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Vollendung der neuen Ausgabe von A. Stielers Hand-Atlas in 90 Blättern

und 17 Ergänzungsblättern: Specialkarte der Alpen in8Bl., Specialkarte von Australien inGBl.1)

Von A. Petermann.

Mit dem Erscheinen der 30. (Schluss-) Lieferung und der 6. Supplement-Lieferung (Karte von Australien 3. Heft) im November 1875 ist die neue Ausgabe von A. Stieler's Hand-Atlas vollendet worden. Nach den bei der 1. Lieferung (Juli 1871) erhofften Erscheinungs-Fristen hätte das Werk schon mindestens ein Jahr früher vollendet vorliegen müssen, die Theilnahme des Publikums an dieser neuesten Ausgabe des schon lange allgemein geschätzten Werkes hat die Verzögerung selbst verschuldet, zu keiner früheren Zeit war diese Theilnahme und Würdigung eine so grosse, unerwartet grosse, denn es fand sich, dass zur Herstellung der verlangte-! Anzahl von Exemplaren im Druck, und besonders in dem säubern Handkolorit, selbst die umfangreichen Kräfte der grossen Justus Perthes'schen Anstalt nicht ausreichten, um sie in der in Aussicht genommenen Zeit zu liefern.

Für diese von den zahlreichen Abonnenten gewissermasseh also selbst verschuldete Verzögerung wird auch an dieser editoriellen Stelle gern noch nachträglich die Bitte um Nachsicht ausgesprochen, um so bereitwilliger, als unsere Leser wissen, dass wir seit 22 Jahren gewohnt sind, alle Anstrengungen zu machen, um unsere Arbeiten prompt und regelmässig zur Ausgabe zu bringen, was bei steter Beigabe sauberer, gewissenhafter und werthvoller Kartenblätter keineswegs immer so leicht durchzuführen ist.

Der Mann, dessen Name das Werk noch jetzt trägt, Adolf Stieler, wurde gerade vor 100 Jahren geboren, in 1775, einem Jahre so bedeutungsvoll für die Geschichte der Erdkunde. Denn in jenem Jahre kehrte Cook von seiner Weltumsegelung zurück. Es war das erste Mal, dass man es gewagt hatte, eine solche in der Bichtung von West nach Ost, also den Passatwinden entgegen, zu unternehmen; es wurde u. A. nachgewiesen, dass um den Südpol herum kein grosser Continent vorhanden ist, wie man vorher geglaubt; die mit Cook zurückkehrenden Beinhold und George Forster lehrten zuerst die Deutschen, zu reisen und das Gesehene warm und lebendig zu schildern; sie waren die Mitbegründer der vergleichenden Erdkunde. In derselben Zeit erschien Gatterer's Abriss der beschreibenden Erdkunde, die erste physikalische Geographie (von Bergmann),

') Gotha, Justus Perthes. Preis des Atlas in 90 Blättern: roh 51 Mark, in Calico geb. 55 M., in Halbjuchten geb. (mit gebrochenen Karten) 59 M. — Preis der Ergänzungsblätter: Specialkarte der Alpen in 8 Bl. 10 M., Specialkarte Ton Australien in 9 Bl. 7 M. 20 Pf.

Petermann's Geogr. Mittheilungen. 1876, Heft I.

Blumenbach's Naturgeschichte des Menschengeschlechtes, — Alles bahnbrechende Werke für die geographische Wissenschaft. Um jene Zeit wurde zuerst das Thermometer systematisch in den Golfstrom gesenkt und so das Studium der Meeresströmungen neu begründet; in Schweden wurden die ersten Versuche einer wirklichen Bevölkerungs-Statistik auf Grund der Kirchenbücher gemacht. „Endlich wurde Adolf Stieler geboren, dessen Verdienste um eine geschmackvolle und genaue Ausfuhrung von Karten ihm für alle Zeiten einen ehrenvollen Namen in der Kartographie sichern" ').

In diesem verflossenen Jahrhundert erschien A. Stieler's Werk zuerst in 1817, und 1867 wurde seines 50jährigen Jubiläums mit einer neuen Ausgabe gedacht2). Stieler starb 1836 und kann daher jetzt nicht mehr schauen, was aus seinem Werke im Jahre 1875 geworden ist, wir aber können zurücksehen und den Atlas in seinen verschiedenen Ausgaben und Wandlungen durchmustern.

Ein Atlas ist seinem Inhalte nach ein Sammelwerk, vergleichbar z. B. mit einem Handbuch der Geographie oder einer Encyclopädie. Alle derartige Werke müssen in jedem neuen Lustrum ihrem Inhalte nach verschieden sein, sie müssen mit dem Fortschritt der Wissenschaft, der neuen Entdeckungen, Erfindungen, Untersuchungen fortschreiten, und Bechenschaft der Eesultate und Errungenschaften derselben ablegen.

Wir sehen in dieser Beziehung eine Verschiedenheit zwischen der ältesten und der neuesten Ausgabe von Stieler's Hand-Atlas, indess je nach dem verschiedenen Standpunkte der geographischen Wissenschaft vor 50 Jahren und heute scheint uns ein und derselbe Hauptpunkt aus der ältesten und neuesten Ausgabe des Werkes hervorzugehen, nämlich der: dass man damals schon so gut wie jetzt mit Fleiss, Sorgsamkeit und Mühewaltung gearbeitet hat.

Wir haben eine Ausgabe des Atlas vom Jahre 1822 vor uns, die uns diese Überzeugung einflösst. Was einheitliche Bearbeitung anlangt, so steht die neueste Ausgabe auch in dieser Beziehung nicht über den früheren.

Ein Atlas soll, wie ein Handbuch der Geographie, zeigen, darstellen, beschreiben, was wir von der Erde wissen; die äussere Form, in der. diess beim Handbuch der Geogra

') Dr. Wolkenhauer, in einem Vortrage gehalten im Naturwissenschaftlichen Verein zu Bremen (Weser-Zeitung 17. November 1875). ») S. Geogr. Mitth. 1866, S. 113 ff.

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phie geschieht, durch Typendruck, ist nicht verschieden von der einer Bibel, eines Kochbuchs, einer Zeitung oder einer Anweisung zu Liebesbriefen, — sie ist bei allen eine einfache Procedur. Bei einer Karte hängt von ihrer äusseren, technischen Ausführung Alles ab, ihr Inhalt mag noch Bo richtig und gut, wissenschaftlich begründet, fleissig und gewissenhaft bearbeitet sein, die Form, in der derselbe in ihr vorgeführt wird, ist nahezu Alles, macht das „Kartenii'W aus. Ein solches Kartenbild soll zusammenfassend ein Land in seiner äusseren Gestaltung, mit seinen Flüssen und Gebirgen , Tiefebenen und Hochebenen, Küsten, See'n und Sümpfen , Städten und Dörfern, Eisenbahnen, Wegen und Kanälen, — darstellen, richtig und verständlich, anschaulich, ja sogar plastisch. Diess ist leicht genug, so leicht wie ein Zeichner oder Maler seine Landschaft, der Photograph seine treffenden Portraits macht. Man lasse aber den Maler in sein Landschaftsbild alle dargestellten Objekte mit einer Masse von Namen, gross und klein, anfüllen, den Photographen sein wohlgelungenes Portrait mit allen Namen der Anatomie des menschlichen Kopfes bis auf die kleinste Arterie beschreiben, und man würde finden, dass des Malers Landschaftsbild und des Photographen Portrait im höchsten Grade gestört, entstellt, verunstaltet und gar nicht mehr erkennbar sein würde. Wären die betreffenden Namen in einer geschmacklosen Schrift, so würde man auch nooh diese technische Geschmacklosigkeit mit in den Kauf nehmen müssen.

Mit dieser Schwierigkeit hat der Kartenzeichner zu thun, es mag ihm ein noch so treffendes Bild von einem Lande gelungen sein, er darf ja keine blosse „stumme Karte" geben, wie der Maler oder Photograph, sondern muss seine Arbeit mit hunderten und tausenden von Namen, gross und klein, anfüllen, die eben in der Karte ein nothwendiges Übel sind.

Für den Druck eines beliebigen Buches, ob Bibel oder Kochbuch, werden gegossene Typen genommen, die je auf einem einzigen Stempel beruhen, den einmal ein fähiger und geschmackvoller Schriftschneider geformt hat. Sind solche Schriftsorten des Autors, Verlegers, Buchdruckerei-Besitzers Wunsch und Geschmack nicht entsprechend, so kann er sie zurückweisen und andere wählen. Der Geograph und Kartograph aber ist stets von der individuellen Anschauung, Bildung und dem Geschmack des Stechers abhängig, und wenn jeder einzelne Stecher oder Lithograph bloss seinem eigenen Geschmack und nicht den Vorschriften und Direktionen des Zeichners und Autors folgt, so bekommt man im günstigsten Falle eine völlig regellose und gedankenlose Mosaik, in der keine zwei Theile mit einander passen oder harmoniren, und in der die Arbeit des Zeichners und Autors wesentlich beeinträchtigt und verdorben wird.

Atlanten sind oft sprechende Beispiele solcher Mosaik.

Die Kupferstecherei kann eine Kunst sein und sollte eine sein, wenn wir aber viele Atlanten ansehen, so werden wir finden, dass sie sich, sei es im Ganzen oder in Theilen, nicht zur Kunst erhoben haben. Ganz besonders ist die geographische Kupferstecherkunst in Deutschland noch sehr der Verbesserung und Ausbildung fähig; ihr Hauptfehler liegt in dem Mangel an Übereinstimmung, eine Folge des Mangels einer guten leitenden und massgebenden Schule, weshalb sich auch noch kein bestimmter nationaler Kunststyl im Deutschen Kartenstich ausgebildet hat, ähnlich wie z. B. in England, Frankreich und anderswo. Wir erwähnen bloss die neueren Englischen Generalstabskarten (tausende von Blättern), die Admiralitäts-Karten (gegen 3000 Blätter), die Greenough'schen Karten, Arrowsmith's London-Atlas, Petermann's Physical Atlas, A. K. Johnston's Royal Atlas; in Frankreich die Admiralitäts-Karten, die Generalstabskarte, in der Schweiz die Generalstabskarten und die Ziegler'schen Karten (von St. Gallen, Appenzell, Glarus, Engadin &c.); in Österreich die älteren Generalstabskarten, Scheda's Karten von ganz Europa und Mittel-Europa; in Belgien und Holland die Generalstabskarten; in Nord-Amerika die Coast Survey Charts, &c. &c. &c.

In allen diesen Kartenwerken ist Übereinstimmung, Harmonie, Einheit, in Deutschen Werken der Art nicht, man vergleiche nur die einzelnen Generalstabskarten unter sich. Die Preussische Generalstabskarte in sich ist eine wahre Fundgrube der allerverschiüdensten Style. Eben so die bisherigen Karten der Preussischen, resp. Reichs-Admiralität (so eben wird wieder ein ganz neuer Deutsch-Amerikanischer Ductus von A. Welcker, einem Schüler Dr. Petermann's , angefangen). Stecher, Lithographen, auch wohl Zeichner, repräsentiren auch jetzt leider immer noch das alte zerrissene Deutschland und nicht das neue Reich.

Die Deutschen geographischen und kartographischen Bestrebungen , die jetzt mehr als je ehrenvoll in der Welt dastehen, verdienen es wohl, ja gebieten es sogar, dass ein einheitlicher Kartenstyl, womöglich nationalen Gepräges, wie z. B. in England und Frankreich, wenigstens für die Schrift und andere Hauptsachen, ausgebildet und festgestellt werde, und dass dem nicht die individuellen Geschmacksrichtungen der einzelnen Kupferstecher und Lithographen im Wege stehen.

Wir haben bei den vorgehenden Betrachtungen über den gegenwärtigen Standpunkt der geographischen Kupferstecherei in Deutschland so lange verweilt, weil sie bei den kartographischen Bestrebungen ein unentbehrlicher, höchst wichtiger Faktor ist, weil ihre Mängel bisher ein Hemmschuh für den Fortschritt waren, und in der Hoffnung, dass durch diese Bemerkungen die Aufmerksamkeit auf eine schwache bisher vernachlässigte Seite Deutscher geographischer Bestrebung gelenkt werden möge, damit besser als bisher Abhülfe geschehe. Möchten diejenigen, die dazu in der Lage sind, zur Aufbesserung der Schule des Kartenstiches beitragen, in Leipzig giebt es allein wenigstens vier namhafte „artistisch-geographische" Anstalten. EinzelBestrebungen können wenig nützen.

Es darf aus den vorgehenden Bemerkungen geschlossen werden, dass es fernerhin eine der Hauptaufgaben der Redaktion von Stieler's Hand-Atlas sein wird, in energischer Weise verbessern und fördern zu helfen, was in Bezug auf die technische Ausführung der Karten bisher noch ungenügend gewesen sein sollte. Gleichzeitig mögen die Leser darin eine der Schwierigkeiten in der Produktion guter Karten ersehen.

Eine andere Schwierigkeit bei einem solchen Atlas ist das ewig Wandelbare in allen Karten der verschiedenen Länder der Erde. Der Fortschritt der geographischen Wissenschaft ist ein so gewaltiger, dass es immer schwieriger wird, Alles kennen zu lernen und zu übersehen, viel mehr noch auf den Zeichungen und Kupferplatten rechtzeitig einzutragen. Es ist trotz aller Mühewaltung oft rein unmöglich, die Karten in dieser Beziehung vollkommen und fehlerfrei auszugeben. Z. B. um die für den jetzigen Stand der geographischen Wissenschaft und die grossen politischen Umwälzungen so wichtigen neuen Karten von Iran, Turan und Inner-Asien ') bis zu ihrer Publikation möglichst correkt zu machen, ist kein Aufwand von Kosten und Zeit gescheut worden; trotzdem erscheint in beiden Blättern der obere Oxus noch ohne die Berichtigungen durch die neuesten Expeditionen, von welchen erst nach dem Druck dieser beiden Blätter ausreichende Berichte dahin lautend eintrafen , dass der Surghab nicht bei Garm, wie neuerdings Yule und Walker wollten, sondern nach einem weiten Bogen erst zwischen Chulm und Kundus dem Oxus zufliesst, während dieser selbst, unseren eigenen früheren Anschauungen gemäss, mit dem Duwan identisch ist. Eine andere wichtige Nachricht, eine politische, ging noch während des Kolorits ein, so dass die Mehrzahl der Karten richtig kolorirt werden konnten, nämlich die Besitzergreifung des nordwestlichen Kokan durch Russland.

Gegenüber diesem ununterbrochenen Fortschritt der geographischen Wissenschaft in allen Theilen der Erde hat sich mehr und mehr als die erste Bedingung eines guten Atlas herausgestellt: unausgesetzte Correkturen und Nachträge. Es handelt sich heut' zu Tage nicht mehr darum, einen Atlas einmal möglichst vollkommen herauszugeben, sondern denselben womöglich tagtäglich der Correktur und Vervollständigung zu unterziehen. Es ist diess freilich eine

') Nr. 62 und 64 in der neuen Ausgabe Ton Stieler's Hand-Atlas.

Sisyphus-Arbeit, die in sich steigerndem Maasse immer grösser wird, besonders wenn sie mit der gehörigen Gewissenhaftigkeit und Kritik gehandhabt werden soll. Da ist es manchmal zur richtigen Darstellung eines einzelnen ForschungsObjektes nothwendig, eine umfangreiche Literatur zu kennen und zu beherrschen, um in Streitfragen zweier entgegenstehenden Parteien das Richtige zu erfassen, z. B. in Bezug des grossen Quellsee's des Nils, des Ukerewe oder Victoria Nyauza. Nachdem sein hochverdienter, ausgezeichneter Entdecker und Erforscher, Kapitän Speke, ihn als Einen ungeheueren Binnensee, so gross wie ganz Bayern oder ganz Schottland, auf der Karte dargestellt hatte, suchte der ihm persönlich feindselig gesinnte Kapitän Burton die Richtigkeit dieser Entdeckung anzutasten, und verfolgte dieses Ziel mit einer Consequenz, dass schliesslich sogar in Deutschland ausgezeichnete Geographen, der Burton'schen Spitzfindigkeit zu Liebe, den Spflke'schen See in lauter Fetzen zerlegten und in der Form von mehreren winzigen See'n auf ihren Karten zeichneten. Die neueste Reise Stanley's hat diesen Irrthum beseitigt und die Richtigkeit Speke's bestätigt'); wir hatten nie daran gezweifelt und deshalb dieses grossartige Binnenwasser stets als Einen See dargestellt, z. B. noch auf der Karte von Süd-Afrika in der vorletzten Lieferung von Stieler's Hand-Atlas.

Über die Neu-Construktionen und neuen Arbeiten, in der neuesten Ausgabe von Stieler's Hand-Atlas überhaupt, ist seit 1871 wiederholt in diesen Blättern des Näheren berichtet worden2); aus dem den Atlas begleitenden Texte wollen wir daher nur noch den kurzgefassten Bericht über die in den beiden Schluss - Lieferungen enthaltenen Blätter folgen lassen. Es sind diess fünf ganz neue Karten, und auch die sechste, Süd-Afrika und Madagaskar, hat so umfangreiche Ergänzungen und Änderungen erfahren, dass sie füglich als eine neue Karte gelten kann. Über den kartographischen Standpunkt von Spanien und Portugal ist in den unten aufgeführten Referaten ausführlicher berichtet, daher über die in der 29. Lieferung erschienene Übersichtskarte von Spanien und Portugal weitere Bemerkungen unterlassen werden. Dagegen verbreiten sich die nachfolgenden Bemerkungen über unsere gegenwärtige Kenntniss von Nordost-Afrika und Arabien, Süd-Afrika und Madagaskar,

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Persien, Afghanistan, Balutschistan, Turkestan, Inner-Asien und Indien.

Nr. 62. Iran und Turan oder: Persien, Afghanistan, Balutschistan, Turkestan, im Maassstabe 1:1.500.000, von A. Petermann. — Für die Zeichnung dieser Karte ist während der letztverflossenen Jahre ein reiches Material neuer Forschungs-Ergebnisse zusammengeströmt. Vorzüglich waren es die Russen, welche die bereits von ihnen occupirten Länder genauer durchforschten, oder weit über die eigenen Grenzen hinaus Expeditionen aussandten und so, wenngleich nur politischer Zwecke halber, der geographischen Wissenschaft wesentliche Dienste leisteten. Namentlich der Feldzug von Chiwa 1873 lieferte reiches Material über die Gegenden zwischen dem Kaspischen Meere und dem Syr Darja, welches zumeist durch den Kais. Russ. Generalstab und die Geogr. Gesellschaft ausgeführt und bekannt worden ist. Über den kartographischen Standpunkt der östlicheren Gebiete, die Thianschan- und Pamir - GebirgsRegionen, sei des Nähern auf das Blatt von Inner - Asien verwiesen, welches in demselben Maassstabe ist. Bezüglich der Russischen Landes- und Gouvernements - Grenzen folgten wir der Karte Strelbitzki's, der sich der neueren ArealBerechnung des Asiatischen Russlands unterzog.

Das Persische Reich und der südwestliche Theil Balutschistans haben durch die von Englischen Offizieren geführten Telegraphen- und Grenzregulirungs - Expeditionen, bedeutende kartographische Bereicherungen erfahren; durch eine grosse Zahl neuer astronomischer Ortsbestimmungen sind die Hauptpunkte dieser Länder festgelegt und zahlreiche neue Höhenmessungen haben ein wesentlich berichtigtes Terrain - Bild derselben ergeben. Die vorzüglichsten dieser Reisen seit 1864 sind folgende: Major-General Goldsmid 1864 und 1871/2, Ross 1865, Major St. John und Blanford 1871/2. Für das Grenzgebiet von Persien und dem Turkmenen-Lande wurde die Karte von Baker und Gill verwerthet und Bellew's Werk „From the Indus to the Tigris" war durch die vortreffliche Charakteristik der von ihm durchreisten Gebiete gleichfalls für die Zeichnung nutzbringend.

Nr. 63 und 64. Indien und Inner-Asien in 2 Blättern, im Maassstabe 1: 7 500.000, von A. Petermann. 4 Nebenkarten in 1: 150.000: Calcutta und Umgebung, die Insel Bombay, Madras und Umgebung, Point de Galle. — Die Grundlage für das Indische Reich bildet das grossartige Werk des „Indian Atlas", von dessen zahlreichen Blättern die betreffenden Theile der vorliegenden Karte unmittelbar reducirt wurden, wahrscheinlich das erste Mal für eine so stark reducirte Karte. Da jedoch der Indian Atlas durch die lange Zeit seines Erscheinens in vielen Theilen veraltet ist, mussten zur Verbesserung und Vervollständigung viele

anderweitige Quellen herangezogen werden; in erster Reihe sind hier zu nennen: die zahlreichen, geologisch kolorirten Detail-Aufnahmen der geologischen Aufnahme Indiens; die werthvollen den Indischen Blue books beigegebenen Karten zur Darstellung der interessantesten physikalischen, politischen oder volkswirtschaftlichen Verhältnisse Indiens; ferner die Spezialkarten einzelner Provinzen und grösserer Gebiete, wie z. B. Skeleton Map of Oudh, Plan of the Country bordering the great trunk road between Calcutta and Benares, Sketch Map of India showing political and revenue divisions 1869, Northern India in 7 sheets, die vortreffliche Karte zu W. W. Hunter's Orissa „Orissa and the tributary states" &c. &c.

Einen der schwierigsten Punkte in der Indischen Kartographie bildet die Rechtschreibung der Namen; erst in neuester Zeit haben sich die Engländer bemüht, eine einheitliche , die Aussprache berücksichtigende, Schreibart auf den Karten einzuführen. Für unsere Arbeit sind wir der 6-Blatt-Karte von Indien „Hind Bä Hindusthän Kä Nakshä. J. B. Tassin Sähib Kä bandyähuä, Kalikätä" im Maassstabe von etwa 1:3.500.000, welche die Nomenklatur in Indischen und gleichzeitig lateinischen Schriftzeichen bringfr, durchaus gefolgt, haben aber nicht versäumt, wo es nöthig erschien, besonders bei bedeutenderen Orten, die frühere meistens gebräuchliche Schreibweise hinzuzufügen.

Über die äusserst complicirte, in fortwährender Umgestaltung begriffene administrative Eintheilung Indiens gab besonders das Blaubuch „Statement exhibiting the moral and material progress and condition of India during the years 1873/4" den neuesten Aufschluss.

Die Klassifikation der Orte nach ihrer Einwohnerzahl geschah nach der ersten ordentlichen Zählung von 1871/2, die vielfach ausserordentlich von früheren Angaben abweichende Daten bot und im Erg.-Heft Nr. 41 der „Geogr. Mitth." ') publicirt worden ist.

Das nördliche Blatt der Karte repräsentirt den ungeheueren Fortschritt, welcher durch die Pioniere der geographischen Wissenschaft, Russischer Seits von Norden, Englischer Seits von Süden, gegen den noch mehr oder weniger von Europäern unbetretenen Kern Inner-Asiens in den letzten Decennien gemacht worden ist. Es sind jetzt nur noch gewisse Theile von Tibet, der Wüste Gobi und der Mongolei, für die der Kartenzeichner gezwungen ist, auf die für die damalige Zeit ausgezeichneten Arbeiten der Spanischen Jesuiten-Missionäre zurückzugehen; der Spielraum für die Phantasie ist für diesen Theil der Erde fast gleich Null geworden.

Auf Russischer Seite dienten als Basis für die Karte die ausgezeichneten Vermessungsarbeiten der West-Sibirischen Militär - Topographen; sie reichen im Süden gegenwärtig bis Samarkand, Taschkent, die Alexander - Kette, Issyk-Kul, Kuldscha, den Dsungarischen Ala-Tau, Tschugutschak und Saisan noor. Die Resultate sind zum Theil in Russischen Karten publicirt, für weite Gebiete waren wir durch die Liberalität der Russischen Regierungsbehörden in der Lage, Kopien der Original-Messtischblätter oder Zeichnungen in sehr grossen Maassstäben direkt zu verarbeiten. Als besonders in die Augen springende Neuerungen , die diesem Original-Material entstammen, mögen hier erwähnt werden: die Lage und Gestalt des Balkasch und Ala-kul und das Thal von Kuldscha.

') Uclim & Wagner, Die Bevölkerung der Erde.

An dieses Gebiet im Süden schliessen sich die Aufnahmen der Russischen Rekognoscirungs-Detachements und einzelner Reisen an; als besonders hervorragende unter ihnen sind zu nennen: Fedtschenko's Reise von Samarkand und Kokan bis an den nördlichen Rand des Pamir-Plateau's 1871; von Kaulbars', Fr. v. d. Osten-Sacken's und Sewerzow's Reisen im Thianschan in den Jahren 1866/9, die Reise eines Russischen Rekognoscirungs - Corps im Osten von Kuldscha gegen Charaschar. In den östlichen Theil der Karte fallen die Reisen Matusowski's und Prschewalski's, so wie des Engländers Elias.

Im Süden sind, im Anschluss an die Englische trigonometrische Aufnahme von Indien, Englische Forschungsreisende sowohl wie eine Reihe gut geschulter Einheimischer weit in allen Richtungen eingedrungen und haben die wichtigsten geographischen Ergebnisse geliefert. Seit Wood's epochemachender Reise über Badakschan nach dem Sirikul auf dem Pamir-Plateau sind die bedeutendsten dieser neuesten Reisen: Hayward's Reisen über den Karakorum nach Kaschgar 1868/9 und über Gilgit nach Jassin 1870; des eingeborenen Mirza über Badakschan und das Pamir-Plateau nach Kaschgar, von da über Jarkand und den Karakorum zurück 1868/9 ; andere Eingeborene gingen in 1870 von Pischawar nach Faisabad, nach den Gebieten des obern Brahmaputra und biß zum Tengri noor. Alle diese Reisen werden jedoch noch in den Schatten gestellt durch die ausserordentlichen Resultate von D. Forsyth's Expedition nach Kaschgar, wodurch zum ersten Mal das mysteriöse PamirPlateau und ein grosser Theil Ost - Turkestan's unserer Kenntniss erschlossen und ein Anschluss der Englischen an die Russischen Arbeiten gewonnen worden ist. Zu den auffallendsten Ergebnissen dieser Expedition gehören die Kenntniss des obern Oxus, die ungeheuere Breite des PamirPlateau's und die wichtige Beleuchtung der vielfach angezweifelten unter dem Pseudonym „Georg Ludwig von . . ." bekannten Reise der drei Jesuiten-Pater Hallerstein, d'Espinha und d'Arocha aus dem Jahre 1760.

Nr. 70. Nordost-Afrika und Arabien, im Maatsstabe 1: 12.500.000, von A. Peter mann. Nebenkarte: Abessinien und Ägyptischer Sudan 1:7.500.000. — Auf diesem Blatte tritt uns zum ersten Mal das Ägyptische Reich in der gewaltigen Ausdehnung entgegen, die es in jüngster Zeit erlangt hat; nach direkten Mittheilungen von offiziellen Autoritäten in Ägypten umfasst es gegenwärtig die SinaiHalbinsel, erstreckt sich im Westen bis Ras el Kanais, umfasst die Oase Siuah, weiter im Süden ganz Darfor, das ganze Seriben-Gebiet und nähert sich dem Äquator bis auf etwa zwei Breitengrade, vielleicht noch weiter; die Reihe fester Forts in dieser südlichsten Provinz endigt mit Fauira. Im östlichen Sudan gegen Abessinien hat es die kleinen früher nur tributpflichtigen Grenzlande bis Hamasen exclusive, endlich beherrscht es das ganze Westufer des Rothen Meeres bis jenseit Bab el Mandeb, die Bai von Tadschurra, Sela und einen Theil des Somali-Landes bis Kerem.

Besonders innerhalb dieses weiten Gebietes, und zum Theil darüber hinaus, sind im Laufe der letzten Jahre eine Reihe höchst bedeutender Forschungsreisen ausgeführt, u. a. die von Schweinfurth nach den Niamniam- und Monbuttu - Ländern 1869//74, Marno am Weissen und Blauen Nil bis nach Dar Bertat und Dar-el-Burum 1870/71, Rohlfs in die Libysche Wüste, Nachtigal's epochemachende Reise durch Dar-For und Kordofan 1874, Haggenmacher's im Somali-Lande 1874, nach den uns vorliegenden noch unpublicirten Tagebüchern construirt, Oberst Purdy's militärische Expedition von Donkola Agusa dem Wadi Melk entlang nach Dar-For und bis zu dessen Hauptstadt Fascher, 1875. Für Abessinien und dessen Nachbarländer waren Heuglin's und Munzinger's Forschungen die bedeutungsvollsten, für das südliche Abessinien und die Länder darüber hinaus die mustergültigen Arbeiten d'Abbadie's; ihnen schliessen sich die Forschungen Le'on d'Avanchers' über die Galla-Länder an, nach dessen Angaben die Flüsse von Enarea und Kaffa zum Jub und somit zum Indischen Ocean, nicht aber zum Nil-Gebiet, gehören.

In's Innere von Arabien, nach Nedschd und Gebel Schammar, drangen zuletzt Guarmani und Pelly in 1864 ein; weiter im Süden der verdienstvolle Französische Reisende J. Halevy, dem es gelang, im Jahre 1870 bis Machlaf und zum Wadi Habuna zu gelangen und ausserdem durch seine Erkundigungen unsere geographischen Anschauungen im Gebiete des Wadi Dauaisir und weithin bis E'Riad zu berichtigen. Im südwestlichen Theile der Halbinsel waren es vorzugsweise Englands politische Interessen, in Folge deren die geographische Kenntniss jener Länder neuerdings gefördert wurde; hier sind vorzüglich zu erwähnen: die Reisen von Munzinger und Miles io 1870,

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