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Arten von Aberglauben benutzen fremde Reisende, um in Novellen und Romanen uns als eine halb barbarische und dumme Nation zu schildern, was ihnen nicht möglich wäre, wenn unser Clerus mehr Sorgfalt auf die Erziehung seiner Lämmer verwendete, als es heut' zu Tage geschieht '). — Die Nacht war recht hässlich wegen eines kalten Sturmes, welcher uns das Zelt zwei Mal über den Haufen warf. Um einige Stunden ruhig schlafen zu können, musste ich die Hängematte verlassen und auf einem auf den Sand gebreiteten Unzenfelle schlafen, weil Tücher wegen öfterer kleiner, aber kalter Regenschauer nicht zu verwenden waren. Um 5 Uhr Morgens erhoben wir uns, um den Dumbägrande zu untersuchen. Es hielt schwer, meine Leute dazu zu bringen wegen der Gefahr, welche das Unternehmen begleiten sollte. Einige erzählten, dass am hinteren Ende der Lagune ein grosser Quilombo 2) von Negern sei, deren Trommeln man höre, sobald man an eine Felsenpartie in der Mitte der Lagune komme: andere sagten, hier lägen Dörfer der Chavantes, welche uns gewiss angreifen würden, wenn wir die Verwegenheit begingen, bis an das Ende zu fahren. Unglücklicherweise erhob sich während dieser Reden eine Rauchsäule in der Richtung des Endwinkels der Lagune, gleichsam als Commentar jener ängstlichen Ansichten. Wir brachen deshalb unter Beobachtung der grössten Vorsichtsmaassregeln auf, Kugeln in den Gewehren &c., und sahen in der ersten '/i Legoa nichts Besonderes, als die Kaimans und eine Menge Wasservögel, auf welche wir nicht feuern wollten, um den angeblichen Feind nicht aufmerksam zu machen. Ich erinnere mich nicht, welches Thier ich schiessen wollte und deshalb meine Flinte lud und zielte, als ein Soldat vor mich mit so einer verzweifelten Stimme hintrat und sagte: „Herr Doctor, um Gotteswillen schiessen Sie nicht." „Und weshalb?" Er zögerte, ich wurde ungeduldig und sagte, er solle weggehen. Da senkte er die Stimme und erwiderte mir höchst ernst: „Ich will meinen Abschied nehmen, suche schon lange einen Stellvertreter und finde keinen." „Und was hat das mit meinem Schiessen zu thun?" „Der Schuss erschreckt die Neger des Quilombo und ich will einen Calunga fangen, um an ihm einen Stellvertreter zu finden." Diese geistreiche Antwort und die Art, auf welche sie vorgebracht wurde, erheiterte mich so, dass ich den Hahn in Ruhe setzte. Nach einer Fahrt von '/4 Legoa wandten wir uns links, fuhren in einen Kanal und kamen in ein mächtiges Becken, dessen hohe Uferabhänge auf beiden Seiten mit dichtem Walde bedeckt waren. Wir hielten ein wenig still, um die pracht

') Wie beschämend für uns und die hochgebildetsten Nationen Europa's, wo die mannigfachsten Arten Aberglauben noch in üppigster ülüthe stehen!

2) Dorf von entlaufenen oder Busch-Negern.

volle Aussicht auf diese scheinbar unermessliche Bai zu geniessen, auf welcher, wie auf dem Meere, sich während der Nacht die Wasserdämpfe verdichtet hatten und nun bei den ersten Strahlen der Sonne in leichte Wölkchen auflösten. Unsere Betrachtungen wurden durch die Erscheinung einer Anta unterbrochen, welche sich in das Wasser stürzte, um an das andere Ufer zu schwimmen. Trotz aller Anstrengung konnten wir sie nicht erreichen, sahen sie aber lange schwimmen, während eine lange Furche des glatten Wasserspiegels ihren Weg bezeichnete. 1| Legoa von der Mündung kamen wir zu den Felsen, jenseit deren, wie der Soldat sagte, „die Calungas" uns das Befahren des See's nicht gestatten würden. Von hier aus sollte man das Trommeln und Schiessen hören und aus grosser Gnade sollten sie sich vielleicht damit begnügen, uns nur einige Steine an den Kopf zu werfen, bloss zum Spass. Trotzdem schien im Allgemeinen durch meine und des Lieutenants Gleichgültigkeit die Furcht etwas nachgelassen zu haben. Die Felsen durchstreichen die Lagune von einer Seite zur anderen; einige sind niedrig, höhlenreich und ragen in grosser Ausdehnung 3 bis 4 palmos über den Wasserspiegel hervor, andere erheben sich zu enormen runden und kahlen thurmähnlichen Massen. Ich wollte ein Stück von dem Gestein abbrechen, um es zu untersuchen, konnte es aber nicht wegen der grossen Härte, doch sah ich deutlich, dass es Granit war. •

Wir fuhren dann ohneHinderniss weiter; zuweilen schien die Lagune zu Ende zu sein, wenn wir aber hinkamen, dehnten sich neue Strecken aus. Sie hat viele mit Wald bedeckte Inseln und einige kleinere waren ausgezeichnet schön, kaum über den Wasserspiegel vorragend, elliptischer Gestalt, mit grünem Moose bedeckt und voll weisser Blümchen. In der Mitte dieser Inselchen wuchsen einige einzelne nicht hohe, aber sehr dichte Bäume mit Nestern von Guachos'). Auf dem Strande dieser Inseln sah ich zahlreiche Perlmuscheln liegen, von denen ich einige sammeln konnte. Um von den Guachos zu reden, kann ich nicht umhin, hier eine Beobachtung unseres Steuermannes beizufügen, welcher sich mir als gründlicher Kenner der Fische und anderer Thiere und ihrer Lebensweise offenbarte. Er theilte mir mit, dass die Guachos ihre Nester bloss auf Bäumen bauen, wo es Maribondos *) giebt, weil sich diesen kein Raubthier nähert und die Alten, wenn die Jungen Hunger haben, nicht weit zu fliegen, sondern nur diese Insekten zu fangen brauchen, mit denen sie die Brut gross ziehen. Später suchte ich mich dieser Ansicht zu vergewissern und fand in der That immer beide Thiere in dichter Nähe angesiedelt. Die Logik

') Cassicus haemorrhous.

2) wilde Bienen oder Wespen.

des Guacho, welchem der Maribondo zugleich Vertheidiger und Ernährer ist, ist nicht übel. Mehr drinnen war das rechte Ufer mit Serradois ') begrenzt, was die Nähe der Campos anzeigt. — Ich sah in der Lagune den grössten Kaiman unserer ganzen Reise; als wir in ein grosses Becken einfuhren, schoss das mehr als 25 palrnos lange Unthier direkt auf die Canoa los. Als ich es aus einer Entfernung von 5 bra^as mit einer Kugel begrüssen wollte, schwankte die canöa, ich verlor das Gleichgewicht und in dem Augenblick tauchte das Thier auf Nimmerwiedersehen unter. Solche grosse Jacares nennt man hier Arurä. Nach einer Fahrt von 3 Legoas verengte sich die Lagune zur Breite eines Flüsschens. Hier sahen wir rechts von uns eine Art Karrenstrasse oder Fahrgeleise, welche nun sogleich der Weg nach dem Quilombo oder den Indianer - Dörfern sein sollte: als wir uns aber näherten, erkannten wir sogleich darin einen Weg wilder Thiere zur Tränke. — "Weiterhin wurde der Kanal an einzelnen Stellen so flach, dass das Rudern unmöglich wurde und wir die canöa ziehen mussten, was wegen der Arraias immerhin gefährlich ist, da deren Wunden sehr heftig schmerzen und schwer heilen, besonders hier, wo keine Hülfe und Abwartung möglich ist. Wir wollten deshalb zu Fusse weiter und drangen in den Wald ein, standen aber von unserem Beginnen wegen der zahlreichen Schlinggewächse und Dornen nach einer Tour von Vi Legoa ab. Ich Hess einen Mann auf einen hohen Baum steigen und ausschauen: der Wald, welcher die Lagune umgiebt, dehnt sich nach allen Richtungen hin ungefähr 1 Legoa aus; nördlich sieht man, so weit das Auge reicht, reine offene Campos, im Westen eine Serra (Serra Azul), südlich in einer Entfernung von 5 Legoas, mehr oder weniger, läuft ein Waldstreifen von Ost nach West bis zur Serra. Hierauf kehrten wir um und langten Mittag auf unserer Praya an, halbtodt vor Hunger und Erschöpfung, und Kleider und Haut an vielen Stellen von den Dornen zerfetzt. Ich war von dem Ausgange des Unternehmens ganz befriedigt, weniger die, welche Wunder zu sehen hofften, am wenigsten wohl der Soldat, welcher den „Calunga" zu fangen und als gerechte und gute Kriegsbeute in seinem Interesse verwenden zu können hoffte.

Nach Tisch fuhren wir noch 5 bis 6 Legoas weiter, während ich in der Hängematte schlief. In dieser Zeit sahen die Gefährten einen Sucury, welcher einige Enten fangen wollte, den mächtigen schwarzen Kopf aus dem Wasser strecken und dann zurückziehen; als die Enten flohen, näherte er sich ihnen von Neuem; dabei verloren sie ihn aus den Augen und schössen ihn nicht, um mich nicht aufzuwecken, was mir leid that. Wir lagerten uns

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rechts auf einer sehr grossen Praya, wo der Fluss einen grossen stumpfen Winkel bildet, fast in der Form eines Z. Ich ging einen grossen Theil der Nacht bei angezündeten Feuern am Strande spazieren. Ich machte viele Versuche, eine Schildkröte zu fangen, um sie lebend mit nach Goyaz zu nehmen; schliesslich nahm ich ein Fell, legte mich darauf und schlief endlich ermüdet ein. Glücklicherweise wachte einer der mich begleitenden Soldaten beständig; plötzlich schreckt mich ein Schrei desselben aus dem Schlafe, zur höchsten Zeit; 2 bragas von mir stand ein Kaiman, dem wir nun einige Schüsse gaben, aber wohl fehlten, denn er rührte sich nicht vom Platze, weshalb ich vorzog, mich in einige Entfernung zu postiren. Um 2 Uhr Nachts weckte mich ein Soldat und theilte mir mit, dass der Strom das Boot mit dem Lieutenant und einem Soldaten, welche darin schliefen, fortgetrieben hatte. Sie waren plötzlich erwacht und hatten sich mitten im Fluss gesehen, ohne zu wissen, was zu thun, da zwei Leute das Boot nicht stromaufwärts treiben konnten und die Ruder zudem auf dem Strande geblieben waren. Die mit genügender Mannschaft zu Hülfe abgesendete Montaria erreichte das Boot nach einer Fahrt von 1 Legoa.

23. Oktober. Wir sahen eine Anta. Ein Soldat schoss sie aus sehr grosser Entfernung, als sie eben aus dem Wasser stieg, aber so sicher, dass sie todt zusammenbrach. Wir nahmen sie in die montaria und weideten sie zufällig an derselben Stelle aus, wo wir die andere bei der Hinfahrt erlegt hatten, deren Schädel wir noch vorfanden. Wir schlugen einen Pfahl in die praya, setzten beide Köpfe darauf und tauften jene Praya das Antas '). Abends brieten rings um das Feuer grosse Stücke des Thieres, des besten Wildpretes des Araguaya, an Bratspiessen. Tief in der Nacht hörten wir einen Sucury brüllen; die Töne kamen aus einer kleinen Lagune, deren Mündung wir an der anderen Seite des Flusses bemerkten, mitten in dichtem hohen, schwarzen Walde. Das Gebrüll dieser Schlange klingt in der That mitten in dieser Einöde furchterregend, besonders in dieser Stunde der Nacht. Es giebt hier am Araguaya noch eine sehr grosse Schlange, vor der sich die Reisenden noch mehr fürchten als vor dem Sucury, aber deren Existenz man nicht ohne rigorose Untersuchungen annehmen darf, trotzdem mir Viele versicherten, dass sie dieselbe gesehen hätten. Man nennt sie cobra dormideira2), weil sie sich durch geräuschvolles Athmen während des Schlafes auszeichnet, was man, wie sie sagen, sehr weit hören soll. Nach der Erzählung ist die Schlange ganz schwarz und hat einen hundeartigen, aber viel grösseren Kopf als diese Thiere. Man sagt, sie sei grösser als der Sucury, aber

') Tapirstrand.

J) Schlafschlange oder schläfrige Schlange.

kleiner als der Minhocäo '). — Es ist vielleicht eine Art aus dem Geschlechte der Riesenschlangen, welche noch unbekannt ist.

24. Oktober. "Wir sind 10 Legoas von Leopoldina, wo wir heute ankommen wollen. Um das Boot leichter zu machen, warfen wir eine Anzahl Fische und die Anta in das Wasser. Um 4 Uhr Nachmittags waren wir au den Felsenriffen 1 Legoa unterhalb Leopoldina, wären hier fast auf einen Felsen gerannt und das Boot wäre ohne die Erfahrung eines alten Soldaten, welcher den Stoss durch eine entgegengestemmte Stange milderte, zertrümmert worden. Gleich darauf weiter oben sieht man am linken Ufer halb im Grün versteckt die weissen Häuser und rothen Dächer von Leopoldina, welcher Anblick nach so langem Aufenthalte in der Einöde sehr erfreute. Welche Wollust, in einem Hause zu schlafen! Am 26. Oktober brachen wir nach Goyaz auf. Unterwegs noch Abenteuer mit den Unzen, welche Nachts dicht um das Lager herum knurrten, dann Ankunft in Goyaz."

Es folgt nun als Nachtrag eine Beschreibung der Untersuchungsreise eines Bewohners von Santa Rita nach den einstigen Goldminen der Arnes am Rio das Mortes im Jahre 1852, wohin dieser von der Lagune Dumbri-pequeno aus in circa 36 Tagen unter fürchterlichen Mühseligkeiten gelangte. 10 Legoas oberhalb dos Araes hat der Rio das Mortes einen mächtigen, circa 50 palmos hohen Salto2). Den Rückweg nahmen sie in der Richtung auf die 14 bis 15 Legoas entfernte Strasse nach Cuyabä hin, welche sie bei Passa-vinte erreichten. — Beschreibung einer anderen Expedition, 1854. von einem Mönche zur Bekehrung der Chavantes unternommen, an den Rio das Mortes, welcher gross, fast so breit wie der Araguaya, ohne Felsen und Schwellen ist. Sie gelangten in 10 Tagen bis an eine Cachoeira3) dicht unter Araes, circa 40 Legoas von der Mündung des Flusses entfernt, wo, d. h. bei der Cachoeira *), sie umkehrten und in 4 Tagen in Araguaya ankamen.

Ich halte es für sehr bedauerlich, dass der Forscher, dessen Reisenotizen hiermit enden, nicht im Stande war, die meiner Ansicht nach sehr dankbare und das allgemeine

') In ganz Brasilien trifft man die Erzählung von der Existenz eines riesengrossen, meist unterirdisch in Höhlen lebenden Wurmes oder einer solchen Schlange, welche Niemand gesehen, sondern von welcher nur Alle haben sprechen hören. Von einer besonderen Furcht vor derselben oder einem Schaden, welchen sie anrichten soll, habe ich nie gehört. In San Paulo werden dio Amphisba'nen cobra de duas cabeeas, d. h. zweiköpfige Schlange, oder auch mitunter minhoca genannt, also würde minhocäo die grosse minhoca bedeuten, das wäre etwa Riesenwurm, was lebhaft an unseren Lindwurm erinnert.

») Wasserfall.

3) Stromschnelle.

4) Daraus sieht man, dass sie vom Araguaya aus zu Wasser vordrangen. •

Interesse der gesammten Provinz Goyaz sehr fördernde Aufgabe, die Befahrung des Araguaya zu beleben, die zerstreuten, unpassend angelegten Ansiedelungen an den Strom als natürliche Verkehrs-Ader zu ziehen und so den abgelegenen Landstrich, welcher bis jetzt fast ausschliesslich durch eine sehr lange, mit Gefahren aller Art verknüpfte, sich Monate lang fast nur durch Einöden, wo die Indianer streifen, ziehende Landreise zu erreichen ist, in den Weltverkehr zu ziehen. Ich habe verschiedene Leute gesprochen, welche die Landreise durch San Paulo nach Goyaz und CiiyaM gemacht hatten und mir die Gefahren und Mühseligkeiten derselben schildern lassen. Natürlich können bloss Maulthiertropen zu dem Transporte der Waaren &c. benutzt werden, und es wurde mir versichert, dass, als einstmals die Regierung den wunderbaren Entschluss fasste, das Eisenwerk Ipanema bei Sorocaba (Provinz San Paulo) dicht an einem äusserst reichen eisenhaltigen Gebirge Arasorocaba eingehen zu lassen, und die vortrefflichen Maschinen auseinander nehmen Hess und, einzeln auf Maulthiere verladen, nach Goyaz oder Cuyabii zur Anlage eines neuen derartigen Werkes schickte, unterwegs ein grosser Theil der Thiere den mächtigen Anstrengungen bei dem Tragen dieser ungewöhnlich grossen Lasten erlag, so dass die kostbarsten Maschinentheile liegen bleiben mussten und noch theilweis zu meiner Zeit (1862—66) dicht an der Strasse, halb von Gras überwachsen, zu finden sein sollten. Tauseude waren vergeblich vom Staate verschwendet und ein gut eingerichtetes Werk, dessen grossartige Reste ich auf einer Reise besuchte, vollständig ruinirt worden. So geht es leider fast stets mit den öffentlichen Unternehmungen in Brasilien und am meisten in Folge des zu häufigen Wechsels der Behörden. Ein durch einen intelligenten, patriotischen ProvinzialPräsidenten in das Werk gesetztes, allgemein nützliches Unternehmen, als Bau einer Strasse &c. wird, wenn nach Ablauf der vierjährigen Wahlperiode ein Präsident der Gegenpartei oder auch nur eine andere Persönlichkeit an dessen Stelle tritt, halbvollendet nach Vergeudung fabelhafter Summen dem Verfall überlassen und ein neues begonnen, welches meist dasselbe Geschick ereilt. Kleinliche Kirchthurmpolitik, Verfolgung egoistischer Pläne, vollständiger Mangel an Verständniss für das Wirken in gemeinnützlichem Interesse ist das hauptsächlichste Characteristicum der innern Verwaltung des Brasilianischen Kaiserreiches. Während grossartige Summen auf den Bau von Strassen, Brücken &c. verwandt werden, findet man wohl nirgends schlechtere als hier, da der grösste Theil des Geldes in den tiefen Taschen der verschiedenen Personen, durch welche es zu lau fen hat, verschwindet.

Den Umstand, dass der reisende Dilettant leider nicht, was doch viel wichtiger , und interessanter gewesen wäre, die in den Araguaya mündenden Flüsse zu erforschen suchte, statt der wiederholten Besuche verschiedener Lagunen, erkläre ich mir einestheils aus Mangel an Zeit und anderntheils aus der 'angeführten auflälligen Furchtsamkeit der Begleitung; möglicherweise erschienen solche Untersuchungen dem Herrn Präsidenten selbst nicht gefahrlos und besser für spätere Zeiten bei stärkerer Bevölkerung der Araguaya

Gestade aufschiebbar. Immerhin erscheint mir die Erzählung dieses Ausfluges des Beachtenswerthen genug zu bieten und die Schlichtheit der Erwähnungen, die Nüchternheit der Auffassung, der gänzliche Mangel an Abenteuersucht, das ganze Gepräge der Glaubwürdigkeit, welches die einzelnen Notizen tragen, macht sie zu einer angenehmen Lektüre.

Walkers Statistischer Atlas der Vereinigten Staaten von Nord-Amerika1).

Dieser Atlas, ganz in jenem grossartigen Stile angelegt und durchgeführt, den wir bei derartigen offiziellen Publikationen der Vereinigten Staaten kennen und bewundern, enthält eine solche Menge des interessantesten Materials, dass es vielleicht sehr angezeigt wäre, wenigstens einzelne Theile aus diesem in Deutschland doch wohl sehr spärlich nur verbreiteten Schatze dem Deutschen Publikum einmal in zugänglicherer Form vor Augen zu führen. Wir finden in ihm Karten über Gegenstände der physischen Geographie und namentlich über zahlreiche Verhältnisse der Bevölkerung der Vereinigten Staaten; das Ganze zerfällt in drei Theile: Part I, Physical Features of the TL St.; Part II, Population, Social and Industrial Statistics; Part III, Vital Statistics.

Diesen Karten sind als Begleitworte die folgenden Dissertationen vorausgeschickt: F. A. Walker: Preface and Introduction; J. D. Whitney: The Physical Features of the U. St.; W. H. Brewer: The Woodlands and Forest Systems; C. H. Hitchcock and W. P. Blake: The Geological Maps of the U. St.; B. W. Eaymond: Mines and Mining of the West; C. H. Hitchcock: The Coal Measures of the U. St.; S. W. Stocking: Political Divisions; S. A. Galpin: Minor Political Divisions; F. A. Walker: The Progress of the Nation; E. B. Elliot: Population, 1780—1880;

E. B. Elliot: An Approximate Life-table for the U. St.;

F. A. Walker: Relations of Race and Nationality to Mortality in the U. St.

Betrachten wir die einzelnen Karten. I. Biver Systems, by A. v. Steinwehr. Die Flussgebiete sind in Flächenkolorit angelegt, so dass ihr Grössenverhältniss klar in die Augen springt; so z. B. tritt namentlich die immense Ausdehnung des Mississippi - Gebietes hervor. Den verschiedenen Gebieten sind statistische Angaben über Areal, Regenfall, Korn-, Weizen-, Tabak-, Reis- und Zucker

') Walker, F. A., M. A., Superintendent of the 9"1 Census: Statistical Atlas of the United States, based on the results of the ninth census, 1870, with contributions from niany eminent men of science and several departmeuts of the goTernment. Compiled under authority of congress.

Produktion, benutzte Dampf- und Wasserkraft nach dem Census 1870 in blauen Ziffern aufgedruckt.

IL Distribution of Woodland 1873, compiled by W. H. Brewer. Die Skala unterscheidet unter: 40 acres Waldland auf der Q.-Mile = weiss, -10—120, 120—240, 240—360, 360—560, 560 und mehr acres auf der Q.-Mile in fünf verschiedenen Abstufungen von Grün. Die weissen, also am ungünstigsten bewaldeten Landestheile beginnen im Allgemeinen westlich vom 96° W. L. v. Gr.; die grösste Ausdehnung erreicht das Wuld-Areal in Florida, Maine, Michigan, auf den Grenzgebieten von Idaho und Montana, und an der Nordwestküste bis hinab zum 39° N. Br.

III. Rain Chart, by Joseph Henry and Chas. A. Schott. Isohyeten und Flächen-Kolorit; weiss bis 20 Zoll Regenfall, 20 — 32, 32 — 44, 44—56, 56 und mehr Zoll in blauen Stufen. Über 60 Zoll finden wir zu beiden Seiten der Mississippi - Mündung, im südlichen Florida, an der Nordwestküste bis hinab etwa zum 42° N. Br.; im äussersten Nordwesten werden 80 Zoll erreicht.

IV. U. St. Signal Service Chart, showing the Frequency of Storni Centres; Number of Storm Centres passing over each point deduced from the average of the two years March 1871 to Febr. 1873. 6 Stufen in Braun; enthält nur das Land östlich vom 100° W. L. v. Gr.

V. Temperature Chart, by Henry and Schott. Die höchste mittlere Jahres-Temperatur, über 72° Fabr., im südlichen Florida und Texas; die niedrigste, unter 36°, im nördlichen Minnesotah und im Felsengebirgo; das von Nord nach Süd lang gestreckte Thal des inneren Californien hat über 60°. Die Karte ist den Publikationen des Smithsonian Institute entlehnt.

VI. U. St. Signal Service Chart, sbowing the mean temperature at 4,35 P. M. of the hottest weuk of 1872, and 7,35. A. M. of the coldest weak of 1872—73. Rothe Curven für die heisseste Woche; blaue für die kälteste. Die Linie der grössteu Wärme beginnt an der Atlantischen Küste bei ca. 37° N. Br., endet in Montana am Missouri in 48° N. Br. (weiter westlich nicht ausgezogen). Dagegen dringen die Linien der grössten Kälte tief nach Süden in die Prairien hinein und biegen nach der Atlantischen Küste hin nach Norden aufwärts. Westlich vom Felsengebirge sind nur an drei Punkten Temperatur-Angaben eingezeichnet: bei Portland in Oregon, San Fraucisco und San Diego; interessant ist der Vergleich mit entsprechenden Punkten der Ostküste: die grossen Temperatur-Differenzen ein und desselben Punktes an der letzteren Küste treten sehr hervor.

VII. U. St. Signal Service Chart, showing annual means of barometer and total movement of air with resultants from June 1872 to May 1873.

VIII. Hypsometrie Sketch of the U. St., by Guyot and Schott. Keproducirt aus den Vital Statistics, Ninth Census, 1870. Sehr schön tritt das mächtige Landgebiet „Unter 400 Fuss" im Osten und Südosten hervor; leider sind die Grossen See'n schon auf der schwarzen Basis mit Schraffirung bedeckt, so dass die darüber gelegte braune Höhenstufe schlecht erkennbar ist; die Fläche des Ontario zeigt die Kolorirung der Höhenstufe „400 bis 800 Fuss", obwohl die Ufer des See's die Stufe „Unter 400 Fuss" haben.

IX. Coal Fields, by Hitchcock. Innerhalb der Kohlengebiete sind unterschieden: Formationen unter den Kohlen, untere Kohle, obere Kohle, Anthracit, Triassische Kohle, Alluvium. Aufgedruckte Zahlen geben die in den einzelnen Gebieten geförderte Produktion des Census-Jahres 1870; die Punkte wirklicher Bearbeitung der Felder sind nicht besonders angegeben.

X. Geological Map, by Hitchcock and W. P. Blake.

Im 2. Theile des Atlas finden wir zuerst XI. Map, showing the acquisitum of territory and its distribution among political divisions, 1776—1874, by Stoking. Flächen-Kolorit in Abstufungen von Violett; zeigt hauptsächlich: die ursprünglichen 13 Staaten, die Spanische Cession 1819, die Französische 1803 (die kolossale Province of Louisiana), die Mexikanischen Cessionen 1848 und 1852 und die Annexion von Texas 1848. Leider ist diese, im Entwürfe höchst interessante Karte in Abstufungen einer einzigen Farbe ausgeführt, so dass das allmähliche, beispiellose Wachsthum der Union und die Umfangsveränderungen und Theilungen der einzelnen, namentlich der alten Staaten und Territorien, nur wenig in das Auge springen.

XII—XXI. The progress of the nation, 1790—1820. Diese neun Karten (von Walker) mit der Darstellung des Wachsthums der Bevölkerurigs - Dichtigkeit und -Verkeilung gehören unzweifelhaft zu den interessantesten des Atlas. Sie beschränken sich auf die Gebiete östlich vom 100° Westl. L. v. Gr.; nichttaxirte Indianer sind unberücksichtigt geblieben; säramtliohe Census-Ergebnisse, 1790—1870, sind, jedes auf einer besonderen Zeichnung, dargestellt. Es sind fünf Stufen unterschieden; „unter

zwei Einwohnern auf die Quadrat-Mile" ist weiss gelassen, 2—6, 6—18, 18—45, 45—90, 90 und mehr auf einer Q.-Mile in abgestuftem violetten Flächen - Kolorit angelegt; den Curven nach zu urtheilen ist die County als berechnete Einheit zu Grunde gelegt. Sehr zu loben ist, dass nur die Zeichen und Namen der zur Zeit des respektiveu Census über 8000 Einwohner zählenden Städte eingetragen sind; denn abgesehen davon, dass das Bild durch möglichst wenig Schrift natürlich an Deutlichkeit gewinnt, so wird andererseits ' auch durch Aufnahme nur der Städte von einer bestimmten Grösse die Zeichnung bedeutend logischer: die Vertheilung und das Wachsthum der städtischen Bevölkerung gegenüber der ländlichen werden auf diese Weise in einem richtigen Verhältnisse zur Geltung gebracht. Höchst interessant ist ein Vergleich unter den Zeichnungen der verschiedenen Ceusen; 1790, 1800, 1810 und 1820 zeigen ein wachsendes Vorrücken der Bevölkerung am Ohio hinunter, von 1810 an gesellt sich dazu ein Eindringen in das Land von New Orleans stromaufwärts. Mit 1830 wendet sich der Strom der vorrückenden Bevölkerung nach Nordwesten in die Länder am Missouri und namentlich am oberen Mississippi; diese Richtung bleibt permanent bis zum letzten Census. 1850 wird Texas in Angriff genommen, 1860 beginnt eine schnell zunehmende Verdichtung am Ufer des Michigan-See'a. Auf dem Blatte 1870 sind auch die Jagdgebiete und Reservationen der Indianer durch zwei verschiedene gelbe Töne angegeben; die östlichste Reservation finden wir in Michigan am Südufer des Oberen See's. Die zusammenhängende Fläche mit einer Dichtigkeit von mehr als zwei Einwohnern auf der Quadrat-Mile liegt östlich einer nach Nordwest gebogeneu Linie, die sich vom Westende des Oberen See's über Omaha zur Mündung des Rio bravo del Norte zieht; grössere schwächer bevölkerte Stellen treten in diesem Gebiete nur vereinzelt auf, so am Ufer des Golfes und im südöstlichen Florida. Weiter westlich liegt dagegen das Land mit einer dichteren Bevölkerung nur zerstreut: "ein schmaler nordsüdlich laufender Strich in Colorado und Neu-Mexiko, das Mormonen-Gebiet, und Strecken in den Pacifisehen Staaten, wo San Francisco einen Ausgangspunkt bildet.

XXII. Auf diesem Blatte (von Walker) sind die Hauptbestandteile der Bevölkerung jedes Staates (Fremde, eingeborene Farbige, eingeborene Weisse, im Staate ihres Aufenthaltes oder ausserhalb Geborene) durch ihrer Zahl proportionirte Rechtecke dargestellt. welche aneinandergefügt ein Quadrat bilden, das der Gesammteinwohnerzahl des Staates entspricht: 350.000 Ew. = 1 Qu.-Zoll.

XXIII — XXIV. Darstellungen der Verbreitung der farbigen Bevölkerung und ihres Prozentsatzes zur GesammtBevölkerung; von Walker.

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