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hat drei erwachsene Söhne: der älteste ist der Nachfolger seines Vaters; der zweite, zur Zeit der Reise des Herrn Przewalsky 21 Jahre alt, bekleidet die Würde eines Gögen, d. h. eines der unsterblichen obersten Lamaitischen Geistlichen; der dritte, Sija mit Namen, hatte damals noch keinen bestimmten Beruf. Die letzteren beiden sind lebhafte, feurige Charaktere. So findet denn auch der jugendliche Heilige für seine nach Bewegung und Leben dürstende Seele keine Befriedigung im engen Bahmen seiner Berufstätigkeit, und mit Leidenschaft giebt er sich mit seinem jüngeren Bruder der Jagd hin. Während des Dunganen-Aufstandes hatte er aus allen überflüssigen Lamen eine Abtheilung von 200 Mann gebildet, diese mit Englischen Gewehren bewaffnet und gegen die Räuber geschickt, die zuweilen noch jetzt diese Gegend plünderten.

Diese beiden jungen Männer besuchten die Reisenden sehr oft und wurden nicht müde, sich von Europäischen Dingen unterhalten zu lassen. Oft wurden auch gemeinschaftliche Jagdpartien unternommen.

Eine andere Persönlichkeit, mit der die Reisenden während ihres Aufenthaltes in Dün-jüan-in viel verkehrten, war die Vertrauensperson der fürstlichen Familie, ein Lame mit Namen Baldün-Sordschi, ein viel erfahrener Mann, der acht Jahre in L'Hassa zugebracht hatte und auch einmal in Kiachta gewesen war. Nach achttägigem Aufenthalt wurden die Fremden auch dem Amban vorgestellt, den sie in seiner mit einigem Europäischen Comfort ausgestatteten Empfangs-Fansa begrüssten. Natürlich zeigte sich bei der Unterredung der Barbar in seiner ganzen Blosse. So fragte er, ob es wahr sei, dass man zur Herstellung der photographischen Bilder die Flüssigkeit aus menschlichen Augen gebrauche '), wie viel Tribut die Franzosen und Engländer den Russen zahlen u. dgl. m. In dieser Audienz ertheilte der Fürst den Reisenden auch die Erlaubniss, im Alaschan'schen Gebirge zu jagen. Sie brachen denn auch am folgenden Tage dahin auf.

Das Gebirge liegt 15 Werst östlich von der Stadt und bildet die Grenze zwischen Ala-schan und Gan-su. Es beginnt am Hoang-ho, 80 bis 90 Werst südlich von der Stadt Dün-chu, streicht längs des linken Ufers des Stromes in divergirender Richtung südwärts und ist nach Aussage der Mongolen 200 bis 250 Werst lang; seine Breite ist unbedeutend und übersteigt im mittleren Theile nicht 25 Werst. Steil vom Thale emporstrebend, trägt es den vollständigsten Alpen-Charakter an sich, der besonders auf dem öst

') In der That war das Gerücht, dass die barmherzigen Schwestern der Missions-Oesellschaft, welche die Kinder unterrichteten, diesen darauf die Augen ausgestochen hätten, um die erwünschte Flüssigkeit zu gewinnen, in ganis China und Central-Asien verbreitet, und das dadurch aufgereizte Volk ermordete im Jahre 1870 im Thian-schan 20 Franzosen und 3 Russen.

liehen Abhänge hervortritt. Einzelne Bergspitzen erheben sich nicht besonders hoch über den Kamm des Gebirges, dessen höchste Punkte, der Bajan-Zumbur (10.600 F. absolute Höhe) und der Bugutui (ca. 1000 Fuss höher) ungefähr in der Mitte des Gebirges liegen. Zwischen den genannten beiden Punkten senkt sich der Bergrücken dergestalt, dass hier der einzige Pass des Gebirges liegt, über welchen der Weg nach der Chinesischen Stadt Nin-sia führt.

Die Schneegrenze erreicht das Gebirge nirgends, und selbst auf den höchsten Spitzen schmilzt der Schnee vollständig, obgleich er daselbst zuweilen noch im Mai und Juni fällt, wenn es in der Ebene regnet. Im September lag jedoch schon wieder auf den Nordabhängen einiger Gipfel Schnee, der vom Ende des genannten Monats an sich auf der höheren und mittleren Region erhielt. Trotz der ziemlich bedeutenden Menge der atmosphärischen Niederschläge ist das Gebirge sehr wasserarm, und nach Aussage der Mongolen entströmen demselben (und zwar dem Bugutui) nur zwei grössere Bäche, der Bugutui-gol auf dem west'liehen und der Käschiktä-muren auf dem östlichen Abhänge; beide verschwinden jedoch, wie diess in der Mongolei gewöhnlich geschieht, in der Ebene. Als Ursache hierfür giebt Herr Przewalsky die mauerartige Steilheit des isolirt dastehenden Gebirges an, in Folge deren das Wasser sich nirgend sammeln kann, sondern sofort abfliesst und vom Sande der Ebene verschlungen wird.

Von Stein-Arten kommen in diesem Gebirge Schiefer, Kalkstein, Felsit, Felsit-Porphyr, Granulit, Gneiss, GlimmerSandstein und Arten neuester vulkanischer Bildung vor. Auf dem Gipfel des Bugutui bestehen einzelne Felsen aus Quarz-Conglomerat. Ausserdem sind im Ala-schan-Gebirge Steinkohlenlager, die vor dem Dunganen-Aufstande von den Chinesen schwach ausgebeutet wurden.

Die der Ebene zunächst gelegenen Vorberge sind nur mit Gras und kleinem Gebüsch bewachsen; in einer Höhe von 7500 Fuss kommen auf dem westlichen Abhänge Tannenwälder mit Espen vermischt vor. Auf dem östlichen Abhänge beginnen die Wälder wahrscheinlich niedriger, es herrscht aber die niedrige Espe vor, welcher sich einige weisse Birken, Fichten und baumartige Wachholder beigesellen. Das dichte Unterholz wird vorzugsweise von Spiräen und Haselgesträuch, im höheren Theile aus Caragana jubata gebildet; die höchsten Theile des Gebirges sind von Alpenwiesen eingenommen.

Die ornithologische Fauna ist wahrscheinlich in Folge des Wassermangels sehr arm. Von den dort einheimischen Vögeln ist der Ohr-Phasan (Crossoptilon auritum) zu merken, der sich von den übrigen Phasanen durch ohrförmige Federbüschel am Hinterkopfe unterscheidet. Er ist grösser als der gewöhnliche Phasan und hält sich in Völkern von 4 bis 10 Stück (wahrscheinlich Brüten) in Wäldern auf. Ausserdem kommen noch vor: Greife (Vultur monachus?), Lämmergeier (Gypaetos harbatus), Mauerspechte (Tichodroma muraria), Poecile cincta, Sitta villosa, Hesperiphona speculigera, Pterorhinus Davidii, Pyrrhocorax, Perdix barbata und P. chukar; von Zugvögeln waren Ende September nur noch Turdus ruficollis, Ruticilla erythrogastra, Accentor montanellus und Nemura cyanara vorhanden.

Eine noch geringere Mannigfaltigkeit der Arten bietet die Thierwelt des Ala-schan-Gebirges dar, dafür entschädigt indessen der Reichthum an Exemplaren, besonders der grösseren Thiere. Im Ganzen wurden nur acht Arten gesehen: Hirsche (Cervus sp.), Bisamthiere (Moschus moschiferus), Bergschafe (Ovis sp.), von den Mongolen Kuku-jaman, d. h. blauer Bock, genannt, Wölfe, Füchse, Iltise (Mustela sp.), Hasenmäuse (Lagomys sp.) und Mäuse. Die Mongolen versichern , dass im nördlichen waldlosen Theile des Gebirges auch Argali vorkommen.

Nach 14tägigem Aufenthalt im Ala-schan-Gebirge, wo besonders der mühsamen Jagd auf Bergschafe nachgegangen wurde, begab sich Herr Przewalsky nach Dün-jüan-in zurück, von wo er nach Peking zurückzukehren beschloss, um sich mit Geld und anderen zur Reise erforderlichen Dingen zu versehen.

5. Rückkehr nach der Stadt Kaigan. Am 15. Oktober verabschiedeten sich die Reisenden von ihren neuen Freunden, dem Göjen und Sija, zu deren grossem Kummer. Es stand ihnen die 1200 Werst betragende Reise bis Kaigan bevor, die bei der vorgerückten Jahreszeit mit vielen Beschwerden drohte, und die dadurch noch verhängnissvoller zu werden versprach, dass Herr Pylzow am Nervenfieber erkrankte. Glücklicher Weise trug die kräftige Natur des jungen Mannes den Sieg über das Leiden davon, und die Reise konnte nach neuntägigem Aufenthalt an der Quelle Chara-moritä im nördlichen Ala-schan fortgesetzt werden. Es wurde der Weg durch das Land der Uroten eingeschlagen, das an Ala-schan grenzt. Im nördlichen Theile dieses letzteren liegt, 100 Werst von Dünjüan-in entfernt, der grosse Salzsee Dscharatai-dabasu, der ungefähr 50 Werst im Umkreise hat und nur 3100 Fuss über dem Meeresspiegel liegt. Herrliches Salz bedeckt hier in einer Mächtigkeit von 2 bis 6 Fuss den Boden; trotzdem wird dieser Vorrath nur von, einigen Dutzend Mongolen ausgebeutet, die das Salz in Bautu und Nin-sia absetzen. Die glänzende Salzfläche erscheint aus der Ferne wie Wasser, in der Nähe wie Eis. Die Täuschung ist so gross, dass ein Zug wandernder Schwäne sich darauf herabliess und, als die freudige Hoffnung, Wasser zu finden, getäuscht wurde, mit unwilligem Geschrei davon flog.

In der Nähe der Quelle Chara-moritä erhebt sich die verhältnissmässig unbedeutende, aber wilde und felsige Gebirgsgruppe Chan - ula oder Chaldsün - burgontu, die die letzte Ausbauchung des Gebirges ist, welches das Thal auf dem linken Ufer des Hoang-ho umsäumt. Dieses Gebirge, von den Mongolen Chara-narin-ula, d. h. schwarze, spitze Berge, genannt, beginnt am Flusse Chalütai und zieht sich in südwestlicher Richtung ca. 300 — die hügelige Fortsetzung des Chan-ula auf der Westseite des See's Dscharatai-dabasu mitgerechnet, 370 — Werst weit bis zur Nordgrenze Ala-schan's, wo es sich mit kleinen Felshügeln in die Sandebene verläuft und nur noch im Chan - ula eine beträchtlichere Höhe erreicht. Im Osten steht der Charanarin - ula durch niedrige, vielleicht auch unterbrochene Hügelrücken mit dem Scheiten-ula und folglich auch mit dem In-schan in Verbindung. Im Süden wird er vom Ala-schan-Gebirge durch eine mehr als 100 Werst breite Sandebene getrennt. Wie das Ealgan'sche Gebirge ist der Chara-narin-ula ein Randgebirge, welches die grosse Erhebung der Wüste Gobi von dem viel niedrigeren Thale des Hoang-ho trennt. Der Unterschied in der Höhe der auf der östlichen und auf der westlichen Seite des Gebirges belegenen Gegenden beträgt 2400 Fuss. Nach dem Hoangho-Thale hin erhebt sich daB Gebirge als eine steile Mauer, die nur selten von einigen Schluchten durchfurcht wird. Die grösste Höhe erreicht es in der Mitte, zwischen den Bergen Choir-Bogdo und Narin-Schoron, aber in seiner ganzen Ausdehnung hat es, obgleich es ziemlich reich an Quellen und Buchten ist, den Charakter der Wildheit und Unfruchtbarkeit. Kolossale Felsen von Granit, HornblendeGneiss, Felsit-Porphyr, Syenit, Felsit, Kalkstein und Thonschiefer thürmen sich an den Seiten auf oder krönen die Gipfel, und ausgedehnte Gerolle verwitterten Gesteins erstrecken sich zuweilen bis zum Grunde der Schluchten. Hin und wieder ragt auf dem freieren Abhänge ein Busch des Zwergmandelbaums oder eine magere Ulme empor, im Übrigen ist aber selbst Gras wenig vorhanden. Trotzdem ist das Thierleben nicht arm. Auf den Klippen sind Kukujamane, auf dem minder schroffen Westabhange Argali zu finden.

Vom Chan-ula schlug Herr Przewalsky den Weg längs der westlichen Seite des das Hoang-ho-Thal umsäumenden Gebirges, über die Hochebene des Uroten-Landes ein. Die Expedition stieg zu demselben über die niedrigen Felshügel des Randgebirges empor und fand eine Gegend, die durch ihre Unfruchtbarkeit und ihren fliegenden Sand an die Wüste Ala-schan's erinnert. Die Vegetation ist ausserordentlich dürftig; am häufigsten trifft man noch Beifuss und Winden. Je weiter nach Nordwesten, desto besser wird jedoch der Boden, und 120 Werst jenseit der Grenze Ala-schan's besteht er aus Thon oder Thon und Sand, so dass er sich mit feinem Steppengrase bedecken kann. Hier erscheint denn auch bald die Bewohnerin der Mongolischen Steppen: die Antilope gutturosa.

Bemerkenswerth war der Wechsel des Klima's. In Alaschan war selbst in der zweiten Hälfte des Oktober schönes Herbstwetter gewesen, und die Wärme stieg um Mittag im Schatten auf +12,5° C., am 25. erwärmte sich der Sand sogar bis auf + 43,5° C.; Nachts gab es wohl Fröste, aber das Thermometer fiel bei Sonnenaufgang nicht unter — 7,5° C. Auf der Hochebene stellte sich aber am 3. November bei starkem Nordweststurme und bei —9° C. ein so heftiges Schneetreiben ein, dass an eine Fortsetzung der Reise an diesem Tage nicht zu denken war. Die Kälte hielt an und machte die Reise noch schwieriger. Nachdem noch 150 Werst auf der Westseite des Chara-narin-ula durch eine vollständig menschenleere Gegend ') zurückgelegt worden und Herr Przewalsky sich überzeugt hatte, dass das Gebirge keine Ausläufer auf das von ihm umsäumte Plateau entsendet, stieg er am 11. November durch die Schlucht des Flusses Ugün-gol wieder in das Thal des Hoang - ho hinab, wo er auch wieder ein milderes Klima fand und das Thermometer sich zuweilen über den Gefrierpunkt erhob. Ein solcher Unterschied des Klima's stellt sich für eine Entfernung von 20 Werst, d. h. für die Breite des Gebirges, heraus. Indessen auch im Thale liess sich das Nahen des Winters fühlen, das Wasser hatte bereits eine Eisdecke, und wahrscheinlich war diess auch mit dem Gelben Flusse der Fall, da derselbe nach Aussage der Mongolen in der Nähe des Muni-ula Mitte November zufrieren und Mitte März aufgehen soll. Die Morgenfröste nahmen schnell zu, und beim Sonnenaufgange fiel das Thermometer bis auf —26° C; am Tage, besonders bei stillem Wetter, war es warm.

Von den Sandwüsten des Ala-schan an hat das Thal des Hoang-ho auf dem linken Ufer der Nordbiegung denselben Wüsten - Charakter wie auf dem rechten; auch die Höhe übersteigt wie in Ordos nicht 3500 Fuss. In den Dörfern lebt eine dichte Chinesische Bevölkerung, näher zu den Bergen hausen Mongolen.

Am Fusse des Gebirgsrandes läuft hier das alte Bett des Stromes (Ulan-chatun) hin, das eine Breite von 170 Faden hat, aber vollständig trocken und mit Gras bewachsen ist. Zwischen diesem alten Bett und dem jetzigen Strome befinden sich noch zwei kleine Arme, die Wasser haben, wenn der Wasserstand im Hauptstrome hoch ist, bei grösserer Hitze aber auch austrocknen. Ausser dem Hoang-ho

') Die daselbst nomadisirenden Mongolen hatten sich im Schrecken über die Nachricht, dass eine Dunganen-Bande vom Kuku-iior her erschienen sei, in das Hoang-ho-Thal geflüchtet.

und seinen Armen ist kein anderes Wasser als das in den tiefen Brunnen.

Im Thale überwinterten einige Sippen Vögel: Falco tinnunculus, Circus sp. (?), Plectrophanes lapponica, Otis tarda, Coturnix muta, Anas rutila und zahllose Phasane (Phasianus torquatus). Wo das Thal den Steppen-Charakter annimmt, zeigten sich viele schwarzschwänzige und Mongolische Antilopen (A. subgutturosa und A. gutturosa).

Bis zum Flusse Chalütai zieht sich das Gebirge wie eine Mauer längs des Hoang-ho-Thales hin; dann senkt es sich plötzlich und entfernt sich in einer niedrigen Hügelreihe von dem schroffen Rande, der weiter die Grenze des Thaies bezeichnet, während die Hügelreihe zur Verbindung des Randgebirges mit dem Scheiten-ula dient, der sich seinerseits bis zum Flusse Kundulin-gol erstreckt. Dieser letztere Gebirgszug ist zwar nicht hoch, aber felsig, wald- und wasserlos. Fast im Meridian seines Westendes befindet sich auch die Westecke des Muni-ula. Zwischen diesen beiden Gebirgszügen liegt ein langes, schmales Thal, das dicht von Chinesen bevölkert ist.

Am Ufer des Kundulin-gol gelangten die Reisenden auf ihren früheren Weg, so dass sie nun der Karte folgen konnten und, was sehr erfreulich war, keine Aufnahme zu machen hatten, die bei der Kälte und namentlich bei Wind nur mit sehr grossen Schwierigkeiten ausgeführt werden konnte.

Ohnehin gab es schon der Schwierigkeiten übergenug. Ende November verliessen sie das Thal des' Gelben Flusses und stiegen über den Rücken des Schochoin-daban auf den höheren Rand des Mongolischen Hochlandes, wo sie grimme Kälte, die bei Sonnenaufgang auf —32,7° C. stieg, empfing, während sie fast auf derselben Stelle im Sommer ■+■ 37° C. zu ertragen gehabt hatten. Unter tausenderlei Mühseligkeiten, die noch durch den leidenden Zustand des Herrn Pylzow erhöht wurden, gelangten sie am 30. November in die Nähe des Klosters Schüretü-dsu, das 80 Werst nördlich von Kuku-choto, auf der grossen Strasse von dieser Stadt nach Uliasutai liegt. Hier stiegen ihre Verlegenheiten derart, dass ihre Lage eine fast hoffnungslose wurde, denn alle ihre Kameele bis auf ein krankes, sieben an der Zahl, gingen ihnen hier auf der Weide verloreil und konnten auch nicht mehr aufgefunden werden; die umwohnenden Chinesen verkauften ihnen kein Futter für das kranke Kanieel und die beiden Pferde, so dass ersteres starb, eines der letzteren, vom Hunger geschwächt, erfror und sie mit nur einem Pferde zurückblieben. Glücklicher Weise gewährten die aus dem Verkauf verschiedener Sachen in Ala-schan gewonnenen 200 Lan die Möglichkeit, ein Pferd und andere Kameele zu kaufen und ihre Reise nach 17tagigem Aufenthalt fortzusetzen. Am Sylvestertage des Jahres 1871 kamen sie endlich in Kaigan an, wo sie bei ihren Landsleuten die freudigste Aufnahme fanden und sich zur Reise nach dem Kuku-nor vorbereiten konnten.

6. Roiso nach Ala-schan zurück.

Die Vorbereitungen zur neuen Reise nahmen zwei Monate in Anspruch. Leider verschlangen die Ausgaben für Beschaffung guter Kameele, vorzüglicher Waffen und diverser Waaren, die man mit Vortheil abzusetzen hoffte, so viel Geld, dass ihnen nur 87 Lan übrig blieben. Auch in dem Personalbestande war eine Änderung eingetreten, indem die beiden begleitenden Kosaken entlassen und zwei neue aus Urga angenommen wurden. Einer derselben war ein 19jähriger Russe, Namens Tschebajew, der andere, ein Buräte, hiess Irintschinow. Beide waren ausgezeichnete Leute, die nicht wenig zum glücklichen Erfolge der weiteren Reise beigetragen haben.

Am 5. März brach die Gesellschaft auf und wählte denselben Weg, den sie im verflossenen Jahre nach dem Gelben Flusse und bei der Rückkehr von Ala-schan verfolgt hatte. Auf dem Hochlande trug die Natur noch ihr Winterkleid. Es war zwar kein Schnee, aber auf den Flüssen lag noch das dicke Wintereis, die Kälte stieg zuweilen bei Sonnenaufgang bis auf —20° C. und Stürme wütheten oft drei Tage hinter einander. Dazu kamen oft die schroffsten Temperaturwechsel. So zeigte das Thermometer am 13. März um 1 Uhr Nachmittags im Schatten +22° C, während es am folgenden Tage um dieselbe Zeit — 5 ° C. angab. Auch der Wanderzug der Vögel war unbedeutend, so dass im ganzen Monat März nur 26 Arten derselben bemerkt wurden.

Im Muni-ula, der am 16. April erreicht wurde, erwachte die Vegetation ziemlich schnell; besonders im unteren und mittleren Gürtel des Südabhanges zeigte sich frisches Gras und blickten dis Blumen der Küchenschelle (Pulsatilla sp.), Anemone (Anemone barbulata), des Tragantstrauchs (Astragalus sp.) und der Gagea sp. hervor. Die ornithologische Ausbeute war aber auch hier höchst unbedeutend.

Im letzten Drittel des April wurde die Hitze im Hoangho-Thale sehr gross und stieg bis auf 4-31° C. im Schatten, so dass wie früher die Kälte jetzt die Hitze die Entwickelung der Vegetation verzögerte. Die Physiognomie Alascban's war gegen den Winter fast nicht verändert, und wenn auch irgendwo ein blühendes Pflänzchen sich zeigte, erschien es wie ein fremder Eindringling inmitten dieser stiefmütterlichen Natur. Regen-, resp. Schneetage gab es im April 6, im Mai regnete es an 20 Tagen.

Am 26. Mai kam Herr Przewalsky mit seinen Reise

gefährten wieder in Dün-jüan-in an. Hier fand sich eine vortreffliche Gelegenheit, an den Kuku-nor zu gelangen, und zwar mit einer Karawane von 27 Tanguten ') und Mongolen, welche einer der berühmtesten Mongolischen Kutuchtas in Peking nach dem Kloster Tschöbsen entsendet hatte. Dieses Kloster liegt in der Provinz Gan-su, 60 Werst nordöstlich von der Stadt Sining und fünf Tagereisen vom Kuku-nor entfernt. Nachdem Herr Przewalsky durch Verkauf der mitgebrachten Waaren und die Geschenke der fürstlichen Familie die ihm noch gebliebenen 50 Lan auf 500 und die Zahl der Kameele auf 14 gebracht, dann den Widerstand des Fürsten überwunden hatte, der ihn — wahrscheinlich auf höhere Instruktion — durchaus nicht mit der Tanguten-Karawane ziehen lassen wollte, begannen sie ihre Reise am 6. Juni.

Von Dün-jüan-in führte der Weg Anfangs nach Süden und dann direkt nach Westen in der Richtung auf die Stadt Dadschin in der Provinz Gan-su. Das südliche Ala-schan wird eben so wie das mittlere und nördliche von fliegendem Sande eingenommen, der Hügel von 50 bis 60, zuweilen sogar von 100 Fuss bildet und auf festem Lehmgrunde aufliegt. Die Mongolen nennen diesen Theil der Wüste Tüngeri, d. h. Himmel. Den zu verfolgenden Weg bezeichnet höchstens der Kameelmist oder ein Kameelskelett. Die thonigen Stellen, die man trifft, sind wellenförmig und steigen zuweilen zu Hügelreihen von ein paar hundert Fuss an. Die ganze Gegend war menschenleer, und oft legten die am Wege liegenden menschlichen Skelette Zeugniss für die Verwüstungen ab, welche die Dunganen hier unlängst angerichtet hatten. In zwei zerstörten Klöstern lagen ganze Haufen halbverfaulter und von den Wölfen angefressener Leichname.

Dem fliegenden Sande folgte eine unfruchtbare Thonebene, und bald erhob sich denn auch das majestätische Gebirge von Gan-su, das wie eine Mauer aus der Ebene aufsteigt. Im schroffsten Übergänge folgten auf die weit nach Westen sich erstreckende Sandwüste bebaute Felder, blumige Wiesen und Chinesische Fansen. Die Scheidelinie zwischen Kultur und Öde, Leben und Tod macht hier die Grosse Mauer. Von den Städten Kaigan und Gu-bei-keu streicht diese Mauer auf den das Mongolische Hochland umsäumenden Gebirgen westwärts, umgeht das ganze Ordos im Süden, lehnt sich an das Ala-schan-Gebirge, das eine natürliche Schutzmauer bildet, und setzt sich vom Südende dieses Gebirges längs der Nordgrenze der Provinz Gan-su fort, an den Städten Lan-tscheu, Gan-tscheu und Su-tscheu vorüberziehend.

Hier ist diese Grosse Mauer jedoch nicht mehr das

') Die Tanguten Bind eines Stammes mit den Tibetanern.

frühere Riesenwerk, sondern nur noch ein 3 Faden hoher Lehmwall, den die Zeit noch halb in Trümmer gelegt hat.

Zwei "Werst hinter der Grossen Mauer liegt das Städtchen Dadschin, das der Zerstörung entgangen ist.

Ein bequemerer Weg hätte nach dem Kloster Tschöbsen und Sining über die Städte Sa-jän-tschin und Dschunlin geführt, aber die dichtbevölkerten Striche und die in denselben unvermeidlichen Plackereien von Seiten der Chinesischen Behörden fürchtend, hatte die Karawane den westlicher liegenden Weg über Dadschin gewählt.

7. Die Provinz Gan-su ')•

Am 20. Juni wurde von Dadschin aufgebrochen, und an demselben Tage begann auch die Ersteigung des Plateau's von Gan-su, wo sich eine neue Natur enthüllte. Mit freudigem Staunen fanden die Reisenden ein mächtiges Gebirge, das in einzelnen Theilen die Schneegrenze erreichte , schwarze Pflanzenerde, ein ausserordentlich feuchtes Klima, den üppigsten Graswuchs auf dem fruchtbaren Steppenboden und im Thale, dichte Wälder auf den hohen und steilen Abhängen des Gebirges und ein reiches Thierleben.' Und alles das war kaum 40 Werst von der Wüste Ala-schan's entfernt!

Wie die anderen Gebirge der Mongolei ist auch das Randgebirge von Gan-su nur nach der Ebene hin ganz entwickelt; selbst die Schneerücken Kulian und Lian-tschu, die 50 Werst rechts vom Wege entfernt blieben, fallen, so weit diess aus der Ferne zu erkennen war, nicht schroff zum Plateau ab und haben hier, d. h. auf dem Südabhange, nur sporadisch kleine Schneefelder.

Vom Fusse der Berge führt der Weg durch eine von steilen Thonschieferfelsen eingeschlossene Schlucht zur Passhöhe. Nicht weit hinter dem Passe, der 28 Werst von dem äussersten Rande des Gebirges entfernt ist, liegt das Chinesische, von den Dunganen zerstörte Städtchen Da-i-gu, das eine absolute Höhe von 8600 Fuss hat, während Dadschin sich kaum 5900 Fuss über den Meeresspiegel erhebt.

Auf dem Steppenboden erschien auch wieder die Mongolische Antilope, die in Ala - schan nicht zu finden ist; auch traf man hier Heerden verwilderter Pferde, die in Folge der Plünderungen der Dunganen ihrem Schicksal überlassen worden waren.

Nach dem Übergange über den ziemlich bedeutenden Bach Tschagrün-gol, der südwestlich zur Stadt Dschun-lin fliesst und wahrscheinlich in den Tätung-gol (von den Chi

') Grenzt im Norden an die Mongolei, im Osten an die Provinz Schän-si, im Süden an SU-tschuan and den kuku-nor. Sie westliche Grenze ist unsicher. Vor dem letzten Dunganen - Aufstande erstreckte sich Gan-su in einem langen Streifen so weit nach Westen, dass es noch die Bezirke Barkul und Drumtsi im östlichen Thian-schan umfasste.

nesen Datung-ho genannt), den bedeutendsten Nebenarm des oberen Uoang-ho, mündet, führte der Weg wieder durch die Schlucht des in den Tschagrün-gol mündenden Baches Jarlün-gol in ein Gebirge, das kein Randgebirge mehr ist, sondern sich auf dem Plateau selbst aufthürmt und das Nordufer des Tätung-gol begleitet.' Auf dem Südufer dieses Flusses erhebt sich ein anderes nicht minder kolossales Gebirge. Ersteres, in welchem die Reisenden Spuren früherer Goldwäschen fanden, hat einen vollständigen, aber mehr nach dem äusseren Rande hin entwickelten AlpenCharakter; jedoch auch auf der anderen Seite kommen bedeutende Gipfel vor; so z. B. der rechts vom Wege bemerkte Gadschur, auf dem noch Reste des Winterschnee's lagen. Flora und Fauna waren sehr reich. Bei jedem Schritte zeigte sich eine neue Pflanzen-Art, und fast jeder Schuss lieferte einen neuen Vogel. Der Aufstieg zum Passe war sehr sanft, der Abstieg etwas steiler.

Im weiteren Verfolge ihres Weges sahen die Reisenden bald die ersten Nomadenlager der Tanguten, dann schwarze Zelte und Heerden langwolliger Yaks, die von den Mongolen Sarloks genannt werden. Nach dem Übersteigen einiger weiteren Ausläufer des Hauptgebirgszuges gelangten sie an das Ufer des Tätung-gol und machten bei dem Tangutischen Kloster Tschertünton Halt. Dieses Kloster war, Dank seiner unzugänglichen Lage im Gebirge, der Zerstörung durch die Dunganen entgangen, und in der Umgebung desselben lebte eine ziemlich dichte Tangutische Bevölkerung. Der Tätung-gol ist hier, in seinem mittleren Laufe, 20 Faden breit und hat eine reissende Strömung; in seinem Bette liegen Steinblöcke von jeder möglichen Grösse, durch welche er sich brausend seinen Weg bahnt. Wo seine Felsufer etwas zurücktreten, bildet sich stets ein malerisches Thal. In einem solchen lag auch das Kloster Tschertünton im Schutze kolossaler Felsen, in einer Höhe von 7200 Fuss über dem Meere. Über den Tätung-gol führte 3 Werst oberhalb des Klosters eine Brücke, und das Gebirge, welches sich auf der rechten (südlichen) Seite dieses Flusses hinzieht, wurde in einer engen Schlucht erstiegen, durch welche der Rangchta-gol, ein Nebenfluss des Tätung-gol, fliesst. Im Passe selbst windet sich der Weg im Zickzack an einer fast senkrechten Wand empor; dafür entschädigte die herrliche Aussicht- von der Passhöhe auf das jenseit des Gebirges sich ausdehnende Hügelland. Nach der dem Tätung-gol entgegengesetzten Seite fällt das Gebirge in kurzer und steiler Böschung ab. Die Entfernung von der Passhöhe bis zur Ebene beträgt südwärts nur 9 Werst, während die bis zum Tätung-gol durch die Rangchta-Schlucht 34 Werst misst. Das hinter dem Gebirge hegende hügelige, zum Theil gebirgige Land, das sich bis zur Stadt Sining erstreckt, und hinter dem wieder kolossale,

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