlichen Forscher des „Pramper - Gebirge, der Monte Ralf, der Messerberg, der Lamenberg" &c, dass denen, die am Fusse dieser Höhen heute wohnen, dereinst von Deutschen Vordem die Abstammung und den Bergen die Namen gegeben wurden!

In sieben Stunden erreicht man bequem San Stefano, am Zusammenfluss des Padola mit der Pieve gelegen. Girardis hält da ein gutes Wirthshaus; seine Vorfahren mögen auch hochgemuthe Lombarden gewesen sein, wie die Ahnen des Grafenhauses Trasimondi zu Rom, die notorisch von dem Lombarden - Helden Trasimond abstammen. Die Wirthin ist eine Deutsche, eine freundliche Frau, ausser ihr stammeln die Leute nur Deutsch. Drüben im Österreicher Land spricht Alles die beiden Sprachen; die Wälschen im glorreichen regno d'Italia, das nicht einmal die an ihm verschwendeten vorzüglichen Strassen der Austriaci zu erhalten vermag, sind meist zu stolz und zu faul, Deutsch zu lernen. Bis jetzt! Nur so bis jetzt! „Denn seit 1866 und 1870/71", sagte mir mein junger Innicher, „hat sich auch da unten ein anderer Wind erhoben! Sie schauen auch uns schon ganz anders an".

Von St. Stefano (zu Fuss in 2^, zu Wagen in 1J St.) ging's hinauf, ONO., nach St. Bladen! Auf ursprünglich vorzüglicher, jetzt aber manchmal etwas schadhafter Strasse, durch wahrhaft wunderbare Gebirgsengen hinauf in das vergessene, verlassene, einsam den Kampf um seine Nationalität kämpfende Deutsche Thal.

Jetzt sitze ich oben in dem vortrefflichen Wirthshause der Frau Ceconi (in Patois „Tschigung" gesprochen), habe den Schreibtisch am offenen Fenster stehen und blicke zeitweis auf all' die hehre Pracht, die vor meinen Augen ausgebreitet liegt. Die Bauern dengeln ihre Sensen, die Schwalben jagen sich zwitschernd in der Luft,. der „Spitz" und der „Joh" und die „öfnerspitz" (ein kleines MatterHorn) erglänzen im Abendsonnenschein, schroff starren ihre Zinnen und Gipfel in den blauen Äther hinein — immer denke ich: ,.Reden denn nicht die Bergeshäupter mit einander, wie unser einer mit seinen Nachbarn? Warum hört man's denn nicht?" — Und dann erzählt mir die Wirthin von der Noth und dem tapferen Ankämpfen der Deutschen Sprache gegen Wälsche Unterdrückung! „Ja, mein Mann is a Wälscher! Aber er mengt sich nix in's Gema! Und mein Söhn sin noch schärfer! Die son in der Lehr. Un da isch d'r Ältst zurückgekomme! Un, sagt er, Mutter, wenn der Papa mich wieder will thun auf a Wälsche Schul, ich hab kei Passiun mehr. Ich hab ihm müssen zureden, wenn's nicht skandalisarit soll werden. Er hat halt nichts Anders im Sinn, als auf a Deutsche Schul! Und unser Pfarrer ist ein Wälscher und sein Cooperator auch. Die verstehen kein Wort Deutsch und wir nicht Wälsch! So geht Niemand zur Kirch und zur Beicht! Und die Kinder sitzen in der Schul und verstehen kein Wort von der Lehr! Desch Beseht war, wir würden alli proteschtantisch, dann war uns bald geholfen! Nein, oben im Ausserbladen (CimaSappada) da hat's ein Deutschen Geistlichen, der ist aus Sauris, das ist auch ein Deutscher Ort, noch weiter hinab nach Venezia, noch 6, 7 Stunden nach Mittag. 0 die reden ein ganz tolles Deutsch, denn die sind viel älter als wir, als unsere Gemeinde; die sind uralt." Während die Wirthin fortplauderte, ging die Sonne unter. Der letzte Strahl nahm Abschied von der Spitze des „Spitz". Ein Wälscher warf unter dem Fenster Kegel und schwätzte

eifrig wie ein Staar und renommirend mit der Landessprache in unendlichem Wortschwalle. Dazwischen tönte das tiefe „Guate Nacht" der Deutschen Bauern. Und nun flammten im rosenrothen Abendleuchten alle die, das schöne Hochgebirgsthal einschliessenden Firste auf! Weit war die Sonne nach Westen gerückt, unsichtbar sandte sie ihren letzten GrusB im edelsten Himmelslicht zu uns. Der Anblick des Alpenglühens der Dolomiten ist in dem einsamen Berglande so ergreifend, die Berge sehen so verklärt, so lebend aus, dass unwillkürlich dem geniessenden Auge der gleich edle Sinn des Ohres sich fragend zugesellt: „Erklingen sie nicht, die Dolomitenrecken? Hörst Du nicht die leise, ewige Melodie der dem Schöpfer dankenden Natur?"

Es ist ein Unglück gewesen, dass Österreich nicht die benachbarten Deutschen Orte Timau (Tischleinsweiler) und Zahre (Sauris) seiner Zeit vom Lombardisch-Venetianischen Königreich abgetrennt und zu Kärnthen geschlagen hat. Wäre das geschehen, so liesse sich jetzt das Todtmachen der Deutschen Sprache in diesen alten „Lombarden-Gemeinden" oder der tägliche Kampf um ihre Sprache vermeiden! Denn wenn auch die Sage geht, daBS Bladen seinen Ursprung circa 1150 den vor den Unterdrückungen ihrer Görzer Grafen fliehenden Deutschen des Villgratner Thaies im Tiroler Drau - Thale und später zuziehenden Bergleuten verdankt, so ist doch als bestimmt anzunehmen, dass ein grosser Theil der Zuzüglinge aus den damals noch bestehenden Alt - Deutschen Gemeinden Friauls seinen Ursprung genommen hat. Urkunden giebt es über den Ort oder das ganze Thal keine mehr; 1666 verbrannten die Tauf- und Sterberegister.

Das ganze Thal mit all' seinen 13 Weilern, bis zum äusserstep nach ONO. „Cretta" oder Zupaden (Ausserbladen) vom „grossen Dorf an, zählt fast 1400 Einwohner. Und nun geben die Wälschen, die in Trient 'den Leuten aus den benachbarten Deutschen Dörfern San Sebastian oder aus dem Vierhöfner Thale , unweit Trient, nicht erlauben, ihren Todten auf dem städtischen Kirchhofe ein Deutsches Grabdenkmal zu setzen, diesen Deutschen Gemeinden nicht einmal Deutsche Geistliche! — Durch Vermittelung der „Deutschen Schulgesellschaft" in Linsbruck, durch freundnachbarliche Anfrage bei der Regierung von Kärnthen, oder Görz, oder Steiermark müssten sich doch diesem Übelstande leicht abhelfen lassen.

Ehe ich schliesse, um über das noch merkwürdigere Sauris berichten zu können, von dem in der Aussenwelt, so viel ich weiss, noch nie ein Berichterstatter aus dem Deutschen Reiche erzählt hat, möchte ich nochmals auf die unübertrefflich schöne Gebirgslage des Thaies, auf die nette, saubere Art der Leute, auf die zuvorkommende Wirtschaft und auf die äusserst wohlthätige frische Alpen-Luft aufmerksam machen. Wahrlich, dieser abgeschiedene Winkel ist ein wahres refugium für abgearbeitete, ruhebedürftige Deutsche Gelehrte und Künstler und für jeden Freund der Natur und unserer Volksreste im Auslande. Wenn aber einer unserer Volksgenossen diese billigen und so friedlichen und schönen Thäler von Bladen aufsuchen und sie zur längeren oder kürzeren Sommerfrische benutzen will, so nehme er doch ein paar Deutsche Zeitungen mit für das Wirthshaus, oder ein paar billige Wandbilder (Steindruck) für das Schulhaus und die einzelnen Bauernhöfe. Und vor Allem bringe er ein /paar Bücher nationalen, nützlichen und geschichtlichen Inhaltes mit und übergebe sie dem Deutschen Pfarrer von Cretta oder Cima Sappada (zu Deutsch Ausserbladen) zur Einreihung i» die Deutsche Bauernbibliothek. Will er aber für die Schulen in Grossbladen und Ausserbladen ein paar Deutsche Volksliederbücher heraufnehmen: das Maass seines Verdienstes um die gedrückten braven Blutsgenossen würde voll werden!

Bladen nährt sich vom Hausiren, von Ökonomie und Holzhandel; Einführung von Industrie wäre bei der Anstelligkeit der Leute ein wahrer Segen! An einer der Berglehnen ist vor Jahren ein Marmorbruch gefunden worden, so schön und so weiss wie der Stein von Carrara; leider ist er noch nicht verwandt zur Bildnerei. Wer aber einen treuen Dienstboten will, der nehme sich ein Kind dieser Deutschen Berge aus Italien mit heim in's Reich; es sind ihrer übergenug vorhanden.

Von hier fort nimmt man am besten den Weg hinab an der Piave und durch's Ampezzo di cortinos - Thal nach dem Norden zu; oder man geht (oder fährt) über Forni, Rigolato und Tolmezzo (oder wie die Leute es immer noch heissen ,,Schönfeld") an die Pontaferl- (Wälsch: Ponteba-) Bahn und über das schön gelegene Weiden (Udine) und Triest heim.

2. Sauris. Welcher Unterschied zwischen den Venetianischen Bergen und der Venetianischen Hauptstadt. Da oben Deutsche Unbehülfliohkeit, hier Wälsche Glätte! Da oben elender Boden und Noth, hier Pracht und Glanz von vielen, vielen Jahrhunderten! Kein Wunder, dass die thätige reiche Handels-Republik mit ihrem ausgesprochen Wälschen Wesen das Deutsche Element, das noch ringsum im Norden lebte, nach und nach aufsaugte bis auf wenige Tropfen. Das Deutsche Godego bei Conegliano, im Besitz des Bisthums Freising, verwälschte, Venzone, das einBt Peisselsdorf hiess, verwälschte, die Gothischen (Longobardischen) Dörfer in den Monti Berici, westlich von Padua, die noch bis in's 15. Jahrhundert hinein als Theodisci nur Deutsche Geistliche aus dem Norden herbeiriefen, verwälschten — von

all' dem blieb als Rest nur die Deutsche Thalschaft Sauris oder, wie sie sich selbst nennen, „die Zahre" übrig.

„Die sind nicht von uns, die in der Zahre; die sind schon vor uns dagewesen", beschieden mich die Bladner Deutschen, „woher sie gekommen sind, wissen wir nicht; man sagt gar manchmal auch von ihnen, sie seien als Bergleute dahin gekommen, aber das ist nicht wahr; es giebt keine Bergleute dort und dann haben sie eine ganz andere, uralte Sprache als wir", und mein Führer und Packträgei der alte Thomele, der Organist und Dirigent der Kirchenmusik zu Bladen, frug mich voll Triumph: „Haben Sie's verstanden, was die Jungfer Hausnerin gesagt hat?" als wir am Widdum Einlass und gastliche Aufnahme begehrten. „Sie sagte, der Pfarrherr habe sich eben niedergeworfen! Ja, so reden sie, lauter ganz verkehrte Ausdrücke haben sie, ganz anders als alle anderen Deutschen."

„Niedergeworfen statt niedergelegt! Na, ich war schon hundert Mal in der Zahre, ich verstehe die Leute! Aber Sie werden sich hart thun heute und morgen mit den Zahrern!" Und der Pfarrherr, der mich später bei meinem gastfreundlichen Bauern aufsuchte, berichtete mir, „es würde freilich mitunter behauptet, auch die Zahre sei aus Deutschen Bergleuten entstanden; allein das sei nicht wahr, denn die allgemein, seit ewigen Zeiten in den Orten der Zahre bestehende Sage gebe an: dass die ersten und ältesten Hütten der hier wohnenden Deutschen Jäger oben auf einem der sich von dem Malais- und Rinderberge herab nach Unter-Sauris ziehenden Hügel gestanden hätten: damals seien ihre Vorfahren noch alle Jäger gewesen und das sei lange her, denn bevor Petsch (Ampezzo di Carnia) gebaut worden sei, habe lange schon Sauris bestanden. Und wenn auch später alle Urkunden (die älteste, die der Erzähler las, stammte doch noch aus 1344 und enthielt einen päpstlichen Ablassbrief für Sauris) verbrannten und zu Grunde gingen, so steht doch so viel fest, dass man einst Schriften gehabt über unsere Gemeinde, die 1000 Jahre alt waren." — Der Pfarrherr hat Recht; besteht diese Deutsche Gemeinde schon seit 1000 Jahren, so ist es unmöglich, dass sie von eingewanderten Deutschen Bergleuten, die vom Norden kamen, gegründet wurde. Dann ist hiermit der Beweis geliefert, dass sie aus der Zeit der Italienischen Besiedelung Nord-Italiens durch unsere untergegangenen Stämme herrührt!

Doch lassen wir nun vorderhand die Frage, ob die Zahrener Deutschen vom Gothischen, oder Longobardischen, oder Allemannischen (die nach der Schlacht von Zülpich zu Theodorich auswanderten und noch von Procop, als in jenen Gegenden hausend, angegeben werden), oder auch von dem Mischmasch seien, das man damals Carnia nannte, denken wir lieber an den wunderlieblichen Morgen, den wir noch in dem freundlichen Gasthause der Frau Ceconi zu St. Bladen und besonders in unserem hoch gelegenen Zimmer gegen NO. verlebten. Es dämmerte erst ganz leise, als wir uns erhoben; dann fielen die ersten Strahlen der Morgensonne hinab auf den Eulenkofel und Engenkofel (eng); als ich hinabstieg zum Führer und zum Frühstück , waren die Strahlen schon auf den Spitz vorgerückt, und als ich zurückblickte aus dem flinken Gefährte, hatten sie aueh schon den Joh erreicht! Die Rechnung war mehr als gering gewesen; mir fiel der Abschied von den guten Wirthsleuteu und dem schönen Deutschen Thale im Wälschen Lande ganz schwer.

Vom Bladner Thale nach Zahre führen verschiedene Gebirgspfade; auf jedem muss man zwei Gebirgsjoche ersteigen; die, welche unten in der Ecke vom Krummbach und eben so am Spitz vorüber durch unbenutztes steiniges Gebirge führen, sind steil, mühsam und selbst so ungenügend, dass man nicht einmal auf ihnen reiten kann, sondern öfters sich an den Schrofen anhalten muss. Um die beiden, 6- bis 8000 Fuss hohen „stigeln" (steilen) Gebirgskämme zu vermeiden, wählte der alte Tobele den bequemsten (kammotsten) Weg von all' den ihm bekannten, der erst unten im Kampolung (Campolango) das Thal der Piave (Arm: Sesis) verlässt und dort in dem Seitentheil eines nur mit Wälschem Namen benannten Nebenfiüsschens nach SSW. abführt. Um Zeit zu gewinnen, hatte ich einen Einspänner genommen, und so rollten wir, während die Sonne noch nicht die Sohle der Mulde von Bladen erreicht hatte, durch die verschiedenen borgata's (Weiler) hinab: „Ei Tobele, du fahrst fort", rief eine alte Frau dem gravitätisch im Ecke liegenden Begleiter zu.

„Wo willst' denn hin, Tobele?" rief eine Zweite an einem anderen Hause. „Ei, ich bleibe nimmer bei Euch; ich mag nimmer; ich geh' mit dem Herrn nach Berlin", beschied der Musikdirektor die, anfangs verwundert Schauenden, hernach aber lustig Lachenden! Die Fahrt durch die Sesis-Schlucht nach Kampolung auf der spiegelglatten Strasse war wiederum, wie ein paar Tage vorher aufwärts, ein reicher landschaftlicher Genuss! Wie schade, dass unsere Volksgenossen da oben so selten besucht und gestärkt werden; wie schade, dass so wenige von uns das Thal kennen und sich dort Erholung und Freude an der grossartigen Natur verschaffen! Als das Gefährte heimkehrte, hub das Steigen an; erst mählig und noch im Schatten der hohen Seitenberge die Cima Marendera ') hinan, begleitet wurden wir Anfangs von einem Wälschen Bauern und seinen beiden Buben; flugs nahm Einer derselben, auf des Vaters Geheiss, den ziemlich schweren (Bücher und Steinproben) Ranzen ab und trug ihn; dann löste ihn der Andere ab; es waren gefällige Leute, die jungen mit gelbem Haare und blauen Augen! Dann überschritten wir eine massige Hochfläche im Walde und begannen den Aufstieg auf den Ratzberg (Monte Ratzo); auf ihm liegt die grosse Gambenalp (Gambo) mit ihrer vortrefflichen Sennerei; sie gehört, schon nach Cadore. „Ich war eben in dem letzten Kriege in Zahre und half die neue Orgel bauen in der Kirche, als es hiess, die Deutschen kämen über Timau (auch ein Deutscher Ort im Wälschland an der alten berühmten Julischen Alpenstrasse der Römer) herab und als Alles von den Wälschen in grossen Schrecken gerieth; wir Bladner haben uns nit gefurcht; aber die Zahrer sagten: sie Hessen die Deutschen nicht herein in ihre Dörfer und versteckten ihr Vieh und Alles, was sie wegbringen konnten; die dummen Leute! s' sind doch auch Deutsche, die Zahrer! Und was haben die österreichischen Deutschen gethan? Da, die Käserei oben auf der Ratzalpe, die dem Wälschen gehört, die wir nachher oben finden werden, haben sie abgebrannt!

') Östlich der Terzagrande 8000 Fuss und westlich der grandiose Honte Cornon.

Peterniarm's Geogr. Mittheilungen. 1876, Heft IX

das war das Ganze" — erzählte Thomele. Nicht lange dauerte es, so befanden wir uns mitten in der unzähligen, weidenden Heerde! Lauter schönes, graues Vieh. Jenseit der Grenze, „im Deutschen" hat man nur rothgeschecktes Vieh. Vom vielstimmigen Glockengeläute begleitet, erklommen wir auf Viehpfaden die Höhe und sahen hinein in die weiten Räume der Sennerei. Jenseit derselben liegt auf der Hochfläche ein kleiner See, sein Wasser war früh 10 Uhr 16° R. Nachfolgende Touristen seien eigens auf die Möglichkeit, hoch da oben (zu beiden Seiten hatten wir an den Flächen des Ratzberges in gleicher Höhe tiefen Schnee) sich den Genuss eines erfrischenden Bades zu verschaffen, aufmerksam gemacht! Dann ging's hinab auf der südöstlichen Abdachung des Berges schon in das Flussgebiet des Tagliamento hinab. Vorher aber genoss ich noch die herrliche Rundschau! Was war das für ein Gewimmel von Thälern und Höhen und Bergriesen! Und über einen beträchtlichen Bergrücken hinweg sah man in der Ferne die Felder des Gebirgsdorfes Sauris in der Sonne erglänzen! Es war noch ein schön Stück Marsch dahin. Schier hatte ich im Beginn den Kräften des 64jährigen Trägers und Führers misstraut, doch mit jeder Stunde schien seine Kraft zu wachsen. „O, hätte ich nichts zu tragen, ich flog dahin wie ein Vogel", meinte Thomele. — Er hatte merkwürdige Schicksale gehabt; er erzählte mir viel aus seinem Kloster- und Wanderleben. „Ja, und jetzt bin ich Gemeindeorganist mit 64 Francs (Lire) Gehalt; kaum genug, um mir manchmal ein Schnäpschen zu kaufen; ich muss halt sehen, wie ich durchkomme! Morgen muss ich daheim sein, heute noch muss ich zurückkehren, sonst kann morgen kein Kirchengesang Statt finden! Ja wohl, ich spiel fast alle Instrumente; Violine aber ist mein Liebstes, das ist mein Leben. Schicken Sie nur Lieder für die Jugend und allerhand Sachen, es thut Noth und wird uns gut thun! Ich will schon den Kindern die Melodien und die Lieder einlehren!" Es war ein prächtiger Kerl, der Alte, ein ächter zäher Deutscher. Und welcher Kenner des Gebirges! Welcher Kenner der Quellen! „Das ist eine Schwefelquelle, und die da hält Eisen! Das sehen Sie schon an der Farbe! Probiren Sie nur." — Er hatte immer Recht. Bald wusste er einen Marmorbruch, bald einen ganzen Gypsberg zu zeigen. Das Beste aber war, dass er stets die besten, reinsten Trinkwässer anzugeben wusste. In der Hitze, bei steilem Auf- und Absteigen verdürstet man sonst fast. Von Ratzberg hinab hat ein Peroroller Kaufmann einen leidlichen Fahrweg bauen lassen, um die ungeheueren Wälder, die er den Gemeinden abgekauft, ausnützen zu können. Unten in der Tiefe an dem grossen Stalle, den er für die Zugthiere errichten liess, wird auch das Gebirgswasser zum Flössen benutzt, „der Mitterbach"; er fliesst in den Lumiei, der wieder ein Nebenfluss des Tagliamento ist. Der Lumiei erhält sein Gewässer aus dem Taubenthal, dem Gofthal und dem Mitterthal; auch die Bäche, die bei Wasserreichthum von den Zahrerdörfern herabfallen, eilen in den Lumiei. Von dem Stalle an kletterten wir die letzte Höhe hinan, auf „den Rücken." Auf ihm, dem Rücken, schritten wir noch ein paar Minuten scharf zu, dann sahen wir die ersten Höfe von Ober-Zahre vor uns liegen. Achtes Deutsches Gebirgsdorf, überall die Spuren von unendlichem Fleisse; der

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