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wellt, bald von niedrigen Felsrücken durchzogen, sich in die undeutliche bläuliche Ferne verliert. Auf dem Berge Chan-ula nimmt der Reisende vom letzten Walde Abschied. Hin und wieder weiden Mongolische Heerden und trifft man Nomadenzelte, die namentlich in der Nähe der Strasse nicht selten auftauchen. Diese Steppenzone, deren aus Thon und Sand bestehender Boden mit vorzüglichem Grase bewachsen ist, geht allmählich in die unwirthliche Wüste Gobi ') über. Dieselbe lagert sich in einem ungeheueren Gürtel vom Westfusse des Kuen-Lün bis zum Chingan-Gebirge, das die Mongolei von der Mandschurei scheidet, quer über das Asiatische Hochland. Ihr westlicher, zwischen dem Thian-Schan und dem Kuen-Lün belegener Theil ist noch sehr wenig bekannt, der östliche aber, besonders auf der ihn in der Diagonale schneidenden, ungefähr 1000 Werst langen Strasse von Urga bis Kaigan schon mehr erforscht. Durch das im Jahre 1832 ausgeführte barometrische Nivellement der Herren Fuss und Bunge wurde die bis dahin von den Geographen angenommene bedeutende absolute Höhe (8000 Fuss) der Wüste Gobi auf ihr wirkliches Maass von 4000 F. zurückgeführt, eine Höhe, die nach der Mitte zu nach der Bestimmung derselben Herren auf 2400 F. und nach der des Astronomen Fritsche sogar auf 2000 F. herabfällt. Diese Vertiefung ist ungefähr 100 Werst breit und erstreckt sich weit nach Westen und Osten. Die grösste Unfruchtbarkeit und Wildheit hat die Wüste in ihren südlichen und westlichen Theilen, in Ala-schan und in den Ebenen des Lob-nor-Bassins.

Im Allgemeinen hat die Wüste Gobi eine mehr wellenförmige Bodengestaltung, obgleich vollkommene Ebenen, die sich zuweilen zu Dutzenden von Wersten ausdehnen, nicht selten sind. Besonders häufig kommen dieselben in der Mitte vor, während der nördliche und der südliche Theil ziemlich viele theils sporadisch zerstreute, theils in Ketten sich hinziehende felsgekrönte Hügel von einigen 100 Fuss relativer Höhe aufzuweisen hat. In den Schluchten und Thälern befinden sich viele trockene Betten von Wasserläufen, die jedoch nur bei starkem Regen während einiger Stunden Wasser haben. In diesen Betten befinden sich auch die Brunnen.

Der Boden der eigentlichen Wüste Gobi besteht aus grobkörnigem röthlichen Kiessande und feinem Kieselgerölle, dem verschiedene Steine, so z. B. zuweilen auch Achate, beigemengt sind. Stellenweis zeigt sich auch fliegender Sand, der jedoch nur im Süden ausgedehntere Strecken einnimmt. Ganz vegetationslose Striche sind auf der Strasse nach Kaigan allerdings selten, aber der Pflanzenwuchs ist

') Das Mongolische Wort „Gobi" bedeutet „wasserlose, unfruchtbare Ebene". Das eigentliche Mongolische Wort für „Wüste" ist „Tala". Petermann's Qeogr. Mittheilungen. 1876, Heft I.

dünn, niedrig und verhüllt nie den röthlich-grauen Grund. Da, wo Lehm an Stelle des Kiessandes tritt, wachsen zuweilen 4 bis 5 Fuss hohe Gebüsche von drahtärtig zäher Lasiagrostis splendens, von den Mongolen „Dürissu" genannt; da öffnet zuweilen auch ein vereinsamtes Blümchen seinen Kelch, und wenn der Boden salzhaltig ist, wächst da auch „Budargana" (Kalidium gracile), das Lieblingsfutter der Kameele.

Von Urga bis Kaigan führen ausser der Poststrasse, die von Mongolen unterhalten wird und mit Brunnen und Stations-Jurten versehen ist, noch einige Karawanen-Wege, die meistentheils von den Thee-Karawanen benutzt werden.

Bei der Beschreibung der ermüdenden, niederbeugenden Einförmigkeit des Weges durch diese Wüste verweilt Herr Przewalsky unter Anderem auch bei der Schilderung des räuberischen Wesens der Raben (Corvus corax), die den Zug beständig begleiteten, sich durch ihre Zudringlichkeit unausstehlich machten und daher unbarmherzig erschossen wurden. Nicht zufrieden damit, dass sie Löcher in die Säcke machten und die Schiffszwiebacke stahlen, setzten sie sich auch auf den Rücken der weidenden Kameele und zerhackten ihnen die Höcker, wogegen denn die dummen, feigen Thiere keine andere Abwehr hatten, als dass sie aus vollem Halse schrieen und ihre Gegner begeiferten. Ausserhalb des Zeltes etwas Essbares liegen zu lassen, war positiv unmöglich, weil Raben und Geier es sofort raubten.

Von anderen Vögeln wurden nur Bastardhühner (Syrrhaptes paradoxus) und Mongolische Lerchen (Melanocorypha mongolica) häufiger angetroffen.

Von den dieser Wüste eigentümlichen Säugethieren sind nur zwei Species hervorzuheben: die Sandhasenmaus (Lagomys Ogotona), die sehr zahlreich verbreitet ist, und eine Antilopen-Art, das „Dseren" (Antilope gutturosa).

Eben so wie im Norden umsäumt auch im Südosten ein 200 Werst breiter grasreicher Steppengürtel das wüste und wilde Innere des Mongolischen Plateau's. In diesen Steppen weiden zahlreiche Heerden des Mongolen-Stammes der Zacharen, welche als die äusserste Grenzwache des eigentlichen China's der Reihe nach den Grenzdienst verrichten und in acht Fahnen (Choschune) getheilt sind. Dieselben haben in der beständigen Berührung mit den Chinesen nicht nur den Charakter, sondern auch den Typus der echten Mongolen eingebÜBSt, leider jedoch nicht zu ihrem Vortheil, da sie sich, unter Aufopferung der Mongolischen Gutmüthigkeit, nur die schlechten Seiten der Chinesen, aber nicht deren Arbeitsamkeit angeeignet haben. Die aus den häufigen Ehen mit Chinesinnen entsprossenen Mischlinge heissen „Erlidse", d. i. Zweischoossige. Die anderen Mongolen hassen die Zacharen nicht weniger wie die Chinesen und halten sie für arge Diebe.

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Obgleich das Land der Zacharen auch noch nicht sehr wasserreich ist, giebt es hier doch schon hin und wieder See'n, unter denen der Anguli-nor der bedeutendste ist. Näher zum Rande des Plateau's erscheinen auch bereits zuweilen kleine Flüsschen und es treten in einzelnen Chinesischen Dörfern und bebauten Feldern Spuren der Kultur und des sesshaften Lebens hervor.

Endlich erscheint fern am Horizont in noch undeutlichen Umrissen die Gebirgskette, welche in scharf markirter Weise das hohe, kalte Mongolische Plateau von den warmen Ebenen des eigentlichen China's scheidet. Wie bei vielen anderen Gebirgen, welche das Mittel-Asiatische Hochland umsäumen, ist von der Seite des Plateau's her kein Aufstieg wahrzunehmen. Bis zum letzten Schritt bewegt sich der Reisende zwischen den Hügeln des wellenförmigen Terrains, biß sich ihm plötzlich ein wunderbares Panorama eröffnet. Staunend sieht er zu seinen Füssen eine ganze Kette hoher Berge, Piks und steile nackto Felsen, phantastisch verschlungene Klüfte und Spalten, und dahinter dehnen sich dicht bevölkerte Thäler aus, die vom Silbernetze zahlreicher Flüsschen durchwoben werden. Der Contrast ist in der That ergreifend. Nicht minder bedeutend ist die Veränderung des Klima's. Während auf dem Mongolischen Hochlande Tag für Tag eine von Nordwestwinden begleitete Kälte bis zu —37° C. herrschte, stieg die Temperatur mit jedem Schritte abwärts, und in Kaigan war Ende Dezember vollständiges Frühlingswetter. Zwischen dem höchsten Punkte vor dem Abstieg (5400 Fuss absolute Höhe) und Kaigan (2800 F.) liegen aber nicht mehr als 25 Werst.

Kaigan'), Chinesisch: Tschan-tsä-keu, schliesst den Durchgang durch die Grosse Mauer und ist ein wichtiger Punkt für den Handel China's mit der Mongolei. Hierher gehen auch die Russischen Waaren: Tuche, Plüsche und Rauchwaaren. Der Ort hat 70.000 ausschliesslich Chinesische Einwohner, darunter auch viele Mohamedaner, die in China unter dem allgemeinen Namen „Choi-choi" bekannt sind. Ausserdem befinden sich hier zwei protestantische Missionäre und einige Russische Kaufleute, deren Geschäft der Transport des Thee's durch die Mongolei nach Kiachta ist. Trotz des immer mehr in Aufnahme kommenden Seetransports werden jährlich doch noch 200.000 Kisten Thee, jede zu drei Pud, von Kaigan über Urga nach Kiachta versandt. Dieser Thee gelangt von den Plantagen bei der am Jan-tse-kiang belegenen Stadt Chan-kou theils zu Lande nach Kaigan, theils auf Europäischen Dampfern nach Tientsin. Eine Hälfte desselben wird hier Russischen Spediteuren übergeben, die andere Hälfte versenden die Chinesen

') Der Nnme Kaigan kommt von dem Mongolischen Worte „Chalga" Schlagbaum, her.

selbst. Die Thee-Karawanen sind eine sehr charakteristische Erscheinung der östlichen Mongolei. Im frühen Herbst ziehen von allen Seiten lange Reihen von Kameelen, die sich während des Sommers auf der Weide erholt haben, nach Kaigan, um dort mit Theekisten beladen zu werden. Gewöhnlich macht jede Karawane die Reise im Laufe des Winters zweimal, und da jedes Thier durch eine Reise dem Mongolischen Besitzer 12 Lan oder .25 Rubel einbringt, haben die Mongolen einen sehr reichlichen Gewinn, von dem sie freilich nicht viel nach Hause bringen, da sie unterwegs von den schlauen Chinesen auf eine entsetzliche Weise ausgebeutet werden.

Unmittelbar hinter Kaigan breitet sich eine Ebene mit dichter Bevölkerung, herrlicher Kultur und zahlreichen Dörfern aus, welche letzteren im schroffen Gegensatz zu den Städten ein sauberes Aussehen haben. Die Entfernung zwischen Kaigan und Peking beträgt ca. 210 Werst, und die ganze Strasse ist sehr belebt. Auf dem Rande der Ebene, 30 Werst von Kaigan entfernt, liegt die grosse Stadt Süancha-fu, die, wie jede andere Chinesische Stadt, von einer mit Zinnen versehenen Lehmmauer umgeben ist. Weiter führt der Weg über einen Felsrücken längs der Schlucht, durch welche der reissende und ziemlich breite Jan-ho fliesst. Hinter der Stadt Dsi-min beginnt wieder eine Ebene von 10 bis 12 Werst Breite, die westwärts zwischen zwei Gebirgszügen hinstreicht. Der zweite dieser Gebirgszüge ist viel höher und imposanter als der erste und bildet den Rand der zweiten Terrasse, mit welcher das Ost-Asiatische Hochland gegen die Ebenen am Gestade des Gelben Meeres abfällt. Und in der That beträgt die absolute Höhe auf dem Räume von Kaigan bis nahe zur Stadt Tscha-dou, welche beim Eintritt in dieses Gebirge liegt, 2800 Fuss, während Tscha-dou selbst eine solche Höhe von nur 1600 F. hat. Von letzterem Orte beginnt der Abstieg vom zweiten Gebirgsrande, der bei den Chinesen Si-schan heisst und sich eben so wie das Kalgan'sche Gebirge nur nach der an seinem Fusse belegenen Ebene hin vollständig entwickelt.

Der Weg über dieses Gebirge führt durch die Schlucht Guan-gou, dio nahe bei Tscha-dou beginnt und sich bis zu der am Beginne der Peking'schen Ebene liegenden Stadt Nan-keu hinzieht. Diese Schlucht ist in ihrem oberen Theile nur 10 bis 15 Faden breit und wird auf allen Seiten von kolossalen senkrechten Felsen aus Granit, Porphyr, grauem Marmor und Thonsehiefer eingeschlossen.

Längs des Kammes des Gebirges Si-schan zieht, sich die zweite, sogenannte innere Grosse Mauer hin, die einen viel besseren Bau- als die bei Kaigan hat. Ausserdem liegen nach Peking zu noch drei das Vertheidigungswerk ergänzende Mauern, die 3 oder 4 Werst von einander entfernt sind und sich wahrscheinlich mit ihren Enden an das Hauptwerk anschliessen. Wo diese Mauern die Schlucht Guan-gou kreuzen, sind sie durch doppelte, in der Peking zunächst belegenen Stelle sogar durch dreifache Thore geschlossen.

Unmittelbar hinter den Mauern erweitert sich die Schlucht ein wenig; sie behält zwar noch ihren wilden Charakter, derselbe wird aber durch grosse landschaftliche Reize gemildert. Die Stadt Nan-keu liegt 1000 Puss niedriger als Tscha-dou, obgleich sie von dieser nur 23 Werst entfernt ist.

Die ganze Breite des Gebirgsrandes des Ost-Asiatischen Hochlandes vom höchsten Punkte des Gebirges von Kaigan bis zur Peking'schen Ebene bei Nan-keu beträgt ungefähr 200 Werst. Nach Westen hin wird dieser Rand wahrscheinich breiter und streicht, von einigen Parallelketten durchzogen , bis zu der nach Norden gerichteten Biegung des Hoang-ho. Ostwärts vereinigen sich die getrennten Ketten zu einer einzigen breiten Gebirgsmasse, die sieb bis zur Petschili-Bucht des Gelben Meeres erstreckt. Das ganze Gebirge wird von den Chinesen Tchai-chan genannt.

Der 50 Werst breite Raum von Nan-keu bis Peking ist vollständig eben und erhebt sich nur wenig über den Meeresspiegel. Peking selbst hat nur 120 Fuss absoluter Höhe. Der angeschwemmte Boden besteht aus Lehm und Sand und ist überall vortrefflich angebaut. Das Klima wird hier noch milder, und selbst während der Januarfröste steigt das Quecksilber um Mittag im Schatten über Null. Wenn auch zuweilen Nachts Schnee fällt, schmilzt er doch am Tage gleich wieder fort.

2. Der südöstliche Band des Mongolischen Platoau's.

Peking, von den Chinesen Bei-tsin oder Be-gin, d. h. nördliche Hauptstadt, genannt, macht auf den Europäer einen höchst unangenehmen Eindruck. Schmutzgruben und Schaaren nackter Bettler gehören zu den unvermeidlichen Attributen der besten Strassen. Dazu kommt die freche' Zudringlichkeit der Chinesen, der den Fremden überall begleitende Ruf „Jan-guisa" (überseeischer Teufel), dem sich andere Schmähwörter anschliessen, die Ungenirtheit, mit welcher die Chinesen ihre natürlichen Bedürfnisse befriedigen, und in Folge alles dessen ein unerträglicher Gestank.

Von Peking sollte die eigentliche Erforschungs-Expedition beginnen, und die Reisenden hatten sich nun vollständig für dieselbe zu rüsten. Diess war jedoch keineswegs leicht. Trotz des Versprechens grosser Belohnung war weder ein Chinese, noch ein Mongole aufzutreiben, der sein Misstrauen und seine Feigheit so weit hätte überwinden können, um die Reisenden zu begleiten. Dieselben mussten daher allein fertig zu werden suchen. Nachdem sie Karneole, Pferde und alles Andere, was ihnen für ein Jahr

nöthig war, angeschafft, hatten sie von den für dieses Jahr bestimmten Geldern nur noch 230 Lan oder 460 Rubel übrig.

Die mit Einschluss der beiden Kosaken aus vier Personen bestehende kleine Expedition konnte sich, da die Kosaken durch zwei andere abgelöst werden sollten, noch nicht gleich in das Innere der Mongolei begeben, sondern musste sich mit der Erforschung der in der Nähe von Peking, zwischen diesem und der Stadt Dolon-nor belegenen Gegend begnügen. Sie brach am 9. März 1871 auf und richtete ihren Weg zunächst nach der Stadt Gu-beikeu, welche den ersten Durchgang durch die Grosse Mauer schliesst und 115 Werst nördlich von Peking liegt. Nach Durchschreitung der Ebene, die mit vielen Dörfern bedeckt ist und von dem Flusse Bai-ho und dessen Nebenflusse, dem Tschao-ho, bewässert wird, kamen die Reisenden 20 Werst vor Gu-bei-keu an die Vorberge des Randgebirges, welches, nachdem sich hier die beiden Zweige des westlichen Randes, die von Kaigan und Nan-keu, zu einer breiten Gebirgsmasse vereinigt haben, an dieser Stelle das hohe Plateau der Mongolei von dem Tieflande des eigentlichen China's trennt, aber erst nördlich von Gu-bei-keu seine vollständige Gebirgsnatur gewinnt.

Von Gu-bei-keu an ist der Gebirgsrand in der Richtung zur Stadt Dolon-nor ungefähr 150 Werst breit und besteht aus einigen von West nach Ost streichenden Parallelketten. Alle diese Gebirge erreichen kaum eine mittlere Höhe, obgleich sie oft den Alpen-Charakter an sich tragen. Es kann demnach in dieser Gegend auch nicht der mit ewigem Schnee bedeckte Berg Pe-tscha, von 15.000 Fuss absoluter Höhe, dessen Gerbillon und andere Missionäre erwähnen, und den auf Grundlage dieser Angaben auch Ritter anführt, vorhanden sein '). Die Thäler zwischen den erwähnten Gebirgsketten sind gewöhnlich schmal ('/2 bis 1 Werst breit) und verengen sich stellenweis zu Schluchten, die von hohen Felsen von Gneiss und Granulit eingeschlossen werden. Kleinere Bäche giebt es in Menge, von grösseren Flüssen aber nur den Schandu-gol oder Luan-ho, welcher der nördlichen Abdachung des Gebirgsrandes entströmt, um die Stadt Dolon-nor herumfliesst, den ganzen Gebirgsrand durchbricht und dann die Ebene des eigentlichen China's betritt.

Obgleich diese ganze Gegend ausserhalb der Grossen Mauer liegt, ist sie doch ausschliesslich von Chinesen bevölkert. Alle Thäler sind mit Dörfern oder einzelnen Fansen bedeckt, zwischen denen sich die Kulturländereien

') Die Angaben des genannten Missionärs sind bereits 1856 von den Russischen Gelehrten Wassiljew und Ssemenow widerlegt. Zu vergleichen die Übersetzung Ssemenow's von Bitter's „Asien", Th. I, S. 292—295.

ausdehnen. Städte giebt es hier nicht, wohl aber die beiden Flecken Pu-nin-scha und Gao-dschi-tun. Die Höhe steigt allmählich. Gu-bei-keu auf der Südseite erhebt sich kaum 700 Fuss, Dolon-nor auf dem Mongolischen Plateau aber schon 4000 Fuss über die Oberfläche des Meeres. Den letzten Rand bildet eine Alpen-Kette, die sich nach Aussagen der Eingeborenen weit nach Norden erstreckt. Wahrscheinlich ist diess das Grosse Chingan-Gebirge, welches die Mandschurei von der Mongolei scheidet. Nach der Mongolischen Seite wird dieses wilde Gebirge zu einer wenig hohen Hügelreihe mit Kuppelformen. Eben so schroff ist die Änderung der ganzen Natur: Bäume und Gebüsche verschwinden, eben so die Felsen und Berge, und man sieht nur die hügelige Steppe und die ihr charakteristisch angehörenden Thiere: Hasenmaus, Antilope gutturosa und Mongolische Lerche.

In Dolon-nor angekommen, wurden die Reisenden von ullen Chinesischen Gasfwirthen unter dem Vorwande, dass kein Raum frei sei, abgewiesen, und sie wandten sich schliesslich auf den Rath eines Mongolen an ein Mongolisches Kloster, wo sie freudig aufgenommen wurden.

Dolon-nor — Mongolisch für „Sieben See'n", Chinesisch: Lama-mjao, so viel wie „Kloster des Lama" — liegt unter 42° 16' N. Br. und ist nebst Kaigan und Kukuchoto ein wichtiger Punkt für den Handel China's mit der Mongolei. Es liegt in einer Sandebene am Bache Urtüngol, einem Zuflüsse des Schandu-gol. Der Mongolische Theil der Stadt besteht aus zwei grossen Klöstern, die von Fansen umgeben sind, in denen gegen 2000 Lamen wohnen. Der Chinesische Theil ist 2 Werst, lang und 1 breit und hat eine zahlreiche Bevölkerung. Das Merkwürdigste des Ortes ist die Fabrikation der Götzenbilder, die hier für die ganze Mongolei und zum Theil auch für China aus Bronze und Eisen gegossen werden.

40 Werst hinter Dolon-nor beginnt an der Grenze des Aimaks Kesehikten die Gegend Gutschin-gurbu, von Sandhügeln gebildet, die 30 bis 50, zuweilen sogar 100 Fuss hoch sind und sich bis zu dem 150 Werst nördlich von Dolon-nor belegenen See Dalai-nor hinziehen. Diese Hügel sind theils ganz nackt, theils reit Gras und Sandweiden, mitunter auch mit Eichen, landen, schwarzen und weissen Birken bestanden, in deren Unterholz sich viele Füchse und Rebhühner aufhalten. Ab und zu trifft man in den Thälern Chinesische Dörfer; die Mongolischen Nomaden kommen aber wegen des Mangels an Wasser nicht hierher.

Am 6. April erreichten die Reisenden den See Dalainor — Mongolisch für „Seemeer" —, der am Nordrande des Sandhügelgebietes Gutschin-gurbu liegt und der grösste See der südöstlichen Mongolei ist. - Er hat einen Umfang von ca. 60 Werst, enthält Salzwasser und nimmt vier

Bäche auf: von Osten den Schara- und Gungür-gol und von Westen den Chole- und Schurga-gol. Der See soll sehr fischreich sein, die Reisenden fingen jedoch, da der See noch zugefroren war, nur drei Species: Diplophysa sp., Squalius sp. und Gasterosteus sp. Die Umgegend des See's bilden im Osten und Norden salzhaltige Ebenen, im Westen hügelige Steppen und im Süden die Hügellandschaft Gutschingurbu. Hier liegt auch eine kleine Berggruppe, an deren Fusse Chinesische Dörfer und das Kloster Darchan-ula belegen sind. Dieses Kloster wird im Sommer viel von den Mongolen besucht, die ein gottgefälliges Werk zu thun glauben, wenn sie von den Chinesischen Fischern Fische kaufen und diese wieder in den See setzen. Der Dalainor hat eine absolute Höhe von 4200 Fuss und in Folge dessen ein sehr rauhes Klima. Das Eis wird 3 Fuss dick und schmilzt erst Ende April oder Anfangs Mai.

Inmitten der wasserlosen Steppen der Mongolei belegen, ist der Dalai - nor eine Hauptstation für die Wasser- und Sumpf-Zugvögel, und so gab es denn auch Ende März eine Menge Enten, Gänse und Schwäne, in geringerer Zahl Taucher , Möven, Wasserraben , Kraniche, Reiher, Löffelgänse und Sichelschnäbel; Raubvögel und kleine Vögelchen waren im Allgemeinen weniger zahlreich.

Nachdem die Expedition 13 Tage am Dalai-nor verweilt hatte, kehrte sie über die Hügel des Gutschiu-gurbu, dessen Stille jetzt durch den prächtigen Gesang des dem mittleren Asien eigenthümlichen isabellenfarbigen Steinschmätzers (Saxicola isabellina) unterbrochen wurde, nach Dolon-nor zurück.

Die Aufnahmen nach dem Augenmaasse unter Benutzung einer Schmalkalden'schen Bussole waren bei der Einförmigkeit der Gegend sehr mühsam, boten aber auch während der ganzen Reise besonders dadurch grosse Schwierigkeiten dar, dass sie vor den Bewohnern durchaus geheim gehalten werden mussten. Hätten die Chinesen geahnt, dass diese Aufnahmen gemacht werden, hätten sich die Schwierigkeiten der Reise sicher verdoppelt, und letztere wäre durch dicht bevölkerte Gegenden kaum möglich gewesen. Tausenderlei Listen mussten angewandt werden, um die Aufmerksamkeit der zufällig Anwesenden von der Arbeit, wenn diese nicht aufgeschoben werden konnte, abzulenken. Eben so grosse Vorsicht musste bei dem Eintragen der Aufnahme in die Karte beobachtet werden. Auf dieser Karte (im Maassstabe von 10 Werst auf den Englischen Zoll ')) sind die bewohnten Orte und Fansen (aber nicht die beweglichen Jurten), Klöster, Brunnen, See'n, Flüsse, Bäche, Berge und Hügel angegeben, so weit sie vom Wege aus

') Die dem Werke des Herrn Przewalsky beigegebene Karte ist Tiermal kleiner als das Original.

zu übersehen waren. Wichtige Gegenstände, die nur durch Hörensagen bekannt wurden, sind durch Punktirung bezeichnet. Behufs genauerer Anlage der Karte wurde die nördliche Breite von 18 der wichtigsten Punkte mit Hülfe eines kleinen Universal-Instruments bestimmt.

Von Dolon-nor schlug die Expedition den Weg nach dem 230 Werst entfernten Kaigan ein. Es führt dahin eine sehr belebte, gute Fahrstrasse, auf welcher auch Herbergen für die Reisenden eingerichtet sind. Unsere Reisenden benutzten dieselben jedoch nie, weil sie die frische Luft im Zelte dem dort, wie in allen Chinesischen Gasthöfen, herrschenden Schmutze und Gestanke vorzogen und sich in ihrem Zelte auch leichter den Schaaren zudringlicher Neugierigem entziehen konnten, die stets herbeigeeilt kamen, wenn sie "bei einem bewohnten Orte Halt machten.

In topographischer Hinsicht bildet diese Gebend eine weite hügelige Steppe mit einem aus sandigem Lehm bestehenden, zum Theil salzigen Boden, der überall von dichtem Grase bedeckt wird. Bäume und Gebüsche sind nicht vorhanden), dafür aber Bäche und kleine See'n zahlreicher, als in anderen Theilen der Mongolei. Das Wasser dieser See'n ist garstig unrein, die Mongolen empfinden aber keinen Ekel und kochen stets ihren Thee darin; auch unsere Reisenden haben es oft genug trinken müssen, weil sie kein besseres hatten. Auf den weiten grasreichen Steppen weiden die Pferdeheerden des Bogdochan, von denen jede 500 .Pferde zählt und unter der Aufsicht eines besonderen Beamten steht. Aus diesen Heerden werden im Falle eines Krieges die Pferde für die Truppen genommen. Das Mongolische Pferd ist von mittlerem, sogar kleinem Wüchse, hat dicke Füsse, dicken Hals, grossen Kopf und dichteB ziemlich langes Haar; dabei ist es aber von ungewöhnlicher Ausdauer. Bei der strengsten Kälte sucht es sich sein Futter im Freien und begnügt sieh mit dem spärlichen Grase und in Ermangelung desselben mit den Zweigen der Gesträuche; der Schnee ersetzt ihm das Wasser.

Die Weiden des BogdochanB befinden sich zum grössten Theil im Aimak der Zacharen, deren Ländereien sich von Keschikten über 500 Werst nach Westen, bis zum Aimak der Durbuten erstrecken.

Das Klima dieses südöstlichen Theiles der Mongolei ist kalt, windig und zeichnet sich durch grosse Trockenheit der Luft aus. Die Nachtfröste dauern oft bis in den Mai hinein. Am 2. dieses Monats hatte sich ein kleiner See mit einer zolldicken Eisdecke überzogen, die einen Menschen trug. Auf dem Mongolischen Plateau kommen derartige Überraschungen sogar im Juni vor. Stilles Wetter trat während des ganzen Frühlings selten und nur auf einige Stunden ein. Gewöhnlich herrschte ein kalter Wind, der oft zu einem starken Sturm anwuchs. Dann zeigte sich

die Mongolische Steppe. Wolken von Sand, Staub und — auf salzhaltigem Boden — feinem Salze wurden aufgewirbelt und verdunkelten die Sonne, die oft ganz verschwand. In der Entfernung einer Werst waren dann keine Berge mehr zu sehen; der Sand wurde mit solcher Gewalt fortgetrieben, dass selbst die an die Mühsale der Wüstenreise gewöhnten Kameele oft stehen blieben und Kehrt machten, bis der Wirbel vorübergebrausf. war. Zuweilen folgte einem solchen Sturmwirbel starker Hagelschlag oder strömender Regen; beide hielten jedoch gewöhnlich nur einige Minuten an; es trat dann eine vollständige Stille ein, der nach einer Viertelstunde oder weniger ein neuer SturmauBbruch folgte. Im Allgemeinen war jedoch die Menge der atmosphärischen Niederschläge nur gering.

In Kaigan trafen die neuen kosakischen Begleiter der Expedition ein und wurden die früheren zurückgeschickt. Einer der neuen Kosaken war Burjate, der andere Russe von Geburt; der erstere sollte als Dolmetscher dienen, der andere die wirtschaftlichen Angelegenheiten führen. Es wurde auch noch ein neues Kameel gekauft, so dasB die Expedition jetzt über acht Kameele und zwei Pferde verfügte. Der Hühnerhund FauBt vervollständigte das lebende Inventar,

Am 15. Mai brachen die Reisenden auf, stiegen zum Plateau hinan und schlugen am folgenden Tage die westwärts nach der Stadt Kuku-choto führende Poststrasse ein. Drei Tage lang führte der Weg durch eine hügelige Steppe mit Weideländereien der Mongolen; dann folgte Chinesische Bevölkerung, die man sporadisch auf dem ganzen südöstlichen Grenz-Distrikt der Mongolei antrifft. Die Chinesen kaufen oder pachten anbaufähiges Land von den Mongolen und siedeln sich an. So schreitet der Anbau mit jedem Jahre weiter vor und drängt die eingeborenen Nomaden immer mehr nach Norden.

In dem Chinesischen Dorfe Si-insa trafen die Reisenden auf eine katholische Missions-Station, in welcher jedoch augenblicklich nur ein Missionär anwesend war '), und wo sie eine freundliche Aufnahme fanden. Auf den Rath dieses Missionärs nahmen sie hier einen getauften Mongolen zur Unterstützung ihrer Kosaken mit, der vermöge seiner Kenntniss der Chinesischen Sprache als Dolmetscher dienen sollte. Aber schon nach dem ersten Tagemarsche stahl derselbe ein Messer und einen Revolver und entfloh.

In Folge der Nachrichten, welche die Reisenden von den Missionären erhielten, änderten sie die Richtung ihres Weges, indem sie sich dem nördlich von Kuku-choto belegenen Waldgebirge zuwendeten, welches die Chinesen Schara

') Ausserdem bestehen noch vier vou Jesuiten unterhaltene Missions-Stationen in der südöstlichen Mongolei.

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