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Ämter dem gewöhnlichen Hausungeziefer, dessen Vermehrung vom März bis Oktober keine Grenzen kennt, wüthet ein Heer maliciösester Mikrodiptera überall im sogenannten Wüsten-Terrain, wo dasselbe nahe den natürlichen Wasserliufen gelegen, oder von ungünstigen Bewässerungs-Kanälen durchschnitten, zur ergiebigen Kultur-Oase umgestaltet wurde. Ich bettete mich vorsichtigerweise auf dem flachen Erddache des unteren Stockes unserer Wohnung nahe am Rauchfange; aber auch hier wurde es erst nach Mitternacht möglich, die Augen zu schliessen. 'Als am nächsten Morgen die Gesellschaft, nach ruheloser Nacht, abgespannt ihr Asyl verliess, bezeugten die geschwollenen Hände und Füsse mit ihren hohen Pusteln genugsam die Wuth und Macht der unscheinbaren Moskitos, welche über sie hergefallen waren. Nicht Jedermann wird von diesen Insekten in gleich hohem Grade gequält. Es giebt Individuen, die davon ganz verschont bleiben und instinktiv mögen die winzigen Fliegen am Ende die Wahrheit wohl erkannt haben, dass gesundes Blut „ein ganz besonderer Saft" sei. — Auf dem Wege nach Etschmiadsin machten wir noch einen kurzen Halt. An einem Hügel, dessen Südseite mehrere kalte Quellen entspringen, die zu den Wassern der oberen Kara'su oder Karassu gehören, wurde exkursirt. Die Sonne that einige wohlthuende Blicke auf die Landschaft, obwohl der Ararat verschleiert blieb. Hohe Alhagi-Stauden lieferten eine brillante, grüne Sphenoptera-Art und einige Cryptocephalen. Früh Nachmittags trafen wir in Etschmiadsin ein und Hessen uns in einem der Säle des Kreisregierungs-Gebäudes (gegenwärtig lebten die Verwaltungs-Beamten während der Sommerhitze auf den südlichen Vorbergen des Alagös) nieder. Den 2. und 3. Juli verwendeten wir auf Etschmiadsin und seine nächsten Umgegenden. Schon früh am 3., als die Morgendämmerung begann, lag das unvergleichliche Ararat-Bild in seiner ganzen Schöne, zuerst im Gipfeltheile des Gebirges von den brillanten Tönen der herannahenden Sonne glutherfüllt, vor uns. Später trug der sonnenklare Tag eine bedeutende Beute den Mitgliedern der Expedition ein. Zumal sammelte Or. Morawitz in den Echium- (altisrimuni) Beständen auf alter Brache vorzügliche Species und die vielen schlanken Pyramiden-Pappel-Stämme lieferten an ihren Sonnenseiten so manche schöne Capnodis-, Melanophila-, Ancylochira- und Chrysobotrys-Art. Natürlich nahmen wir auch diessmal das Kloster mit seinen wirtschaftlichen Nebengebäuden, der Armenischen Druckerei und der Kathedrale in speziellen Augenschein; jedoch blieb, wie itets, die Bibliothek unseren profanen Augen unter Vorgabe der nichtigsten Gründe und LUgen verschlossen. Die hohe Armenische Geistlichkeit hält diese Schätze sorgsamst verborgen und umgiebt dadurch den, übrigens den Spezialisten wohlbekannten Werth der Bibliothek mit einer un

verdienten Glorie. Abgesehen davon, dass es jeden Reisenden im hohen Grade interessiren muss, das Hauptwerk der Armenischen Kirche, den Armenischen Papstsitz zu sehen, dessen Anfang hier aus dem 4. Jahrhundert datirt, so wird er gewiss ausserdem eine hohe Verehrung und Bewunderung dem drittletzten Patriarchen zollen müssen, wenn er dessen weltliche Werke anschaut. Unmittelbar im Süden des Klosters liegen sie, ein Zeugniss von dem verständigen und unermüdlichen Fleisse dieses Kirchenfürsten beibringend. Ich meine nämlich das grosse und tiefe Wasserbassin und die ausgedehnten Gartenanlagen, welche der Patriarch Nercess (gest. 1858) geschaffen hat. Diese regelmässigen, weit gedehnten Gartenanlagen haben der unmittelbaren prosaischen Umgegend von Etschmiadsin einen hohen, landschaftlichen Reiz verliehen und bekunden offenbar den heilsamen Einfluss auf die Oasen - Kultur, welche hier unter dem Schutze und nach der Initiative der höchsten Armenischen Geistlichkeit im Verlaufe der letzten Decennien sich entwickelte.

Eriwan hielt uns gegen unseren Willen durch einiges Malheur des Fuhrmanns bis zum 5. gefangen. Die in normalen Jahren um diese Zeit so erhitzte Stadt erfreute sich jetzt ausnahmsweis einer erfrischenden Kühle und es prangten die weit gedehnten Gärten, welche sie im Sanga-Thale und gegen Norden hin umgeben, im frischesten Grün. Auch überkam uns, als wir am 7. weiter fuhren, ein wirklich sehr intensives GefUhl der Dankbarkeit, weil die Strasse, welche zum Goktschai jetzt führt, vollendet ist und als vorzügliche Chaussee endlich allen jenen früheren Qualen ein Ende gemacht hat, welche der Reisende ertragen musste, wenn er über die schroffen Lava-Klippen der Südabhänge im flüchtigen Dreigespann hingeschleudert wurde. Wir beeilten uns diessmal nicht. Zwei Glaphyrus-Arten (bis dahin von uns im Kaukasus noch nicht gesammelt) bildeten für die Herren Coleopteren-Sammler die Haupterrungenschaft. Sie wühlen sich tief ein in die aufgeblühten OnopordonDisteln , so dass man sie zu dreien und vieren von dort mit der Pincette und mit einer ziemlichen Kraftanstrengung heraus heben kann. Auf dem weiteren Wege zum GoktachaiSee, unweit von der Station S'uchoi fontan (Trockene Quelle) begann wieder trübes Wetter und Alles sprach dafür, dass in diesen, sonst so trockenen Gegenden häufige und anhaltende Regen gefallen seien. So waren z. B. an den Knoten der Stengel jetzt abgetrockneter, hoher Umbelliferen, die umfasst werden von den verbreiterten 8tengelbasen, fast überall kleine Anthaxien in dem Wasser ertrunken, welches sich dort ansammeln konnte. Von der seltenen Saperda (Mallosia) Soviozi fanden wir hier nur Flügeldecken.

Am Sonntag den 6. Juli machten wir im grossen Molokaner Dorfe Helenowka am Goktschai-See Halt, exkursirten bis Mittag und brachen dann auf, so dass das Nachtlager schon jenseit der über 7000 F. hohen Passage des nördlichen Goktsohai - Randgebirges genommen werden konnte. Mit dem Eintritt aber in das Akstafa-Thal und dem Verfolge der Reise nach Tiflis kann ich hier diesen Bericht abschliessen, da schon früher in den „Geogr. Mittheil." über diese Strecke im Allgemeinen genügend gesprochen wurde und alle Spezial-Beobachtungen dem grösseren Werke über Hoch-Armenien einverleibt werden sollen.

Ich bin aber dem Publikum, welches die „Geogr. Mittheilungen" liest und mir dadurch auf meinen Expeditionen gefolgt ist, zwei „Vorläufige Berichte" schuldig geblieben, nämlich den einen vom Jahre 1871, meine, in Gemeinschaft mit Dr. Sievers ausgeführte Besteigung beider Ararate und den zweiten vom Jahre 1874, unseren Aufenthalt an den Quellen des Frat und Aras im hohen Bin-göl-dagh betreffend.

Die Materialien, welche diese Reisen geliefert und welche vornehmlich die hochalpine Flora (von 9000 bis 14.500 F.!! über dem Meere) angehen, sind in Bezug auf genaueste systematische Bestimmung bereits verarbeitet, wie denn auch die sonstigen botanischen und zoologischen Sammlungen, die im Laufe der Zeit herbeigeschafft wurden, durch freund

liche Mitwirkung vieler in- und ausländischer SpezialGelehrter, zum grossen Theil wenigstens, determinirt würden. Es wird demnach für die nördliche Randzone des Armenischen Hochlandes bei der Gruppirung der ermittelten Facta in meinem grösseren Werke sich mancher geographische Gesichtspunkt eröffnen lassen und wenn es mir gelingt, die Ergebnisse für Vertikal - Verbreitungen vom Ararat, Bin-göl-dagh, Kapudshich und Alagös vergleichend denen vom Elbrus und Kasbek ermittelten zur Seite zu stellen, so dürfte sich gewiss manches Interessante, die physikalischen Charakterzüge des Isthmus im Allgemeinen Angehende, ergeben. Ich werde also an Stelle jener beiden „vorläufigen Berichte", sobald es thunlich, die Bin-göl- und Ararat-Besteigung in extenso geben und die dort eingehaltenen Marschrouten dem Ganzen verflechten, dort am Bingöl-dagh von den Arbeiten TschichatschefTs und Strecker's profitiren, hier am Ararat die Arbeiten Parrot's, Abich's und Chodsko's zu Grunde legen — endlich aber, was die Geographie der Pflanzen anbelangt, Boissier's neueste Forschungen benutzen und Grisebach's vorzüglicher Leitung folgen.

Tiflis, 27. Dezember 1875.

Schwedische, Russische und Deutsche Reisen nach West-Sibirien.

Nordenskiöld's vorjährige Reise von Tromsö zum Jenissei hat viel von sich reden gemacht, und da das betreffende Gebiet per Dampf, Eisenbahn und Post leicht zu erreichen ist, wird es auch in diesem Jahre von verschiedentlichen reiselustigen Leuten besucht werden, voran wieder von Nordenskiöld.

Die Pointe der vorjährigen Fahrt lag darin, dass durch sie, gegenüber den früheren irrthümlichen Ansichten, der Weg durch das nördliche Eismeer und das Karische Meer selbst für kleine schwache Segelfahrzeuge von Neuem als leicht ausführbar nachgewiesen war, woraus wiederum als unmittelbare Folge die Idee entsprang, die reichen Produkte der weiten Nord- und Mittel - Asiatischen Gebiete durch regelmässige Schifffahrt dem Weltverkehr näher zu bringen, als auf dem bisherigen langwierigen und kostspieligen Landwege. Dieser Punkt wurde durch unsere damalige Karte ') auf einen Blick klar gestellt.

Alte eingenistete Vorurtheile auszurotten, geht jedoch in der Regel nicht so leicht und schnell, und in richtiger Würdigung dieses Umstandes beabsichtigt Nordenskiöld eine Wiederholung seiner vorjährigen Fahrt, diessmal aber mit

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einem Dampfer und in einer Weise, dass sie als eine richtige Handelsfahrt zu betrachten ist. Russische Blätter bringen u. a. folgende, einem an einen Russischen Kaufmann gerichteten Briefe Nordenskiöld's entnommene Mittheilung: „Im Sommer dieses Jahres fahre ich auf einem Dampfer, der im Stande ist, eine Fracht bis zu 10.000 Pud zu laden, in die Mündung des Jenissei, und denselben aufwärts bis zum Dorfe Dudinsk (wo eine Anfahrt der Jenissei-Dampfer ist). Am 25. Juni Hires Styls reise ich von Gothenburg ab. Ich bitte Sie, für mein Schiff eine Fracht von 2- bis 3000 Pud Dires Graphits vorzubereiten. Richten Sie es so ein, dass die Jenissei'schen Kaufleute verschiedene Frachteu bis 7000 Pud zur Absendung nach Schweden bereit halten. Wir werden einen billigen Frachtsatz nehmen, da diese Fahrt die erste Handelsfahrt sein und zur Befestigung meiner Voraussetzung dienen wird, dass eine SchifffahrtsVerbindung zwischen Sibirien und Europa und umgekehrt möglich ist. Auf der Rückkehr fahre ich über Sibirien bei Ihnen in St. Petersburg an".

Nordenskiöld hatte in seinen vorjährigen Berichten u. a. ausgesprochen: „Binnen Kurzem wird ein grosser Handelsweg von Sibirien über die Mündung des Jenissei und das Eismeer eröffnet werden." Es ist verdienstlich von ihm, diesen Ausspruch durch eine von ihm geleitete Handelsfahrt zu bekräftigen, die 10.000 Pud, die er verladen will, reichen indess an einen „grossen Handelsweg" noch nicht heran, dessen Zustandekommen steht auch nicht in seiner Macht und kann von ihm billiger Weise nicht erwartet werden, nur durch entsprechende Betheiligung der seefahrenden und handelnden Völker, Russland voran, wurde ein solcher aufblühen. Ob selbst Russland in grossartigster Erfassung der Idee den Ausschlag zu geben vermöchte, steht sehr dahin. Einmal sind Interessen und Ansichten dort sehr getheilt, schon lange wollte man eine Eisenbahn nach Sibirien, und gegen diejenigen, die sich für den besagten Schifffahrtsweg zu interessiren anfangen, giebt es viele, die bei jenem Eisenbahn - Projekt bleiben. Sodann sind zur Entwickelung und Sicherstellung solcher weitaussehenden Projekte das partielle und theilweise Interesse und Betheiligung einzelner Länder nicht ausreichend. Die SuesKaual-Angelegenheit würde bei aller Betheiligung z. B. der Mittelmeer - Länder allein nicht fioriren, wenn nicht der ganze Welthandel sie getragen, besonders England schliesslich nicht den Ausschlag gegeben hätte.

Indess verlautet, dass auch Russland im Laufe dieses Jahres allerhand in der Angelegenheit beabsichtige: es soll eine wissenschaftliche Expedition zur Erforschung des Obi'schen Meerbusens ausgehen; andere Schiffe sollen Ermittelungen über die von Nordenskiöld erlangten Resultate anstellen, d. h. also wohl ähnliche Fahrten ausführen; im Herbst sollen vier Flussdampfer von Tobolsk den Ob hinunter bis zum Karischen Meere gehen &c. Was wir von diesen Unternehmungen zu erwarten haben, wird die Zeit lehren, so viel aber ist gewiss, dass es Russisches Interesse und Unterstützung war, die einem Deutschen Reise-Unternehmen, demjenigen der Herren Finsch, Brehm und Zeil, auf die Beine geholfen haben.

Diese Herren beabsichtigen für naturhistorische, besonders zoologische Zwecke nach dem Altai und auf der Rückreise zum Ob zu gehen; die Sammlungen, die der Bremer Nordpol - Verein zu dem Behufe anstellte, flössen äusserst spärlich, bis eine hochsinnige Unterstützung des Herrn Ssibirjakow in Moskau von L 1000 die Ausführung der Reise ermöglichte. Wir geben im Folgenden Näheres über diese Reise nach dem, was der Bremer Verein vielfach darüber veröffentlicht hat.

„Wie aus Zeitungs - Correspondenzen und aus dem vor Kurzem an den Bundesrath erstatteten sehr ausführlichen Bericht der Reichs-Nordpol-Commission bekannt wurde, hat diese Commission, welche zur Erörterung des wissenschaftlichen Werthes einer Nordpol-Expedition in Folge unserer am 30. Dezember 1874 an den Bundesrath gerichteten Eingabe niedergesetzt wurde, beschlossen, dem Bundesrath die Petermann's Geogr. Mittheüungen. 1876, Heft IV.

Fortsetzung der Polarforschung unter Leitung und auf Kosten des Reichs zu empfehlen. Es soll aber nicht, wie wir vorschlugen , eine Entdeckungs - Expedition ausgesandt werden, sondern man beabsichtigt, an drei Punkten wissenschaftliche Beobachtungs-Stationen zu errichten, welche zwei oder drei verschiedene ExpeditionBreisen und jährlich erneuerte Aufsuchungs- und Verproviantirungs-Fahrten bedingen. — Es sind so umfangreiche und kostspielige Anstalten in's Auge gefasst worden, dass eine völlig unbeschränkte Leitung, so wie Mittel und Kräfte erforderlich werden, die über die Leistungsfähigkeit eines Vereines weit hinausreichen. Der Verein sieht sonach seine Thätigkeit auf diesem Felde mit der Veranstaltung der jetzt vorliegenden Volksausgabe des Werkes über die zweite Deutsche Nordpolarfahrt als vorläufig beendet an.

„Wenn es sich nun für uns, in Erfüllung des Vereinszwecks der „Förderung geographischer Forschungen überhaupt" darum handelt, innerhalb der Grenzen unserer Mittel ein neues Gebiet des Wirkens zu gewinnen, so ist im Kreise des Vereins die Aufmerksamkeit auf Russland gerichtet worden, und zwar speziell auf Sibirien.

„Eine dahin gerichtete wissenschaftliche Expedition würde zunächst ohne Schwierigkeiten in kurzer Zeit das Feld ihrer Thätigkeit erreichen können. Bei der grossen Ausdehnung des Landes sind manche Gegenden noch wenig oder gar nicht durchforscht.

„Bei der jetzigen Entwickelung der Verkehrsmittel im Russischen Reich würden naturwissenschaftliche Fachgelehrte in der Zeit von 8 bis 9 Monaten, März bis Ende Oktober, eine Reise nach und durch West-Sibirien Behufs Forschungen in seinen ausgedehnten Stromgebieten wohl ausführen können. Einen namhaften Theil der Kosten wird der Verein aus seinem Kassabestand und demnächst zu erwartenden Einnahmen tragen können. Für die Deckung des Fehlenden hoffen wir auf Beiträge von Behörden und Vereinen, und es sind uns in dieser Beziehung bereits einige Zusagen gemacht. Unser Verein hofft zuversichtlich auf eine thatkräftige Unterstützung Seitens aller für die Förderung der Geographie und der Naturwissenschaften bestrebten Kreise. Nordenskiöld's Entdeckungsfahrt zu Schiff nach der JenisseiMündung im vorigen Sommer hat die Aufmerksamkeit auf jene Gebiete gelenkt und Controversen darüber hervorgerufen, ob die von seinem Schiff glücklich vollführte Fahrt hin und zurück zwischen Norwegen und Sibirien einen neuen Seehandelsweg eröffnen werde oder nicht. Wie iNachrichten aus St. Petersburg melden, werden von Russischen Kaufleuten und Rhedern in diesem Sommer und vielleicht auch 1877 und 1878 zwei Schiffe zur Untersuchung des Meeres zwischen Archangel und dem Obischen Meerbusen, insbesondere auch des letzteren, seiner Verzweigungen und

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Einfahrt, so wie der Ob-Mündung, ausgesandt werden. Durch naturwissenschaftliche Forschungen in West-Sibirien würden die Ergebnisse dieser maritimen Unternehmungen wesentlich ergänzt und bereichert werden. Der Verein hat mit dieser Aufgabe die Herren Dr. Otto Finsch, Conservator des Naturwissenschaftlichen Museums in Bremen, und Dr. A. E. Brehm betraut, denen sich Herr Oraf WaldburgZeil, welcher die arktische Natur bereits aus eigener Anschauung kennt '), als Freiwilliger anschliessen wird. Neben den naturwissenschaftlichen Resultaten sollen in dem zu veröffentlichenden Reiseberichte auch Forschungen über Handel und Verkehr, Produkte, Industrie der durchreisten Gegenden niedergelegt werden."

Einem Schreiben von Dr. M. Lindeman an A. Petermann, d. d. 15. Februar, zufolge werden, so weit man den Verlauf der Reise jetzt näher bestimmen kann, zwei Herren sich ausschliesslich mit den Forschungen am Lande beschäftigen, während der dritte sich vorzugsweis mit der Untersuchung des Ob - Busens befassen und eventuell bis zum nächsten Jahre in Sibirien bleiben wird.

„Herr Dr. Finsch", berichtet die Weser - Zeitung vom 9. März 1876, „welchem die Leitung des Ganzen übertragen ist, hat die Ausrüstung auf Grund seiner eigenen Reise - Erfahrungen in Lappland und der von ihm bei anderen Reisenden eingezogenen Erkundigungen sorgsam und wohlbedacht eingerichtet. Die Reise geht auf der Eisenbahn über Moskau nach Nischnii Nowgorod 2); von da tritt der Schlitten ein. Die Fahrt über den Ural, welche in stets mehrtägigen Schlitten - Touren, zunächst nach Kasan, sodann nach Perm, und von da über Jekaterinburg nach Tjumen geht, wird nicht ohne Beschwerde sein. Es ist aber sehr wesentlich, dass diese Tour noch zu Schlitten zurückgelegt werde, was nach den, dem Verein vom Geschäftsführer der Russischen Handelsgesellschaft in Moskau gewordenen Mittheilungen mit Bestimmtheit anzunehmen ist. Dieser Herr schrieb unterm 4. Februar an den Verein: „Wenn laut Haren Briefen die Expedition Anfang März, neuen Styls etwa den 10., von Bremen aufbricht, so kann sie noch mit ziemlicher Bequemlichkeit Tjumen mit der Winterbahn erreichen. Der Anbruch des Frühlings in Tjumen soll gewöhnlich um dieselbe Zeit erfolgen wie in Moskau, d. i. ungefähr wie in Riga zwischen 27. März und 12. April Deutscher Rechnung. Die Weiterreise von Tjumen nach SüdoBt bei eben angebrochenem Frühling in der herrlichen Steppen - Vegetation wird keinen Schwierigkeiten unterliegen."

Die Ausflüge in den Altai würden von Semipalatinsk

') S. dessen und Heuglin's Forschungen in Ost-Spitzbergen, Geogr. Mitth. 1870, S. 422, 443; 1871, S. 57, 176.

*) Zur Orientirung ». Tafel 24 Geogr. Mitth. 1875.

aus zu unternehmen sein; die Reise aus dem Altai nach Norden wäre zunächst über Barnaul, wo der Ob erreicht wird, und Kolywan nach Tomsk zu nehmen. Im Sommer findet von Tomsk auf dem Ob bis nach Samarowsk und von da auf dem dort mündenden Irtysch bis nach Tobolsk ein Dampfverkehr Statt. Wenn die Reisenden auch gelegentlich diese Dampfer benutzen dürften, so werden sie sich doch für die Fahrt den Ob hinunter eines eigenen Fahrzeuges bedienen, um ganz wie es ihre Forscher- und Sammelzwecke erfordern, da oder dort zu Exkursionen am Land verweilen zu können. Die Fahrt weiter den Strom hinab geht über Beresow nach dem kleinen Marktflecken Obdorsk. Bis Obdorsk hat der Ob von Samarowsk eine bald nordwestliche, bald nordöstliche Richtung, um nach einer kurzen Strecke rein östlichen Laufes sich in den mächtigen Obschen Meerbusen zu ergiessen, der sich im Wesentlichen von Süd nach Nord erstreckt, jedoch nach der Ob-Mündung hin sich westlich ausbuchtet.

Ob und inwiefern noch Zeit und Gelegenheit zu Fahrten und Forschungen in den Ob-Meerbusen und an demselben ist, muss dahingestellt bleiben. Zur Sommerszeit sind im Meerbusen sowohl als im Ob sehr bedeutende Fischereien, und an den Ufern errichten die Fischer für kurze Zeit ihre Sommer-Niederlassungen. Dampfer führen die gefan' genen Fische stromaufwärts. Nach den Nachrichten, welche der Bremer Verein aus Moskau erhielt, werden zwischen dem 6. und 17. September Deutscher Rechnung vier Flussdampfer von 60 bis 150 Pferdekraft von Tobolsk nach der Mündung des Ob und noch ein Stück in den Meerbusen hineinfahren und Ende September nach Tobolsk zurückkehren. Dieser glückliche Umstand wird es den Reisenden ermöglichen, ihren Aufenthalt am unteren Ob, so weit es die Jahreszeit überhaupt gestattet, auszudehnen. Zurückgekehrt nach Tobolsk werden sie den völligen Eintritt des Winters abzuwarten haben, um zu Schlitten bis Nischnii Nowgorod, den Endpunkt der Eisenbahn, zurückzugelangen. Noch weisen wir darauf hin, dass die Reise auch in ethnographischer Beziehung insofern manche Kunde bringen wird, als sie durch die Wohnsitze, Jagd-, Fischerei- und Weidereviere mehrerer wenig bekannter Völkerschaften geht (die Ssib Tartaren am mittleren Irtysch, die Ostjaken im ganzen Ob-Gebiete und die Samojeden im nördlichen Theile desselben so wie am Ob-Meerbusen).

Es heisst, dass auch die Kaiserl. Geogr. Gesellschaft in St. Petersburg im Sommer dieses Jahres eine wissenschaftliche Expedition zur Erforschung des Obischen Meerbusens und der Niederung des Ob auszusenden beabsichtige. Es iBt natürlich selbstverständlich, dass es durchaus nicht in der Absicht des Bremer Vereins liegt, in sich vordrängender Weise an die Lösung von Aufgaben heranzugehen, welche die Russen sich ihrerseits gestellt haben; vielmehr werden die Herren der Deutschen Expedition mit den maassgebenden geographischen Kreisen in Petersburg eine vorhergehende Rücksprache nehmen, so dass je nach den Umständen die Arbeit der beiden Expeditionen auf verschiedene Landstriche gelenkt, oder auch eventuell in einzelnen Beziehungen ein Zusammenwirken erzielt werden kann. Da man auf beiden Seiten nur das Interesse der Wissenschaft im Auge hat, zweifelten wir von Anfang an nicht daran, dass die Russische geographische Welt den Deutschen Arbeitsgenossen freundlich entgegenkommen und so sich leicht und schnell eine Verständigung über die Frage erzielen lassen würde, wie der gemeinsame Forschungs

'eifer am erfolgreichsten der Wissenschaft dienstbar zu machen sei.

Und diese Überzeugung ist jetzt durch die mittlerweile eingetroffenen Nachrichten über die ersten Schritte der Reise bestätigt. — Dr. Finsch hat am 2. März Bremen verlassen, um am 6. März von Berlin aus mit seinen beiden Begleitern, Dr. Brehm und Graf Waldburg - Zeil, die Fahrt nach Petersburg anzutreten, wo sie am 12. März eintrafen und freundlich empfangen wurden. Die Reisenden verliessen St. Petersburg am 16. März, reisten per Bahn über Moskau nach Nischnii Nowgorod, von hier weiter per Schlitten, zunächst nach Kasan, wo sie am 27. März anlangten.

Geographische Notizen.

Stand der geologischen Karte der Schweiz im Januar 1876.

Wir entnehmen dem von B. Studer erstatteten „Berichte der Geologischen Commission an die Versammlung der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft in Andermatt, 1875", folgende Angaben über den gegenwärtigen Stand der geologischen Karte der Schweiz. Vollendet sind demnach die Blätter II >), HI, VI, VII, VIII, IX, X, XI, XV, XVI, XX, XXII, XXIV; da die Blätter I, V, XXI, XXV kein Terrain enthalten, so sind also noch 8 Nummern unvollendet, wovon aber 6 schon in Bearbeitung sind. Als noch nicht in Angriff genommen restiren daher nur 2 Blätter, XIV (Altdorf—Chur) und XXIII (M< Rosa—Domo d'Ossola). — Den Text zu dem letzterschienenen Blatte, IX, das den grösseren Theil des Cantons St. Gallen, den Canton Appenzell, und Theile der Cantone Zürich, Thurgau, Zug, Schwyz und Glarus enthält, bearbeiten die Herren Gutzwiller, Mösch und Kaufmann. Bl. XXIV (das südliche Tessin und angrenzende Gebiete von Italien), dessen geologische Darstellung durch den Tod des Herrn Emilio Spreafico unterbrochen wurde, ist jetzt nach den Ergänzungen durch die Herren Negri und Prof. Stoppani vollständig ausgeführt. Bl. XII, in welchem die Städte Neuchätel, Freiburg, Bern, Thun liegen, hofft Herr Gillieron nach zwei Jahren endlich vorlegen zu können. An Bl. XIII (Interlaken—Stanz) betheiligen sich die Herren Kaufmann, Mösch und Baltzer; jedoch ist der Abschluss der Aufnahme dieses Blattes in den nächsten Jahren nicht zu erwarten. Früher ist derjenige des BlatteB XVII (Vevey — Sion) in Aussicht zu stellen. Eben so lässt sich die vollständige Abschliessung des Blattes XVIII in nicht zu ferner Zeit erwarten; Herr v. Fellenberg hat darin die Aufnahme der Gletschergebiete in den Hochalpen von Bern und Wallis übernommen, während Herr Prof. Bachmann die geologische Darstellung des Kalk

gebirges der Blümlisalp und der verwickelten Umgebung von Murren auf sich nahm. Die Aufnahme des Blattes XLX ist Herrn Dr. Rolle aus Homburg v. d. H. übertragen, und hat derselbe seine Arbeiten Anfangs Juli 1875 bei Chiavenna angefangen.

Karte.

') Die Nummern der Blätter entsprechen denjenigen der Dufour

Stand der Publikation der Carte de France, im Maassstabe 1:80.000 und 1:320.000, im Febr. 1876.

Die Bibliographie de la France brachte am 5. Febr. 1876 die nachfolgenden, dem „Bulletin de la Reunion des Officiers" entlehnten Angaben über den Stand der Publikation der im Titel genannten Karten.

Kupferstiche. Der Stich der grossen, vom Depot de la guerre veröffentlichten Karte von Frankreich im Maassstabe von 1: 80.000 nähert sich schnell seinem Ende. Gegenwärtig sind 260 Blatt der Öffentlichkeit übergeben; nur sieben Blatt sind demnach noch zu erwarten. Die Nummern 179 (Allevard), 213 (Saint - Martin - Lentosque) und 225 (Grasse) werden im Laufe des Jahres 1876 zur Veröffentlichung gelangen und damit die Topographie des continentalen Frankreich vollenden. Die vier Blatt Bastia (261), Corte (263), Bastelica (265), Sartent (267) sind in Ausführung. Sie werden nach Maassgabe ihrer Fertigstellung erscheinen. — Von der 33-Blatt-Karte von Frankreich in 1: 320.000 sind 30 Blatt in Kupferstich veröffentlicht. Von den noch folgenden Nummern hat das Depot de la guerre bislang nur die planimetrische Grundlage veröffentlicht: 37 (Avignon), 28 (Nice), 33 (la Corse). Die Terrain-Darstellung ist in Ausführung für „Nice" und „Avignon"; das Blatt „Nice" wird gänzlich vollendet 1876 erscheinen.

Lithographische Übertragungen. Die lithographischen Übertragungen des continentalen Theiles der Karte in 1:80.000 sind bis auf die nachbenannten 5 Nummern veröffentlicht: 168, Lyon; die Darstellung dieses Blattes befindet sich gegenwärtig zu wenig in Übereinstimmung mit

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