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denen sich immer den ganzen Horizont erfüllendes Eis befand. Die Tschuktschen der benachbarten Dörfer benutzten fast immer solche Gelegenheiten, um auf den Seehundsfang auszugehen. So wird es begreiflich, dass der östliche Theil der Küste dichter bewohnt ist als der westliche. Hierfür wirkt auch noch die Ursache mit, dass die zwischen Irgunnuk und Enmittan liegende Lagune besonders fischreich ist. Auch die Bewohner von Koljutschin führten oft ganze Ladungen Fische aus dieser Lagune nach Koljutschin , und die Bewohner von Inreklen ') und Irgunnuk wurden mehrfach beim Angeln in der Lagune bei Naitschkai bemerkt, sie beziehen daher wohl auch, wenigstens zum Theil, ihre Subsistenzmittel aus derselben, so dass sie für 400 Tschuktschen (gegen 80 Jarange), wenn auch nicht die hauptsächlichste, so doch wenigstens die sicherste Ernährungsquelle bildet, und zwar die sicherste deshalb, weil die dortigen Tschuktschen oft nicht die Gelegenheit haben, sich Seehundsfleisch und Seehundsfett zu verschaffen, welches beides sie den Fischen vorziehen, während sie diese immer in der Lagune fangen können.

östlich von Enmittan findet sich nur noch eine Lagune vor, nämlich bei TJedle, dem grössten aller TschuktschenDörfer an der nördlichen Küste. Nach Aussage der Tschuktschen werden in derselben nur „Nutschunutsch" (Coregonus Sp.) und „Ankanna" (Salmo?) gefangen. Da erstere aber nur in süssem Wasser vorzukommen scheinen, muss diese Lagune wohl solches Wasser haben. Bei dem Dorfe Tscheyttun 2) befindet sich noch ein ziemlich fischreicher Bach. Da sich indessen zwischen Nettei und Uedle gegen 230 Jarange befinden, daselbst also ungefähr 1100 oder 1200 Menschen wohnen, ist es begreiflich, dass die durchaus nicht umfangreiche Lagune und der Bach diese ganze Bevölkerung nicht ernähren können. Die Dichtigkeit der Bevölkerung in diesem Theile wird zunächst durch den Umstand erklärt, dass das Meer daselbst öfter im Winter offen ist als weiter westlich und sich daher häufiger die Gelegenheit darbietet, Seehunde zu erlegen, dann aber auch dadurch , dass die amerikanischen Schiffe diesen Theil der Küste lieber und häufiger besuchen und folglich die Tschuktschen hier Tabak, Branntwein, Flinten, Pulver, Blei und dergleichen von ihnen sehr geschätzte Gegenstände leicht erhalten können. Ausserdem zieht sie auch die Nähe der Bering-Strasse an, auf deren amerikanischer Seite sie sich Pelzwerk, Branntwein und Tabak eintauschen.

Die Tschuktschen stehen nämlich in lebhaftem Handelsverkehr mit den Amerikanern. Bekanntlich entsenden letztere ihre Fahrzeuge in diese Gegend zu zwei besonderen

') In dem Verzeichnis« der Dörfer Inrytlen genannt. ») In dem Verzeichnis« Tscheynun.

Zwecken: zum Walfisch- und Walrossfang und zum Handel mit den Eingeborenen. Nach den Mittheilungen der Tschuktschen sind die Fangfahrzeuge drei-, die Handelschiffe zwei* mastig. Hinsichtlich der ersteren beklagen die Tschuktschen sehr oft, dass sie die Walfische und Walrosse ausrotten und sie selbst in Folge dessen Mangel leiden. Es giebt indessen trotzdem noch sehr viele Walrosse in dieser Gegend, wie die grosse Menge Walrosszähne beweist, die zum Verkaufe auf der „Vega" angeboten wurden. Herr Nordqvist hat zwar selbst die Tschuktschen niemals Fleisch und Fett der Walrosse geniessen sehen , die Tschuktschen behaupten aber, dass sie beides als Nahrungsmittel gebrauchen. Wahrscheinlich war die Zeit des Walrossfanges bei der Ankunft der „Vega" schon vorüber; auch besuchten die Herren der Expedition die Tschuktschen Anfangs viel seltener als in der Folge.

Die zum Handel mit den Eingeborenen ausgeschickten amerikanischen Schiffe werden von den Tschuktschen sehr gern gesehen, da sie von denselben für Walrosszähne, Fuchsfelle &c. Tabak, Branntwein, Gewehre, Pulver, Blei, Messer, farbige Hemden u. dergl. m. erhalten.

Als Beweis dafür, dass die Tschuktschen von den Amerikanern Branntwein kaufen, führt Herr Nordqvist folgenden Fall an: Während einer Excursion, die er mit dem Lieutenant Hovgaard vom 8. bis 12. October zu den ungefähr 50 bis 60 Werst südlich von dem Ankerplatze der „Vega" lebenden Renthier-Tschuktschen unternommen, brachte der Tschuktsche, der die Reisenden bewirthete, einen versilberten zinnernen Becher und Branntwein herbei. Auf der äusseren Seite des Bechers befand sich die Inschrift: „Captain Ravens Brig Timandra 1878". Der Tschuktsche sagte, dass er den Becher auf demselben Schiffe erhalten, von dem er auch den Branntwein hätte. Auch in dem „Magazin historisch - statistischer Nachrichten über Sibirien", Bd. II, Heft 1, wird in dem Artikel „Einige Angaben über die gegenwärtige Lage unserer nordöstlichen Küstenstriche", welcher die Reise des Dr. Neumann auf dem russischen Klipper „Gaidamak" beschreibt, ruitgotheilt, dass Herr Neumann Bchon am 1. August 1875 die amerikanische Brigg „Timandra", die Branntwein an die Tschuktschen des Dorfes Unjagmo (Nunamo) verkaufte, an der St. Lorenz - Bucht angetroffen habe. Wahrscheinlich liegt diese Brigg noch ihrer menschenfreundlichen Mission unter den Tschuktschen ob.

Ausser den amerikanischen Schiffen haben die Tschuktschen auch noch Handelsverkehr mit den Eskimos der Ostseite der Bering-Strasse. Die Tschuktsohen nennen dieselben gewöhnlich „Kyumen" oder „Jekyrgaulen" (wahrscheinlich von der tschuktschischen Wurzel „jekyrgin", Mund) wegen des Schmuckes von Glas- oder Holzstücken, die sie in das Fleisch zu beiden Seiten des Mundes stecken. An diese Eskimos verkaufen die Tschuktschen Renthierfelle und russischen Tabak, wofür sie Pelzwerk und Branntwein erhalten. Die Herren der Expedition haben während des Winters oft betrunkene Tschuktschen gesehen. Auf die Frage, woher sie den Branntwein erhielten, antworteten sie entweder „aus Peek" oder „von den Myrken" , wie sie die Amerikaner nennen. Auf seiner Excursion in die Dörfer Naitscbkai und Tjapka vom 25.-27. April 1879 fand Herr Nordqvist den grösseren Theil der Bewohner von Kakodlja, Neitkuw und Tjapka und der weiter östlich belegenen Dörfer betrunken. Dieselben waren eben von ihrem Marktplatze an der Bering-Strasse mit Branntwein heimgekehrt. Da dieser Marktplatz, welchen der Tschuktsche Notti „Ettakak" nannte, fünf Tagereisen von Naitschkai entfernt ist, muss der Markt daselbst am 20. April Statt gefunden haben.

Was nun die Beziehungen der gewerbetreibenden Tschuktschen zu den Russen und zu Russland betrifft, so lässt sich darüber nicht viel sagen, da kaum behauptet werden kann, dass solche Beziehungen überhaupt bestehen. Die Mehrzahl dieser Tschuktschen weiss nur, dass in Russland ein Ort „Kolüma" genannt, ein anderer, „Markoma" (d. h. Markowo) geheissen, und noch einer, das sehr entfernter „Jakutska", liegen, und dass sich in den beiden ersten sehr mächtige Herren, „Instrawnika" (Verstümmelung des russischen Wortes „Isprawnik", Kreisrichter) genannt, befinden. Nur sehr wenige Eingeborene wissen etwas von dem „Irkutska" genannten entfernten Orte, und diese Kenntniss beschränkt sich darauf, dass daselbst noch wichtigere ,,Ermat" (Mehrheit von Erem, Oberhaupt), als der Kreisrichter in Nishne-Kolymsk existiren. Sogar Wassili Menka, nach einem von ihm vorgewiesenen Papier Ältester aller „CapTschuktschen", hatte keine Ahnung von einem russischen Kaiser oder von dem, was Petersburg sei.

Den „Jassak" (Tribut an Fellen) entrichten nur diejenigen gewerbetreibenden Tschuktschen, die zur Messe nach Nishne-Kolymsk gehen, da dieselben ihren Handel nicht eher beginnen dürfen, als bis sie den „Jassak" erlegt haben.

Die gewerbetreibenden Tschuktschen stellen sich bis jetzt noch als ein unverdorbenes, ehrliches, kühnes und gutmüthiges Naturvolk dar, dessen grösstes Laster in der Leidenschaft zum Trünke besteht. Wenn es den Amerikanern

wie bisher gestattet sein wird, sie ungestraft mit Branntwein zu versorgen, werden sich die genannten guten Eigenschaften aber wohl bald verlieren.

Dass diesen Menschen der Kampf um's Dasein in dem furchtbaren Lande, das sie bewohnen, nicht leicht wird, lässt sich begreifen. Bisweilen müssen sie mitten im Winter weit auf das Eis hinaus, um eine offene' Stelle zu finden, wo sie Seehunde erbeuten können, deren Fleisch ein Leckerbissen für sie ist; gewöhnlich sind Fische, die sie in der Lagune am Strande fangen, ihre Nahrung. Auch ist, wie Herr Hovgaard mittheilt, ihr Unternehmungsgeist gering. Während der Überwinterung der „Vega" zogen sie eB vor, an Bord zu kommen und um Almosen zu bitten. Während des Winters erhielten sie ausser den Resten von den Mahlzeiten der Expedition nicht weniger als 2000 Pfund frisches Brod. Dafür empfingen sie auch die Herren der „Vega" stets sehr freudig, wenn diese zufällig ihre Zelte besuchten. Diese sind aus Renthierfellen angefertigt und bestehen eigentlich aus zwei Zelten, von denen eines in dem anderen steht; das äussere hat eine originelle, unregelmässige Form, das innere ist die Winterwohnung und beherbergt in einem Räume von 200 bis 300 Kubikfuss bis 40 Menschen. Es wird durch zwei oder drei mit Seehundsfett genährte Lampen erwärmt, welche die Temperatur im Innern auf +40° C. bringen, während draussen —40° C. sind. Allerdings muss man daran gewöhnt sein, in einer solchen von dem unangenehmen Gerüche des Seehundsfettes erfüllten Atmosphäre zu leben und zu schlafen. Dazu kommt, dass die Sitte der Tschuktschen, sich im Innern des Zeltes nackt auszukleiden, keineswegs zur Verbesserung der Luft beiträgt. Herr Hovgaard erzählt, dass ihm das Verweilen während einer Nacht im Tschuktschen-Jarang allerdings geradezu unerträglich erschienen war; aber dass, wenn man bei klingendem Froste vier oder fünf Stunden auf einem Tschuktschen - Schlitten gefroren hat, das Zelt einfach zum Paradiese wird. Der Schlitten wird ohne alle Nägel aus mit Riemen zusammengebundenen Theilen von biegsamem Birkenholz hergestellt. Drei bis vier Hunde ziehen leicht zwei Menschen; doch giebt es auch grössere Schlitten, vor welche bis 40 Hunde gespannt werden. F. v. Stein.

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An Bord des Ver. 8t. Seh. „Yukon", 2. Nov. 1880.

Auf der Rückreise nach San Francisco begriffen, wo ich in wenigen Tagen einzutreffen hoffe, denke ich daran, dass Ihnen ein kurzer Bericht über die Forschungen, die wir im Laufe dieses Sommers ausgeführt haben, wohl willkommen sein wird. Wir verliessen San Francisco am 13. Mai in der Absicht, den Sommer hauptsächlich zu magnetischen und astronomischen Beobachtungen an der Küste von Alaska zu verwenden, jedoch auch hydrographische Untersuchungen in der Bering-Strasse in Bezug auf Strömungen und Wassertemperaturen vorzunehmen. Bereits durch meine Untersuchungen von 1873 und 1874 hatte ich nachgewiesen, dass in diesen Gegenden die östliche Abweichung der Magnetnadel ihren Höhepunkt erreicht hatte und im Abnehmen begriffen war. Daher lag uns hauptsächlich mit daran, den Betrag der Abnahme an möglichst vielen Punkten festzustellen und besonders an solchen, an denen schon früher magnetische Beobachtungen vorgenommen worden waren, und mit grossem Erfolge haben wir diesen Plan ausfuhren können. Gleichzeitig mit der Inclination wurde auch (nach Lloyd's Methode) die Intensität bestimmt mit Hülfe eines der neuen Kew-Inclinationskreise, wobei die magnetische Station Presidio in San Francisco als Basis angenommen wurde.

Ein Mitglied unserer Expedition, Marcus Baker, ging uns per Dampfer nach Sitka voraus und bestimmte die magnetischen Elemente entweder ganz oder doch theilweise in Portland (Oregon), Victoria (Vancouver-Insel), DepartureBai (Vancouver-Insel), Kasaan-Bai, Fort Wrangell, Sitka und an sechs anderen Stationen im Sitka-Archipel. Ein Theil dieser Beobachtungen wurde von ihm vorgenommen, während er eine Bootexpedition begleitete, welche die Marine der Vereinigten Staaten von Sitka nach der Mündung des Chilkaht-Flusses in Alaska entsandte, um eine Gesellschaft von Goldsuchern, die den Fluss hinauffuhr, zu beschützen. Nach Ankunft des „Yukon" in Sitka gegen Ende Mai vereinigte sich die ganze Expedition und bis zum Schluss der Saison wurden bei verschiedenen Stationen sowohl astronomische als magnetische Beobachtungen vorgenommen, von manchen auch neue Karten angefertigt. Diese Stationen waren der Reihe nach folgende: Hot Springs (Baranoff-L), Port Althorp, Port Mulgrave, Chugachik- oder Kachekmak-Bai (Cook-Einfahrt), Port Graham, Port Chattham, St. Paul (Kadiak), Nordwest- und Humboldt-Hafen (Schumagin-Inseln), Dolgoi-I., Belkoffsky, Lisy-I., Iliuliuk (Unalaschka), St. Paul (Pribiloff-L), Plover-Bai (Ostsibirien),

Cap Lisburne (Eismeer), Eiscap, Point Belcher, ChamissoHafen (Kotzebue-Sund), Port Clarence, Diomed-Inseln (Bering-Strasse), Plover-Bai (zum zweiten Mal), St. Matthäus-I. (Bering-Meer), Chernoffsky-Bai (Unalaschka) und Iliuliuk (zum zweiten Mal). Bis wir nach San Francisco zurückkommen, werden wir auf unserer Kreuze gegen 12 000 miles zurückgelegt haben, und zwar zum grossen Theile bei sehr stürmischem Wetter, wahrlich keine schlechte Leistung für ein kleines Segelschiff von nur 100 Tons.

Die wichtigsten Resultate unserer Arbeit bestehen darin, dass wir die Abnahme der östlichen Abweichung des Compasses, welche sich in höheren Breiten sogar auf 5 bis 6 Grad belief und überall bis zu einem gewissen Maasse bemerklich war, genau bestimmen, ferner die geographische Lage von einer grossen Zahl von Punkten mit grösserer Genauigkeit als früher ermitteln konnten — der Unterschied betrug in einzelnen Fällen bis zu 12 miles. Reihentemperaturen, welche an der schmälsten Stelle der BeringStrasse in einem Querschnitte genommen wurden, und Beobachtungen der Strömungsverhältnisse ergaben, dass hier kein Polarstrom nach Süden fliegst, wie man bisher nach zu geringem Beohachtungsmaterial angenommen hatte. Die Strömungen durch die Strasse werden vielmehr hauptsächlich durch die Gezeiten bedingt; die hohen Temperaturen eines Theiles der durchmessenden Gewässer mögen durch Fluthströmungen aus den grossen Flüssen und seichten Buchten der amerikanischen Küste bedingt sein, welche im Verlaufe des Sommers durch die heisse arktische Sonne abnorm erwärmt werden. Die höchste Temperatur betrug 48° F. (8,9° C), ein höherer Wärmegrad als er irgendwo im ganzen Bering-Meer südlich vom Yukon-Flusse auf der amerikanischen Seite, und südlich von der St. Lorenz-Insel auf der asiatischen Seite angetroffen wurde.

Am Kotzebue-Sund nahmen wir eine sorgfältige Untersuchung der berühmten Eisklippen vor und constatirten die Existenz einer unterirdischen reinen Eisschicht, welche sich über eine grössere Strecke Landes bedeutend nach Norden, wahrscheinlich bis Point Barrow erstreckte. Es ist kein gefrorener Boden, sondern reines festes Eis, welches die Functionen einer Felsschicht versieht. Beim KotzebueSund war der Eisberg, wie wir fanden, mit einer Lage von Erde und Moos bedeckt, welche eine Höhe von mehreren hundert Fuss erreichte und alle Felsformationen der Umgebung weit überragte. Dieses Gebilde kann in keiner Weise als ein Gletscher-Product aufgefasst werden, jedenfalls nicht in dem Sinne, wie die Geologie die Sache bisher betrachtete. Die Thonschicht, welche an manchen Stellen einen Durchmesser von 40 F. hat und Knochen von fossilen Elephanten, Pferden, Büffeln einschliesst, befindet sich über, nicht unter dem Eise, kommt aber nur bis zu einer gewissen Höhe vor und erreicht den Gipfel des Eishügels nicht, so weit wir wenigstens bemerken konnten. Die hier ausgeführten Untersuchungen sowie die Erscheinungen, welche ein „todter" Gletscher von ungeheuerer Ausdehnung beim Mt. Elias darbot, sollen der Gegenstand einer besonderen Abhandlung werden.

Wie früher wurden auch dieses Mal oceanographische und meteorologische Beobachtungen angestellt, zoologische und ethnologische Untersuchungen vorgenommen und Sammlungen angelegt; mit der letzteren Aufgabe beschäftigte sich besonders Dr. I. H. Bean, Mitglied der U. S. Fish Commission, welcher sich uns angeschlossen hatte. Unter anderen interessanten Ergebnissen konnte er nachweisen, dass der in diesen Gewässern vorkommende Kabeljau mit dem des Atlantischen Oceans (Gadus morrhua) identisch ist.

Wir hatten Point Barrow zu erreichen gehofft, aber auf der Fahrt dorthin waren die Eisverhältnisse so ungünstig, dass wir unser schwaches Schiff dem Risiko einer Besetzung im Eis nicht aussetzen durften, denn seine Planken waren nicht verstärkt, und ausserdem hatten wir höchstens für 3 oder 4 Monate Proviant bei uns. Nur zwei Schiffe hatten in diesem Jahre Point Barrow erreichen können; der Dampfwaler „Mary & Helen" wurde nach zweistündigem Verweilen daselbst vom Eise zurückgetrieben, das andere Schiff, ein kleiner Handelsschuner, wurde vom Eise auf den Strand gesetzt, kam aber nach zwei Tagen beim Umspringen des Windes wieder ab. Vom Vereinigten StaatenDampfer „Corwin" wurde eine Abtheilung zu Boot dahin gesandt, um nach den 1879 vom Eise besetzten Walern

auszuspähen, jedoch erfolglos, obwohl die Nachforschungen überallhin gerichtet wurden, wo die Eisverhältnisse es nur gestatteten. Höchst wahrscheinlich sind sie mit Mann und Maus verloren gegangen. Die Eisverhältnisse waren sehr wechselnd, und überhaupt war es kein so offenes Eisjahr wie gewöhnlich. Wrangel-Land konnte man sich nicht nähern, und selbst an die Herald-Insel kam kein Schiff dichter heran als auf 10 miles. Seit 20 Jahren haben dagegen die Waler kein so günstiges Fangjahr zu verzeichnen gehabt; alle Schiffe waren gefüllt und hatten schon vor dem October das Eismeer verlassen. Nur ein Unglücksfall kam vor, nämlich der Verlust eines kleinen Handelsschuners, welcher als des Schmuggels verdächtig von einem Steuerbeamten mit Beschlag belegt und unter seine Leitung gestellt war; er scheiterte im Nebel an der St. Lorenz-Insel. Von der „Jeannette" sind natürlich keine Nachrichten eingelaufen; darauf konnte auch nicht gerechnet werden, mit einiger Sicherheit können wir uns aber der Hoffnung hingeben, dass das Schiff ungefährdet ist und dass die Expedition im Verlaufe des Sommers glückliche Forschungen vorgenommen hat.

Alljährlich bringen die Zeitungen Artikel mit mehr oder weniger unrichtigen Nachrichten über die Flotte in den arktischen Gewässern. Für die Wahrheit der Thatsachen, die ich Ihnen mittheile, stehe ich ein. Der Dampfwaler machte einen Fang von 28 Walen, was als ein grosser Erfolg zu bezeichnen ist.

Unsere Reise war eine sehr stürmische und anstrengende, aber frei von Unglücksfällen. In einigen Tagen hoffen wir unsere Angehörigen wieder zu sehen und freuen uns, dass wir im Laufe der letzten 6 Monate weit grössere Erfolge erzielen konnten, als wir bei unserer Abfahrt erwarteten.

Reise nach Talysch, Aderbeidshan und zum Sawalan, 1879—1880.

Von Dr. Gustav Radde.
Vorläufiger Bericht.

Inhalt. — Veranlassung zur Expedition. Der junge Grossfürst Nicolai Micha!lowitsch. Meine früheren Reisen in Talysch. Die neuerdings gemachten meteorologischen und philologischen Beobachtungen aus dem Tieflande. Die wässerigen Niederschläge. Die Winde. Die Reise nach Lenkoran. Das Kurs* Thal. Die Verbreitung der Krähen-Arten in TranBkau kästen. Das Schicksal des Frankolin-Hahnes. Zu den Kupferwerken von Kedabeg. Panorama des Grossen Kaukasus. Panorama im Kleinen Kaukasus. Kedabeg, seine Einrichtung und Production. Die Wälder an den Schamchor-Quellen. Weiterreise. Elisabethpol. Die Platane und der Wallnussbaum kommen Im Kaukasus wild nicht vor. Jagd auf Frankolin-Hühner. Insecten bei Mingetschaur. Weg nach Salian. Die Mngan. Ankunft in Lenkoran. Die ornithologlschen Sammlungen daselbst. Die Zugstrassen. Der Grosse Kaukasus ist ein Hin. derniss für die Wanderlinien von N nach S. Die Urwälder und Jonzeln des Tieflandes. Schlechte Holzwirthschaft. Compositlon der Urwälder. Heilige

Bäume. Sammelproben. Excursion nach Belasuwar. In den Burani-Inseln. Reise nach Tiflis. Rückkehr. Die Moral Im Sommer. Die Insel Sari.' Brut colonlen. Culturvorschläge. Nach Ensell und Rescht, Über Artsehewan nach ABtara. Schindan-Kala. Klo-puti. Küs-jurdi. Nach Ardebil und zum Sawalan. Zurück zum Küs-jurdi. Der Grenze entlang und über Schatfrlinsk zur Mugan.

Nach fast neunmonatlicher Abwesenheit von Tiflis kehrte ich Ende Juli 1880 dorthin zurück und traf den glücklich angelangten Transport meiner umfangreichen Sammlungen wohlerhalten an. Diese langwährende Expedition hatte zunächst einen Hauptzweck, welcher vollkommen erreicht wurde. Es sollte vor allen Dingen auf der grossen Winterstation der Wolga-Zugstrasse (Tiefland von Talysch und Gilan) die ungeheuere Masse von 3000 Vogelhälgen ') beschafft werden, um ein möglichst vollständiges Werk über die Ornis der Kaukasus-Länder zum Abschlüsse zu bringen. Diese Collection liegt nun wohlerhalten in Tiflis, um in nächster Zeit sammt den im Museum vorhandenen , anderweitig gesammelten Vögeln bearbeitet zu werden. Im Ganzen besitze ich über 4500 kaukasische Vögel, und seit 1864 wurden über die verschiedenen Arten während meiner Reisen viele Notizen gebucht, so dass mit Benutzung der einschlagenden Literatur und vergleichbarer europäischer Materialien wohl eine recht vollständige Arbeit bald fertig werden dürfte. Die letzte Anregung aber, das zu thuii, gab schon vor 2 Jahren Se. Kaiserl. Hoheit, der älteste Sohn des Statthalters vom Kaukasus, Grossfürst Nicolai Michailowitsch, und ermöglichte er auch die Ausführung durch freigiebige Ergänzung der Mittel für eine so grosse Reise, bei welcher Jäger, Präparator und Localsammler bezahlt und gefüttert sein wollten. Der junge Prinz ist bereits selbst naturhistorischer Autor. Während des letzten Krieges entdeckte er nahe bei Kars, und so zu sagen, unter dem Donner der Kanonen, eine ganz neue Noctuelide, welche nunmehr als Victrix Karsiana von ihm beschrieben wurde. Im Kaukasus wuchs er heran, and wenn einerseits für ihn der häufige Anblick der grossartigen Scenerien der Gebirgslandschaft nicht ohne EiriQuss bleiben konnte und die Liebe zum Naturgenusse erzeugte, so gab andererseits eine sehr sorgfältige Erziehung dem Studium schon frühzeitig die den Anlagen des Prinzen entsprechende Richtung. Schon als Knabe legte er Sammlungen naturhistorischer Objecto an, die jetzt sammt der Bibliothek bereits sehr umfangreich geworden sind.

Neben dem erwähnten Hauptzwecke dieser Expedition verfolgte ich aber noch einen zweiten. Schon 1866 hatte ich mich im Frühlinge einige Monate im Tieflande von Russisch-Talysch aufgehalten und ergänzend für die Nachrichten Menetrie's und Hohenacker's arbeiten können. Später (1870) bereiste ich es im Vereine mit Dr. Sievers ebenfalls, und gingen wir damals, die Lenkoranka aufwärts verfolgend , bis in den Suant-Gau, um westlich dann durch die Täng-Schlucht in den Drych-Bezirk zu gelangen und

') Wenn ich ohne Weiteres diese hohe Zahl erwähne, so sei zur Erklärung Folgendes gesagt: Als diese Expedition im Cabinette Sr. Kais. Hoheit des jungen Grossfttrsten Nicolai Michailowitsch vereinbart wurde, äusserte ich gelegentlich, dass ich gewiss sei, 1000 Exemplare mitzubringen. Der Prinz hielt diese Ziffer für zu hoch gegriffen, worauf ich sie im Eifer verdoppelte. Ein ungläubiges Kopfschütteln erfolgte sofort seitens Sr. Kais. Hoheit, — und ich, nun einmal gewissermaasscn zu meiner Ehre engagirt, versäumte nicht, das dritte Tausend auch noch zu versprechen. Es ist mir wirklich gelungen, diese Zahl in meiner neuesten Sammlung zu erreichen.

den Williasch-tschai abwärts zu steigen. Das südlicher gelegene Astara-Thal, zugleich die Grenze zwischen Russland und Persien bildend, blieb damals von uns ununtersucht. Flüchtig berührte ich das Küstengebiet im Hochsommer desselben Jahres, als ich auf Befehl Sr. Kais. Hoheit des Grossfürsten Constantin Nikolajewitsch denselben auf seiner Caspi-Rundreise begleitete.

Nunmehr, während der letzten Reise, nach Abschluss der Sammlungen im Tieflande, und nachdem Enseli und Rescht von mir besucht worden waren, nahm ich meine früheren Reisen im Talysch-Gebirge wieder auf, begab mich der Küste entlang nach Astara, stieg steil im gleichnamigen Thale bergan, erreichte die Randhöhe zuerst im SchindanKala, verfolgte diesen Rand des Aderbeidshan-Plateau's gegen N, immer die Ebene von Ardebil mit dem imponirenden Sawalan zur Linken habend und rechts in die jähen Abstürze gegen Osten schauend, wo die rapiden Wasserläufe der Talyscher Thäler hie und da aus waldbedeckter Gebirgslandschaft aufblinken und in weiter Ferne sich das schmale Uferland am Caspi hinzieht; bei klarem Himmel auch die Insel Sari in langgezogener Bogenform flach aus den blauen Meeresfluthen auftaucht, und das Ostende der berüchtigten Mugan sich in undeutlich verschwimmenden Linien zum Meere hin verliert. Unterbrochen wurde diese der Grenze entlang laufende Tour nur durch einen sehr lohnenden Abstecher nach Ardebil und den Besuch des Sawalan. Wer sehen will, was Persien einst an Architektur und Mosaikschmuck seiner kirchlichen Prachtbauten leistete, muss das Mausoleum am Scheich-Sefid und SchahIsmael (1330) in Ardebil besuchen; und wer neben dieser Pracht vergangener Zeiten das wildeste Treiben roher Nomaden auf den Alpenweiden kennen lernen will, hat von Ardebil nur eine Tagereise eifrig bergan an der Ostfront des Sawalan zu steigen, um bei den räuberischen Schachsewanzen (d. h. Lieblinge des Schahs) in reinster Alpenluft diese herumziehenden Hirten kennen zu lernen, und auf dem Kisil-bari im Bereiche der Schneeschmelze auch noch Ende Juni blühende Puschkinia und seltenes Bulbocodium zu sammeln; ja, wem das Glück lächelt, vermag vielleicht einen Trupp jener seltenen Wildschafe zu erspähen, die entweder dem Gmelin'schen Ovis orientalis oder dem von Tschichatscheff entdeckten Ovis anatolica angehören.

Die russische Grenze wurde von mir, vom Sawalan kommend, wiederum bei den Weideplätzen Küs-jurdi, d. h. die Mädchen-Sommerfrischen, erreicht und nun bis zum Tieflande verfolgt. Aus der erquickenden hochalpinen Zone vom Sawalan stiegen wir nach und nach, die Weideplätze in 5—6000 Fuss Meereshöhe durchwandernd, verhältnissmässig rasch abwärts und kamen dem heissen Tieflande näher und näher, auf dem, gleich einer dichten Rauchhülle,

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