Page images
PDF
EPUB

einer unter dem unbeschreibbar hehren Sternenhimmel, an dem die Milchstrasse wie ein Diamantengürtel hinzieht, verbrachten Nacht, die bei den Wanyoro-Häuptlingen verbrachten Abende mit dem obsoön-drastischen Tanze von Gestalten, denen das ungewisse, flaokernde Licht brennender Holzstösse, die phantastische Kleidung und der bizarre Schmuck, verbunden mit einer Musik, die an ungebändigter, ohrenbetäubender, echt afrikanischer Ursprünglichkeit Nichts zu wünschen übrig liess, etwas so wild Dämonisches verliehen, dass man eine Scene des Hexensabbaths oder das Treiben sich ergötzender Teufel vor sich zu sehen wähnte; Alles diess wird mir unvergesslich bleiben.

Die Einsamkeit einer centralafrikanischen Waldwildniss mit ihren tosenden, stürmisch über Stein und Felsen wegbrausenden Regenbächen, den hundertfältigen Thierstimmen, das Tosen eines Tropengewitters, wenn ein Flammenmeer über dem Horizonte ausgegossen scheint, Schlag auf Schlag erdröhnt, Baum auf Baum zersplittert niedersinkt und der Donner durch alle Scalen dröhnt, kracht, rollt und tobt, dieses, wie so vieles andere, läset unverlöschliche Eindrücke in dem Reisenden zurück.

Um auf meinen Ausflug nach den Murchison-Fällen zu kommen, erlaube ich mir hier eine Stelle aus meinem Tagebuche zu excerpiren: Von den Nil-Fällen bei Schoa-Moru konnte ich nur eine halbwegs befriedigende Aufnahme anfertigen, da es mir trotz Aufbietung aller mir zu Gebote stehenden Energie nicht gelang, nahe genug an die Fälle zu kommen, um eine Aufnahme in grösseren Dimensionen zu machen. Durch die Weigerung meiner Führer, welche mich auf halbem Landwege von Magungo aus in Stich Hessen, wurde ich gezwungen, durch unwegsamen Wald, wahren Urwald, wo jeder Schritt der übermächtigen Vegetation entrissen werden musste, mir den Weg über ein derart coupirtes Terrain zu bahnen, dass Auf- und Abstiege über Böschungen von 60—70° sich in ununterbrochener Reihe folgten. Den einzigen Anhalt für die einzuschlagende Richtung gab das aus der Ferne herüberdringende Getöse der niederstürzenden Wasser. War es schon schwierig genug für einen leicht geschürzten Reisenden, diesen Weg zurückzulegen, um wie viel mehr erst für mich, der ich meine Apparat« und Chemikalien mitzuschaffen hatte, beständig von der Sorge gequält, dass der Sturz einer Kiste die ganze Mühe illusorisch machen könne. Als ich den dritten Vormittag nach meinem Aufbruch von Magungo nach 5 Stunden erschöpfendem Bergklettern und Kriechen unter schlangengewundenen Lianen und Sumpfwaten in der Dämmerung tiefen Walddunkels nach einer letzten grossen Anstrengung auf der Höhe eines steil abfallenden, waldgekrönten Hügelrückens anlangte, wurde ich zwar durch das meinen Blicken gebotene, wahrhaft grossartige Schauspiel

des über drei Stufen niederbrechenden Falles, dessen silberschäumende, zwischen Waldufer eingebettete Wassermassen nach dem Sturze fast bis zur Höhe des oberen Spiegels zurückprallten, reichlich entschädigt, doch war ich leider noch zu weit entfernt, um den Katarakt detaillirt genug zur Abbildung zu bringen. —

Es sei mir hier nur noch gestattet, einiger Sitten der Wanyoro zu gedenken. So ist z. B. der Glaube an den bösen Blick allgemein verbreitet und es wird daran ebenso fest geglaubt als bei den Türken und Arabern. Besonders sind es die Frauen, die mit der unheilvollen Gabe versehen sind, und wieder ist es vorzüglich Speise und Trank, welche von dem bösen Blick getroffen werden und bei jenem, der sie verzehrt, Kolik, Leibschmerzen &c. hervorrufen. Als Abhülfe dagegen wird im Bezirke von Magungo ein sonderbares Mittel gebraucht: Der Leidende versammelt alle Frauen, denen er begegnet ist, und spuckt jeder drei Mal in das Gesicht, sobald er an die Rechte kommt, hört der Schmerz auf. So der Glaube. Überhaupt spielt der Aberglaube einen grossen, weitgehenden Einfluss. Kein Wanyoro kehrt auf demselben Wege zurück, auf welchem er gekommen, wenn auch der Steg beim Rückwege hart neben dem erst begangenen führt, es würde Unglück bringen auf dem ersten heimzukehren. Rionga, der Häuptling von Mrüli, isst weder Ziegen- noch Lammfleisch, nur Kuhfleisch, doch sollte die Kuh irgend einen weissen Fleck auf ihrem Felle haben, so taugt das Fleisch Nichts, und wird von ihm nicht angerührt.

Die Moral ist in Unyoro sehr lax, der Umgang mit Männern beeinträchtigt ein Mädchen nicht, nur muss, wenn sich Folgen zeigen, der betreffende Mann dem Vater des Mädchens eine gewisse vereinbarte Entschädigung zahlen, stirbt aber etwa das Mädchen, so ist der Mann zur Zahlung des vollen Brautpreises verpflichtet; sein Kind kann er sich zurückkaufen.

Bei Kabarega, dem jetzigen König von Unyoro herrscht sogar das Institut der Freimädchen als Staatseinrichtung. Die Dirnen, unter welchen es viele Schönheiten giebt, sind Eigenthum des Königs. Sie begleiten nach ihrem Gutdünken einen Mann ihrer Wahl nach Beinern Hause, wo sie sich oft für mehrere Tage einrichten; die legitimen Frauen des Mannes dürfen während dieser Zeit nicht besucht werden. Sollte das gebotene Entgeld nicht ausreichend sein, so beschwert sich die Dirne beim König, welcher dem Manne eine oder auch mehrere Kühe confiscirt. Hat solch ein Weib genügende Mittel erworben, so weist ihm der König einen Platz unweit seiner eigenen Behausung an, auf dem es sich anbaut und dann heirathet; ihr Gewerbe ist kein Hinderniss für eine gute Partie und wird durchaus nicht nachgetragen. Sollten aus dem ausserehelichen Umgänge Kinder entspriesBen , so kann der betreffende Vater dieselben von Kabarega zurückkaufen; werden die Kinder nicht reclamirt, so kommen die Knaben in das königliche Pagencorps und später, wenn erwachsen, zur Leibgarde, den berüchtigten Bonassura; die Mädchen werden als Dienerinnen im Hofhalte des Königs verwendet, bis sie ein gewisses Alter erreichen, worauf sie das Gewerbe der Mutter fortsetzen.

Meiner Reise nach den Makraka-Ländern, des Aufenthaltes bei Sultan Ringio, dem Häuptling der östlichen NiamN'iam, der hierauf angetretenen höchst beschwerlichen Reise von Lad<5 über Scbambeh durch die Sumpf- und Marschländer, welche zwischen dem Nil und dem Bahr-el-Ghazal liegen, nach Djur Ghattas, dem einstigen Hauptquartier Dr. Sckweinfurth's, welche Reise in die Regenzeit fiel, meines weiteren Vorgehens von da nach den Grenzländern Ton Dar Fertit, woselbst ich mich in Dem Suliman, dem berufenen Räubernest des grössten Sclavenhändlers, den die Neuzeit kennt, aufhielt, ebenso meines mehrere Monate dauernden, gezwungenen Aufenthaltes bei den Dinka-Negern and der endlich erfolgten Rückreise mit all' ihren Zwischenfällen, kann ich hier nur flüchtig erwähnen ').

') Ober «eine mickreise durch das Bahr-el-Ghazal-Gebiet im Jahre 1819 — 80 hat Herr BuchU der Kedaction ein Itinerar zur Verfügung (•(teilt. Danach conetruirte Herr B. Hassenstoin die Reiseroute and schlau (ie auf Tafel 4 der Pelkin-Wilson'schen Route, mit der sie zum Thtil zusammenfällt, an. Die Aneroi'd-Ableeungen während dieser Rückreise übergab Herr Buchta dem Director der meteorologischen CentralAnstalt in Wien, Prof. Dr. Hann, der mit Hülfe der mittleren BaroswtersUnde der gleichen Monate in Lado folgende Seehöhen daraus abgeleitet hat:

Aufzeichnungen über die Route von Lad«'» nach Dara.

Von Robert W. Felkin, Missionsarzt der Church Missionary Society.

(Mit Karte, a. Tafel 4) ')■

Nachdem wir auf unserer Rückreise aus Uganda mehrere angenehme Wochen in Ladd verbracht hatten, wurde

Meter

Rumbehk, 31. Ocl. bis 1. Novbr. 1879 I . .. .. . . . „

IV d S V h I n,tt*n "'• i?'"0"80 Baro

c ,' M' ', j.Mi. i meterstände und sehr nahe

Seriba Nassau, 4- und 5. NoTbr I . . , , ... ,.„

Seriba Tondj, 8 und 9. Novbr. ) *lelche «-»'«•«PTM«« • «*

Djur Ghattaa, 11. bis 15. November, Aneroid (uncorr.) 728,0 mm,

Temperatur 7'' a. m. 22,1° C 4Ä6

Kurschuk-Ali, 17. Novbr., und Seriba Bisclli, 19. Novbr. . . .420

Dem IdrTs, 22. Novbr 634

Dem Suleiman, 24. Not. bis 12. Dec. Mittlerer Aneroi'dsUnd um

7*> a. m. 713,9mm (uncorr), mittl. Temper. 7h a. m. 19,» C.

Corrigirter Aneroidstand 705,) mm, Tagesmittel der Temperatur

(corr. f 4,5) 24,»" 634

Seriba Req, 4. bis 21. Januar 1880 (17 km von der Meschra-er-Req

entfernt). Mittlerer Aneroidstand am 7>> a. m. 731,7 mm, mittl.

Temp. um 7h a m. 19,4° C. Corrigirter Aneroidstand 723,7 mm,

Tagesmittel der Temperatur 23,9° 396

Herr Prof. Hann fügt diesen Resoluten noch folgende Erläuterungen bei: „Die Correctiou de« Aneroids wurde zu — 8 mm rund angenommen. Hcit Buchta hat am 13. Sept. 1880 auf der Rückreise sein Aneroid mit dem Quecksilber-Barometer des Hm. A. Pirona in Alexandrien verglichen; im Mittel von 13 Ablesungen ergab sich, dass das Aneroid BuchU's bei '28° C. uro K,s mm höher stand, als das Quecksilber-Barometer. Diese giebt ge^en den wahren Luftdruck (mit Rücksicht auf Schwere-Corrcctinn) eine Correction des Aneroids Ton —9,« mm. Herr Buchta hat dann sein Aneroid an das meteorologische Institut in Wien gebracht, wo es abermals und zwar bei verschiedenen Temperaturen mit dem Normalbarometer verglichen wurde. Es ergab sieh im Mittel von je mehreren Ablesungen

Temperatur. . . 17° 20° 26° 28" 31,»° C.

Corr. des Aneroids — 9,40 — 9,47 — 9,M — 9,M — 9,» „Man ersieht daraus, da die Schwere-Correction in diesem Pall nicht 0,1 mm erreicht, dass die in Alexandrien ermittelte Correction genau mit jener in Wien übereinstimmt, ferner dass der Tempcratur-Coefbrient sehr unbedeutend ist (circa 0,0» für 1°C.). Das vou Hrn. Buchta benutzte Naudet'schc Aneroid, von dem Optiker Gaggini in Paris geliefert, zeigt demnach eine höchst seltene Beständigkeit der Correction, wobei allerdings auch dio sorgfältige Behandlung desselben von Seite des Reisenden in Betracht kommt

„Da die von uns früher angenommene Correction —8,<i mm war, ao wären die aus BuchU's Anerotdablesungen berechneten Meereshöhen um ca 20 m zu erhöhen, wenn man annehmen dürft*, dass auch bei niedrigeren BarometersUndcn die oben ermittelte Correction gilt, und da«s auf dem Wege bis tu den Nilseen and zurück das Aneroid gar keine SUndänderung erlitten hat".

') Als B. W. Pelkin und Rev. C. T. Wilson im Herbst 1879 auf dem Rnekwege von ihrer Missionsreise zum König Mtesa von Uganda begriffen waren, begleiUt von den drei Waganda-Häuptlingen, die mit las« nach England gingen und 1880 über Zanzibar in ihre Heimath rvirkkehrten, war der obere Nil an verschiedenen Stellen derart durch aaigeeUute l'tlanzenmassen gesperrt, dass sie sich zu der Landreise 4»rth das Gebiet des Bahr-el-Ghazal nach Darfor, Kordofan und Chartas entsehliessen raunten. Dr. Emin-Bey in LadA, Gouverneur der ägyptischen Aquatorialprovinzen, ersuchte sie, diesen zum Theil durch «*ci unbekannte Strecken führenden Landweg aufzunehmen und ihm oi» Aufnahme zu schicken, damit sie in „Peterm. Mittheilungen" zur Visitation rebracht werde. Die beiden Herren führten denn aueh ein Pfttrmuc's Oeogr. Mittheilungen. 1881, Heft HL

es Zeit, an den Aufbruch nach Chart um zu denken. Es standen uns zwei Wege offen: wir konnten entweder den Dampfer bis Gaba Schambeh benutzen, um von dort zu Lande via Rohl (Rumbehk) nach der Meschra-er-Req am Bahrel-Ghazal zu reisen, und dort wieder einen Dampfer zu besorgfältiges Itinerar, da* von Dr. Kmin-Bev ans gütigst überschickt, von B. Hassenstein construirt wurde und die Grundlage der Karte auf Tafel 4 bildet. Die Route vervnllsUndigt die Arbeiten von Schweinfurth, Junker 4c. im Gebiete de* Bahr-el-Ghazal und verknüpft sie einerseits mit der Linie des Weissen Nil, aadareraeiU mit den kartographischen Aufnahmen der ägyptischen SUbsofficiere im südlichen Darfor. Da« Itinerar war begleitet von dem hier überseteten Auszug aus dem Palkin'schen Tagebuche. K. H

steigen, oder wir mussten von Lado aus sofort die Landreise über Madi nach Rohl antreten. Wir gaben der letzteren Route den Vorzug, weil in der Jahreszeit, in welcher wir den Marsch zu beginnen hatten, die Route über Schambeh vielfach durch überschwemmtes Gebiet führt und ich lieber trookenen Fusses gehe.

Die Träger und Pferde, welche uns der Gouverneur Emin-Bey in freundlichster Weise zur Verfügung gestellt hatte, waren am 17. Septbr. zur Stelle, und so konnten wir am folgenden Morgen um 7h 30' Ladö verlassen. Während des ersten Tagemarsches führte der Weg in südlicher Richtung, in den ersten 3 Stunden durch dornige Dschungeln auf sandigem Terrain. Die Berge von Lado, Linga und Lugola waren sichtbar, auch hatten wir 1 Stunde nach unserem Aufbruche einen Ausblick auf Gebel Regaf. Dann kamen wir 2 Stunden über Parkland mit zwei kleinen Sümpfen, rasteten in dem Dorfe Kurji und passirten V2 Stunde, bevor wir Waniyetti, die Endstation unseres ersten Tagemarsches, erreichten, den Chor Luri, welcher jedoch in seinem 75 Yards (a 3 Fuss) breiten, sandigen Bette gegenwärtig nur wenig Wasser enthielt. Waniyetti ist ein hübsches Dorf, im Schatten eines grossen Baumes; soweit ich erfragen konnte, ist es nach dem Ortschef benannt, einem freundlichen Neger, der uns, da der Ramadan zu Ende wlar, mit einer Kuh beschenkte. Ich muss bemerken, dass es sehr schwierig ist, von der Bevölkerung die Namen von Orten, Flüssen, Hügeln &c. zu erfragen, da man als Antwort alle möglichen Namen mit Ausnahme des richtigen, nennen hört, „Kojur" ist der beliebteste. Während der Nacht stimmten Löwen ein lebhaftes Concert an, kamen aber nicht allzusehr in unsere Nähe.

Unser nächster Tagemarsch währte ziemlich 6 Stunden. Wir setzten nochmals über Chor Luri, dann über den Yemana und zwei andere FlüsBe, passirten viele verlassene Dörfer, bekamen aber nur wenig Anpflanzungen zu sehen. Hohes Gras, Acacien und Dornbüsche machten sich sehr bemerklich, hohe Bäume traten dagegen nur vereinzelt auf. Das Terrain war felsig und sandig, um 10J Uhr machten wir bei einigen colossalen Felsgeschieben Rast. Mit Ausnahme von Gebel Lado war G. Malaqualan (Malaquan) die einzige bedeutendere Bergerhebung. Zum ersten Male, so lange Rev. Wilson und ich in Afrika waren, bekamen wir eine Giraffe, ein prächtiges Exemplar, zu Gesicht; sie stand lange still, um uns zu betrachten.

Nachdem wir ca eine Stunde nach unserem Aufbruche den Chor Eoda passirt hatten, gelangten wir über ähnliches Terrain am Ende unseres nächsten sechsstündigen Marsches, auf welchem dorniges GeBtrüpp und hohes Gras uns arg belästigt hatten, während Bäume nur selten zu sehen waren, nach Niambara, einem hübschen, mitten in grossen Durrha

und Sesamfeldern gelegenen Dorfe, dessen Bevölkerung wohlgebaut und wohlgenährt aussah. Die Männer gingen völlig nackt, die Weiber trugen vorn ein Büschel Blätter, hinten einen aus Fasern gedrehten Schwanz. Die meisten Frauen litten an angeschwollenen Bursae Patellae, wahrscheinlich in Folge der niedrigen Hütteneingänge und auch weil sie die meisten Arbeiten in knieender Stellung verrichten, auch viele Männer hatten an den Ellbogen angeschwollene Bursae. Die Leoparden treten hier unverschämt auf. Als ich in der Nacht ein Mal aufwachte, sah ich eine solche Bestie in unmittelbarer Nähe mich anstieren; mein nächster Griff war nach meiner Flinte, welche jedoch zu weit von mir entfernt lag, so dass ich im Augenblick nicht wusste, wie ich mir helfen konnte. Glücklicherweise schien der Leopard keinen Appetit nach dem Fleisch eines Weissen zu haben, denn mit einem Sprunge ergriff er einen Knaben, welcher am Feuer schlief, hinten am Nacken und machte sich mit ihm davon, ein Schrei ertönte, mehrere Schüsse folgten, worauf das Thier seine Beute fallen liess und auf Nimmerwiedersehen verschwand. Zum Glück waren die Wunden des Knaben ohne Bedeutung.

Auch der nächste Marsch währte 6 Stunden, und führte durch lichte Dschungeln und sehr viele Sümpfe; nur ein Flusslauf wurde gekreuzt, und auch dieser hatte nur in wenigen Pfützen Wasser. Während der Nacht wurden uns) die Hyänen sehr lästig, welche sogar einen unserer Leute angriffen.

Am 22. Septbr. brachen wir schon frühzeitig, 6J Uhr, zu einem langen und anstrengenden Marsche auf, welcher erst 4J Uhr mit unserer Ankunft in Zanga, einer kleinen ägyptischen Station, endigte. Der Weg war sehr schlecht. Sümpfe und Dornbüsche bereiteten uns viele Mühsal, ausserdem war es furchtbar heiss, bis 3 Uhr Nachmittags durch einen Gewittersturm die Temperatur etwas abgekühlt wurde. Vier Flussbetten hatten wir zu passiren, darunter um 81 Uhr einen Namens Elgebe, welcher häufig als ein gewaltiger Strom sich ergiessen muss, denn die Ufer waren 20 Fuss hoch, und unverkennbare Anzeichen deuteten darauf hin, dass dieses tiefe Bett oft bis an den Rand gefüllt ist. Im Laufe des Vormittages stiessen wir auf Palmen und kamen später durch zwei Dörfer. Der Boden bestand überall aus Sand, welcher mit hohem Grase bedeckt war; hohe Bäume waren selten. Man muss mit grosser Vorsicht reiten, was ich an mir selbst erfahren sollte, denn als ich sorglos dahinritt, blieb ich unversehens in den Zweigen eines Baumes hängen und befand mich schliesslich mitten in einem Dorngestrüpp, aus welchem ich mich nur mit Mühe und mit Hinterlassung mancher Kleider- und Hautfetzen herausarbeiten konnte. Zanga ist nur eine kleine Ortschaft, bestehend aus den gewöhnlichen Hütten und mit einer Einfriedigung umgeben. Den Wäohterposten versah hier ein grosser schwarzer Hund, der es mit jedem Leoparden aufnahm, aber gleichzeitig eine grosse Abneigung gegen nackte Eingeborene bat, während er den wenigen Leuten, welche hier Kleider tragen, zugethan ist.

Um auszuruhen und frische Träger zu requiriren, nahmen wir hier einen zweitägigen Aufenthalt. In südöstlicher Richtung, 6 Stunden entfernt, befindet sich eine warme Quelle, Buri genannt, am Fusse des G. Kuyu, welche wegen ihrer medicinischen Wirkungen bei den Eingeborenen in hohem Ansehen steht. Tag und Nacht entwickelt sie unter beständigem Sprudeln heisse Dämpfe und besitzt eine so hohe Temperatur, dass man die Hand nicht hineinhalten kann. Die Quelle bildet einen kleinen Bach, in welchem die Neger baden, auch trinken sie das Wasser. Ich habe von demselben eine Flasche mitgenommen, um in Europa eine Untersuchung vornehmen zu lassen.

Nachdem wir die genügende Anzahl Träger, Moru, eine so handfeste Bande, wie ich noch nie zu sehen bekommen, zusammengebracht hatten, brachen wir am 25. Sept. von Zanga auf. Die Weiber gingen hier nackend einher, höchstens dass sie einige Blätter und eine Schnur von Eisendraht oder Perlen um die Hüften trugen, an welcher ein Messer befestigt ist. Da auf dem Pfade das hohe Gras eine ziemliche Strecke weit abgemäht worden war, wurde das Marschiren zum Vergnügen und es ging in lebhaftem 8chritt vorwärts bis zum Chor Weiga, einem von Felsen eingefassten Flussbett, dann folgte felsiger und sandiger Boden und wiederum hohes Gras mit nur kleinen Bäumen; Vierfüssler und Vögel waren niobt zu sehen und nicht zu hören. Wir hatten 6, jedoch nur seichte Flüsse zu pasairen. Unterwegs trafen wir zahlreiche Gräber von Eingeborenen; sie waren durch Steine gekennzeichnet, die theils zu spitzen Kegeln sich aufthürmten, theils als grosse Platten auf einem Kreise kleinerer flacher Steine auflagen. Die Neger sind meistens mit Pfeil und Bogen bewaffnet; erstere versehen sie mit schrecklichen Widerhaken und sollen sie auch durch den Saft einer Euphorbia vergiften.

Unsere nächste Station war das Dorf Kadru oder Keil er u, dessen Hütten innen und aussen mit Abbildungen von Leoparden bemalt waren, eigenthümlichen Kunstproducten, denn die Schwänze waren ebenso dick wie der übrige Körper, und schwarze und weisse Quadrate sollten die Flecken darstellen. In der Umgegend des Dorfes wird ziemlich viel Land cultivirt. Um 6} Uhr früh setzten wir unsere Reise fort, bis wir Mittags eine kleine ägyptische Station erreichten, welche mir nochmals als Kederu bezeichnet wurde, und für welche ich keinen anderen Namen erfahren konnte. Früher hätten 50 Soldaten dieses Dorf nicht vertheidigen können, jetzt befinden sich ihrer nur 2

hier. Der Weg war ziemlich gut, denn man hatte das hohe Gras unsertwegen abgemäht. Wir hatten an diesem Tage 15 Bergströme zu passiren, manche mit kleinen malerischen Wasserfällen; an jedem dieser Flussläufe wuchs massenhaft Bambus. Nachdem wir in der ersten Viertelstunde rein westliche Richtung verfolgt hatten, kamen wir in einen Bergpass und wendeten uns nach N und NW. Das Überschreiten zweier Pässe nahm den ganzen Tagemarsch in Anspruch. Die Hügel waren dicht bewaldet, mächtige Felsblöcke ragten schroff zum Himmel auf, es war eine in jeder Beziehung reizende Scenerie, die sich mit den schönsten Landschaften der Welt messen kann. Die Gesteine waren metamorphische, meistens aber grauer Granit. In den aus hohem Grase und kleinen Bäumen bestehenden Dschungeln, durch welche wir kamen, waren weder Vierfüssler noch Vögel zu sehen, dagegen Myriaden von Insecten und prächtige Schmetterlinge. Bei unserem Einzüge in Kederu wurden wir mit Fahnen und Gewehrsalven begrüsst, die fast unter unseren Füssen abgeschossen wurden eine gute Mahlzeit, schöne, geräumige und kühle Hütten harrten unser, und nach unserem langen und heissen Marsche nahmen wir sie dankbar in Besitz. Die Moru tätowiren sich nur an den Schläfen und auf der Stirn.

In schnellem, nur ca 5stündigem Marsche kamen wir am 27. Sept. nach Madi, wo der Mudir dieses Districts seinen Wohnsitz aufgeschlagen hat. Wenn wir auch 8 Flüsse zu passiren hatten, bevor wir den Rodi erreichten, so war der Weg doch im Allgemeinen gut, denn das Gras war nicht übermässig hoch, auch Bäume waren sehr wenig vorhanden. Einmal marschirten wir durch einen prächtigen Hain von Dolebpalmen, deren Wipfel von einer grossen Colonie gelber und schwarzer Finken bewohnt waren. Unterwegs trat vielfach Eisenstein zu Tage, auch schwarz schimmernden Sand, wahrscheinlich Umenit, bekamen wir zu sehen. Der Rodi ist sehr reissend; bei 200 Yards Breite hat er eine Geschwindigkeit von 1| Knoten per Stunde und entsendet 9000 Cubikfuss Wasser per Secunde; er mündet in die seeartige Erweiterung des Nil bei Gaba Schambeh. Die einzige Auskunft, die ich sonst über ihn einziehen konnte, ist die, dass ein Fluss, welcher noch jenseits der Berge von Dufii entspringt, sich in 2 Arme theilen soll; der eine, welcher sich nach W, dann nach NW wendet, fliesst dem Bahr-el-Arab, einem Nebenflusse des Bahr-el-Ghazal zu, der andere Arm ist der Rodi, welcher das Land der Monbuttu durchströmt, bevor er in das Gebiet der Madi eintritt. Er hat überall eine Tiefe von 5 Fuss und soll viele Tagereisen nach S noch schiffbar sein; häufig auch tritt er über seine Ufer.

Die Station Madi ist ein ziemlich bedeutender Sammelplatz für Elfenbein; wie der Mudir Acbmet Hassan Effendi mir mittheilte, hatte er im letzten Jahre 700 Cantar zueammengebracht. Der Häuptling der Madi, Tak Farre, welcher uns besuchte, hat gerade kein einnehmendes Äussere; seine Arme sind bedeckt mit stacheligen Spangen, welche als Schmuckgegenstand, zur Yertheidigung und auch zur Zügelung seiner Weiber dienen. Europäische Damen würden sich von ihren Gatten das Tragen solcher Zierrathen jedenfalls verbitten; manche von den Spitzen sind gerade und 3—4 Zoll lang, andere gebogen. An Stelle von Munza, welcher vor längerer Zeit getödtet wurde, ist jetzt Niyangari König der Monbuttu. Die Hütten in Madi sind aus Lehm erbaut und stehen auf einer ca 10 Fuss hohen Erhöhung, da die Regenzeit die ganze Umgegend in einen ungeheueren Sumpf verwandelt.

Am 29. Sept. um 7 Uhr Morgens brachen wir von Madi auf und kamen schon nach 20 Minuten in den Hauptort des Häuptlings Tak Farre, Kenyi-maza, dessen Hütten aus Flechtwerk mit 4£—5 Fuss hohen Wänden, glockenförmigem Dache und einer Thür von 2J Fuss Höhe bestanden. Die Männer gingen völlig nackt, nur trugen Viele Ketten von Menschen- und Schafzähnen um den Hals; die meisten Weiber hatten in der Oberlippe eine Holzscheibe, andere, wie auch manche Männer, einen King aus Eisendraht, an welchem sich einige Perlen befanden. Einige Weiber hatten sich Blätter vorgebunden, andere Fransen, die meisten aber trugen keine Bedeckung; sowohl Männer wie Weiber schmücken sich mit Ketten von Scheiben, die aus grossen Schneckenhäusern geschnitten werden. Schwere Ringe von Eisen und Kupfer um Beine und Arme sind hier auch stark in Mode; um übermässigen Druck auf den Fuss zu verhüten, werden Polster von Blättern untergelegt. Der Häuptling Tak Farre hat eine Bande von ungefähr 5000 Mann, die den verschiedensten Stämmen angehören, unter sich vereinigt, jeder Unzufriedene schliesst sich ihm an. Er brachte seine 5 Söhne, niedliche kleine Buben, um uns zu sehen, zum Besuch, aber die weissen Gesichter setzten sie arg in Schrecken, wahrscheinlich befürchteten sie, wir würden sie auffressen. Grosse weisse Hunde, welche einer edleren Race angehören, als sie in diesen Gegenden üblich ist, tummelten sich hier massenhaft umher. Eine zahme schwarz und weiss gezeichnete Yiverre, welche mit einheimischem Namen Ulurfa heisst, wurde uns angeboten, doch mussten wir die Gabe ablehnen. Auch zeigte man uns einen abgerichteten Affen, der als Begrüssungsform die Füsse beleckte. Ein grosser Procentsatz der Männer litt an Hydrocele, theilweise von bedeutender Grösse.

Bald nach 8 Uhr bekamen wir die letzten Berge zu sehen, und nach meiner Vermuthung wird G. Ain wohl der erste sein, zu dem wir kommen werden. Dann ging es bis 9j Uhr durch zahlreiche Dhurra- und Sesamfelder, in der That sah ich mit Ausnahme von Fatiko's Umgegend

nirgends so starken Anbau. Zum Trockenen des Sesam hatte man senkrechte 15 Fuss hohe und 50—100 Yards lange Gestelle errichtet, welche — ein Wunder für Afrika — eine schnurgerade Linie einhielten; da eine so grosse Fläche den Winden sehr ausgesetzt ist, so hatte man die Gestelle noch durch Kreuzpfähle gestützt. Bis Nachmittags 2 Uhr 10 Min. setzten wir unseren Marsch fort, worauf wir 20 Yards vom Rodi, in der Nähe einer kleinen Stromschnelle, unser Lager aufschlugen. Der Fluss ist sehr breit, die Stärke des Gefälles konnte ich nicht constatiren; die Ufer sind dicht bewaldet. Im Ganzen hatten wir 10 Flussläufe gekreuzt, aber keiner hatte viel Wasser. Den Weg, welcher schon durch dornige Dschungeln unangenehm genug war, hatten Elephanten noch überdiess bös zugerichtet, indem sie überall Bäume und Äste umgebrochen hatten. Auch an diesem Tage wurde ziemlich viel Ilmenit beobachtet. Guineahühner, Tauben, schwarze und gelbe Finken kamen massenhaft vor, schwarz und gelb gezeichnete Fliegen machten sich durch ihren scharfen Stachel sehr bemerklich, die Schmetterlinge würden einen Entomologen entzückt haben.

Die Hütten dieser Neger sind zuckerhutförmig und sehr solide, 10 Fuss hoch gebaut; sie sind aus besserem Material als weiter im Süden hergestellt, ihr Bau beansprucht dafür aber längere Zeit. Die Träger zeigten zum ersten Male ein Yerständniss dafür, dass eine Kiste eine obere und eine Kehrseite hat; ob sie wohl schon die Bezeichnung „Oben, Vorsicht" kannten?

Als ich am 30. Sept. um 4£ Uhr Vormittags erwachte und der Mond leuchtend auf uns herabschien, machte ich den Versuch, die Leute zu einem frühzeitigen Aufbruch zu bewegen, aber umsonst, sie verspürten nicht die geringste Lust; erst um 6 Uhr war Alles zum Abmarsch bereit. Im Laufe der ersten 2J Stunden hatten wir unseren Weg durch Gras- und Dornendickicht zu erkämpfen, denn Elephanten hatten den schmalen Pfad fast unwegsam gemacht, dann kamen wir an einigen verlassenen Dörfern vorbei, in deren Umgebung ziemlich viel Baumwolle wuchs; auch Dhurrafelder wurden wiederholt passirt. Den Weg nach der ägyptischen Station Bufi Hessen wir rechts liegen und kreuzten kurz vor 11 Uhr den Sumpf Niminekanie, auf dessen anderer Seite ich einen Baum entdeckte, in welchem ein grosses „O" eingeschnitten war. Der Rest des Weges bis zu unserem Quartier Takka, dessen Hütten aus Flechtwerk mit konischen Dächern erbaut sind, war weniger unangenehm, da das Gras nicht mehr so dicht stand. Unterwegs trat viel Eisenstein zu Tage. Der Häuptling des Dorfes hatte ein dünnes Eisenband um den Kopf, und von den übrigen Bewohnern trugen viele auf dem Kopfe kleine runde Eisenplättchen, welche dadurch festgehalten wurden, dass durch ein in der Mitte befindliches Loch ein Büschel Haare ge

« PreviousContinue »