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Antonius schrieb Horaz die seine bange Sorge andeutende allegorische Ode I, 14, welche die entschiedene Hinneigung zu Octavian als Begründer eines geordneten Zustandes des Reiches ausspricht. Ausdrücklich hatte er des von Virgil längst gefeierten Machthabers gar nicht gedacht. In jener Ode ahmte er ein Gedicht. des berühmten Lesbischen Lyrikers Alkäos nach, aber damals wagte er sich noch nicht an die schwierige Alkäische Strophe, worin das Griechische Gedicht geschrieben war, sondern er wählte dazu eine, wie es scheint, von ihm selbst verfasste Strophenform. Als Octavians Zug gegen Kleopatra bevorstand, schrieb er die erste und bei der Nachricht vom Siege bei Actium die jubelnde neunte Epode. Das Buch der Epoden wird noch in demselben oder im folgenden Jahre erschienen sein. Virgil vollendete damals das vierte Buch der Georgica, an dessen Schlusse er den Octavian als Sieger und Gesetzgeber der Welt, der den Weg zum Olymp wandle, freudig pries. Die Kunde von Kleopatras Untergange, welche im September 30 zu Rom anlangte, begeisterte ihn zu der schwungvollen, Octavian feiernden Ode I, 37, wohl der ersten, worin er sich in der Alkäischen Ode versuchte. Die schon von Catull nachgebildete Sapphische Strophe hatte er bereits in I, 10 angewandt. Im folgenden Jahre dichtete er die erste Satire des zweiten Buches, das er sofort herausgab. Hier durfte er sich auch des Beifalls des Octavian rühmen, dessen Siege zu besingen er sich zu schwach fühle, wogegen er sich den Preis seiner Gerechtigkeit und seiner übrigen Tugenden zur Zeit nicht entgehn lassen werde. Virgil hatte unterdessen das grosse Römische Heldenlied begonnen, worin er sein Versprechen, Octavian als den von den Göttern gesandten Retter zu verherrlichen, zur Ausführung bringen wollte.

Die Gedichte der drei ersten Bücher der Oden fallen mit wenigen, grösstentheils schon oben angegebenen Ausnahmen in die Jahre 29 — 23. Wir wissen, dass erst viele Jahre später Horaz zu diesen drei Büchern das vierte hinzufügte. Daraus folgt aber keineswegs, dass diese drei ersten Bücher zusammen herausgegeben worden. In der Sapphischen und der Alkäischen Strophe, auch im Asklepiadeischen Verse, zeigt das dritte Buch eine grössere, unmöglich zufällige Reinheit gegen die zwei ersten, und die daraus sich ergebende Vermuthung, jenes sei später gedichtet und für sich herausgegeben worden,

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findet darin eine sehr erwünschte Bestätigung, dass, wie in der ersten Ode des ersten Buches die Widmung einer Sammlung nicht zu verkennen ist, so die letzte des zweiten der Abschluss, der Epilog an denselben in der Widmung genannten Mäcenas ist, und ebenso das dritte Buch seinen Prolog und Epilog hat, wogegen weder im ersten ein eigentlicher Epilog, noch im zweiten ein Prolog sich findet. Die Herausgabe der beiden ersten Bücher fällt in den Frühling oder den Sommer 24. Von den Oden der beiden ersten Bücher sind zwei eigentliche Preisgedichte auf Octavian. Wie Horaz die Rückkehr desselben nach der Besiegung der Kleopatra im Jahre 29 in 1, 2 feierte, so die . Rückkehr aus Hispanien im Jahre 24 in I, 12. Bei Gelegenheit der Weihung des Tempels des Apoll auf dem Palatinus im Jahre 28 dichtete er das den Octavian segnende Lied I, 21 und ein Jahr später beim beabsichtigten Zuge des Augustus nach Britannien I, 35. So begleitete er die bedeutendsten Ereignisse des Octavian mit inhaltreichen, kunstvollendeten Liedern.

In rascher Folge, die uns durchaus nicht Wunder nehmen kann, da der Dichter eben auf der Höhe seiner lyrischen Dichtung stand, entstanden sodann die Oden des dritten Buches, dessen Herausgabe schon im Jahre 23 erfolgte. Hier tritt er noch entschiedener als eigentlich politischer Dichter hervor, der in der Herrschaft des Augustus das einzige Heil des grossen Weltreiches erkennt und seinem Streben nach fester Begründung desselben auf dem Boden echt Römischer Tugend die dichterische Weihe gibt. Wenn er den Augustus als einen zweiten Romulus unter die Götter versetzt, so entspricht dies den gangbaren Vorstellungen der Zeit, ist nichts weniger als unwürdige Schmeichelei. Seit den Ptolemäern war die Vergötterung zu einer politischen Form geworden, und so hatte der Senat auch dem Augustus göttliche Ehren zuerkannt. Wie wenig es dem Dichter um persönlichen Vortheil zu thun war, wie ängstlich er seine Unabhängigkeit von Augustus zu bewahren suchte, vielleicht gerade deshalb ganz besonders, um ihn desto entschiedener feiern zu dürfen, beweist die Zurückhaltung, womit er den ehrenvollen Antrag des Weltgebieters, sein Geheimschreiber zu werden, ablehnte, indem er sich auf seine schwächliche Gesundheit berief.

Das dritte Buch der Oden übersandte der Dichter von seinem Landgute aus dem Augustus, und er begleitete es mit

einem dichterischen Briefe, dem dreizehnten des ersten Buches, worin er den Wunsch ausspricht, ihn mit seiner Sendung nicht zu belästigen. Der lyrischen Dichtkunst hatte Horaz jetzt entsagt, so dass er nicht einmal seinem im Jahre 19 hingeschiedenen innigst geliebten Virgil einen Nachruf widmete. Er hatte sich in den Briefen eine neue dichterische Form geschaffen, worin er seine Gefühle und Anschauungen, seine ganze jetzt gewonnene Lebensweisheit mit durchsichtiger Klarheit in heiter behaglichem Tone aussprach. Das erste Buch der Briefe erschien 19 oder 18; es war, wie die beiden ersten Bücher der Oden, dem Mäcenas zugeeignet, den er ausser dem Weihegedichte auch in zwei andern Briefen anredete. Auf die Uebersendung dieser Sammlung erwiederte Augustus, er zürne dem Dichter dass er nicht in den meisten derartigen Gedichten ihn vor allen anrede; ob er vielleicht fürchte, es werde ihm bei der Nachwelt Schande bringen, wenn er sein Freund gewesen zu sein scheine? Ein andermal schrieb er, wie er von ihm denke, könne er von einem gemeinschaftlichen Freunde, dem Septimius, erfahren; denn, wenn Horaz stolz seine Freundschaft verschmäht habe, so vergelte er ihm dieses keineswegs durch Stolz von seiner Seite. Als aber im Jahre 17 die ludi saeculares gefeiert werden sollten, übernahm Horaz höchst bereitwillig die Dichtung des dazu vorgeschriebenen 'Chorliedes, dem er eine eigene, wohl für Augustus zunächst bestimmte Ode, die sechste des vierten Buches, gleichsam als Vorbereitung vorhergehen liess). Eine äussere Belohnung erhielt er dafür nicht. Augustus kannte ihn zu wohl, als dass er ihm eine solche anzubieten gewagt; er wusste, dass Freiheit und Unabhängigkeit dem Dichter, für dessen bescheidene Bedürfnisse die Freundschaft des Mäcenas vollauf gesorgt hatte, über alles gehe und er sich gerade ihm gegenüber möglichst frei zu halten wünschte. Als Augustus vom Herbst 16 bis zum Anfange des Jahres 13 in Gallien und Germanien verweilte, konnte Horaz sich nicht enthalten, einige Zeit vor der in Aussicht stehenden Rückkehr die allgemeine Sehnsucht nach derselben in einer Ode, der fünften des vierten Buches, auszusprechen, die er ihm wahrscheinlich sogleich durch Mäcenas zustellen liess. Der eben erwarteten Rückkehr widmete er dann die zweite Ode. Augustus war darüber so erfreut, dass er den Dichter aufforderte, auch die

1) Aehnlich hatte er I, 31 als Vorspiel zu I, 12 gedichtet.

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von seinen Stiefsöhnen Drusus und Tiberius im Jahre 15 über die Vindeliker erfochtenen Siege zu feiern, und diese Lieder mit den ihm geweihten und einigen andern in einem vierten Buche der Oden zu vereinigen. Als würdigen Abschluss dieses Buches fügte Horaz wohl in demselben Jahre eine den Augustus als Friedensfürsten feiernde Ode hinzu. Man fühlt in diesem Buche bereits eine gewisse Abnahme freier lyrischer Kraft, wenn der fünfzigjährige Dichter sich auch der ihm gestellten Aufgabe mit grossem Eifer widmete und es an Kunst der Anordnung und manchen treffenden Ausführungen nicht fehlte, ihm besonders der pathetische Ausdruck gelang. Auch ist das Buch metrisch weniger rein als das dritte, wie der Dichter schon in dem besonders herausgegebenen carmen saeculare von den strengern Gesetzen der Sapphischen Strophe wieder abgewichen war; nur in der Alkäischen Strophe zeigt sich bei sonstigen weiter gehenden Freiheiten in einem Falle ein strengeres Gesetz als im dritten Buche. Wenn die Längung einer kurzen Silbe in der Arsis sich im vierten Buche nicht findet, so dürfte dies wohl Zufall sein.

Die dreijährige Krankheit, worunter Horaz den Mäcenas leiden sah, bekümmerte den selbst schon an den Schwächen des Alters leidenden Dichter auf das tiefste, doch gereichte ihm noch immer die ungetrübte Freundschaft dieses seltenen Beschützers So wie das ehrende Wohlwollen des Augustus und so vieler andern bedeutenden Männer zur höchsten Freude, wie sein für die Nachwelt gesicherter Ruhm und das Bewusstsein ihn erhob, seine Sendung vollständig erfüllt, auch seine Freiheit und Unabhängigkeit stets erhalten zu haben. In seine letzten Lebensjahre fallen die zwei grossen Briefe des zweiten Buches und der Brief an die Pisonen über die Dichtkunst. Der letztere war das schönste Vermächtniss des seinem Ende sich nahenden Dichters. Mäcenas wurde endlich im Jahre 8 durch den Tod von seinen Leiden befreit. In seinem letzten Willen hatte er dem Augustus, welchen er zu seinem Erben eingesetzt, den Horaz empfohlen, dessen er wie seiner selbst gedenken möge. Aber noch vor dem Ablauf desselben Jahres, am 27. November, kurz vor Vollendung seines siebenundfünfzigsten Lebensjahres, verschied der Dichter selbst ganz plötzlich, nachdem er mündlich noch den Augustus zum Erben gemacht hatte.

Horaz war von kleiner Gestalt und wenigstens in späterer Zeit etwas dick, doch muss die ganze Erscheinung des aus schwarzen Augen feurig schauenden, mit reichem schwarzem Haare begabten, lebendig frischen jungen Mannes eine höchst anziehende gewesen sein. Heitere Gemüthlichkeit und natürliche Behaglichkeit, offener Sinn für das Wahre, Schöne und Gute, klarer Weltverstand, durchsetzende Entschiedenheit, besonnene Masshaltung, Liebe für Freiheit, Vaterland, Ehre und Recht bilden die Grundzüge unseres Dichters, der von der Natur dazu begabt und durch das Leben herangebildet war, das Wirken des Augustus durch Hinweisung auf das, was den Römern Noth thue, zu heben und zu fördern, eine echt Römische, vom Anhauche Griechischer Bildung und Kunstvollendung beseelte Lyrik zu schaffen und in der Satire und Epistel eine eigentlich Römische, von volksthümlichem Geiste erfüllte Kunstform auszuprägen und mit würdigem Gehalte zu erfüllen.

2. Die o den.

Unter allen frühern lyrischen Dichtern der Römer hatte nur Quintus Valerius Catullus, der, noch ehe Horaz nach Rom kam, um das Jahr 54, in seinem dreissigsten Lebensjahre verschied, sich eines bedeutenden Erfolges zu erfreuen, aber mehr durch seine Spottgedichte, womit er scharf in die Zeit traf und auch der Machthaber nicht schonte, als durch die der Liebe und Freundschaft oder andern Lebensbeziehungen gewidmeten. Catull zeichnet sich vor allen seinen Vorgängern und Zeitgenossen durch lebendige Frische der Sprache und Unmittelbarkeit der Empfindung aus, wodurch ihm der Spott und die Darstellung einfacher Verhältnisse und Zustände gelingt, aber es fehlt ihm Tiefe des Gefühls und künstlerische Durchbildung; die höhern Töne schwungvoller Erhebung mangeln ihm in gleicher Weise, wie durchdachte Anordnung und künstlerische Gestaltung. Alles ist bei ihm mehr Naturgabe, die ihn eben verleitet, es mit der Dichtung gar leicht zu nehmen; nur in der Elegie erhebt er sich, aber hier gerade zeigt sich der Mangel einer kunstgebildeten Dichtersprache, er ringt noch mit dem Ausdrucke. Von den Versmassen hat er ausser Hexametern und Distichen besonders den sogenannten

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