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Höhe der Lage ihres Dorfes sichert auch in trockenen Jahren den Heuschlag. Sehr bald, wenn man von Slawjanka gegen Süden reist, wird das eben erwähnte Gebirgspanorama im Süden grösser und grösser. Es schiebt sich davon mehr und mehr am Horizonte ins Gesichtsfeld. Die nordöstlichen Ufergebirge des Goktschai mit ihrem Anschlüsse an den Karabagher-Meridianstock siud es, die uns hier im hohen Katechgar-dagh, im Köpes-dagh und Murow-dagh entgegentreten. Sie erreichen bis zu 12000 Puss Höhe und lagen jetzt alle in tiefen Schnee gebettet da. Zu ihren Füssen im Norden dehnten sich die Quellgebirge des Schamchor, waldbedeckt und zum grossen Theile schon den Kedabeger Kupferwerken gehörend, deren Essen sie mit Holz und Kohlen speisen müssen. Steiler herabsteigend, und zwar an der linken hohen Thalwand des Kedabeg-Baches (links zum Schamchor), erblickt man sehr bald das grossartig angelegte Etablissement der Gebrüder Siemens, welches, anfänglich zwar mit grossen Schwierigkeiten kämpfend, nunmehr seit einer Eeihe von Jahren die erfreulichsten Erfolge aufzuweisen hat und nur erst ganz neuerdings (im letzten Winter) theils durch die Nachwehen des Krieges, namentlich aber durch die in ganz Transkaukasien obwaltende Missernte, durch den Mangel hinreichender Transportmittel zu leiden hatte.

Für den Umfang dieses Berichtes würde es zu weit führen, wenn ich diese Stätte deutscher Arbeit eingehend schildern wollte. Es wird diess in dem in Aussicht genommenen Werke geschehen. Hier nur das Nöthigste. Zunächst sind es die scbwefligsauren Dämpfe, den Rostplätzen der Erze entbunden, die dem Fremden wenn auch nicht gerade sehr lästig, doch unangenehm berühren. Die Bewohner gewöhnen sich daran bald und behaupten, dass diese Dämpfe nicht nur nicht schädlich, sondern, wenn nicht zu stark, der Gesundheit sogar förderlich seien. Sperling und Hausschwalbe, Krähe und Elster besorgen ihr Brutgeschäft in ihnen, wenn auch nicht ganz nahe bei den Rostplätzen, wo natürlich der Qualm unerträglich ist. Vom Herrenhause, welches höher als die anderen Gebäude auf linkem Kedabeg-Ufer gelegen ist, überblickt man das gesammte Etablissement. Gegen Westen liegen die umfangreichen Rostplätze und Öfen, sowie die Bassins für die Cementkupferbereitung. Hierher mündet auch die Schienenbahn, auf welcher die sortirten Erze in kleinen festgebauten Wagen heranrollen je mit einem Bremser versehen, da der Fall der Bahn vom erzführenden Gebirgsstocke in NW recht bedeutend ist. Die leeren Wagen werden durch Pferde wieder zur Grube geschleppt. Dort, vor den Rosthaufen sind auch die Schmelzöfen verschiedenster Construction erbaut (im Ganzen 34), um das Erz zu bearbeiten und endlich als Garkupfer in Barren von etwas mehr als 1 Pud

gegossen in das Magazin zu liefern, von wo sie dann nach Elisabethpol transportirt werden.

Unmittelbar vor dem Herrenhause und seitlich thalabwärts von ihm befinden sich die Verwaltungsgebäude und die Wohnungen für die Beamten und Arbeiter. Alle sind aus Stein erbaut und durchaus zweckmässig eingerichtet, auch mustergültig sauber gehalten. Das geräumige Hauptcomptoir enthält neben den Zimmern, welche speciell von der Buchhalterei und Cassenführung eingenommen werden, auch Säle für die Ingenieure, und gerade jetzt entwarf man hier die Pläne für eine etwa 4 deutsche Meilen lange Eisenbahn, welche die Ausnutzung der Wälder erleichtern und das Etablissement in seiner Productionsfähigkeit nicht mehr abhängig sein lassen soll von den Hunderten von Mauleseln und Trausportpferden, welche ohne Unterbrechung die Feuerung zur Hütte sohaffen müssen und deren Arbeit natürlich wiederum abhängig ist vom Wetter und Futter. Trotz der grossen Unkosten, welche durch die Erbauung dieser Eisenbahn dem berühmten Hause Siemens erwachsen, wird der Erfolg gewiss ein gesicherter, ja, a priori, ein doppelter sein, denn, wenn in Zukunft einerseits Holz und Kohle vom Walde per Dampf zu der Hütte gebracht werden, so können dieselben Locomotiven ja auch das Erz zum Walde bei ihrer Rückkehr schleppen. Eine sehr bedeutende Steigerung der Production, welche bis dahin 40 bis 50000 Pud Garkupfer im Jahre betrug, ist also gewiss und um so mehr gesichert, als neuerdings im erzführenden Stollen Material erschlossen wurde, welches mit einem Procentsatze von 3—7 für eine lange Reihe von Jahren den Rohstoff bietet. Im Thale des Kedabeg-Baches beiderseits liegen auch sämmtliche Werkstätten, die unausgesetzt für die Hütte zu thun haben, so die Schmieden und Stellmachereien, Öfen zur Herstellung der feuerfesten Ziegeln, Quarzstampfen &e. Auch die grossen Ventilatoren, welche abwechselnd arbeiten und den Ofen die nöthige Luft zuführen, sowie 3 Locomobilen von 8—10 Pferdekräften zu anderen motorischen Zwecken sind hier placirt.

Bedenkt man, dass hierher auf demselben beschwerlichen Wege Alles geschleppt werden musste, den wir von der Station Dsegam kennen lernten, dass die Schiffsladungen mit Rohmaterial und Maschinen von der Themse via Gibraltar und Constantinopel nach Poti gelangen mussten, hier die Rionbarre das Umfrachten stets erzwang, sodann, nachdem das Zollamt seine Schuldigkeit gethan, die Poti-TiflisEisenbahn den Transport bis Tiflis vermittelte und von hier aus die schweren grusinischen, büffelbespannten, zweirädrigen Fuhren benutzt werden mussten; bedenkt man endlich, dass in den Bergen der Schamchor - Quellen im besten Falle nur die Intelligenz und der Fleiss eines herangewanderten Griechen zu finden war, im schlimmsten

aber der tatarische Räuber im Busche lauerte, dass in diesen Einöden also Alles geschaffen, herangebildet, mit grossen materiellen Opfern erkämpft und mit vorzüglicher Sach- und Ortskenntniss im Vereine von zähester Ausdauer errungen werden musste: – so wird man nicht umhin können, dem ausländischen Capitale den endlichen Erfolg zu gönnen und dem, von gewisser Seite her so oft und so gern gemachten Ausspruche: dass der Ausländer nur komme, um Russlands Schätze auszubeuten und sich zu bereichern, die richtige Deutung geben. Eigene Unfähigkeit und blosser Neid dictiren solche Raisonnements, die man alltäglich bei jeder Gelegenheit hören kann. Man vergisst im vorliegenden Falle, dass mehr als 1500 Menschen ihr gutes Stück Brot essen, dass hier jeder strebsame und ordentliche Arbeiter mehr und leichter verdienen kann, als unter den gewöhnlichen Verhältnissen hier möglich, wo früher der Hirte sein müssiges Leben fristete, oder, wie schon gesagt, der Räuber den Versteck im Walde suchte.

Diese Hochwälder am Schamchor, welche ich während einer Tagesexcursion kennen lernte, boten mir sowohl in botanischer als auch in faunistischer Hinsicht ein durchaus mitteleuropäisches Bild. Erwähnt muss zunächst aber werden, dass hier die Coniferen schon gänzlich fehlen ). An

den Quellen des Dsegam soll es noch einzelne Kiefern geben und der Weihnachtsbaum für die Kedabeger Gesellschaft wird von dorther geholt. Dabei wolle man sich daran erinnern, dass schon in dem etwas westlicher gelegenen Akstafa-Thale Pinus sylvestris nur sporadisch und nur in geringer Individuen-Zahl angetroffen wird und die Linde als Bauholz, namentlich, als Diele, Planke, weil sie leicht zu bearbeiten ist, an Stelle der Kiefer tritt. Es wird das Verschwinden dieser Art gegen Osten insofern interessant, als damit auch das Vorkommen des gewöhnlichen Kreuzschnabels zusammenhängt. Diese Art habe ich nur noch ziemlich weit westlich von dem erwähnten Akstafa-Thale, oben im Gebirge, nachweisen können, nämlich auf den äussersten Höhen des Trialeti in der Randzone der Gebirge von Borshom. Doch darüber speciell in meiner Ornis. Hier am Schamchor tummelten sich Schwanz- und Blaumeisen sammt der Kohlmeise im Buschwalde. Von den Eichen her erschallte der klagende, langgezogene Ruf des Schwarzspechtes, und den vorsichtigen Eichelbäher repräsentirte auch hier die Var. melanocephala , Gené. Trotz der vorgerückten Jahreszeit und der Meereshöhe (über 3000 Fuss) war es fast sommerlich warm. Das Klima dieser Gegend ist ausserordentlich gesund. Der Herbst hat auch hier eine bis fast zu Neujahr ausgedehnte Dauer und ich sah jetzt noch Nepeta Mussini und Leontodon blühen. Unter 12° R. ist in Kedabeg, so lange es existirt, die Temperatur im Winter nicht gefallen.

(Fortsetzung folgt.)

') d. h. die Abies- und Pinus-Arten. Juniperus oxycedrus und communis, sowie J. Sabina und Taxus baccata finden sich im Quelllande des Schamchor. Dagegen verbleibt die baumartige J. excelsa für diese Gegenden nur dem mittleren Akstafa-Thale in verhältnissmässig schmaler Zone.

Désiré Charnay's Expedition nach den Ruinenstätten Central-Amerika's ').

Von Vera-Cruz nach Mexico. – Die Expedition, über, deren Organisation und Aufgabe im Jahrgang 1880, S. 381 berichtet wurde, verliess im April 1880 die Vereinigten Staaten und landete vor Ende des Monats zu Vera-Cruz, das sie aber am 1. Mai wieder verliess, um sich zu Eisenbahn nach Mexico zu begeben. Nachdem wir während der Nacht eine der schönsten Partien des Weges durcheilt hatten, erreichten wir bei Tagesanbruch das Plateau von Orizaba und erfreuten uns dort eines prächtigen Anblicks. Auf allen Seiten stiegen Berge empor, alle Farben widerstrahlend im Lichte der aufgehenden Sonne, im Hintergrunde der Vulcan von Orizaba mit seinem weissen Schneekegel, der sie alle überragte. Dahin brauste der Zug durch Kaffeeplantagen und ungeheure Tabak- und Bananenfelder, bald rechts, bald links sich wendend, vorwärts über tiefe

Schluchten und reissende Bergströme und bei jeder Wendung eine neue Überraschung bietend. In sanfter Steigung wand sich der Zug hinauf nach Maltrata, wo er eine zweite Locomotive zur Hülfe nahm und sich nun in grossen Curven und bedeutenden Steigungen durch die grossartigste Berglandschaft vorwärts arbeitete, bis wir nach drei Stunden das Plateau der tierra fria erreichten.

Der Aufstieg, welchen wir während dieser Zeit überwunden hatten, beträgt 4810 Fuss. Orizaba liegt 4810 und Esperanza, wo wir anhielten, 9620 Fuss über dem Meere. Unser Weg führte von hier ab über Ebenen so gross und staubig wie die arabische Wüste. Haciendas zeigen sich dort sehr vereinzelt und der verkrüppelte Mais, sowie die dünn stehenden Weizenfelder zeugten von der Trockenheit des Bodens. Die Gegend ist kläglich arm an jeder Vegetation, die ungeheure Ausdehnung der Ebene, die kühnen Linien der Berge, welche den Horizont begrenzen, die Bergspitzen, welche hin und wieder diese Einför

1) Aus der North American Review von Fr. Kofler. – Zur Orientirung reicht aus Stieler's Hand-Atlas, Bl. 81, Nebenkarte von dem Gebiete zwischen Mexico und Vera-Cruz.

migkeit unterbrechen, die Staubwirbel, welche man von allen Seiten aufsteigen sieht, verleihen ihr einen fremdartigen Anblick und drücken ihr den Stempel starrer Trostlosigkeit auf.

Die Eisenbahn hat das frühere Aussehen des Plateau's verändert und so zu sagen aus der Gegend eine Einöde gemacht. Wir sehen nicht mehr die langen Züge von Mauleseln, die ibren Weg von Vera-Cruz nach Mexico zu nehmen pflegten, die langsam dahin rollenden Wagen, die arrieros in ihren malerischen Trachten, und wir hören nicht mehr die silbernen Glocken der madrinas "). Die kleinen Hütten längs des Weges, wo die Maulthiertreiber ihren Durst löschten und die grossen corales, oder Höfe, in welche die Maulthiere des Nachts eingesperrt wurden, sind verschwunden.

Von hier ab wendet sich die Bahn westlich, geht an Huamantla vorüber, lässt Puebla etwa zwanzig leguas zur Linken liegen, geht durch A pizaco und tritt nun in die Llanos von Apan ein. Dort befinden wir uns in dem Lande des pulque, den Hauptgegenden des Weinbaues in Mexico. Auf allen Seiten sehen wir maguey-(Agave-)Plantagen, und an jeder Station werden aus den Waggons Fässer des Gotränkes geladen, welches die Indianer so sehr lieben. Diess nicht sehr einladend aussehende Getränk ähnelt an Farbe einem starken Aufguss von Orgeat und Wasser; es ist dick, zähe, faserig und hat einen starken lederartigen Beigeschmack. Es soll gesund sein und man gewöhnt sich leicht daran. In Mexico werden grosse Quantitäten davon verbraucht.

Unsere nächste Station ist La Palma, dann kommt Otumba, bekannt durch den Sieg des Cortes, und nachdem wir endlich die Pyramiden von San Juan de Teotihuacan zur Rechten gelassen haben, langen wir in der Hauptstadt an.

2. Mai. Mexico hat sich in den 22 Jahren seit meiner letzten Anwesenheit noch mehr als Vera-Cruz verändert. Die Grand Plaza, welche früher von aller Vegetation entblösst war, ist jetzt ein schöner Park von Eucalyptus-Bäumen, die, obgleich erst seit zwölf Jahren angepflanzt, doch schon eine Höhe von 100 Fuss erreicht haben. Hübsche Häuser mit neuen architektonischen Formen sind überall entstanden, neue Stadtviertel finden wir an den Stellen der zerstörten Klöster, hübsche freie Plätze überraschen jetzt den Reisenden an jeder Strassenkreuzung und die prachtvolle Promenade, welche von Maximilian angelegt wurde und jetzt bis nach Chapultepec weiter geführt werden soll, würde der stolzesten Hauptstadt zur Zierde gereichen.

8. Mai. Die geographische Gesellschaft hielt eine Sitzung ab, um mich über meine Mission zu vernehmen. Sie gab mir darauf durch ihren Secretär Altamirano ihre Absicht kund, mein Gesuch bei dem Minister befürworten zu wollen. Señor Altamirano ist ein Indianer reinsten Blutes aus Guerrero, begabt mit einem grossen Rednertalent; er ist der Danton Mexico's, ein Polyglot, Gelehrter, Politiker und Literat. Die indianische Race gelangt, nebenbei sei es bemerkt, in diesem Lande zu Macht. Überall, in den verschiedenen Zweigen der Regierung bemerkt man Indianer als Angestellte und hohe Beamte. Die Eroberer verlieren Boden und die Stunde der Restitution naht rasch heran; sich selbst überlassen würde Mexico bald in die Hände der Eingeborenen fallen. In der Sitzung wurden einige Thongefässe vorgezeigt, die einzig in ihrer Art waren; sie stammten aus einem Grabe, das man bei den neuerdings in der Nähe von Querétaro entdeckten Ruinen gefunden hatte.

Ausflug nach San Juan de Teotihuacan. – 12. Mai. Da ich auf die Erlaubniss des Congresses zu meinen Ausgrabungen warten musste, beschloss ich meine Zeit zu verwenden und den Ruinen von Teotihuacan einen vorläufigen Besuch abzustatten. Diese Ruinen liegen etwa 31 miles nordöstlich von Mexico an der nach Vera-Cruz führenden Eisenbahn. Von der Station San Juan aus gewahrt das Auge kaum etwas Anderes als die Umrisse der beiden grossen Pyramiden, aber im Süden, auf der anderen Seite der Eisenbahn, scheinen sich Ruinen bis zu den Matlacinga-Bergen zu erstrecken, welche die Grenze des Thales bilden. Im Norden dehnen sich die Ruinen aus bis zu dem zwei Meilen entfernten Dorfe von San Martin. Teotihuacan war also eine Stadt von mehr als 9 leguas, oder 23 miles Umfang. Beim ersten Anblick kann man sich kein Bild von der Grossartigkeit dieser Ruinen entwerfen. Bei allen Ruinen, insonderheit bei denen, welche wie diese schon stark vom Zahne der Zeit benagt sind und zerfallen vor uns liegen, fühlen wir uns arg enttäuscht, wenn wir sie zum ersten Male besichtigen. Und erst, nachdem wir sie im Ganzen wie im Einzelnen durchmustert haben, lassen sie in uns den Eindruck ihrer ungeheuren Grösse zurück. Kein anderer Ort Amerika's kann meiner Meinung nach eine imposantere Masse Ruinen, noch irgend Etwas aufweisen, was sich mit dieser Götterstadt (teotihuacan bedeutet Stadt der Götter) vergleichen könnte.

Von der südlichen Grenze dieser alten Stadt ausgehend, nahm ich, geführt von einem Indianer, zuerst eine nördliche Richtung. Wir kamen an zahlreichen Hügeln vor. über, den Überresten zerstörter Gebäude, von denen Nichts übrig geblieben, als Haufen kleiner, poröser, mit Erde ver. mischter Steine. Ihre grosse Anzahl ist ein Beweis, dass einst eine starke Bevölkerung diese Stätte bewohnte. Un

') Stuten, welche an der Spitze der Züge gingen und welchen die Maulthiere folgten.

sern Weg weiter nach Norden verfolgend, setzten wir über den Rio de San Juan, einen kleinen schlammigen Fluss, der während der Regenzeit zu einem wilden, reissenden Strome wird, und der in seinen Wassern Fragmente von Obsidian mit sich führt, von dem ich einige Proben einsammeln werde.

Seitdem die Stadt verlassen wurde, hat der Fluss einen tiefen Schlund eingewühlt, welcher ungefähr ein Drittel der Ruinen von den übrigen, nördlich gelegenen, trennt. Während der Blüthezeit der Stadt muss der Fluss canalisirt gewesen sein, und Brücken müssen eine Verbindung zwischen den beiden Theilen hergestellt haben. Wirklich fand ich, als ich dem nördlichen Ufer aufwärts folgte, chausséeartige Strassen, welche ebenso wie die Mauern der Häuser aus einem festen tetzontli ') zusammengefügt und mit Cement überzogen waren. Die Oberfläche scheint mit einer Lage Kalk bedeckt gewesen zu sein, und an einigen Stellen gewahrt man Spuren von rother Farbe. Höchst befremdend ist es, dass man an verschiedenen Orten zwei, ja drei sol. cher Chausséen, nur durch Erdschichten von 2-3 Fuss voneinander getrennt, übereinander liegen sieht. Bei näherer Besichtigung zeigt es sich, dass erstlich die sie trennenden Schichten nicht aus Schutt, sondern aus Dammerde bestehen, und dass zweitens diese Strassen in gleich gut erhaltenem Zustande sind und der gleichen Epoche angehören müssen. Man fragt sich vergeblich, weshalb diese Strassen so angelegt wurden und sieht, dass man sich hier, wie bei allen amerikanischen Ruinen, vor einem Räthsel befindet.

Je weiter wir nordwärts gehen, desto grösser wird die Zahl der Schutthaufen; wir schreiten über Felder, die mit Hügeln begrenzt, mit Thonscherben aller Farben und mit Götzenbildchen jeder Form übersäet sind, und je mehr wir uns der Sonnen-Pyramide nähern, desto zahlreicher werden dieselben, so dass zuletzt der ganze Boden aus diesen Materialien zu bestehen scheint. Bald erreichen wir die genannte Pyramide, welche wie ein vulcanisches Gebilde aus der Ebene emporsteigt, obne zu ihrer Basis eine Plattform oder Terrassen zu haben, wie man solche bei den Pyramiden in Yucatan stets findet. Die Grundfläche derselben misst 761, ihre Höhe beträgt 216 Fuss; ihre Seiten laufen genau nach den vier Weltgegenden. Sie zeigt auf ihrem Gipfel noch die Spuren von vier übereinander liegenden Esplanaden. Andeutungen einer Treppe sind nicht sichtbar, der Aufgang geschah wohl über eine schiefe Ebene.

Der Kern der Pyramide besteht aus vulcanischen Trüm. mern, welche in Dammerde eingebettet sind; man findet an denselben keine Spur von Mörtel. Der Bau aber war mit

Cement überzogen, von dem sich noch sehr gut erhaltene Tafeln vorfinden. Dieser Überzug von Cement war wieder mit weissem, fein polirtem Stucco bekleidet, wie diess auch bei allen Häusern der Fall war. Nun denke man sich einmal die grosse Stadt in all ihrer früheren Pracht, mitten in der herrlichsten Ebene, und ihrem Kranze von blauen und röthlich farbenen Bergen, mit ihren zahllosen Strassen, welche sich über die ganze Stadt hin bis zu den entferntesten Vorstädten erstreckten, Pyramiden, öffentliche Gebäude und Privatwohnungen, Tempel und Monumente, umgeben von üppigem Grün der Gärten, von Blumen und Bäumen, und die weissen Wände glitzernd und flimmernd im Sonnenlicht, und darüber ausgebreitet den klaren blauen Himmel, dann wird man begreifen, welch' prachtvoller Anblick das Auge des erstaunten Spaniers begrüsste und wird die Beschreibung verstehen, welche Torquemada von jenem Orte giebt:

„Alle diese Tempel und Paläste, und alle diese Häuser rings umher waren ganz von weissem, polirtem Kalkstein erbaut, so dass, wenn man sie von Weitem schaute, man endloses Vergnügen über deren Anblick empfand. Die Alleen, Strassen und Plätze waren von gemaltem und polirtem Cement, und so schön waren sie, so rein und so glänzend, dass es unmöglich schien, wie Hände der Sterblichen im Stande gewesen wären diess auszuführen, und dass ihre Füsse je wagen durften, sie zu betreten.

„Und das ist so wahr, dass aller Übertreibung baar, meinem Berichte geglaubt werden kann, denn zu alle Dem, was Andere mir versicherten, habe ich selbst verschiedene Ruinen gesehen, welche Zeugniss ablegten für Alles, was ich gesagt habe, und zwischen diesen Tempeln waren Bäume und Blumen, prächtige Gärten und Beete voller Wohlgeruch, Alles zum Dienst und zur Verschönerung der Tempel”.

Die Pyramide zu besteigen, ist ein mühevolles Unternehmen und der Abstieg selbst gefabrvoll. Nachdem man die freie Fläche oben erreicht hat, breitet sich ringsum ein grossartiges Panorama aus, zahllose Ruinen vor und hinter uns, dahinter die grosse Ebene, im Nordwesten das Dorf San Maltin, im Süden San Juan, im Südwesten Otumba, berühmt durch den Sieg des Cortes nach der grossen Niederlage der noche triste und rundum ein Kranz vulcanischer Berge.

Die Sonnen-Pyramide zur Rechten liegen lassend, verfolgten wir auf einer prächtigen breiten Strasse, an deren Rande sich kleine Steinhaufen, die Überreste von Häusergruppen befanden, eine nördliche Richtung bis zur Pyramide des Mondes. Dieser Weg, dessen Oberfläche an manchen Stellen noch mit Cement bedeckt liegt, ist etwa 4 miles lang und endet am Fusse der Mond-Pyramide. Ehe die

1) tetzontli ist ein poröser vulcanischer Stein. Petermann's Geogr. Mittheilungen. 1881, Heft II.

Strasse ihr Ende erreicht, erweitert sie sich auf beiden Seiten bis zu 328 Fuss Breite, bildet auf diese Weise die beiden Arme eines Kreuzes, dessen Stamm der Weg ist, auf welchem wir hierher gelangten und dessen oberes Ende die Pyramide des Mondes bezeichnet. Das Ganze bildet ein griechisches tau T. In dem Winkel, welchen einer der Arme mit dem Stamme macht, befindet sich die verstümmelte Statue einer Göttin, welche vor Zeiten ihren Tempel auf der Spitze der Pyramide hatte.

In Front dieser Gruppen von Häusern, welche einst diese ganze Strasse zu beiden Seiten besetzten und alle etwas abseits der Strasse auf erhöhtem Grunde standen, sieht man noch vollkommen erhalten die Stufen der Treppen parallel mit der Achse der Strasse liegen. Auf diesen pflege ten sich ohne Zweifel die Einwohner und die zahlreichen Gäste bei religiösen Ceremonien zu versammeln. Alles diess erinnert uns an die Amphitheater zu Chichen-Itza und Uxmal und wir sind geneigt, allen die gleiche Deutung zu geben.

Diese Kunststrasse wurde der Sage nach von den Tolteken der „Weg der Todten" genannt. Die Tolteken erscheinen in den mexicanischen Sagen überall, und wenn sie auch nicht Teotihuacan gegründet haben, so wohnten sie doch dort. Aber zu welcher Zeit? Zu einer Zeit, als das Schicksal sie verfolgte. Denn nach einer Sage, welche uns Mendoza berichtet, kamen sie zu diesem heiligen Orte, um die Götter anzurufen, das Elend abzuwenden, welches über sie hereingebrochen war. Aber es trug sich zu, dass während sie mitten im Tanz und in den religiösen Ceremonien begriffen waren, plötzlich im Amphitheater ein Riese unter den Tanzenden erschien und alle, welche er berührte, waren sofort des Todes. Am nächsten Morgen zeigte er sich wieder; seine Finger waren jetzt sehr lang und spitz. Und wieder kam er zwischen die Reihen der Tanzenden und verwundete sie derart mit seinen scharfen Nägeln, dass während der beiden Tage zahllose Leichen den Boden bedeckten. Am dritten Tage erschien auf der Spitze des hohen Berges Hueitepetl, der im Westen der Pyramiden gelegen ist, ein Kindlein, weiss und schön zu schauen, das einen tödtlichen Geruch von sich gab. Erfüllt mit Schrecken über so viel Jammer und über die grosse Sterblichkeit, welche sie decimirte, beschlossen die überlebenden Tolteken, zurück in ihre Hauptstadt Tula oder Tollan zu gehen und ihren Mitbürgern den Verlauf ihrer Expedition zu erzählen. Darauf trugen ihnen ihre Priester auf, das Land für immer zu verlassen. So erzählt Torquemada; Veytia aber, vertrauter als er mit den Hieroglyphen und den Sagen des Landes, giebt einen genaueren Bericht über die Unglücksfälle, welche die Tolteken vor ihrem Untergange betrafen.

Diese Mythen bedürfen keiner verwickelten Auslegung. Nach dem ersterwähnten Geschichtschreiber stellt der Riese die grosse Überschwemmung dar, welche hereingebrochen war und das Land verwüstet hatte. Die spitzen Nägel bezeichnen die versengenden Strahlen der Sonne, welche Alles zerstören, wenn sie nicht mit den anderen HauptElementen verbunden sind. Das schöne, weisse Kind aber ist der Frost, der die schwache Vegetation zerstörte, welche die vorhergehenden Trübsale überdauert hatte.

Was das tau T anbelangt, welches die Grundform dieser Ruinen ist, und welches wir in der grossen Strasse wiederholt sehen, so erzählen uns die Archäologen, dass alle Völker der Erde dieses Symbol für ein heiliges, voll tiefer Mysterien gehalten haben. Die Priester hielten diese Mysterien geheim und offenbarten sie nur den Geweihten des ersten Grades. Das tau, welches ein Kreuz bildet, hat, mit leichtem Unterschied in der Form, als symbolisches Zeichen bei den ältesten Nationen bestanden, sowohl in Hindostan, als Palenque, in Ägypten, wie in Teotihuacan. Die Nationen haben, eine nach der anderen, es angenommen, aber ohne zu wissen, welche Bedeutung ihm von den Priestern in der Kindheit des Menschengeschlechts beigelegt worden war. In Benares, Madras und in allen alten Städten Indiens waren die Tempel in Kreuzesform erbaut. Das berühmte Tenochtitlan (Mexico) war in vier Theile getheilt, welche ein St. Andreas-Kreuz bildeten, wie man im Codex Mendoza auf Tafel I nachsehen kann. Das Symbol des Kreuzes war allen Nationen des alten und des neuen Continentes wohlbekannt und wenn wir wissen wollen, welche Bedeutung die Priester ihm beilegten, welche in den alten Zeiten die Verwahrer der Wissenschaft waren, so brauchen wir nur die ägyptischen Hieroglyphen zu befragen und sie werden uns sagen, dass es eine Darstellung der vier Elemente war. Es stellte das Feuer dar, die Seele der Welt; das Wasser, welches reinigt und nach christlichem Glauben die Todsünde vertilgt; die Erde, welche die Quelle alles Guten in sich trägt und nach dem Tode uns wieder aufnimmt, während wir neue Verwandlungen erwarten; endlich die Luft, in welcher wir leben und wirken.

Die Mond-Pyramide ist nur 150 Fuss hoch, aber das Panorama, welches sich, von ihrer Spitze aus betrachtet, vor uns ausbreitet, ist gleich grossartig. Gegen Norden sehen wir Trümmer von Gebäuden, welche von der anderen Pyramide aus nicht sichtbar sind. Die Schriftsteller schätzen die Wohnungen in der Stadt auf 27 000, die Tempel nicht einbegriffen. Teotihuacan muss also eine sehr grosse Stadt gewesen sein.

Ehe man den Fuss der Esplanade vor der Mond-Pyramide erreicht, gewahrt man zur Linken eine Öffnung, welche

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