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breiten Thaies ein, das die Gewässer jenes ganzen Theiles von Afrika in sich aufnimmt. Die Nebenflüsse des rechten Ufers sind oberhalb des Marktortes der Luama (Livingstone's Luamo), der Lulindi (Lolindi, als Nebenfluss des Luamo, bei Livingstone), unterhalb desselben der Lila (Lira Livingstone's), der Lindi und der Lowa. Letzterer, von Cameron neu erkundet, soll eben so gross als der Lualaba bei Nyangwe sein und zwei starke Zuflüsse, beide Lulu genannt, erhalten. Möglicher Weise, meint Cameron, könne dieser Lowa der Unterlauf des Buri sein. Der Buri oder Babura Poncet's, identisch mit Schweinfurth's Uelle, hat aber aller Wahrscheinlichkeit nach seine Fortsetzung in dem Eubanda Barth's und Bahar Kuta Nachtigal's, der südlich von Wadai als grösster Fluss der Gegend bekannt ist. Auf dem Geogr. Congress in Paris entspann sich eine Diskussion zwischen Schweinfurth und Nachtigal darüber, ob dieser Fluss der obere Lauf des Schari oder des Flusses von Logon sei, und V. A. Malte-Brun bemerkte sehr richtig dazu, dass wir Anderen die Frage unentschieden lassen müssten, wenn die beiden grössten Autoritäten sich nicht einigen könnten. Der Delle bleibt fürs Erste eins der grossen Probleme des Inner - Afrikanischen Flusssystems. Dr. Nachtigal hat ihn auf der British Association mit dem Benue in Verbindung gebracht, aber der Benue trägt durchaus den Charakter eines Bergstromes, da er in der trockenen Zeit nur wenige Fuss tief, er hat sicherlich keinen so langen Lauf, auch für die Abbiegung des Bahar Kuta nach Südosten zum Lualaba scheint nichts zu sprechen, vielmehr werden wir ihn bis auf Weiteres wohl dem Gebiet des Tsad - See's, also dem Schari oder dem Fluss von Logon, falls dieser nicht nur ein Arm des Schari ist, zutheilen müssen.

Von der linken Seite fallen dem Lualaba unterhalb Nyangwe zu der Luvubu oder Ruvubu (Lofubu Livingstone's), der Luwik (Ruwik der Karte) oder Kasuku und der Lomami. Den letzteren, den Livingstone auch Loeki oder Toung's Lualaba nennt, sollte Cameron bald näher kennen lernen. Er hatte sich in Nyangwe, wie vormals Livingstone, vergebens bemüht, Kähne zur Fahrt auf dem Lualaba hinab zu bekommen, und begleitete den aus Livingstone's Tagebüchern bekannten Elfenbeinhändler Tipo Tipo nach dessen Lager im Quellgebiet des Luwik, südwestlich ron Nyangwe, um von dort aus vielleicht den Sankorra-See zu erreichen. Auf dem Weg zu diesem See hätte er aber den Lomami überschreiten müssen, und als er den Häuptling auf dem jenseitigen Ufer desselben um die Erlaubniss zum Durchgang durch sein Gebiet fragen liess^, erhielt er eine schroffe abschlägige Antwort; auch Tipo Tipo hatte sein Gebiet nicht betreten dürfen. So war denn auch dieser Weg versperrt und Cameron begab sich nun, mit drei

ihm von Tipo Tipo mitgegebenen Leuten aus Urua, südwärts nach der Residenz Kasongo's, des grossen Häuptlings von ganz Urua, in der Hoffnung, von dort aus nach dem Sankorra gelangen zu können. Grossentheils am östlichen Ufer des Lomami entlang, dann über Zuflüsse des Lualaba durch ungemein reich bewässerte Gegenden, kam er im Oktober nach Kilemba, der Stadt Kasongo's, fand hier bei dem Arabischen Händler Jumah ibn Salim (Jumah Merikani) gastfreie Aufnahme und erhielt von einem schwarzen Händler aus Bihe, Jose Antonio Alviz, das Anerbieten, ihn nach Benguela zu begleiten. Da Kosongo auf Kriegszügen abwesend war, musste auf seine Rückkunft gewartet werden; inzwischen besuchte Cameron den kleinen, geschlossenen Möhrya-See im Norden von Kilemba (3080 Engl. F.) und den grossen Kassali- oder Kikonja-See (1750 Engl. F.) im Süden der Stadt.

Letzterer ist eine der hervorragenden Entdeckungen Cameron's. Der Kamolondo - See Livingstone's heisst nach Cameron's Erkundigungen Lanji, während der Name Kamolondo oder Kamorondo einem Flusse zukommt, der sich mit dem aus dem Moero-See kommenden Lualaba vor der Einmündung in den Lanji vereinigt. Der aus dem Moero kommende Lualaba wird nur von den Arabern so genannt, heisst aber bei den Eingeborenen Luvwa; der wahre Lualaba ist dagegen der Kamolondo, er durchfliesst von Süden kommend den Lohemba - See, wendet sich nordöstlich zum Kassali-See, bildet jenseit desselben noch einen dritten, etwas kleineren See Namens Kowamba, nimmt den Lufira von SSO. her auf') und durchfliesst noch eine ganze Kette von kleinen See'n (Kahanda, Ahimbe, Bembe und Ziwambo), bevor er sich mit dem Luowa vereinigt. Eine kurze Strecke oberhalb der Confluenz dieses wahren Lualaba und des Lufira sollen noch zwei See'n, Kattara und Kimwera, vorhanden sein, über ihre Verbindung und Lage in Bezug auf das Flusssystem konnte jedoch Cameron nicht in's Klare kommen und er hat sie deshalb auf der Karte gar nicht angegeben, er glaubt nur, dass der Kattara - See westlich vom Lufira, der Kimwera zwischen ihm und dem Lualaba liege.

Der Lualaba erhält von links den Luburi oder Luwuli und den Lufupa oberhalb des Kassali-See's, während in das östliche Ende des letzteren der Lovoi einmündet. Unterhalb des Kowamba-See's, wo der Fluss die beiden Namen Lualaba und Kamorondo zugleich trägt, nimmt er von Osten auf den Kulamehongo, Mana, Mkotwe, Kasamba und Kisuvulungo, von Westen den Luvijo, Kuvoi, Losanzi und Luvunguwi, lauter ansehnliche Ströme. Also auch hier der

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enorme Wasserreichthum! Der Lukuga, Ausfluss dea Tanganjika, ergiesst sich in den Luvwa oberhalb von dessen Vereinigung mit dem Eamolondo-Fluss.

Als Kasongo nach etwa 6 Wochen nach seiner Stadt zurückkam, verweigerte er Cameron die Erlaulmiss, nach dem See Sankorra zu gehen, auch war der Weg dahin in der Regenzeit unpassirbar. Cameron entschloss sich daher, in Begleitung von Alviz, dem er 400 Dollars versprach, nach Benguela zu marschiren, und verliess Ende Februar 1875 Kilemba. Äusserst langsam begann die Karawane ihre Heise, fünf Tagemärsche brauchte, sie bis Totela, eine Strecke, die selbst belastete Männer in zwei Tagen zurücklegen, und dort mussten die Leute des Alviz dem Kasongo erst ein neues Haus bauen, bevor sie ihre Reise fortsetzen konnten. Noch einmal versuchte hier Cameron, den Kasongo zu bewegen , ihm Kähne zu geben, damit er den Lomami zum Lualaba hinabfahren könne, aber Kasongo antwortete, es gebe für ihn nur zwei Wege, entweder mit Alviz zu gehen oder bei Jumah Merikani zu bleiben, bis dieser (nach Zauzibar) zurückkehre. Natürlich wählte Cameron das Erste, so sehr er sich schon von der Unzuverlässigkeit und Lügenhaftigkeit des Alviz überzeugt hatte. Ende Mai oder Anfang Juni wurde daher die Reise von Totela südwestwärts fortgesetzt. Man erreichte in 10 Tagen die Ortschaft Lunga Mandi's, der ein Unterhäuptling von Kasongo ist, blieb dort wieder 18 Tage, war am 7. September in Sha Kelembe am Lumeji-Fluss in Lovale (11° 31' S. Br., 20° 24' östl. L.), am 17. September in Tschikumbis bei Peho im Lande Kebokwe und so erreichte Cameron über Bihe das Atlantische Meer bei Katombela nördlich von Benguela am 7. November 1875.

Von Kilemba an hat er sich hauptsächlich auf der Wasserscheide zwischen dem Lualaba und Zambesi einerseits und dem Lomami (und Kassabi andererseits gehalten. Die Quelle des Lomami fand er in ca. 9° 24' S. Br. und 24° 15' östl. L., er ist nicht, wie Livingstone glaubte, der Unterlauf des westlichen oder wahren Lualaba, auch vereinigt er sich nicht mit dem Kassabi, sondern ist ein selbstständiger bedeutender Nebenfluss des Lualaba; er nimmt von Osten her einejMenge Bäche, aber keine grösseren Flüsse auf, von Westen dagegen den Luwembi, der aus dem See Iki (wahrscheinlich Livingstone's Lincoln-See) kommt; der See Dci aber nimmt von Süden die beträchtlichen Flüsse Lubiranzi und Luwembi auf, welche Cameron nahe an ihren Quellen überschritt. Jenseit derselben kam der Reisende zu den Quellflüssen des Lulua, passirte den

Lukoji oder Lukojo in 23° 20' östl. L., den Luwati in 23° 10' östl. L. und die Quellen des Lulua selbst in 23 ° ö. L., 11° S. Br. Dicht dabei befanden sich, ebenfalls in 23° ö. L. und 11° 15' S. Br. die Quellen des Zambesi (Liambai). Über ein grosses Plateau, an dem die Gewässer nach rechts und links dem Kassabi und Zambesi zufliessen, ging der Weg alsdann nach dem Lumeji, einem Behr bedeutenden Nebenfluss des Loena, der von Westen her dem Zambesi zuströmt. „Ein Kanal", schreibt Cameron, „von 20 bis 30 Engl. Meilen über ein flaches ebenes Land würde die beiden grossen Systeme des Congo und des Zambesi mit einander verbinden, in der Regenzeit bildet schon jetzt das Wasser eine Verbindung zwischen beiden. Mit einem Kapital von 1 bis 2 Millionen L im Anfang könnte eine grosse Gesellschaft Afrika in etwa 3 Jahren öffnen, wenn in geeigneter Weise gearbeitet würde. Welche diplomatischen Schwierigkeiten entgegentreten möchten , kann ich natürlich nicht sagen , aber ioh furchte, sie würden weit grösser sein als die physischen."

Die Kanalanlage zwischen den Quellgebieten zweier Afrikanischer Flüsse, die in ihrem Unterlaufe durch Katarakten jedes Eindringen von Schiffen unmöglich machen, müssen wir der fernen Zukunft überlassen, einer Zeit, wo nicht mehr einzelne Entdeckungsreisende unter drohendsten persönlichen Gefahren, von den zufälligen Umständen da- und dorthin verschlagen, das Innere des Continentes sehen, sondern wo sichere Zugänge zu den Handelsplätzen geschaffen, ein regelmässiger Waarenverkehr mit der übrigen Welt hergestellt sein werden. Dann wird der immense natürliche Reichthum des Landes zur Geltung kommen und wenn längst der Sklavenhandel unterdrückt und alle Elephanten ausgerottet, damit die jetzigen Haupthandelsartikel wegfällig geworden sind, werden die Produkte des Bodens in ungeahnter Fülle ausgebeutet werden. „Das Innere", sagt Cameron, „ist zumeist ein prachtvolles und gesundes Land von unaussprechlichem Reichthum. Ich besitze eine kleine Probe guter Kohle j andere Mineralien, wie Gold, Kupfer, Eisen und Silber giebt es in Menge. Muskatnuss*, Kaffee*, Semsem*, Erdnüsse*, ölpalmen*, der mpafu* (ein öl liefernder Baum)", Reis*, Weizen, Baumwolle, alle Produkte des südlichen [Europa, Kautschuk*, Kopal* und Zuckerrohr* [sind diejvegetabilischen Produkte, die nutzbar gemacht werden können. Die mit * bezeichneten sind jetzt dort vorhanden und Weizen wird mit Erfolg von den Arabern gebaut, eben so Zwiebeln und Obstbäume, die sie von der Küste einführen." E. Bebra.

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Galdhöpig und Sneehätta.

Vod Hauptmann M. Ituith.

Als zu Anfang unseres Jahrhunderts Leopold v. Buch seinen berühmten Reisebericht über Norwegen und Lappland veröffentlichte, und durch Wahlenberg zum ersten Mal die Gletscherwelt des Sulitjelma in wissenschaftlicher Darstellung bekannt wurde, da war die Skandinavische Halbinsel auch ihren gebildeten Bewohnern zum grossen Theil noch eine terra incognita.

Den auf willkürliche Combination begründeten Glauben an eine hohe Gebirgskette, „Kjölen" genannt, die als Naturgrenze der beiden Königreiche die Halbinsel ihrer ganzen Länge nach durchziehen sollte, hat hauptsächlich erst P. A. Munch's orographische Abhandlung (veröffentlicht in der „Gaea Norvegica", Christiania 1850) beseitigt. Durch seine Darstellung ist es ersichtlich geworden, dass die Gebirgsmasse Skandinavien's im Grossen und Ganzen genommen hoch und schroff aus dem Meer im Westen aufsteigt und dann ein Plateau bildet, welches von vielen schmalen Thalfurchen durchzogen, allmählich gegen Osten hinabsinkt.

Felsinseln gleich ragen da und dort einzelne Gipfel über demselben auf, so die Massen des Gausta und Skovre (beide über 6000 Fuss über dem Meere) in Thelemarken, oder der Sneehätta und seine zerklüfteten Nachbarn über dem Wüsten - Plateau des Dovre. In grösserer Anzahl und bis zur höchsten Höhe in ganz Nord-Europa aber thürmen sich die aufgesetzten Hochgipfel in jenem erhabenen Bergrevier empor, welches im Osten und Norden vom Gudbrands-Thal, im Süden vom Valdres, im Westen aber vom Sognefjord begrenzt wird, und in neuerer Zeit unter dem Namen der Jotunfjelde oder Riesengebirge berühmt geworden ist.

Unter 61° 50' N. Br. und 26° 12' Ö. L. (von Ferro) zweigt sich vom Otta-Thal, das sich bei Laurgaard mit dem grossen Thale des Logen (Gudbrands-Thal) vereinigt, der enge und tiefe, vom wilden Bergwasser der Baeora durchströmte Thalriss südwärts hinauf an den Fuss des Store Galdhöpig, oder wie die von tiefen Engthälern umzogene Masse auch genannt wird, des Ymesfjeld. In jenem verborgenen Felswinkel liegt das Örtchen Rödsheim, etwa 1800 Fuss über dem Meere, das in neuester Zeit häufig zum Ausgangspunkt für die Bergfahrten nach dem Galdhöpig, dem fast gleich hohen Glittertind und anderen Partien der Jotunfjelde gewählt wird.

Man ist hier an der Schwelle einer der wildesten und grossartigsten Hochgebirgs-Regionen Europa's. Die Nähe des Sognefjord, der sich mit steigender Pracht seiner Felsufer fast bis in's Herz dieser Gebirgsmassen verzweigt, und des gewaltigen Schnee- und Gletscherreiches des Jostedalsbrae

verleihen dem westlichen Theil der Jotune einen besonderen Reiz.

Ich war am 17. Juli Morgens mit einer kleinen Gesellschaft von Rödsheim nach dem Galdhöpig aufgebrochen. Der Weg führt anfänglich bis zu den Hütten von Galde ') im Düster des Baevra-Thales aufwärts. Dort verlässt man die Falirstrasse, die längs des reissenden Gebirgsstromes weiterzieht, und steigt auf einem steilen, bewachsenen Hang, der von abströmenden Schneewassern wild durchwühlt ist, bis zur Felsterrasse empor. Eine Sennhütte, RaubergstulSäter genannt, gewährt dem Aufsteigenden die erste Rast.

Der Weiterweg geht zum grossen Theil ziemlich eben über ein weites Trümmerfeld, das die nächste Stufe zum Galdhöpig bildet. Dann folgen mehrere grosse Schneefelder, die steiler und steiler ansteigen, und von welchen das letzte den zerrissenen Gletscher des Galdhöpig, den Styggebrae2) bedeckte, welchen wir auf diese Weise ohne sonderliche Schwierigkeit überschreiten konnten. Er ist von geringer Dimension. Ein kleiner blauer Eissee, Diuvvand, ruht zu seinen Füssen.

Die letzte Strecke war ein ermüdender Aufstieg durch tiefen Schnee, der polsterartig auf der Felsmasse des Galdhöpig lagert und stellenweis über den Rand des nach Norden steil abstürzenden Gipfels hinauszuragen schien. Es war 1 Uhr Mittags, als wir oben anlangten; zwei kurze Rasten eingerechnet, hatten wir von Rödsheim aus sieben Stunden gebraucht. Das Wetter war herrlich, die Sonnenstrahlen Hessen uns die Macht des nordischen Sommers gehörig empfinden, auch auf den Schneefeldern herrscht* gewaltige Hitze, und von unserer sechs Köpfe zählenden Gesellschaft hatten drei Personen, darunter ich, vom Sonnenstich zu leiden.

Aber alle Fährlichkeiten und Mühen waren rasch vergessen , als wir die weit schauende Höhe erreicht hatten, die nach den neuesten Messungen zu 8161 Norwegischen Fuss 3) über dem Meere aufsteigt und damit den Rang des höchsten Gipfels in ganz Nord-Europa behauptet.

Von der Höhe des Store Galdhöpig erschliesst sich den Blicken das ganze vielgestaltige Gebäu und Gefüge der Jotunfjelde. Aber man sieht für's Erste nicht mit dem

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nüchternen Augo des Geologen oder Topographen. Das Ungeheuere der Ausdehnungen, die unfassbare, verwirrende Menge gleichartiger und doch in sich tausendfach verschiedener Gebilde, die schwindelnde Wirkung riesiger Tiefen und "Weiten, das Alles lässt nicht sogleich ein bestimmtes, ordnendes, unterscheidendes Beschauen zu. Es bedarf einer Minute der Sammlung, um die erregten Nerven zu beschwichtigen und den Sinnen die Kraft zu prüfender Betrachtung gewinnen zu lassen.

Ich habe auf manchem Hochgipfel im Süd und Nord unseres Erdtheils Umschau gehalten. Aber der erste Eindruck dieser über alle Beschreibung erhabenen Scene war . mir ein völlig fremdartiger, noch nirgends empfundener. Als ich vom langen eintönigen Emporstieg über blendende Schneefelder endlich aufblickte, da war mir's zuerst, als wäre ich in ein weites Lichtmeer getaucht, das rings in magischem Blau den einsamen Gipfel umfing. Drüben im Osten schwamm weit hin gezogen, wie ein fernes Eisgebirge im Polarmeer, ein phantastischer Wolkenstreif im unbegrenzten Äther.

Es war der erste Gegenstand, an dem der Blick haftete, — einen Augenblick nur, — dann fiel er hinab auf die Pracht und Grösse des wirklichen Gebirgsbildes. Wer mag ihn schildern den ungeheueren Ring von schimmernden Eiszacken und Domen, die sich hier chaotisch übergipfeln! Das ist nicht die trostlose Eintönigkeit der Norwegischen „Viddene", jener wüsten, nur von eisbedeckten Hochsee'n, Moorflächen und Schneefeldern unterbrochenen, welligen Plateaux, über welche der Blick ohne Haltpunkt meilenweit hinwegirrt. Nein, nur von den höchsten Höhen der Alpen mag sich ein so seltsames Wirrsal hochemporstarrender Gipfel und blendender Schneeflächen darstellen. Die leichter zugänglichen und daher rasch bekannt gewordenen Aussichtspunkte eines Faulhorn, Piz Languard u. dgl. können sich mit der wilden Erhabenheit des GaldhöpigPanorama's nicht messen. Denn bei jenen ist neben die grandiose Pracht ewigen Winters immer noch die mildernde Anmuth sprossender Regionen, grüner Thalgelände und lieblicher Seespiegel gestellt. Hier aber herrscht weit und breit nur eisige Erstarrung und lebloses Gestein, dessen schwarzbraunes Gerippe da und dort in grellem Contrast aus seiner schimmernden Schneeumhüllung zu Tage tritt.

Auf dem ganzen weiten Bilde ist kaum die Spur eines Waldes wahrzunehmen, kein Mattengrün, keine heiter blinkende Seefläche, kein strömendes Gewässer, das Leben und Bewegung in die versteinerten und verschneiten Massen brächte. Die tiefen Thalrinnen, welche den Fuss des Galdhöpig umziehen, versinken in blaue Schatten und bergen ihr von wilden Wassern durchströmtes Bette vor den Blicken des Hinabschauenden. Nur aus einigen ferneren

Fels winkeln ragt das Ende eines einsamen Hochsee's hervor, licht- und leblos wie das brechende Auge eines Sterbenden.

Indess man findet sich allmählich wieder und beginnt das grosse, überwältigende Ganze im Einzelnen zu mustern. Da fesselt zunächst liegend die seltsame Gestalt des Bergriesen, auf welchem wir stehen, unsere Aufmerksamkeit. Eine grosse kraterförmige Vertiefung öifnet sich zu unseren Füssen auf der Südwestseite. Blendende Schneemassen in makellosem Weiss füllen dieselbe. Es wird uns in Kurzem klar: die kegelförmige Spitze ist in sich selbst zusammengestürzt, wir stehen auf einer kolossalen Bergruine. Nirgends eine compakte Gesteiusmasse, Alles ist in Trümmern und Scherben, bis zu kleinen, pfenniggrossen Stücken zerschmettert und zersplittert.

Die herrschenden Gesteine im Distrikt der Jotunfjelde sind wesentlich aus Hornblende und Feldspath - Arten zusammengesetzt. Hier am Galdhöpig tritt ausnahmslos ein aus schwarzer Hornblende und weissem Feldspath bestehendes, ganz parallel gestreiftes Material auf.

Schaut man über das massig weite Plateau, auf welchem der Galdhöpig sich emporthürmt, hinüber nach der nächsten Reihe der wild zerrissenen Hochgipfel, Bo hat man augenscheinlich lauter Felsgebilde vor sich, die auf ähnliche Weise entstanden sind. Man möchte glauben, dass diese Kolosse ursprünglich alle ausgehöhlt, blasenförmig aufgetrieben waren und dann in sich zusammengebrochen sind. So bildeten sich aus einzelnen Gipfeln ganze Gipfelgruppen, in der Art etwa, wie diess durch zeitweise Eruptionen an vulkanischen Höhen geschieht. Die malerischen, grotesken Formen der Horungerne, die ihre Zacken und Zinnen auf der Südwestseite des Galdhöpig in die Lüfte recken, sind hier das interessanteste Beispiel solcher ruinenhaft zerstückelter und zerbrochener Felsmassen.

Ihr höchster Gipfel, der Skagstölstind '), hat lange Zeit für den höchsten Punkt der Jotunfjelde gegolten. Aber er hat nach neueren Messungen nur 7650 Fus3 Meereshöhe, also 500 Fuss weniger als der Galdhöpig. Dagegen steigt im Osten des letzteren der Glittertind zu 8140 F. empor. Das tiefe, enge Thal der Visa trennt ihn von seinem Rivalen, zu welchem die majestätische Pyramide in ihrer stummen Schneepracht herüberschaut. Ob der Name derselben indess als „glitzernde Zinne" zu deuten ist, wiU ich dahin gestellt sein lassen. Es möge hier lediglich bemerkt sein, dass der ihrem Westabhang entstammende Torrent die „Glitra" heisst.

Das Auge misst vom Gipfel des Store Galdhöpig von

') Die Norwegischen „Tinder" entsprechen den Savoyischen „Dents". Die Benennungen Zinne nnd Zahn sind sprachlich eben so nahe verwandt, wie die beiderlei durch sie bezeichneten Formen.

Süd gegen Nord eine Luftlinie von 25 geogr. Meilen. Im Süden steht der blaue Zug der das Valdres-Thal begrenzenden Höhen, die bedeutendsten mit Schnee bedeckt; im Norden der hohe Dovre mit dem Sneehätta, einer breiten stumpfen Pyramide, mit verhältnissmässig wenig Sohnee auf ihrem südlichen Abhang.

In der Nähe senken sich schroffe Felswände in unsichtbare Tiefen. Dort unten liegen verborgen die "Wellenspiegel des Lyster- und Aurlandsfjord, der innersten Verzweigungen des grossen Sognefjord. Drüben aber, auf der Westseite, leuchtet muschelfbrmig gewölbt ein mächtiger Schneestreif. Es ist ein Theil jener kolossalsten Firnmasse des Europäischen Festlandes, des Jostedals-Brae. Eine einsame stumpfe Säule, schwarz und düster, blickt die Lodalskaabe darüber hinweg, deren unnahbarer Gipfel 6410 F. über dem Ocean, 2600 F. über dem Schneemeer emporragt.

Am Abend des 17. Juli war ich von Galdhöpig nach Rödsheim im Baevra-Thal zurückgekommen. Am 19. Juli Abends machte ich mich von Jerkin, der höchsten „Fjeldstue" ') des Dovre, nach dem Sneehätta auf. Ich konnte daher die in so kurzem Zwischenraum auf beiden Hochgipfeln gewonnenen Eindrücke leicht mit einander vergleichen.

Dovrefjeld galt bei der irrigen Vorstellung, die man sich ehedem von der Struktur des Skandinavischen Gebirges gebildet hatte, für die centrale Masse, welche das von Finnmarken herabkommende „ Kjölen - Gebirg" mit dem Langefjeld verbinden sollte. „Es ist gleichsam der Mittelpunkt, von welchem diese Gebirgsketten ausgehen, und es ist bei weitem die grösste Erhebung der ganzen nordischen Halbinsel", sagt noch Leopold v. Buch. Den Sneehätta glaubt derselbe mit Bestimmtheit für den höchsten Gipfel im ganzen Norden erklären zu können. Doch führt er dabei die kurz vorher durch Esmarck vorgenommene Messung an, welche die Meereshöhe des Sneehätta zu 7620 Pariser Fuss angab, während man in jener Zeit noch von einem 12.000 F. hohen Svukufjeld (auf der Grenze Norwegen^ und Schweden's) fabelte 2).

Munch betrachtet den Dovre einfach als einen Theil der grossen Norwegischen Central-Gebirgsmasse , welche in der Richtung SW.—NO. von Fillefjeld und Fördefjord bis zum Faemund-See und den Syltoppen sich hinlagert.

Die Thaleinschnitte des Ottavand und des Logen (zwischen Dovre und Lom) als Grenzen grosser Gebirgsgruppen

') Diese „Bergstuben" entsprechen den Hospizen der Alpenwelt. Jene Ton Jerkin liegt 3070 Norweg. Fuss über dem Meere. Schon im Jahre 1120 liess König Eystein die vier Fjeldstuer des Dovre errichten.

') Nach Vibc's Messungen beträgt der Sneehätta 7400 Norweg. Fuss, das Svukufji-id östlich vom grossen Faemund-See hat dagegen nur 4530 F. Meereshöhe. (Vibe, Hoidemaalinger i Norge, Christiania 1860.)

zu betrachten, hält Munch nicht für zulässig. Denn „Alles geht in einander" und nur der besseren Übersicht wegen, und weil die südlicheren Gebirge Norwegen's im Gegensatz zu den centralen grössere ununterbrochene Haiden darstellen, kann man die Fasseinsenkung des Fillefjeld als Grenzlinie zwischen den südlichen und centralen Gebirgen gelten lassen.

Was sich indess nicht leugnen lässt, das ist der Eindruck einer völlig veränderten Natur, welchen der Reisende empfindet, wenn er aus dem Bereich der Jotune kommend, vom Logen-Thal nach dem Dovre hinaufsteigt. Im Gegensatz zum alpinen Charakter jenes Hochreviers mit seinem grotesken Gipfelmeer treten hier rundliche, geschwungene Bergformen dem Blick entgegen, die allmählich in die platte Monotonie der nur von der bräunlichen Decke des Renthiermooses überzogenen Norwegischen ,,Vidde" übergehen. Auf dieser weiten Hochfläche, sofern Bie nicht der Tummelplatz wilder Stürme ist, herrscht die Grabesruhe einer grenzenlosen Wüste. Der Sneehätta, eine zerrissene Pyramide, und einige Nachbarhöhen von ähnlicher Gestalt stehen wie verlorene Posten im weiten, vom Leben geflohenen Raum.

Leopold v. Buch vergleicht seinen Anblick von der Hochstrasse aus, die über den Dovr e nach Drontheim führt, mit dem Montblanc, vom Breven gesehen. Das ist, wie auch Forbes bemerkt, offenbar übertrieben. Doch mögen Sommerreisende nicht vergessen, dass unser berühmter Landsmann die ganze Scenerie im winterlichen Frühjahr von 1807 noch unter der Schneedecke sah, was dem Bilde jedenfalls ein ganz anderes Aussehen verleihen musste.

Etwas sonderbar kam mir die Art der Besteigung vor. Ich ritt mit meinem Reisegefährten und zwei Führern Abends 9 Uhr von Jerkin ab, eine kurze Strecke auf der Hochstrasse weiter, dann bogen wir westwärts in die weite, von Moos und Steintrümmern bedeckte Fläche ein, die vor dem Sneehätta hingebreitet liegt. Bald kam uns derselbe vor Augen, ein theilweis beschneiter, zerrissener Grat, scharf vom hellen Abendhimmel abgezeichnet. Ihm zur Seite einige Trabanten von ähnlicher Form. Die ganze Gruppe, vornehmlich der Sneehätta selbst, erinnerte mich in ihrer Gestaltung auf den ersten Blick an die Algäuer Berge, die ich ein paar Jahre täglich vor Augen gehabt. Aber statt der malerischen Vorhöhen, über denen sich die Zacken und Schrofen des „Gaishorn" oder „Daumen" erheben, lag hier eine wüste Fläche in trauriger Monotonie hingestreckt.

Der Pfad verliert sioh ganz im elenden Gestrüpp, in Sumpf- und Trümmerflächen, in den Vertiefungen rauschen reissende Bergwasser, von denen wir beiläufig ein Dutzend zu passiren hatten. Aber unsere kleinen falben Normänner trugen uns mit sicherem Tritt hinüber und endlich sogar über ein Schneefeld, — ein touristisches Intermezzo, wie ich

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