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ein trockener, heisser Nebel lagerte, welcher die Mugan geradezu unerträglich machte und wo am Tage im Schatten die Reaumur'sche Scala bis auf 28° stieg. Nach Abschluss dieser Reise wurde der Aufenthalt im Tieflande nach Möglichkeit beschränkt. Am Tage war ich in Folge ausserordentlicher und anhaltender Hitze meistens zur Unthätigkeit verdammt. Das Paoken der Sammlungen und Expedireii derselben war bald besorgt und am 10./22. Juli konnte der Dampfer bestiegen werden, welcher mich über Baku nach Derbent brachte, von wo ich die Weiterreise zu Lande über Temir-chan-schura, Grosnoe nach Wladik.iwkas und dann über den Grossen Kaukasus nach Tillis machen konnte.

In Hinsicht nun darauf, dass das Nordwestende des Eiburs - Gebirgssystems mit seinen Abstürzen und Verflachungen zum Caspi immerhin noch wenig bekannt ist — wenigstens entschieden nicht so oft geschildert wurde als Gilan und Massenderan, in denen seit der Regierung der Eadsharen die bequemeren Wege, welche zu ihrer Residenz Teheran geleiten, liegen und über welche namentlich Engländer schon seit dem Beginne des vorigen Jahrhunderts berichteten —, in Hinsicht endlich auch darauf, dass wir Über das russische Talysch kein grösseres, einigermaassen erschöpfendes Werk besitzen, zumal über seine Naturerzeugnisse nur unvollkommene Berichte und Verzeichnisse vorliegen —, werde ich nun alle meine einschlagenden Materialien vereinigen und dieses reiche Land und seine Bewohner eingehend schildern, auch mit Hülfe von Specialforschern Alles zusammentragen, was wir bis jetzt aus diesen reich gestalteten, die schroffsten Gegensätze darbietenden Gegenden kennen lernten und das Alles möglichst bald dem Publicum vorlegen. Ich gebe hier aber in dieser weit verbreiteten Zeitschrift schon jetzt einen vorläufigen Bericht, denn, beschäftigt durch die Ornis caucasica und ein Werk, welches in russischer Sprache in mehreren Bänden erscheint und das grosse Russische Reich in Wort und Bild mehr literarisch als streng wissenschaftlich schildern soll, endlich auch durch die Umgestaltung des Kaukasischen Museums, dessen Räume jetzt um das Dreifache vergrössert wurden, sehr in Anspruch genommen, kann ich mir selbst keinen festen Termin für das Werk über Talysch setzen, hoffe aber, dass es in Jahresfrist in die Presse gelangt.

Unbedenklich nenne ich das russische Talysch den reichsten Winkel, den das Riesenreich Russlands an seiner gesammten Südgrenze besitzt, aber ich füge hinzu, dass es überdiess auch noch das Land der allerschärfsten Extreme in Hinsicht auf Klima und Naturformen ist. Bevor ich, von Tiflis kommend, mit meinen Lesern fluchtig die weiten Lande des Kura-Thales (im Herbste 1879) durchwandere, um von Salian direct südlich zu wenden und rasch die

Petermann's öeogr. Mitthoüungen. 1881, Heft IL

Mugan zu durcheilen, so endlich die reizende Landschaft von Talysch erreichend —, will ich für jene eben gemachte Behauptung zunächst einige frappant in die Augen springende Beweise liefern. Ich greife keck mitten aus meinen in letzter Zeit gemachten Beobachtungen heraus. Es muss uns befremden, wenn wir im meteorologischen Tagebuche, dem ich auch die phänologischen Beobachtungen stets beifügte, Folgendes finden. Wir befinden uns nämlich, wie bekannt, unter dem 39° N. Br. in Lenkoran und es heisst in meinem Manusoripte:

Mittwoch 2./14. April 1880.
7 Uhr früh +7,0° R. Ost schwach, bezogen, regnerisch.
2 Uhr Nachmittags +3,76° R. NO frisch, Regen.
9 Uhr Abends +3,0° R. ONO stark, Sturm, Regen.

Donnerstag 3./15. April.
7 Uhr früh + 2,25°R. NO stark, Regen, seit gestern Abend Schnee.
2 Uhr Nachmittags +1,60° R. NNO massig, 0,13 Zoll Regen.
9 Uhr Abends +0,75° R. NNO massig. Von 9 Uhr früh bis Mit-
tag Schneesturm.

Freitag 4./16. April. 7 Uhr früh +0,26° R. NW. massig, überall gleichmässig bezogen. 2 Uhr Nachm. +0,76° R. NW massig, es liegt '/s F. hoher Schnee. 9 Uhr Abends +0,75° R. NW massig. Von 8 Uhr an fallt wieder Schnee, sehr grossflockig.

Alle Haus- und Uferschwalben (H. rustica und C. riparia) sind umgekommen. Man kann sie zu Hunderten im Graben am Leuchtthurme finden. Desgleichen ist Muscicapa luctuosa zum grössten Theil ein Opfer des schlechten Wetters geworden. Selbst grössere Stelzer, als Charadrius Morinellus und Ch. asiaticus, sowie Becassinen und Waldschnepfen , endlich auch die Wiedehopfe sind so ermattet von Hunger und Kälte, dass man sie mit der Hand ergreifen kann. Über Nacht stürmen eine Menge kleiner Vögel an die Fenstersoheiben, ein Theil rettet sich in die Häuser. Auch die Samenfresser leiden sehr. Fringilla coelebs stirbt. Die Sperlinge lassen sich gar nicht sehen. Am 5./17. April liegt 1 Fuss hoher Schnee. Die erfrorenen Vögel, unter denen sich sogar Ibis Falcinellus und Numenius Phacopus befinden, werden über Nacht von den Schakalen gefressen. Am 5./17. April steigt um 2 Uhr Nachmittags die Temperatur bei schwacher NNW-Brise nicht über 6,75 R.

Trotz dieses Unwetters brüten schon Anser cinereus und Corvus cornix und es sind angekommen: Sterna anglica und St. hirundo, und schon am 3./15. April wurde Merops apiastes!! in der Ebene zum ersten Mal erlegt; ein ganz ausnahmsweises, gar zu zeitiges Erscheinen dieser Art in diesem Jahre.

Dennoch hatte schon die Märzsonne, welche um Mittagszeit nicht selten bis fast auf 12° R. im Schatten die Luft erwärmte, viele Pflanzen im Tieflande nicht nur geweckt, sondern auch zur Blüthe gebracht. Am 28. März/ 9. April notirte ich: Hyacinthen blühen im freien Lande, Lilium und Fritillaria im Garten 3/« Fuss hoch, das Laub

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der Weiden 3/4 Zoll lang, die Bliithenkätzcben schieben

sich hervor. Fraxinus sprengt die Blüthenhüllen. Cydonia

treibt stark. Die Pfirsichknospen (BlütheiO und Apfelbaum

bliithen zum Platzen reif. Capritblium hat 1| Zoll lange

Blätter. Die immergrünen Rosen haben in den letzten

3 Tagen 2—4 Zoll lange Triebe gemacht. Corylus Avel

lana stäubt. Primula veris blüht.

Stelle ich diesen Mittheilungen einige andere zur Seite,

/.. B. meine Notizeu vom Ende November 1879. Ich schrieb

am 20. November/2. December nieder:

7 Ohr früh + 8,75° R. SW schwach, fast klar.
2 ühr Kachmittags +13,75° R. still, fast klar.
9 Uhr Abends +10,25° R. SO schwach, leicht bezogen.

Die Roseu im Garten, sowohl die Monatsrosen als auch die Bourbons und Ranunkelrosen in voller Blut he, ebenso Levkojen, welche hier mehrjährig werden und zolldicke Stämmchen von 1—2 F. Höhe bilden. Mittags schwärmen viele Insecten, namentlich auch Bienen, ferner die gemeinen Tagfalter, als diverse Vanessa sp. und auch Plusia gamma in Menge. Zahllose Staare Bingen um die Mittagszeit in den Pyramidenpappeln, welche zum Theil noch Laub tragen. Bis Ende des Monats, also nach neuem Style gerechnet fast bis Mitte December, hält sich Ricinus, welcher bis zu 20 Pubs Höhe, bei 3—4 Zoll dickem Stengel heranscho8s, vollkommen frisch, und Arum antiquorum bewies, dass ihn bis dahin noch keine Spur von Nachtfrost getroffen hatte. Erst um diese Zeit schlug man die Georginen im freien Lande in Sand ein, und die Wälder der Ebene, vorwaltend aus Eichen, Rüstern und Parrotia bestehend, waren überall noch frisch im Grün. Ihres Laubes entkleidet sah ich damals nur die zarte Gleditschia caspica, Mimosa Julibrissin, Feigen und Wein gänzlich, dagegen Acer insigne Buhse und Populus pyramidalis nur zum Theil. Erst Ende December (22. Dec/3. Jan.) führe ich in meinem Tagebuche die Wälder der Ebene als total entlaubt an. Aber kaum ist hier die Ruhe eingetreten, so regt sich neues Leben schon am Boden, denn die ersten Blumen von Cyclamen coum wurden an eben diesem Tage gesammelt.

Rasch steigen gewöhnlich die Temperaturen im Mai. Der Frühling des Jahres 1880 war nicht normal. Das erwähnte andauernde Unwetter Anfangs April hatte mit dazu beigetragen, den Fortschritt der Vegetation im Mai wenigstens um 2—3 Wochen zu verzögern. Selbst Mitte Mai, nachdem im Schatten zur Mittagszeit selten weniger als 18—19° R. abgelesen wurden, trugen manche Arten, so namentlich Mimosa Julibrissin und Gleditschia noch kein fertiges Laub, sondern der erstere beider Bäume hatte am 15./27. Mai kaum die ersten Blattknospen gesprengt. Aber dennoch waren schon auf den Zwergdünen nahe dem Mee

resstrande einzelne Distelarten im Abtrocknen begriffen und Hessen die steifen Pappussternchen bei stärkerem Winde fliegen. Nur mit Mühe waren dort noch die Spuren von Trigonella und kleine Medicago-Arten zu finden.

Nicht weniger schroff wie die Temperaturen stehen sich Windrichtungen und Niederschläge im Südwestwinkel des Caspi gegenüber. Die gesammten West-, Ost- und Nordufer des grossen Binnenmeeres schmachten vor Durst den grös8ten Theil des Jahres. Sein Südrand allein trinkt im Übermaasse, was die Oberfläche verdunstet. Dicht mit Wald bedeckt strebt dort, rasch aus schmaler Ufer- und Delta-Landschaft ansteigend, das Randgebirge heran zu dem Iranischen Plateau, aus welchem nahe vom Rande zwei mächtige Vulcankegel hervorwuchsen, deren östlicher im Demavend selbst den kaukasischen Elbrus noch überragt und dennoch sein Haupt nicht vergletscherte, weil innere Wärme und geringe Niederschläge ihm die beständige Schneelinie und damit die erste Bedingung zur Eisbildung versagen; der andere, geringere dieser beiden jetzt todten Vulcane, steigt aus breit gezogener Basis unmittelbar im Westen von Ardebil als Sawalan empor und entsendet sein Schneewasser zum Aras. Man darf mit Gewissheit behaupten, dass dieses ausgedehnte trockene Plateau Irans vom Caspi-Wasser so gut wie gar Nichts erhält. Das Meer nimmt sein eigenes Wasser durch eine sehr beträchtliche Anzahl von Wildbächen und Gebirgsflüsschen zurück, die alle oben am Rande entspringen und in engen, steil abstürzenden Querthälern abwärts in's Tiefland springen , hier träge hinschleichen, viel Detritus absetzen und fast stets an der Mündung gestaut werden durch Zwergdünenbildung , welche ihre Erzeugung und ihr langsames Heranwachsen den heftigen Nord- und Nordostwinden verdanken. Lägen hier nicht gerade die tiefsten Stellen des Caspi, so würde überall der Dünenaufbau rascher erfolgen. So ist das schon bei Enseli der Fall, wo einzelne Dünen die Höhe von 30—50 F. erreichen. Unter den obwaltenden Verhältnissen ergiessen die gestauten Bäche ihre Fluthen zu beiden Seiten in's Tiefland, und es bilden sich dort ausgedehnte Süsswasser-Lagunen-Landschaften, von breiten Binsen und Rohr tragenden Sümpfen umrandet, denen sich erst tiefer landeinwärts das Jongel-Gebiet und der Hochwald anschliessen.

Dass in der That nur der Nordabsturz der ElburaKotte die Caspi-Wasser aufsaugt und niederschlägt, geht unter Anderem auch aus folgender Beobachtung hervor. So oft ich ostwärts schaute im Sommer, sei es vom Sawalan oder von der Ardebil-Ebene, selbst von dem hochgelegenen Suant-Gau,' immer lagerten die massigen Nebelschichten , nicht selten schon zu geformten Wolken condensirt, nur im Outen der schmalen Kammlinie, welche durch die äussersten Höhen des Randgebirges gebildet wird; ja, in den meisten Fällen zog diese Linie ihnen die allerschärfste Grenze. Es geschieht das in so ausgesprochener Weise, dass nicht allein der Florentypus im Allgemeinen, sondern auch die Culturmethoden diese Thatsauho überall bestätigen. Denn wo wir auch immer ost- und westwärts von dieser schmalen Rammiinie hinschauen, so werden wir hier (ostwärts) üppigen Laubwald und prachtvolle Kräuterwiesen auf seinen Lichtungen erblicken, dort (westwärts) sehr bald die letzten vereinzelten Baum- und Strauchformen gänzlich vermissen und schon in 6000 F. Meereshöhe jenen interessanten Vegetationstypus entwickelt sehen, den vor Allem die stacheligen, ausdauernden, holzigen Astragaleen kennzeichnen , denen sich andere sonderbar bewaffnete Pflanzengestalten anschliessen. Auch verlangt das Weizen- und Gerstenfeld dieser Plateau-Landschaft in eben dieser Meereshöhe doch schon die mehrmalige Bewässerung im Verlaufe des kurzen Sommers, wenn die iranische Sonne ihm nicht schaden soll.

Noch will ich . einige vorläufige Andeutungen über die Winde dieser Gegenden machen. Die Ventilationen hängen natürlich wesentlich von der gesammten Plastik des Gebietes ab. Verderblich wirkend und immer daran erinnernd, wie sich namentlich im Osten und Norden des Caspi die weit gedehnten europäisch-asiatischen Ebenen als Steppen und Wüsten hinziehen, sind es die Nordost- und Nord-, nicht selten auch Nordwestwinde, welche ungehindert, oft in Sturmform anhaltend einsetzen und wenigstens der unmittelbaren Küstenzone Schaden bringen. Ihre Macht wird im Urwalde des Tieflandes sehr bald gebrochen, und dadurch erklärt sich allein die Möglichkeit des kräftigen Gedeihens der Citrus-Arten und des Ölbaums an einzelnen Localitäten Gilans, da die dort geschützt liegenden Plätze der Extravaganzen des continentalen Winterklimas nicht in dem hohen Grade ausgesetzt sind wie die Uferzone.

Die Nord- und Nordostwinde kündigen sich vom November bis zum April fast immer im Voraus an. Wenn nach längerer Ruhe, fern hin gegen Osten auf dem Spiegel des Caspi, sich wie eine Mauer eine gleich hohe und nirgend getheilte Dunstmasse in Form der regelmässigsten Stratus-Wolke unbeweglich lagert, so kommt es endlich sicherlich zum Ausbruche eines von dort her wehenden Sturmes. Die Masse und Dichtigkeit dieser festlagernden Dunstschicht nimmt allmählich zu. Am ersten Tage erscheint sie niedrig, dünn, nicht ganz geschlossen. Sie wächst ganz langsam, dehnt sich immer weiter aus, das Auge erreicht nicht mehr ihre beiden Enden, aber sie bleibt niedrig am Horizonte stehen und färbt sich dunkler und dunkler bis zum Bleigrau. Oft braucht sie zu diesem förmlichen Heranreifen 3 — 4 Tage und dann folgt das

anhaltende Unwetter mit Regen und Schnee, mit Sturm und Kälte, dass man unwillkürlich an Sibirien denkt. Mau vergisst in dieser Zeit, dass man unter dem 39° N. Br. in Lenkoran lebt, dass man sich überdiess noch 85 F. unter dem Niveau des Oceans befindet und in Gegenden, wo die Juli- und Augustsonne im Schatten die Temperatur gewöhnlich auf 25—27° R., ausnahmsweise auch auf 28— 30° R. treibt, wo im Tieflande der Reis die ergiebigsten Ernten liefert, die Feige überall verwildert existirt, der Königstiger und Panther in den Jongeln leben; ebenda, wo jetzt im Winter von den Tundren des Eismeeres die schönen Rothhalsgäuse (Bernicla ruficollis, Pall) schaarenweise erscheinen und nicht weit vom colchischen Fasan den kurzen Rasen abweiden, oder gar auf dem Meere die hochnordische Schneegans (Anser hyperboreus, Pall.) ') neben der Eisente schwimmt und vom persischen Hochlande, verscheucht durch strengen Winter, die prachtvolle Erythrospiza rhodoptera, Licht., von den Dünengräsern des Tieflandes, die vergilbt aus dem Schnee hervorragen, die harten Samen sorgsamst absucht.

Aber auch diese in der Winterzeit nicht selten Statt habenden Wetterzustände werden bisweilen plötzlich unterbrochen. Ich führe hier aus meinem Journale abermals einige Details dafür an:

Am 23. Nov./ö. Deo. 7 Uhr früh +8,5° R. NO stark, Regen

2 Uhr Nachm. +8° R. NW massig, Regen 0,14 Zoll.

9 Uhr Abends +8° R. NNW schwach. Am 24. Not./6. Dec. 7 Uhr früh +4° R. SW schwach, fast klar.

2 Uhr Nachm. +12° R. SO stark, fast klar.

9 Uhr Ab. +8,25° R. SW schwach, fast klar. Am 25. Not./7. Dec. 7 Uhr früh +4,5° R. SW schwach, fast klar.

2 Uhr Nachm. +14,5° R. SO schwach, fast klar.

9 Uhr Ab. +10° R. SO schwach, fast klar.

Um 6 Uhr 40 Minuten Abends Behr starkes Erdbeben. Zwei hohe Wellen von W nach O (Sawalan! der als drittes Centrum der transkaukasischen Erdbebenzonen zu betrachten ist, während Erzerum und Schemacha die beiden anderen bilden). Die Dauer ist kurz, ich schätzte sie auf nur wenige Secunden, die Aufeinanderfolge unmittelbar, die Intensität sehr stark. Ich empfand die Hebung plötzlich, mir schien es, dass ich mindestens einen halben Fuss gehoben würde, und dass der Stoss von unten käme. Am 26. Not./8. Dec. 7 Uhr frUh +17,7«° R. S und SSW.

2 Uhr Nachmittags +12° R. NNO stark.

9 Uhr Abends +9,75° R. ONO, Regen.

Sturm bringt die heisse Luft, setzt stossweise ein, die Luft ist ausserordentlich trocken. Im W und S der Horizont ganz klar. Der Sturm hält bis 9 Uhr früh an. Diese Stürme, aus S hervorbrausend, heissen Gärmidsh.

Man erwartete nun den abkühlenden Gegenwind. Die Bewohner wissen, dass er kommen muss. Um 2 Uhr tobte

') Von mir für den Caspi als seltener Wintervogel neuerdings nachgewiesen.

schon kalter NNO. Abends aber ging er mehr nach Ost und von 3 Uhr Nachts an regnete es. Schon am nächsten Tage notirte ich 2 Uhr Nachmittags bei starkem NW und Regen nur +4,5° R.

Hierauf beschränke ich für diesen Bericht die meteorologischen Mittheilungen, gebe sie aber in extenso in dem oben angezeigten Werke und habe nun zunächst das Hauptsächlichste aus meiner Marschroute bis Lenkoran zu erzählen. Während der ganzen Reise waren selbstverständlich die Vögel die begehrtesten Beobachtungsobjecte.

Am 1. 13. November verliess ich in Begleitung des Entomologen H. Leder und eines Präparators, der zugleich Jäger war, Tiflis und verfolgte die Poststrasse gegen Osten, welche über Akstafa nach Elisabethpol führt. Die ganze Strecke dieses Weges stellt mit nur geringen Unterbrechungen am Unterlaufe des Algetka- und des mächtigeren Chram-Flusses, die beide, aus dem malerischen Gebirge kommend, von rechts her der Kura zufallen, eine elende, wasserarme, vornehmlich von niedrigen, ausdauernden Wermutharten spärlich bestandene Steppe dar. über welche hinschauend man in der Ferne hie und da den Spiegel der Kura verfolgen kann. und jenseits desselben sich die Südfronten des Grossen Kaukasus im Jora- und AlasanGebiete rasch aufbauen sieht. Das Gebiet ist im Sommer menschenarm, weil die hier überwinternden tatarischen Nomaden mit ihren Heenlen in's Gebirge wandern. Der Strasse entlang begleiteten uns die Haubenlerchen. die, wenn aufgescheucht, den etwas klagenden kurzen Pfiff hören Hessen.

Für die geographische Verbreitung der Corvus - Arten konnte ich auch jetzt die schon früher hier gemachten Beobachtungen bestätigen. Von den Krähen sind es namentlich Corvus corone und C. frugilegus, die sich in ihrem Vorkommen auf weite Strecken hin gegenseitig ausschliessen. Im gesammten Osttheile Transkaukasiens überwintert in Menge nur C. frugilegus. im centralen Theile dagegen ist C. corone herrschend. Die Saatkrähe, hier im Winter selten, erscheint erst im Frühlinge in Menge und zieht meistens weiter. Die NebeLkrähe aber gehört dem ganzen Kaukasus an und wird auch auf den Plateau-Ländern im Süden, sowohl den Iranischen als auch dea Kleinasiatischen angetroffen. und zwar ebensowohl in den Einsamkeiten basalalpiner Wiesen, oft fern von Ansiedelungen, als auch in den bevölkerten Tiefländern und am Meere, nirgends aber geschaart oder im Winter ein Stadtleben führend, wie sie es im Norden überall thut. Sporadisch lt:mn ich nur die Dohle als Wintervogel aufführen. Bei Mingetschaur war sie sammt der Nebelkrähe geschaart und btgab sich gleich den Wildgänsen mit Sonnenaufgang in grossen

Fiügen, immer schreiend, auf die Saatfelder, namentlich auch auf das jetzt trockene Reisstoppelland. Was den Kolkraben endlich anbelangt, so fehlt auch er einzelnen Gebieten Transkaukasiens vollkommen. Nie sah ich ihn in Talysch, obschon reichlichst Nahrung ihm geboten wird, da während des ganzen Winters ungemein viel, den Jägern verloren gegangenes, angeschossenes Geflügel zu finden ist, dann bis zum Juli Fischabfälle im Strandgebiete im Übermaasse vorhanden sind und endlich später Nestjunge im Rohr die bequeme Nahrung dem Vogel bieten würden — allein er fehlt hier im Tieflande ebenso wie im Gebirge vollständig und erst westlich von Derbent, in den Vorbergen von Dagestan, traf ich ihn vereinzelt an.

Wesentlich verändert süb. die Landschaft im Osten von Akstafa nicht, nur entfernt sich die Strasse mehr und mehr vom tieferen Kura-Thale und führt über die Basis des Randgebirges, welche rasch ansteigt und hier schon überall waldarm ist. Rechts ab gegen Süden, im Thale der Akstafa , steigt die musterhafte Chaussee über Delijan oder Delishan, indem sie die Strasse nach Eriwan bildet, zum Goktschai-Plateau an, über welches ich in meinen früheren Berichten bereits sprach. Gegen Osten aber hat man auf gewöhnlichen Landwegen die Reise fortzusetzen und mehrere grössere Gebirgswasser ohne Brücken zu passiren, um die Gartenstadt der Tataren, Gandsha. den ehemaligen Sitz mächtiger Chane, das jetzige Elisabethpol zu erreichen. Jene Gebirgswasser fordern während der Schneeschmelze oder bei Platzregen und Wolkenbrüchen alljährlich ihre Opfer und zwingen bei Hochwasser die Reisenden zur Rast. Der Taus. Dsegam und Schamchor sind dadurch berüchtigt und gefürchtet.

An dem Unterlaufe des zuerst genannten hegt gegenwärtig die westlichste Verbreitungsgrenze des schönen Frankolin-Huhnes, des edelsten WilJpretes aus der Gruppe der Gallinaceen. welches von hier an gegen Osten, nur dem Kura - Thale folgend. in seiner Gesanuntvertreitung ein schmales Band einnimmt, gebildet durch die halb verwilderte, zum Theil jongelreiche Gartenlandschaft zu beiden Ufern des Flusses, nicht ganz bis Salian. Ausführlich werde ich darüber in meiner Ornis berichten, hier nur so viel, dass cem schönen, edlen Vogel für's Erste ein allmähliches Zurücktreten gegen Osten schon jetzt geboten wurde, da Massenvernichtung alijährlich Statt findet, welche nicht allein durch die tatarischen Falkenjäger vstets mit Astur palombarius. namentlich mit jüngeren Weibchen jagend-1, sondern auch durch die Tifliser Jäger in gewöhnlicher Weise, Tot dem Hunde mit dem Gewehre, bewerkstelligt und die jedenfalls nach zwei Jahren, wenn die Locomotive die jetzt in Angriff genommene Poti—Baku • Bahn das Kura-Thal durchbrausen wird, noch schädlichere Dimensionen annehmen wird. Nicht anders wird es dem Fasan ergehen, nur ist dieser, obwohl von allen hühnerartigen Vögeln der dümmste und während der Hochzeit geradezu stupideste, doch gesicherter, da er auf passendem Terrain sich in über 2500 F. Meereshöhe noch findet und also eine viel grössere Verbreitung hat

Von der Station Dsegam machte ich einen Abstecher südwärts in's Randgebirge, um den lange schon versprochenen Besuch der Kupferwerke der Gebrüder Siemens in Kedabeg endlich in Ausführung zu bringen. Es ist diess eine ebenso lohnende als belehrende Tour, die uns an eine einsam im wilden Gebirge liegende Hütte deutschen Fleisses und deutscher Industrie führt, weshalb wir einen kleinen Halt bei ihr machen wollen.

Eb geht steil im kahlen Gebirge bergan. Der sogenannte Weg lässt gewiss sehr viel zu wünschen übrig. Obwohl gegen N gelegen, sind die unteren und vorderen Terrassen dieser Höhen fast kahl. Sie sind es aber nur in Folge von Waldvernichtung, denn der Buschwald gedeiht an manchen Abhängen noch ganz gut und alte verhackte Stämme findet man in ihm. Sehr bald verschwindet der lästige Paliurus, welcher die Basis des Gebirges vornehmlich besteht und sich stets guten, fetten Lehmboden sucht. Krüppelnde Ahorne (Ac. campestre, Loboelii und pseudoplatanus), sowie Lonicera, Evonymus und Ligustrum bilden höher das Laubholz, welches auch jetzt noch von tatarischen Nomaden unbarmherzig verhackt wird.

Die Höhe des vorderen Bandes im Gebirge, welche als Jnchara- Aiplinsk benannt ist und welche bei 4000 Fuss Meereshöhe das tief unten gegen N gelegene Kura-Bett um kaum 3000 F. überragen mag, wurde gegen Mittag erstrebt. Es war klar, und die dünne trockene Herbstluft gewährte dem Auge auf weite Distanz hin volle Freiheit. Das ganze gewaltige Panorama gegen N lag vor unseren erstaunten Blicken. Mehr als die Hälfte der Südseite des Grossen Kaukasus überblickt man von hier. Gegen NW hin strahlt der Kasbek mit stumpfer Eiskrone hoch dominirend aus der Firn- und Schneezone der Kammregion hervor. Ohne Mühe verfolgt das Auge den Verlauf der Ossetischen Alpen, und bei vortheilhafter Beleuchtung, wenn kein Wolkengebilde der Sonne den Weg verlegt und die Ostfronten das Licht voll auffangen, unterscheide ich im Suanischen Hochgebirge noch einzelne mir wohlbekannte Partien; ja es schimmert in fernster Ferne eine Masse weiss auf, die ich, wenn ich sie nicht dem Elbrus angehörend betrachte, der Ushba-Gruppe vindiciren muss. Und nun direct vor mir gegen Norden! Ich orientire mich rasch in den Chewsurischen Alpen, von denen der hohe Tebulos-mta, obwohl gegen N vortretend, nichtsdestoweniger immer als Centrum hier gilt, welchem sich die Gletscher der Kette deB Tuschen

Landes anschliessen. Dann folgt östlicher der wilde zerrissene Dagestan, zuerst durch den isolirten Bogos-Stock gekennzeichnet. Überall liegt jetzt viel Schnee in diesen Höhen, und weiter und weiter östlich schauend überblicke ich noch die Höhen im Norden von Schemacha.

Vor diesem grossartigen Bilde zieht sich an der Südfronte der Kaukasischen Alpen die deutlich markirte Baumgrenze, meistens auf niedrigerer Vorkette liegend, vor welcher sich dann das Massiv jener mächtigen Gebirge lagert, die sich zunächst zwischen Alasan und Jora hinstrecken und alle stattliche Laubholzhochwaldung besitzen. Noch näher dem Auge entgegen treten nunmehr zwei vermittelnde, nackte, sonnenverbrannte Terrassen, deren vordere, zum Kura-Laufe steil abstürzend, hier von Tausenden paralleler Begenwasserrinnen zerschnitten und gefurcht erscheint und in dem sehr auffallenden Eldar-usch-Kegel immerhin noch die Höhe von 2000 F. über dem Meere erreicht. Nunmehr folgt, tief unter uns gelegen, das breite Kura-Thal in gelb und grau zur Winterzeit gemalt und gekennzeichnet durch hie und da aufblinkenden Wasserspiegel, dem entlang ein schmaler Waldrand folgt, dessen Gedeihen in heisser Gegend nur durch die beständige und unmittelbare Ausdünstung deB Flusses zu erklären ist und wo die Zitter- und Schwarzpappel oft in Riesenform sich zur Eiche gesellen, die alle jetzt ihr Laub noch tragen. Weiterhin vom Flusse, zumal dem rechten Ufer entlang, dehnt sich ebene Steppe. Ab und zu wird ihr hellgelbes Colorit durch schwärzliche Flecken unterbrochen. Diess sind die Gärten der menschlichen Ansiedelungen. Ohne Mühe kann zu dieser Jahreszeit, welche im Kaukasus die vorteilhafteste für die Anschauung grosser Gebirgspanoramen ist, das Auge die Strassen und Pfade weithin verfolgen. Hier im Westen bewegt sich eine Karawane, von mehr denn 100 Kameelen gebildet, langsam fort, dort im Osten bemerkt man in offener Steppe den Tummelplatz einer Antilopenhetze.

Von dem bis dahin eingenommenen Ruheplatze setzten wir nun die Reise auf etwas besseren Wegen fort. Auf etwa 5—6000 Fuss Meereshöhe muss man die nun folgende , hochgelegene Landschaft schätzen, die endlich im Atabeg-Passe ihren Abschluss gegen Süden findet, von welchem aus man, dorthin gewendet, ein ebenfalls grossartiges Gebirgspanorama überschauen kann. Jenes gegen Norden ist lange schon durch die passirten Höhen dem Auge verdeckt, und auf der erwähnten hochhügeligen Landschaft, wo das grosse Duchoboren-Dorf Slawjanka steht, vergisst man wenigstens für kurze Zeit, dass man im Kaukasus ist und wird durch russische Sitte und Lebensverhältnisse angeheimelt. Der vorzügliche, schwere Boden liefert den Duchoboren oft ausgezeichnete Getreideernten und die

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