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Sachen begründete Studien schliesslich hochwichtige Aufschlüsse ergeben müssen für die Lösung der schwierigsten und eingreifendsten Fragen der Wissenschaft. Zudem finde der menscbliche Geist, wenn er sich gegen die Annahme der Hypothese von der Arten-Entstehung sträube, kaum eine einigermaassen befriedigende Erklärung für die Ver

breitung der lebenden Wesen über die Oberfläche der Erde, wie sie augenblicklich besteht, also in Gestalt mehr oder weniger zahlreicher Gruppen von sich nahestehenden und einander ähnlichen Formen, die bestimmt zu sein scheinen, dieselben Rollen in der Ökonomie der Welt zu spielen.

Zur Entdeckungsgeschichte der West-Australischen Wüste.

(Mit Karte, s. Tafel 2.)

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Im Jahrgang 1863 der „Geogr. Mittheilungen" (8. 27 ff.) wurde in den Begleitworten zu einer Karte von West-Australien für Stieler's Hand-Atlas der Versuch gemacht, die Natur des Landes in kurzen Sätzen zu charakterisiren. Man kannte es damals nirgends weiter als 50 bis 60 D. Meilen landeinwärts von der Küste, nur dieser verhältnissmässig schmale Streifen konnte daher in Betracht gezogen werden und es schien eine Unterscheidung von drei Regionen gerechtfertigt: einer südlichen von der Südküste bis 29° S. Br., einer mittleren, die Flussgebiete des Murchison und Gascoyne umfassenden zwischen 29° S. Br. und dem Wendeeiner nördlichen mit den Flussgebieten des ?ortescue, Sherlock, Yule und De Grey. Die leilung wurde bezeichnet als eine öde Hochbis 1500 Fuss durchschnittlicher MeeresI wenig entwickeltem Flusssystem, vielen Salzimpfen Indem Thierleben. Die zweite ■neu, daher weniger Salzsee'n und iscoyne und Murchison führen das len in gewaltigen, zerstörenden Flui Nebenflüsse bieten grasreiche, von 1 Eingeborenen belebte Landstriche, iiste hin die trostlosesten, wasserarmen, urchdringlichem Dickicht bewachsenen hnen und nur südlich vom Murchison geeignetes, fruchtbares Hügelland, der ä Meeresküste begleitet. Die nördliche von Flüssen durchzogenes Terrassenland, Bedingungen des Bodens und der Bewäsiden anderen, erschwert aber den Anbau he Klima.

man weit entfernt von dem Glauben, dass Innere des Landes von einer Wüste eri Hochflächen im Süden nur einen Theil anmachen, dass s; >uch im Westen

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Terrasse von der Küste aus der Beginn jener Wüste sei, dass die gras- und thierreichen Landstriche, die man hier und dort gefunden, nicht die Anfänge des guten Landes im Innern, sondern nur Oasen in der trostlosen Wüste bezeichnen. Und es war von unberechenbarem Nutzen für die Erforschung von West-Australien, dass man an der Hoffnung festhielt, im Innern günstigere Naturbedingungen zu finden, denn schwerlich hätte man mit den äussersten Anstrengungen und unsäglichen Leiden, mit Todesverachtung und grossem Kostenaufwand die Entdeckungsreisen fortgesetzt, wenn man vermuthet hätte, was heute klar vor Augen liegt, dass West-Australien mit Ausnahme einiger Küstenstriche, aber mit Einschluss eines beträchtlichen Gebietes von Süd-Australien eine der grössten Wüsten der Erde ist. Die Hoffnung, die nie erlahmende, allverbreitete Triebfeder des Menschen in seinem Streben und Glauben, hat auch die Meere und Wüsten erschlossen, und eins der frappantesten Beispiele von ihrer Lebenskraft giebt uns die Entdeckungsgeschichte der West-Australischen Wüste.

Als den Beginn kann man Eyre's entsetzliche Reise längs der Grossen Australischen Bucht (1840) betrachten, aber erst in den letzten Jahren hat sich die Ansicht geltend gemacht, dass das wüste Litoral, das Eyre beging, schon den Rand der grossen Wüste des Innern bildet. Zwar hatten die verschiedenen Versuche, von der Grossen Australischen Bucht aus in das Binnenland einzudringen '), für das Gebiet von Süd-Australien mit unerbittlicher Übereinstimmung die ununterbrochene Fortsetzung der Wüstennatur vom Meeresstrande nach Norden hin dargethan, und bei einer zweiten Reihe von Expeditionen, die von den

') Miller und Dutton 1857 von der Streaky-Bai gegen Norden. (Geogr.

Mitth. 1859, Tafel 7.) Stuart 1858 im Westen des Gairdner-See. (Geogr. Mitth. 1860,

Tafel 13.) Holroyd 1859 von der Fowler-Bai aus. (Geogr. Mitth. 18GO, S. 46

und 78.) M'Farlane 18G3 von der Streaky- und Fowler-Bai aus (Geogr. Mitth.

1864, S. 229.) Dolisser und Hardwicke 1865 von dem Kopf der Gr. Australischen

Bucht durch die Nullarbor - Ebene gegen Nordwesten. (Geogr.

Mitth. 1867, S. 156; Ergänzungsheft Nr. 30, Tafel 1.)

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West-Australischen Ansiedelungen ausgehend ostwärts die Hochflächen durchzogen '), fand man nichts als eine Fortsetzung des öden Wüsten - Plateau's mit seinen trockenen oder sumpfigen Salzsee'n von der Küste bis gegen den 30. Breitengrad und 124. Längengrad (v. Gr.) hin, aber es bestand noch eine breite Lücke zwischen diesen WestAustralischen und jenen Süd-Australischen Forschungen und sie konnte nordwärts von Eyre's Reiseweg das gehoffte gute Land bergen. Man war in den Kolonien hiervon so fest überzeugt, dass man annahm, es könnten recht wohl Flüsse aus dem Innern in die Grosse Bucht sich ergiessen, Eyre werde bei seinen Nachtmärschen die sandigen Mündungsbarren überschritten haben, ohne es gewahr zu werden. So kam es, dass J. und A. Forrest noch 1870 mit der guten Absicht auszogen, solche Flüsse zu entdecken; aber gerade ihre Reise um die Grosse Bucht herum nach Süd-Australien verscheuchte die lockenden Phantasiegebilde und erwies, dass die Wüste des Meeresufers sich weiter nach Norden fortsetzt, denn sie hielten sich entfernter vom Meere als Eyre und machten an verschiedenen Stellen Exkursionen landeinwärts.

Weiter nördlich begannen die grossen Unternehmungen zur Erforschung des Innern 1846 mit der Reise der drei Brüder Gregory2) nach dem Jackson-Berg, Moore-See und Arrowsmith-Fluss, der 1854 die grosse Expedition unter Robert Austin folgte 3). Die letztere kam beträchtlich weiter nach Nordosten, entdeckte den Austin-See, den mittleren Lauf des Murchison-Flusses und mühte sich vergebens in der Wüste zwischen diesem und dem Gascoyne ab, so

') Roe 1848—9 von Ferth südöstlich nach King George'» Sound und östlich bis zu den Russell-Bergen. (Journal of the R. Oeogr. Soc, XXII, 1852, p. 1.) C. und A. Dempster, Clarkson und Harper 1861 von Northam am Avon ostwärts bis zum Kennody-Berg und Deborah-See. (Oeogr. Mitth. 1863, S. 95 und Tafel 4; 1864, Tafel 10.) Lefroy 1863 von York ost- und nordostwärts bis zum Burges- und

Robinson-Berg. (Geogr. Mitth. 1864, S. 293 und Tafel 10.) Hunt 1864 von York über den Deborah-See und Burgos-Berg nach den Hampton-Ebenen. (Proceedings of the R. Geogr. Soc, IX, 1864—5, p. 111 ; Geogr. Mitth. 1869, Tafel 23.) C. und A. Dempster 1865 von der Esperance-Bai an der Siidkttste nach Norden bis gegen die Hampton-Ebenen. (Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin, II, 1867, S. 522.) A. Forrest 1871 von Perth ostwärts über die Hampton-Ebenen hinaus und dann südwärts nach der Esperance-Bai. (Geogr. Mitth. 1872, S. 230; Journal of the R. Geogr. Soc, XL1I, 1872, p. 388 und Karte.)

*) Journal of the R. Geogr. Soc, XVIII, 1848, p. 26 und Karte. Auf dieser Karte ist ausser der Grcgory'schen Reise die des Lieut. Helpman angegeben, der ebenfalls 1846 von Fremantlc zu Schiff nach dem Irwin-Fluss sich begab, um dort die Kohlenlager zu untersuchen. Da aber die kurze Route Helpman's auf der Karte wenig bemerkbar ist und der Titel der Karte leicht zu dem Glauben verführt, Holpman «ei mit den Gregorys zusammen gereist, so findet man in Abhandlungen wie auf Karten hie und da in der That Uelpman als Begleiter der Brüder Gregory genannt.

s) Journal of the R. Geogr. Soc, XXVI, 1856, p. 235 und Karte. Siehe Gregory's und Austin's Reisen auch in Geogr. Mitth., Ergzheft Nr. 30, Tafel 1.

dass sie endlich genöthigt war, am Murchison abwärts die wirklicheren Küstenstriche aufzusuchen. Austin hat mit Beinen 9 Begleitern alle Schrecken der Wüste reichlich kennen gelernt und er spricht es selbst aus, es komme ihm wie ein Wunder vor, dass seine Expedition aus der gefährlichsten Lage in dem schrecklichen Lande wiederholt gerettet worden sei, aber dennoch war er voller Hoffnung, dass man weiter im Osten ein fruohtbares Land auffinden werde. Er hatte auf dem Weg vom Austin-See zum Murchison-Fluss vier grosse, für gewöhnlich freilich wasserleere Zuflüsse des letzteren überschritten, die aus Nordosten kommen und eine Gegend durchfliessen, in der rothe Kängurus, Emus und Trappen trotz des unfruchtbaren Bodens gesehen wurden. Auch schon vorher hatten er sowohl wie vor ihm die Brüder Gregory das grosse rothe Känguru (Osphranter rufus) in den fernsten von ihnen berührten Gegenden des Innern wahrgenommen 'und weil dieses Thier weiter gegen Südwest nicht vorkommt, sich angeblich aber nur in sehr fruchtbaren Gegenden aufhält, so lag der Schluss nahe, dass das Land weiter im Innern fruchtbarer sein müsse. Es war diess der beste, ja der einzige auf eine Thatsache sich stützende Grund für die Aufrechthaltung jener Hoffnung, aber auch er sollte sich schliesslich als ein Phantom erweisen.

Vier volle Längengrade östlich über die fernsten Punkte Austin's hinaus drang John Forrest 1869 in die Wüste ein, er erklärt ausdrücklich die von ihm bereisten Gegenden für werthlos nicht nur zum Ackerbau, sondern auch als Weideland, aber auch er traf das grosse rothe Känguru an und fand an seinem östlichsten Punkte einen lichten Wald von Eucalypten, er kehrte daher mit der Nachricht zurück, dass er eine Änderung in der Natur des Landes zum Besseren gefunden habe ').

Ähnliches wiederholt sich im Norden. Als Augustus Gregory 1856 vom Victoria-Fluss aus gegen Süden bis jenseit des 20. Breitengrades vordrang 2), kam er zwar zuletzt in eine Sandwüste mit Salzsee'n , aber er hatte unterwegs die grasbewachsene, waldbegrenzte Denison-Ebene am SturtCreek angetroffen, und man erinnerte sich lieber dieser Oase als der Wüste. Sein Bruder Frank Gregory kam nach Entdeckung des De Grey- und Oakover-Flusses am 2. September 1861 östlich vom Oberlauf des Oakover 30 D. Meilen von der Nordwestküste in „ein weites Flachland, bedeckt mit höchst merkwürdigen, von Wasser ausgewaschenen rothen Treibsand-Dünen, die in parallelen Linien mehrere hundert Yards auseinander lagen und gleichmässig in der Richtung von N. 109° O. verliefen. Der Sand ist durch

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den Wind zu scharfen Rucken von 30 bis 60 F. Höhe aufgehäuft. Am nächsten Morgen traten wir in eins der nach Ostsüdost führenden Thäler und folgten ihm 18 Engl. Meilen weit, da sich aber kein Wasser vorfand und die Sandriicken sich mindestens noch 15 Meilen weiter erstreckten , auch mehrere Pferde wieder unbrauchbar wurden, so sahen wir uns zum Rückzug gezwungen". Am 6. September machte Gregory einen zweiten Versuch, in die Wüste vorzudringen, er legte 30 Engl. Meilen gegen Süden zurück und sah sich wiederum durch Wassermangel und durch den schlechten Zustand der Pferde, von denen er zwei bei dieser Gelegenheit verlor, zur Umkehr genöthigt. Aber es kam ihm keineswegs in den Sinn, dass er hier am Rande einer grossen Wüste stehe, im Gegentheil berichtet er: „Zu meinem grossen Bedauern musste ich den Versuch zum weiteren Vordringen gegen Osten aufgeben, obgleich alle Anzeichen für die Existenz eines grossen Flusses innerhalb 40 bis 50 Engl. Meilen sprachen. Die allmähliche Senkung des Landes, die wir während der letzten Tagereisen bemerkt hatten, die geographische Lage und die mächtigen Anhäufungen von Treibsand, welchen der SüdostPassat über die Ebene geweht hatte und der unserem Vordringen nach dieser Richtung Schranken setzte, unterstützten die seit lange gehegte Ansicht, dass in dieser Gegend ein grosser Fluss zu finden sein möchte, der einen beträchtlichen Theil der Gewässer Central-Australiens in sich aufnimmt. Seine Entdeckung würde eines der wichtigsten Probleme in Verbindung mit der physikalischen Geographie dieses Continentes lösen und diese Lösung war für mich ein Hauptantrieb zur Unternehmung der Expedition gewesen. Nur die äusserste Wahrscheinlichkeit, dass jeder fernere Versuch nicht nur Verluste bringen, sondern auch die Sicherheit der Gesellschaft ernstlich gefährden würde, konnte daher meine Begierde, diesen interessantesten Theil unseres Unternehmens auszuführen, aufwiegen. Erst nach sorgfältiger Erwägung aller Umstände entschloss ich mich zur Umkehr."

F. Gregory's Ansichten waren maassgebend, Alles, was man vom Nordwesten der Kolonie kannte, verdankte man seiner Erforschung des Murchison- und Gascoyne - Flusses im J. 1858 ') und seinem Entdeckungszug durch die Flussgebiete des Ashburton, Fortescue, Sherlock, Yule und De Grey in 1861 2), folgerichtig schickte daher die Kolonie 1874 die Brüder J. und A. Forrest nach Norden und Nordosten in der zuversichtlichen Voraussetzung, dass sie an den Quellen der genannten Flüsse „weder unfruchtbare noch schlecht bewässerte Gegenden" finden würden, die von ähnlicher Beschaffenheit wie die Denison-Ebene sich

zu neuen Weidegründeu eignen möchten. Bevor die Forrest'sche Expedition die Küste verliess, erhielt sie zwar die Nachricht, dass Oberst Warburton zwischen Süd- und WestAustralien eine zusammenhängende Wüste durchzogen und nur mit knapper Noth die Ansiedelungen am Oakover erreicht habe '), als sie aber im Quellgebiet des Murchison Grasflächen fanden mit lichtem Wald, belebt von Kängurus, und Lachen süssen Wassers, auf denen sich Entenschaaren tummelten, da erfüllte sie die Hoffnung, auch weiter landeinwärts Flüsse und gutes Land zu finden, und frischen Muthes betraten sie die Wüste, mit der sie vier Monate kämpfen sollten 2).

So sind denn alle Hoffnungen zu nichte geworden. Warburton bezeichnet das von ihm zwischen den MacdonnellBergen und dem Oakover-Fluss durchzogene Gebiet gerade heraus als Wüste, ein hohes sandiges Plateau, gerippt mit Sandrücken, und nicht minder ehrlich beschreibt Forrest den 5 Breitengrade südlicher von ihm durchzogenen Gürtel als gewellte Spinifex-Wüste mit tertiärem Wüstensandstein. Forrest's Reise von 1869 auf dem 28. und 29. Parallel wie alle die erwähnten Reisen südlich vom 31. Parallel beweisen die trostlose Ausdehnung des Wüsten - Plateau's bis an die Südküste. Wie weit es sich nach Osten erstreckt, lässt sich bei dem gegenwärtig noch so lückenhaften Stand unserer Kenntniss nur vermuthen. Warburton nennt das ganze Innere des Continents Wüste, indess darf man von Queensland und Neu-Süd-Wales doch nur einiges Gebiet an der Westgrenze so bezeichnen und auch im Innern des Süd-Australischen Gebietes sind die Ausnahmen zu bedeutend, als dass man eine zusammenhängende Wüste für das ganze Binnenland Australiens annehmen könnte. Allerdings scheint sich im Norden des Wendekreises die Wüste von West - Australien her mit geringen Unterbrechungen durch die ganze Breite des Süd-Australischen Gebietes fortzusetzen, aber südlich vom Wendekreis ist im Osten wohl nur Sturt's Steinige Wüste zu diesem grossen Complex zu rechnen, wogegen die Landschaften im Westen des EyreSee's und längs der Telegraphen - Linie nach Norden bis zu den sehr begünstigten Macdonnell-Bergen, so wie das Hügelland, welches Gosse 18733) und Giles 1873— 4 *) durchwandert haben, ein grosses Areal füllen, das zum Theil schon von Viehzüchtern besetzt ist und bei der reichlichen Vegetation mit gleichzeitigem Mangel an fiiessendem Wasser als Steppe bezeichnet werden muss. Forrest, der von Westen kommend auf dieses Hügelland stiess, unter

') Proceedings of tbe R. Geogr. Soc, III, 1858—9, p. 34. *) Geogr. Mitth. 1862, S. 281 und Tafel 11.

') Warburton, Joumey across the Western Interior of Australia. London 1875.

2) Geogr. Mitth. 1875, S. 409.

3) Geogr. Mitth. 1874, S. 361 und Tafel 19.

*) Giles, Geographie Travels in Central Australia. Melbourne 1875.

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Wir flohen hinweg mit aufgeblasenem Segel längs der Küste von Mahata, wo wir eine so dichte Bevölkerung, Gruppen so grosser Dörfer sahen, wie wir sie nirgends sonst angetroffen hatten. Wir wollten versuchen, von den Eingeborenen die Namen einiger dieser Dörfer zu erfahren, und steuerten deshalb nach einer Einbuchtung am westlichen Ufer von Mahata, ankerten 50 Yards vom Lande und Hessen so viel Ankertau ablaufen, dass uns nur noch ein Paar Fuss tiefen Wassers von dem Strand trennten. Etwa ein halb Dutzend Männer, die kleine Landmuscheln über den Ellbogen und einen Reif davon um den Kopf trugen, kamen bis an den Rand. ' Wir eröffneten mit ihnen eine freundliche Unterhaltung und dabei erfuhren wir den Namen des Landes als Mahata oder Maheta in Ugeyeya; mehr wollten sie nicht sagen, bevor wir landeten. Wir trafen Anstalten dazu, aber die Menge vergrösserte sich am Ufer so rasch, dass wir wieder wegrudern mussten, bis sie ihre Aufregung gemässigt und Platz gemacht hätten. Sie schienen zu glauben, wir wollten ganz fortrudern, denn plötzlich kamen aus dem Gebüsch zu beiden Seiten der Stelle, wo wir hatten landen wollen, eine solche Menge Speere zum Vorschein, dass wir unser Segel aufzogen und sie verliessen, um ihre Verrätherei an einem anderen Boot oder Kahn mit unvorsichtigerer Besatzung versuchen zu lassen. Wir sahen die getäuschten Leute auf einer kleinen Anhöhe hinter dem das Ufer einfassenden Gebüsch Berathung halten und ohne Zweifel dachten sie, wir würden dicht an einer kleinen Spitze am Nordende der Einbuchtung vorbeikommen, denn sie schrieen vor Freude über die Aussicht auf einen Preis; aber das Segel herablassend ruderten wir gegen den Wind, weit ausser dem Bereich ihrer Bogen oder Schleudern und hielten am Abend auf eine kleine Insel zu, wo wir unser Boot vor Anker legten und in Sicherheit die Nacht zubrachten.

Am folgenden Tag setzten wir unsere Reise fort, segelten an dem Ufer von Nduru und Wangano entlang und in eine Bai, welche das nordöstliche Ende des Victoria Niyanza bildet. Manyara an der Ostseite der Bai ist ein Land mit kühnen Bergen und Rücken, während das Nordost-Ende selbst, durch das der Fluss Yagama in den Niyanza einmündet, flach ist. Dem Ufer von Manyara gegenüber liegt das von Muwanda und das Vorgebirge Tschaga, während die grosse wurmähnliche Insel Usuguru 2), von West nach Ost

') Den Anfang des Aufsatzes mit der Karte siehe Geogr. Mitth. 1875, S, 455 und Tafel 23.

*) Auf der Karte ist eine Halbinsel Wenguru an Stelle dieser Insel Usuguru gezeichnet.

über die Mündung der Bai laufend, sie fast ganz einschliesst. In Muwanda versuchten wir nochmals unser Glück mit den Eingeborenen und wurden diessmal nicht getäuscht, so dass wir uns mit einem ganzen Vorrath von Vegetabilien und Provisionen zu billigem Preis versehen konnten. Sie gaben uns jede gewünschte Auskunft. Baringo, sagten sie, ist der Name, den die Leute von Ugana dem Distrikt Nduru von Ugeyeya und der Bai, auf der unser Boot fuhr, dem äussersten Ende des See's, geben; sie kannten keinen See, gross oder klein, ausser dem Niyanza, und hatten von keinem solchen etwas gehört. Ich habe das Ufer von Muwanda bis Uganda und meinen Besuch bei Mtesa nebst meiner glücklichen Begegnung mit Colonel Linant de Bellefonds von Gordon's Stab ziemlich ausführlich beschrieben und brauche es nicht zu wiederholen.

An dem Tage, nachdem ich meinen letzten Brief geschrieben hatte, traf ich ein Übereinkommen mit dem König von Uganda, wonach er mir 30 Kähne mit ca. 500 Mann leihen wollte, um den in Usukuma zurückgebliebenen Theil der Expedition nach dem Katonga-Fluss zu bringen. Mit diesem Versprechen und 10 grossen Kähnen als Handgeld darauf reiste ich am 17. April von der Murchison-Bai ab. Wir blieben bis zum Katonga-Fluss beisammen, hier erklärte aber der oberste Kapitän der Waganda, er müsse nach Sasse, der 12 Engl. Meilen vom Festland entfernten grössten Insel des Victoria Niyanza, hinüberfahren, um die übrigen 12, von Mtesa versprochenen Kähne zu holen. Der Kapitän gab mir zwei Kähne, mich zu begleiten, und das Versprechen, dass mich die ganze Flotte in wenigen Tagen eingeholt haben würde. Ich war ungeduldig, meine Aufnahme des See's fortzusetzen und wieder nach Usukuma zurückzukommen, denn ich war von der Expedition schon lange Zeit abwesend, während dessen vieles meinem Erfolg und dem Frieden meiner Seele Nachtheilige hatte passiren können.

Ich machte zweimal täglich Beobachtungen mit dem Wasserhorizont, Mittags für Breite und Nachmittags für Länge, und es thut mir leid sagen zu müssen, dass, wenn meine Beobachtungen richtig sind, Speke in seiner Breite für die ganze Küste von Uganda um 14 Minuten im Irrthum war. Die Mündung des Katonga-Flusses z. B. -liegt nach seiner Karte etwas südlich vom Äquator, ich habe sie mittelst Meridianhöhe, am 20. April beobachtet, zu 0° 16' N. gefunden. So ist es mit fast allen seinen Breiten. Seine Längen dagegen differiren mit den meinigen nur wenig, aber diess erklärt sich leicht. Die Länge einer Position kann mit einem Chronometer, Sextant oder künstlieben Horizont mit derselben Genauigkeit zu Land wie auf dem Meer bestimmt werden. Kommt eine Differenz vor, so hat sie ihren Grund sehr wahrscheinlich in dem Fehler der Chronometer. Was für Instrumente Speke zur Beobachtung seiner Breiten benutzte, weiss ich nicht, aber wenn er die Höhe der Sonne über 65° fand, konnte er sie nicht mit einem gewöhnlichen Sextanten bekommen ausser durch doppelte Höhe, und diese Methode ist nicht so genau als wenn man eine einfache Meridianhöhe auf einem ruhigen See mit weitem Wasserhorizont nimmt. Es giebt jedoch verschiedene Methoden zur Breitenbestimmung und Speke war mit vielen vertraut '). Meine Positionen rings um den See sind mit einem See-Horizont bestimmt. Wenn die Mittagszeit nahe war, suchte ich bei rauher Oberfläche des See's die nächste Insel oder ein ruhiges Kap am Ende einer Bai und machte dort meine Beobachtungen so bedachtsam, als hinge mein Leben von ihrer Genauigkeit ab. Aber diese Arbeit war in der That ein Vergnügen für mich, ich fand reiche Entschädigung für meine Leiden und das stürmische Leben auf dem See, wenn ich auf die hübsche Ausdehnung meiner kartographischen Arbeit über den weissen Baum meiner Karte mit allen Biegungen, Krümmungen, kleinen Häfen, grossen und kleinen Buchten, Vorgebirgen, Flussmündungen, was Alles jetzt sicher bekannt ist unter dem Namen Victoria Niyanza, blickte. Etwaige Fehler, die sich in meine Berechnungen eingeschlichen haben, werden bei meiner Eückkehr aus Afrika oder nach der Ankunft meiner Papiere in Europa von competenten Autoritäten entschieden werden.

Der Katonga ist kein grosser Fluss und hat nur Eine Mündung. Etwa 8 Engl. Meilen WSW. vom Katonga ergiesst sich der Amionzi-Fluss in den Niyanza. Ugunga erstreckt sich bis zum Kagerah, der in 0° 40' S. Br. liegt. An der Südseite dieses Flusses beginnt TJsongora, das sich bis 1° S. Br. ausdehnt. Südlich von 1° S. Br. liegt Kamiru, das bis 1° 15' S. reicht. Dort beginnt TJwya, desBen Volk an Unternehmungsgeist mit den Leuten von Ukerewe Ähnlichkeit hat. Jenseit Uwya liegt Uzinja oder Uzinza, das die Wanyamwesi mit dem Namen Mweri bezeichnen. Uzinja dehnt sich bis an Jordan's Nullah aus und östlich von diesem kommen wir wieder nach Usukuma. Eine Tagefahrt bringt uns von Jordan's Nullah nach Muanza, das 1858 von Speke erreicht wurde, und nach Kagehyi in unser Lager, wo wir freudig begrüsst werden von denen, die noch am Leben sind, denn wir haben arme Burschen zu beklagen, die während unserer Abwesenheit durch Krankheit einem frühzeitigen Grabe zugeführt wurden.

Ich muss mich kurz fassen in dem, was ich noch zu sagen habe; ich hatte die Absicht, einen langen Brief zu schreiben, aber Singoro's Sklave, der ihn mitnimmt, hat Eile, da seine Karawane schon aufgebrochen ist. Mein nächster Brief muss diesen Bericht vom Kagerah-Fluss an, der in Karagwe Kitangule genannt wird, fortsetzen und er

') Capt. Speke bediente sich achtzölliger Sextanten und seine Original-Beobachtungen sind Ton Mr. E. Dunkin auf der Greenwicher Sternwarte berechnet. Die wenigen in den vorliegenden Briefen Stanley's angeführten Positionen stimmen übrigens nicht zu seiner Karte. Kagehyi am Südufer des See's liegt auf der Karte '/« Breitengrad, die Katonga-Mündung ca. 8' zu weit nördlich. Auf Tafel 23 des Jahrgangs 1875 sind die Positionen der Stanley'schen Karte beibehalten.

wird einige böse Abenteuer beschreiben, die wir durchmachen raussten und die Schuld waren, dass wir in erbärmlichem Zustand zu unserer Expedition zurückkamen. Trotzdem war unsere Lage nicht halb so schlimm, als sie gewesen sein würde, wenn wir zwei Tage später zurückgekehrt wären, denn ich bezweifle sehr, dass ich in diesem Falle überhaupt noch über eine Expedition zu befehlen hätte. Ich war zu lang abwesend gewesen und unser Gefecht mit den Wavuma war durch die Gerüchte der Eingeborenen so vergrössert und erweitert worden, dass Wolseley's Sieg bei Ardahsu nichts gegen den unsrigen war, denn es hiess, wir hätten eine ganze Flotte von Kähnen zerstört, kein einziger sei entkommen, und ein anderer Stamm oder mehrere hätten eine Streitmacht zusammengezogen, uns eingeholt und in ähnlicher Weise vernichtet — eine unglaubliche Geschichte, die aber auf einen Theil meiner Soldaten solchen Eindruck gemacht hatte, dass sie entschlossen waren, nach Unyanyembe und von da nach Zanzibar zurückzukehren. Aber Gott ist hier mit uns gewesen und auf dem See, und obgleich wir Einiges gelitten, hat er uns doch vor grösserem Missgeschick bewahrt.

Wir waren 58 Tage vom Lager abwesend gewesen und hatten in dieser Zeit auf unserem braven kleinen Boot über 1000 Engl. Meilen Seeufer aufgenommen; nur ein Theil des südwestlichen Ufers bleibt noch zu erforschen und wir werden den Niyanza nicht verlassen, bevor wir unsere Arbeit vollendet haben. Bei der Rückkehr musste ich erfahren, dass einer meiner übrig gebliebenen weissen Begleiter, Frederick Barker vom Langham Hotel in London, am 23. April, 12 Tage vor meinem Wiedererscheinen in Kagehyi, gestorben war. Seine Krankheit bestand, so viel ich aus Frank Pocock's Beschreibung erfahren kann, in einem entzündlichen Fieberfrost (congestive chill), so nennt man es wenigstens in den Vereinigten Staaten. Pocock nennt es kalte Anfälle (cold fits), ein Ausdruck, der bis aufs Kleinste eben so passt. Ich habe Mehrere gekannt, die an diesen kalten oder Fieberfrost-Anfällen gestorben sind, es sind die Vorläufer - Symptome sehr schwerer Anfalle von intermittirendem Fieber und tödten den Patienten bisweilen, bevor noch das Fieber, das meist darauf folgt, sich wirklich eingestellt hat. Die Lippen werden blau, das Gesicht sieht aus wie das eines Erfrorenen, das Blut wird wie geronnen, der Puls hört auf und es erfolgt der Tod. Es giebt jedoch verschiedene Methoden, den Blutumlauf zu beschleunigen und den Patient wieder zu beleben; von vortrefflicher Wirkung ist, wenn man ihn in ein Dampf- oder heisses Wasser - und Senf- Bad bringt und restaurirende Getränke, Branntwein, heissen Thee &c. anwendet; Pocock war aber in diesem Fall nicht erfahren, obwohl er Barker etwas Branntwein gab, als er sich zuerst legte und etwas Üblichkeit und Frost empfand. Wie es nach dem Bericht seines Kameraden scheint, hat er darauf nur noch eine Stunde gelebt. Frederick Barker litt bereits in Urimi an einem solchen heftigen Fieberanfall, aber Branntwein und heisser Thee führten damals rasch wieder die Reconvalescenz herbei.

So sind nun zwei von meinen vier weissen Leuten todt. Ich bin neugierig, wer zunächst daran kommt? Der Tod ruft, Wer nun? und vielleicht fragen auch einige unserer Freunde besorgt und gütig: Wer zunächst? Einerlei wer es ist. Wir könnten uns nicht verbessern, wenn wir ver

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