Page images
PDF

einzudringen, — eine Tollkühnheit, welche er mit der ernsthaften Erkrankung seiner Lungen bezahlen rausste, deren seine eiserne Constitution nie wieder völlig Herr geworden ist und die in Verbindung mit perniziösen Sumpffiebern den bis zum Äussersten Geschwächten zwang, auf weitere Unternehmungen zunächst zu verzichten. Eine 15tägige höchst beschwerliche Flussreise in einer Chinesischen Barke brachte ihn wieder nach Kiu - kiang, und am 3. April 1874 konnte er sich in Shanghai nach Frankreich einschiffen, nach einer nahezu zweijährigen unter den schwersten, aber auch erfolgreichsten Anstrengungen verbrachten Thätigkeit des reisenden Naturforschers, in einem Lande, um dessen naturgeschichtliche Aufhellung sein Verdienst das eminenteste bleibt.

Armand David hat also diese seine letzte Reise in einem zweibändigen so eben erschienenen^ höchst interessanten Buche beschrieben. Den nach seinen Tagebüchern zusammengestellten Bericht über die früheren findet man in den „Nouvelles Archives du Museum d'histoire naturelle de Paris publiees par M. M. les Professeurs-administrateurs" &c., einem leider bei uns viel zu wenig bekannten Werke. In sehr ansprechender Form hat überdiess in den während der Belagerung erschienenen Bänden der Revue des deux Mondes Herr Blanchard vom Institut de France die Reisen David's beschrieben. Wichtig ist noch der im Bulletin de la Soc. de Geographie für 1871 publicirte Brief David's an den General-Sekretär der Gesellschaft.

Die Sammlungen des Französischen Missionars auf den Gebieten der Zoologie, Botanik und Geologie übertreffen an Umfang wie an Masse des Neuen weit Alles, was jemals auf diesem Gebiete durch die Kraft eines einzelnen Menschen erreicht worden ist. Ihre Bedeutung für die Wissenschaft kann gar nicht zu hoch taxirt werden. Erst ein Theil derselben ist in einer dieser Bedeutung entsprechenden Weise systematisch verwerthet worden, so die Säugethiere, unter ihnen mehr als dreissig neue, durch Alphonse Milne-Edwards, die Vögel durch den verstorbenen Jules Verreaux, die Mollusken durch Deshayes &c. Ausserdem aber verdanken wir diesen Reisen eine grosse Anzahl von Beobachtungen und Notizen geographischer, naturgeschichtlicher und anthropologischer Art. Armand David schätzt nach sehr sorgfältiger Berechnung die Zahl der Gesammt-Bevölkerung des intramuralen China auf mindestens 300.000.000. China ist viel weniger reich, als man gewöhnlich annimmt; ja es vermag kaum seine wenn auch noch so genügsame Bevölkerung zu ernähren. Abgesehen von der Kohle findet nmn erst gegen Yünnan hin metallische Minen von einiger Bedeutung. Mit Ausnahme einzelner höchst unzugänglicher Gebirge ist das ganze ungeheuere Reich von Baumwuchs entblösst und von Nachpflanzen, also von Forstkultur, ist nir

gends eine Spur zu bemerken. . Selbst das zum Anfertigen der Särge nöthige Holz wird importirt. Auch Obstbäume findet man nur sehr spärlich kultivirt. Im Allgemeinen ist die Bevölkerung friedlich, arbeitsam, höflich und dem Trünke abgeneigt; dafür aber unter der leidenschaftlichen Hingabe an die Wirkungen des Opiums; die reinen gelben Racen des Nordens und Ostens China's sind civilisirter, berechnender, zurückhaltender, kälter und weniger für Gefühls - Affekte zugänglich als die gemischten Racen im Westen und Süden. Die Missionäre sind namentlich im Inneren sehr beliebt, haben es verstanden, dem Namen Europa's und namentlich Frankreichs Achtung zu verschaffen und verdienen in China den ihnen anderweitig beigelegten Namen von Pionieren der Civilisation.

Andererseits hält David China weder für vorbereitet noch für geneigt, unsere Europäische Civilisation aufzunehmen. Es bedarf derselben in der That auch nicht, da es die nöthigen Elemente des Gedeihens in sich besitzt und seine Lebensfähigkeit durch einen nur sehr wenig veränderten Zustand von nahezu 5000jähriger Dauer bewiesen hat. Der Tag, wo China anfangen wird, wesentliche Reformen einzuführen, könnte der Anfang vom Ende für das ungeheuere Reich sein. Für wissenschaftliche Belehrung sind bis jetzt nach Abbe David die Chinesen kaum oder nur sehr schwer zugänglich. Ihr Gedächtniss ist in der Regel besser als das unsere, denn es ist die einzige intellektuelle Fakultät, welche sie kultiviren. Sie fassen daher ausserordentlich leicht auf, wo es sich nicht um Raisonnement handelt , wo nicht tieferes logisches Nachdenken von ihnen gefordert wird. Es erscheint David gefährlich und jedenfalls unvortheilhaft für Europa, bei den Orientalen eine wissenschaftliche Erziehung sehr zu befördern. Er fürchtet die Conkurrenzfähigkeit dieses unerschöpflichen Ameisenhaufens und ist der Ansicht, man könne Asien, Malaiasien, und Afrika immerhin der geduldigen Thätigkeit der gelben Race überlassen, dass man aber die andrängenden Wogen derselben um so energischer von Europa und Amerika abzulenken habe, wenigstens für zunächst.

Es erscheint uns nicht unwichtig, hinzuzufügen, dass Abbe David, wenngleich seiner eigentlich missionarischen Thätigkeit offiziell entbunden, doch den katholischen Geistlichen zu keiner Zeit verleugnet und die vorschriftsmässigen religiösen Übungen seines Ordens auch unter den heterogensten Verhältnissen nicht unbeachtet lässt. Als echter Naturforscher sucht er dagegen bei sogenannten Wundern nur nach ihrer natürlichen Erklärung. Seine Ansicht über den Darwinismus ist interessant genug. Er „verweigert" es sich, die letzten Consequenzen zuzulassen, aber er ist der Ansicht, dass derartige auf das täglich anwachsende, und schon jetzt wahrhaft ungeheuere Material von That

[ocr errors][graphic]
[ocr errors][graphic][ocr errors]
« PreviousContinue »