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Anwendung kommt. Die Kornmagazine sind meist cylinderförmig, einige aber in ihrem unteren Abschnitte halbkugelig und stehen auf eigenen Gestellen. Ihre Deckel sind in der gewöhnlichen Form zum Abheben. Viele dicht geflochtene, sehr geräumige Fischreusen von Kegelform, sowie Fischspeere deuten auf schwunghaft betriebene Fischerei, während die Abwesenheit aller Jagdtrophäen nicht für Jagdliebhaberei spricht. Von Waffen wurden Lanzen und eine Art Beile mit breiter Klinge und scharfem nach hinten vorspringendem Dorn, sowie Messer von verschiedener Form gesehen. Exemplare von allen wurden gesammelt. Jede Frau trägt an einem Lederriemen an der Gürtelschnur ein kleines, halbmondförmiges Messer.

Alle Frauen waren fleissig mit Haushaltungsarbeiten beschäftigt, wozu das Klopfen und Reinigen des eben eingebrachten Eleusine-Kornes mit einer Art hölzerner Hämmer oder Keulen gehört. Überhaupt liegt den Frauen hier ausser Wasserholen, Kochen, Ausjäten und Fortschaffen des Unkrautes, Abschneiden und Einbringen des reifen Kornes noch die Verfertigung aller Thongefässe ob, wozu auch die Pfeifenköpfe gehören. Die Männer erbauen die Häuser, bearbeiten die Felder, fischen und jagen, melken die Kühe und Ziegen und rauchen. Eine eigene Art Pfeife ist viel in Gebrauch: ein sehr langes Eohr hat am unteren Ende einen seitlichen Einschnitt, in welchen ein tütenförmig zusammengerolltes grünes Blatt gesteckt und mit Tabak gefüllt wird. Bei jedesmaligem Füllen nimmt man ein frisches Blatt und sind die jedesmal gerauchten Tabaksmengen nur klein. Tabak selbst wird in den Bergen viel gebaut und hieher zum Austausch gegen getrocknete Fische gebracht.

In 10 Minuten Entfernung vom Dorfe nach Süden zu fliesst zwischen hohen Schilfwänden Chor Errä, ein nie versiegendes kaltes und klares Wasser über sandigen Grund dem See zu. Im hohen Grase nahe dem Chor tummelt sich die seltene Ortygometra egregia herum, in ihrem Gebahren den kleinen Hühnerarten ausserordentlich ähnlich. Der ganze Strich zwischen der Station und diesem Dorfe, dem nach Süden zu noch drei andere, demselben Chef unterworfene Seriben folgen, ist sehr wohlbebaut und das weisse Sorghum-Korn eben zum zweiten Male für dieses Jahr reif. Angebaut fanden sich Ma'is, Sorghum (roth und weiss), Eleusine, Sesamum, wenig Tabak, eine Art Gurke und nahe der Station die Arabern nimmer fehlende Bamia (Hibiscus esculentus, im Sudan Ue'ka genannt) nebst Arachis hypogaea. Bananen existiren hier nicht, wohl aber in den geschützteren Querthälern. Ficusbäume, im Osten überall angebaut und gepflegt, finden sich hier nicht. Die wenigen Rindenatoffe, die man hin und wieder sieht, kommen aus Unyoro und sind nur für Wohlhabende erschwinglich. Von ebendaselbst wird auch Salz gebracht, obgleich auch hier

solches durch Verbrennen von Gräsern und Auslaugen der Asche gewonnen wird. Übrigens soll weiter nördlich im Bezirke des Chefs B6ki salzhaltiger Thonboden exiBtiren. Von Hausthieren waren nur Ziegen und Schafe sichtbar; die Kühe sind wohl bei Nachbarn in den Bergen untergebracht. Die Ziegen sind schöne schlanke Thiere, hochgestellt, aber etwas kurz gebaut und kurz behaart, die Schafe gross und den fettschwänzigen Arten vom untern Nil (Sudan) ähnlich. Hunde wurden nicht gesehen.

Die Sprache der Leute ist derjenigen der Schüli und dem Schefalü, das an den Stromschnellen von Karüma und Tada gesprochen wird, sehr ähnlich und völlig identisch mit dem in Wädela'i's und Roketto's Districten gesprochenen Idiom. Da viele der hiesigen Leute Kinyöro sprechen, war es mir möglich, mich ohne Dragoman mit ihnen zu verständigen und trotz der so sehr beschränkten Zeit ein kleines Vocabular zusammenzustellen, aus dem sich die beinahe völlige Übereinstimmung der hier gesprochenen und der Schiili-Sprache sofort ergiebt. Ich habe in Fatiko später auch ein Schüli-Vocabular versucht und anderweit bereits darauf hingewiesen, wie grosse Ähnlichkeit zwischen dieser Sprache und der Schill uk-Sprache existirt, die mir allerdings nur aus dem kleinen Dydr- (Schilluk-) Vocabular in Dr. Schweinfurth's vorzüglicher Sammlung von Vocabularien bekannt ist. Die Hypothese einer grossen Schilluk-Wanderung nach Süden, die ich mir auszusprechen erlaubt, stützt sich hauptsächlich auf die gradezu überraschende Ähnlichkeit in Sprache, Sitten und Gebräuchen der obengenannten drei Völker und wird um so wahrscheinlicher, als Dr. Schweinfurth Glieder der Schilluk-Familie im Bahr Gasalgebiete constatirt, ihre Anwesenheit hier weiter südlich, also nichts Überraschendes oder Unvermitteltes hat. Die Schüli erzählen selbst davon, dass ihre Vorväter von Norden her gekommen seien. Hoffentlich gelingt es späteren und competenteren Forschern, dieses höchst anziehende Thema gründlicher zu erhellen.

Auch hier wurde als Gesammtname für das Land südlich vom Madi-Lande bis südlich von dem eigentlichen auf Mason's Karte verzeichneten Mahägi der Name Lur oder A-Lür gegeben und der hiesige District speciell M'svär oder Kasvär (wohl Mason's Nursvär) genannt. Nach Süden hin folgt Chef Makambo's Land Mahägi, dann M'ssongua, Magänga und Kaffatahssi, womit das Lur-Land sein Ende erreicht. Nach Norden zu, am See und Flusse entlang, folgen sich die Districte in nachstehender Weise: Chef Boki's Land Fanjumori, Chef Okello's Land Fannegoro, Chef Roketto's Land Faroketto, Land Fab6ngo (war augenblicklich ohne Chef), Chef Matum's Land Foquäteh und endlich Chef Wädela'i's Land Kölsche. Es sind diess dieselben Namen, welche Baker auf seiner Karte für das Land nördlich vom VictoriaNile nahe seiner Mündung angiebt, und kann ich deshalb nur annehmen, dass entweder die von ihm gefragten Leute ihn falsch verstanden, wenigstens bezüglich des Flusses, oder dass er das hier übliche schlechte Neger-Arabisch falsch interpretirte. Hätte ich die Namen nur gehört, so würde ich geschwiegen haben: sie wurden aber wiederholt durch Märsche zu Lande von Mahägi nach Wädelai constatirt. Es spukt überhaupt auf den Karten gerade des oberen Nil-Gebietes so viel des Unrichtigen herum, dass es wohl Zeit sein dürfte, einmal eine ordentliche Karte des Flusses vom Sobat bis nach dem Victoria-See zu compiliren. Ich erinnere hier nur an Kidi, das doch nur Lango heissen muss, an die chamäleonartig ihr Aussehen mit jeder neuen Karte verändernde Route Chippendall's &c.

Ersteigt man die Berge, so kommt man zunächst in Chef Arära's Land Njelea, am gleichnamigen hohen Berge gelegen; von dort aus liegt gerade westlich Aredja's Land Angahl, an das sich nördlich der District Dschabakoht anreiht. Dschavule, das nun folgt, ist 4 Tagereisen breit, und zuletzt gelangt man an Berge, von denen ein grosses Wasser westlich abfliesst. Ich gebe diese Informationen genau, wie sie mir aus Negermunde gegeben wurden, und lasse nun die Controle folgen: Soldaten ohne Lasten gehen in zwei Tagen scharfen Marsches von Station Mahägi nach Wädelai; sie schlafen in Faroketto, das ungefähr halben Wegs liegt. Eine Sendung Rinder von Station Mahägi nach Station Wädeläi marschirte 5 Tage, jeden Tag von Sonnenaufgang bis Mittag. Es beziffert sich demnach in sehr übereinstimmender Weise die Entfernung zwischen genannten Stationen immer am See oder Flusse hin auf ca 50 engl. Meilen. Auf der ganzen Strecke sind keine grösseren Wasserläufe vorhanden; nur nahe an Station Wädelai fliessen zwei Chore zum Hauptflusse, die jetzt, im Harif, brusttief Wasser führen. Der südlichere ist voll mit Vegetation und wohl nur ein Altwasser; der nördlichere kommt von den Bergen im Westen. Von Wädelai nach Dufile kann feindlicher Neger (Madi) halber nur auf dem Ostufer marschirt werden. Viele tief eingerissene Chore erschweren die Strasse, welche für Leute ohne Gepäck, die gut marschiren, in 3 Tagen zurückzulegen ist.

Das Land zwischen den Stationen Mahägi und Wädelai ist hügelig, gegen Westen zu durch auch vom Flusse aus sichtbare Bergzüge geschlossen, sehr dicht bevölkert und sehr reich an Heerden aller Art. Eigentliche Wälder existiren nicht, wohl aber sind Gruppen prachtvoller Hochbäume aller Art über das Land verstreut. Die grossen Dörfer, sauber gehalten, gleichen völlig dem oben beschriebenen, sowie Sprache, Sitten und Gebräuche im ganzen Lur-Lande dieselben bleiben.

Von Station Mahägi führt ein Weg zunächst an den

Bergen entlang, dann in ein enges Thal eintretend und aus SW nach W umbiegend in etwa 5 Stunden nach Njelea, einem sehr volkreichen District, wo im Thale nahe am Chor grosse Bananenpflanzungen existiren. Von hier erhielt ich eine Art Ziege, die sich durch ihre lange Behaarung von allen hier existirenden Arten unterscheidet. Es sind besonders die Hinterschenkel, als auch der Kopf, die mit langem, straffem Haar so dicht bekleidet sind, dass dasselbe auf der Erde schleppt und die Ziege, um zu sehen, den Kopf schütteln muss. Sie findet sich hier und in der Umgegend nur einzeln, soll aber weiter nach Westen hin viel häufiger vorkommen. Dieselbe, vielleicht noch üppiger behaarte Art habe ich übrigens auch in Uganda gefunden und deren Felle von dort mitgebracht. Man bringt sie nach Uganda von Uss6ga, wo man dieselbe in kleinen Trupps hält und für sie, um das Haar nicht zu verderben, eigens erhöhte und mit Gras bestreute Schlafplätze hat. Lebende Exemplare waren hier nur mit Mühe zu erhalten, da die Eigenthümer sie nicht verkaufen wollten.

Drei Stunden Marsch in nordwestlicher Richtung über hochhügeliges, mit Buschwald bestandenes Land, in welchem viele Chore mit geradezu eisigem Wasser fliessen, führen zu Chef Aguiri's Land, Dschabakoht; weitere 1J Stunden in gerader westlicher Richtung an die Grenzen von Lendii, daB bisher noch unbetreten. Von Dschabakoht werden nach Westen zu sehr hohe Berge sichtbar; gegen Norden zu liegt eine andere Bergkette, welche zu Lubara gehören soll. Die Richtung aller Chore in dem eben beschriebenen Lande ist eine östliche. Überall spricht man Ltiri, behauptet aber, dass nach Westen eine andere Sprache existire.

Eine Ersteigung der Berge direct hinter der Station führte zu keinem rechten Resultate. Das Vorland ist hier höchstens 2—2£ km breit und besteht aus einem sehr reichen, rothen oder kaffeebraunen Humusboden, der wie geschaffen zum Säen ist. Hie und da treten vom Wetter geschwärzte Granitstücke, auch Glimmer auf. Das Aneroi'd zeigte beim Abmärsche von der Station um 7 Uhr 30 Min. Vormittags 701,0 mm bei 24,0° Lufttemperatur. Der Aufstieg ist ausserordentlich steil; die vielen Steintrümmer und das lange Gras, auf dem der Fuss gleitet, erschweren ihn; hie und da aber bieten sich schöne Ausblicke über den See, der leider wie gewöhnlich mit Nebelschleiern bedeckt ist. Am Abstürze tiefer Schluchten entlang, in deren Grunde Wässer rauschten, wurde nach beschwerlichem Klimmen die Höhe erreicht, doch zeigte sich von hier aus nur ein Hochplateau mit vielen kleinen Kuppen besetzt, im Westen durch die Masse des Nje'lea und südlich durch die stattliche Erhebung des Eruku abgeschlossen. Nach Norden zu strich der Bergrücken ununterbrochen. Die einzelnen kleineren Erhebungen sind gewöhnlich durch tief eingerissene Schluchten von einander getrennt. Hohes Gras mit sehr vereinzelten Bäumen, meist Butyrospermum und Tamarinden, bedecken die Hügel und Gesenke, und nur, wo Wasser sich findet, entfaltet sich reiches Pflanzenleben. Zahlreiche Paviane von fuchsrother Farbe bellen in den Baumgruppen: die verlassenen Sorghumfelder bieten ihnen viele Nahrung dar. Zwei kleinere Kuppen (Aneroi'd 685,0 und 683,o) und die zunächst gelegene höhere Kuppe (Aneroi'd 680,25 bei 28,5° Schattentemperatur) wurden erstiegen, boten aber keinerlei Aussicht. Das herrschende Gestein ist ein hellgrauer, sehr feinkörniger Granit, auf dem oft Glimmerschichten aufliegen, ganz dem allgemeinen Gebirgscharakter dieses Landes entsprechend. Wo das Gestein der Sonne und Luft lange ausgesetzt gewesen, hat es eine chocoladenbraune bis schwarze Farbe angenommen. Nach kurzer Rast wurde der Rückweg angetreten und gegen Mittag die Station erreicht. Aneroi'd bei Ankunft hierselbst 701,5 bei 30,5° Lufttemperatur.

In der Station waren inzwischen einige benachbarte Negerchefs zum Besuche eingetroffen, sämmtlich wie Kabrega's Leute in weiche Rindshäute gekleidet, doch ohne die grossen Stöcke der Wanyoro. Kräftige Figuren von Mittelgrösse , sehr schwarz, einzelne mit studirten Haarfrisuren, andere völlig glatt geschoren, mit Messing- und seltener Kupfer-Armbändern geziert, machten sie durch ihr bescheidenes Benehmen einen guten Eindruck. Auch sie nennen ihr ganzes Land „Lüri". Die Namen T6ru (Südostecke des Sees) und Ussöngora sind ihnen wohlbekannt und die oben gegebenen Namen für die hiesigen Districte erhalten durch ihre Aussagen volle Bestätigung. Zwischen hier und Uny6ro sollen früher sehr häufige Beziehungen und sehr reger Verkehr Statt gefunden haben, und noch heute erkennen die hiesigen Chefs Kabrega's, des Herrschers von Unyöro, Oberhoheit über ihre Gebiete an. Der Verkehr wurde durch Boote vermittelt, welche unter Land zunächst nach Norden gingen, in den Fluss einfuhren und denselben kreuzten, um sodann an der anderen Küste entlang nach Magüngo oder Kibiro zu gehen, wo sie Salz oder Eisen und Rindenstoffe gegen Colobus - Felle eintauschten. Die Leute, welche heute Londii in Unyoro bewohnen und mir, als ich sie besuchte, erzählten, ihre Vorväter und Väter seien von der Westseite des Sees gekommen, sollen von hier aus, aber mehr von Süden und Westen her (A-Londii) als Sclaven an Kabrega's Vater, Kamrässi, gesandt, und von diesem in ihrer heutigen Heimath angesiedelt worden ■ein, die sie selbst später nach ihrem eigentlichen Lande benannten. Sie üben ganz ausnahmsweise die Circumcision.

Über Sitten und Gebräuche der hiesigen Neger Ausführliches zu erkunden, war bei der kurz zugemessenen Spanne Zeit und überhäuften anderweitigen Beschäftigungen kaum

möglich. Gerade so wie in Unyöro und dem Schüli-Lande werden auch hier die vier unteren Schneidezähne bei erreichter Pubertät ausgezogen oder vielmehr ausgestossen. Tättowirungen durch Narben, welche durch Ätzung von RaBirmesser-Einschnitten hervorgebracht wurden, sind häufig; besonders an den Schläfen, wo auch in Uny<5ro Brandnarben hergestellt werden, und am äusseren Augenwinkel stehen häufig nach einem Centrum convergirende Narben.

Frauen werden erkauft. Drei Kühe, ein Ochse und, falls die Bewerbung angenommen und die Rinder nicht zurückgesandt werden , auch zwei Ziegen oder Schafe, die zur Hochzeitsfeier gechlachtet werden , gelten als Äquivalent für ein mannbares Mädchen. Das Hochzeitsfest wird vom Vater der Braut bestritten. Ist die Frau unfruchtbar, so kann sie Verstössen werden, und der Vater hat den Ochsen und eine Kuh zurückzuerstatten, während zwei Kühe dem Vater bleiben, dessen verstossene Tochter sich für die Hälfte des obigen Brautpreises wieder verheirathen kann. Geburt und Trennen der Nabelschnur, Waschen und Bestreichen des Kindes mit Butter und rother Thonerde, die hier sehr theuer ist, Namengebung genau wie in Unyöro.

Die Bekleidung ist ziemlich primitiv. Chefs hüllen sich in enthaarte, weich geklopfte Rindshäute oder Antilopenfelle, deren unterer Rand häufig mit dem in Streifen geschnittenen weissen Rückenbehang von Colobus Guereza besetzt ist; können sie es erschwingen, wohl auch in Rindenstoffe von der gröberen, in Unyöro üblichen Art. Sonst sind Männer meist mit über der Schulter geknüpften Ziegenfellen bedeckt, viele aber haben nur eine Schambedeckung von Leder. Die Frauen tragen über dem Gesäss eine Art kurzen Schwanz aus zusammengedrehten, roth gefärbten Baumwollenfäden, der an der nie fehlenden Gürtelschnur befestigt ist, und eine etwa drei Finger breite Schambedeckung. Mädchen gehen meist'ganz nackt. Die Gürtelschnüre sind stets mit Kauris oder Perlen und Eisenringen verziert. Halsbänder aus den Samen von Musa Ensete; Hals-, Arm- und Fussringe von Eisen, Messing und Kupfer (selten), Armbänder aus Elfenbein, spiralig aufgerollter Messingdraht, welcher den Vorderarm wie ein Panzer deckt und „mula" genannt wird, einige Wurzeln an Schnüren, Fingerringe von Messingdraht ist Alles, was ich von Schmuck bemerken konnte. Eigenthümlich ist, duss hier sowohl als in Uganda und Unyöro Ohrringe zu den grössten Seltenheiten gehören und Durchbohren des Ohres beinahe nie vorkommt.

Todte werden beweint, in eine Grube lang ausgestreckt begraben, und zwar in nächster Nähe der Häuser; auf das Grab legt man Steine, und ist der Verstorbene ein Chef, so wird über sein Grab eine kleine Hütte gebaut und Gaben an Korn darin niedergelegt, auch eine Ziege geschlachtet.

An Waffen führt man Bogen und glatte Eisenpfeile, oft mit dichter Giftschicht bekleidet, in Köchern aus Ziegenleder von sehr nachlässiger Arbeit. Die Lanzen haben ein sehr kleines Blatt, ohne Blutrinne, auf langem Bisenhalse aufsitzend. Statt der Schilde dient eine Art Panzer aus Büffelleder: ein rectangulares Stück desselben von etwa 1 m Länge bei 37—40 cm Höhe, so dick als nur möglich, wird seinem Längsdurchmesser nach um Brust und Leib gelegt und hinten durch Bänder befestigt. Auf der Aussenseite sind gewöhnlich erhabene, punktförmige Verzierungen angebracht. Jeder Neger trägt, wenn unterwegs, eine Art Messer mit breitem Blatte fest in Holz gefügt, mehr zum Abschneiden von Zweigen und Dornen als zur Waffe. Sehr hübsche Nachbildungen dieser Waffe, aber völlig in Holz, sieht man häufig in Händen von Knaben. Zur Jagd dienen die eben erwähnten Waffen, Fallen, Wildnetze und Gruben, zur Fischerei sehr grosse Reusen, Netze und imposante eiserne Angelhaken. Dass Frauen stets an der Gürtelschnur ein kleines Messer tragen, wurde schon erwähnt; es dient zugleich zum Abschneiden des reifen Kornes.

Das Sammeln wurde hier einigermaasBen erschwert dadurch , dass man überall die hohen Gräser niederbrannte. So prachtvoll der Anblick besonders Abends sich ausnahm, wenn lange Feuerlinien an den Bergen sich hinzogen, und das Auflohen der Flammen, wenn sie irgendwo viel trockenes Gras fanden, weit hinaus den See beleuchtete, so unangenehm waren die Folgen für Thier- und Pflanzenwelt. Das Feuer kam eines Nachts so nahe an die Station heran, dass wir in aller Eile Gegenfeuer anzuzünden hatten, um uns zu sichern. DaBS unter solchen Umständen von Botanisiren kaum die Bede sein konnte, versteht sich: zwei hübsche Farne, die ich an einem Chor fand, sowie Moose wurden einer grösseren Sammlung von Farnen dieser Gegenden einverleibt.

Von höheren Thieren sind Paviane zweier Arten und besonders Colobus Guereza ungemein häufig. Von letzterem, hier „dälla" geheissen, konnte ich in ganz kurzer Zeit 6 Exemplare schiesBen. Der Chimpanse (Troglodytes) soll einige Stunden weiter südlich vorkommen. Seine Nordgrenze dürfte hier, wie in Unyöro, mit der der Rotangpalme zusammenfallen, d. h. etwa 2 ° N. Br. sein. Von selteneren Vögeln nenne ich Ortygometra egregia, die in Trupps von 3—8 Individuen nahe an Chorläufen, im Grase völlig hühnerartig, sich tummelt. Sie ist kaum zum Auffliegen zu bringen und deshalb leichter durch Schlingen zu fangen; gefangene Thiere sind sehr wehrhaft und geben einen knurrenden Ton von sich. Einheimischer Name: dagga-dagga. Von eigentlichen Hühnern und Halbhühnern wurden ein gelbschnäbeliges und gelbfüssiges Francolin und

die zierliche Turnix lepurana erlangt, die von den Eingeborenen „amviiddu", im Kiny6ro „andula" genannt wird. Sehr häufig und hier, wie ich glaube, in ihrer eigentlichen Heimatb, ist Coturnix Delegorguei. Von Dufile" an südlich fehlt dieser Vogel nirgends und zu keiner Jahreszeit, wandert aber, wie es scheint, periodisch nach Süden und Norden. Sein Benehmen ist ganz das der gewöhnlichen Wachtel, der Ruf aber sehr verschieden, obgleich an die Wachtel erinnernd. Der einheimische Name ist „alüru", während der Kinyöro - Name „heVu" lautet. Das bisher, wie ich glaube, unbekannte Ei dieses Vogels wurde später von mir in Elema gefunden.

Nachträglich mag bemerkt sein, dass auch hier die Borassus-Palme, als dem Äquator nahe, äusserst selten ist. Sehr häufig war eine gelb blühende Cassia von stark purgirender Wirkung. Eine Reihe meteorologischer Beobachtungen und Höhenbestimmungen mittelst Kochthermometer wurden auch hier angestellt und sollen anderweit verwendet werden.

Starker Wind von Süden und geringe Ladung Hessen den Dampfer recht sehr stampfen, als wir frühzeitig, nach leider gar kurzem Aufenthalte, bei ziemlich bedecktem Himmel abdampften, um das weiter südlich gelegene eigentliche Mahägi zu besuchen. Nach grossem Bogen, um die Untiefe zu vermeiden, welche die Station südlich flankirt, gingen wir, das Land stets in geringer Entfernung zur Rechten behaltend, vorwärts. Dichte Nebel umwallten die Berge und verhüllten völlig die Ostseite des Sees. Das tiefgrüne Wasser war durch den Wind zu kleinen weissen Wellen gefurcht, zwischen denen zahlreiche Plotus eifrig fischten. Die spärlich bewaldeten Berge, schon seit Tagen in Feuer gehüllt, erheben sich bald bedeutend und gipfeln für hier im Djebel Erüku, einem recht bedeutenden Massiv mit tief eingerissenen Rinnen in seinen Flanken. Eine Einbuchtung trennt die folgende Kette, die hinter dem genannten Berge fortläuft, von ihm, zugleich fallen die Berge von hier aus ohne Vorland in den See, dessen Niveau jetzt niedrig, einen schmalen, meist mit Steintrümmern bedeckten Rand freigelegt hat. Von der Station bis zum Erüku verengt sich das Vorland bis auf '/2 km> ist a°er schön bewaldet. Überall sind die dünn bewaldeten Berge von tiefen Regenrinnen durchfurcht, die von üppiger Vegetation gefüllt sind, und hier erscheint auch der Bambus in ganzen Bosquets. Kleine Wasserfälle sind sehr häufig. Die Inundationsmarke am Fuss der Bergwände zeigt, dass der See um etwa '/2 m gefallen ist.

Um 10 Uhr 17 Min. Vormittags wird bei den heissen Quellen gehalten. Am Fusse ziemlich steil abfallender Felsen liegt ein etwa 2J m breiter Sandstreifen, über und über mit Steinfragmenten bestreut, unter denen sich schön rotli gebändelter Quarz und viel Glimmer vorfinden. Bei Hochwasser ist jedenfalls die ganze örtlichkeit mit Wasser bedeckt. Der Fels selbst ist ein äusserst fragiles, graues Gestein, nach allen Richtungen zersprungen und zerklüftet, so dass man grosse Stücke mit der Hand ausheben kann. Die Innenfläche solcher ist von ockrig gelber Farbe, theilweise mit bitter schmeckenden, weisslichen Efflorescenzen überzogen, die auch auf den umherliegenden Steinstücken in Menge sich finden. Aus allen Fugen und Rissen quillt hier ein völlig klares, gelbliches, stark nach Schwefelwasserstoff riechendes und schmeckendes Wasser hervor, welches hineingehaltenes Silber schwärzlich beschlägt. Seine Temperatur war an einer Stelle 46° C, an zwei anderen, nahe dabei, 53,f>° C, während das nahe Seewasser 29,0° zeigte und die Aneroid-Ablesung (11 Uhr Vormittags) 703,5 mm bei 27,5° Lufttemperatur ergab. Das Gestein ist bis zur Höhe von 1} m über dem Boden sehr heiss, und ein genähertes Thermometer erhob sich sofort zu 38,0° C. Eigentliche Sedimente, sowie thierisches Leben waren nicht zu gewahren, dagegen lag auf Steinen, über welche das heisse Wasser floss, eine Art schleimigen, weissen Überzuges. Gesteins-, sowie Efflorescenzen-Proben wurden zur Untersuchung mitgenommen. Viele blühende Euphorbien, zwei kleine wilde Dattelpalmen und viel Bambus wuchsen nahe dabei.

Es mag mir erlaubt sein, hier einige Worte über die heissen Quellen dieses Landes zuzufügen. Es sind mir deren vier bekannt, und zwar sind sie sämmtlich Schwefelthermen. Von Norden nach Süden gehend, findet sich die erste westlich von Ladb, nicht fern von der Strasse, welche von Niambara nach Makraka führt. Sie heisst Rillek und ist von Dr. Junker besucht und untersuoht worden. Die nächste, von den Madi „Amruppi" geheissen, sehr mächtige und sehr heisse (69°) Schwefelquelle liegt am Nordwestabhange des Djebel Labilla oder Abu Ssäla von Dufile aus ONO. Sie ist, wie es scheint, intermittirend oder wechselt ihr Wasserquantum doch sehr bedeutend. Nahe dabei liegt eine zweite Quelle, die kochendes Wasser zeigt. Die dritte, ebenfalls warme Quelle (56°), liegt im Schüli-Lande 2J Tagemärsche von Fatiko nach SW zu. Sie ist geringer als die vorhergehenden. Ausserdem wurde mir noch von sehr heissen Quellen in einem Lande gesprochen, das etwa 12 Tagemärsche nach 0 und SO von Fatiko liegt und von den Leuten als „Turkänj" bezeichnet wurde. Es ist diess dasselbe Land, aus welchem mir Kameele zugeführt wurden, die jetzt noch hier leben. Die Quelle soll ein tiefes kreisrundes Bassin im Felsen bilden.

Weiter am Berge hindampfend, wo nun ein nicht breites Vorland sich entwickelt, passiren wir höhere und höhere Berge, hinter deren Gipfeln hin und wieder solche einer Petermanii's Geogr. Mittheihingen. 1881, Heft 1.

Parallelkette sichtbar werden; mehrere grosse Dörfer mit weit ausgedehnten Sorghumfeldern liegen auf den Höhen. Ein hoher, zweigipfeliger Berg führt zu den höchsten Erhebungen, wohl 3000 F. über dem See, und nachdem wir noch eine Zeit lang dem nun breiter werdenden Vorlande gefolgt, landen wir um 1 Uhr 24 Min. Nachmittags in Mahagi (Mason's). Die ganze Fahrdauer von unserer Station bis hierher beträgt 4j Stunde, wovon 20 Minuten auf die Umfahrung der oben erwähnten Untiefe abzurechnen sind. In etwa 3 m Wassertiefe wurde in einer Art Bucht geankert. Die Wassertiefe auf unserer Fahrlinie wechselte zwischen 6 und 15 m. Im Ganzen scheint die Westseite des Sees in der Hebung begriffen, wenn nicht gar der ganze See Btetig kleiner wird. Ein ziemlich breiter Landstreif, mit feinem Quarzsande bedeckt, umgürtet die kleine Bucht. Keinerlei Conchylien finden sich hier, wie auch in Station Mahagi solche selten waren, während die Ostseite des Sees an manchen Orten, wie Ronga und Kibiro, mit Univalven und seltener Bivalven förmlich übersäet ist. Dafür finden sich hier um so häufiger Eierschalen von Krokodilen , die im See recht zahlreich sind. Hohe, mit vielem Gras bestandene Hügel bilden die Vorstufe zu den Bergen, welche gegen Süden zu ganz imposante Formen annehmen. Zwischen den Hügeln finden sich weite Bananenwälder; in ihnen stehen vereinzelt prachtvolle Sycomoren mit grossen, gut essbaren Früchten, auf deren einem ich das Glück hatte, ein Exemplar der seltenen Treron nudirostris zu erlegen. Unbekannt und neu für mich war ein stattlicher Baum mit genau den Hagebutten ähnlichen , etwas grösseren, süssen Früchten, die im Innern einen länglichen Kern enthalten. Diese werden von Vögeln und Insecten gefressen. Grosse Rohrwälder umsäumen die WaBserläufe, hie und da zeigen Felder von Sesam und Sorghum, dass die Bewohner nicht weit entfernt sind. Dioscorea alata findet sich hier cultivirt, auch Rotang ist nicht selten. Die Sprache der Leute ist das Luri. Auf meine Frage, wie der See heisse, wurde mir geantwortet: Näm madduong (grosses Wasser); der Name „Mwutan-Nzige" ist nur in Unyöro gebräuchlich und wird selbst in Uganda kaum verstanden.

Um 4 Uhr Nachmittags wurde die Rückfahrt angetreten und um 8 Uhr 38 Min. Nachmittags die Station erreicht.

Am nächsten Morgen schon musste, da amtliche Geschäfte mich nach Norden riefen, dieses interessante Land verlassen werden. Dicht am Ufer haltend, hinderte auch heute der Nebel ein erspriessliches Arbeiten. Viele grosse Boote, von 2—6 Schaufelrudern getrieben, wurden überholt. Um 11J Uhr Vormittags befanden wir uns gegenüber der Einmündung des Victoria-Nil und fuhren etwa eine halbe Stunde später in den eigentlichen Fluss ein. Auch heute waren seine Ufer durch zahlreiche Antilopen-Heerden

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