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bedeutender Bach die Täng-Schlucht gegen Osten zu durchbrechen.

In mehrfacher Hinsicht wird dieses grosse QuellKesselthal, welches Suant-Gau benannt ist, interessant; zunächst in klimatischer. Denn, zog bis zum Küs-jurdi die Wasserscheide, d. h. die Höhe des Randgebirges, zwischen Earasu und den Zuflüssen des Caspi in der That in Bezug namentlich auf die wässerigen Niederschläge eine sehr scharfe Grenze, so ist das hier im Suant-Gau nicht mehr der Fall. Das ganze Gebiet vom Küs-jurdi gegen NW der Grenze entlang, welche durch die Quellen des Williasch-tschai gezwungen wird, so tief landeinwärts einzuschneiden, hat trotz seiner hohen Lage bereits das trockene Klima des Plateau's. Die erwähnte Abzweigung vom Küsjurdi und ein gegen NW der Grenze parallel laufender, aber subordinirter Höhenzug fangen die Caspi-Ausdünstungen mit ihren Oberflächen auf, wie sich das durch scharfe Abgrenzung der Laubwälder sehr deutlich in diesem Gebiete zu erkennen giebt. Danach aber hat sich im Suant-Gau ebensowohl der Typus der Flora, wie auch der Modus der Ackerwirthschaft ausgebildet.

Ich vervollständigte während meines mehrtägigen Aufenthaltes im Suant-Gau meine hier Bchon 1870 gemachten Herbarien und besuchte wiederum die steilen Abstürze des hohen Barnasar, begab mich auch tief abwärts in die TängSchlucht und brach erst am 28. von dem Dörfchen Mistan, wo ich bis dahin gelebt hatte, zum Dorfe Rasonow auf, um dann am 29. über den äussersten Quellzufluss derLenkoranka, der Heledara steigend, Abends den Kemür-Kui zu erreichen, an welchem ich, da er über 8000 Fuss Meereshöhe besitzt, viel zu finden voraussetzte, worin ich mich vollkommen getäuscht sah. Auch hebt sich die eigentliche Kemür-Kui-Höhe kaum aus dem Massiv des Gebirges hervor. In der Nähe von ihr, im geschützten Thale, blieben wir und eilten am 30. weiter. Die Gegend ist öde, in den Thalsohlen salzig, sonnenverbrannt, heiss. Die Kosakenwachtposten stehen hier näher, in 10 —15 Werst Entfernung von einander. Wir blieben immer in der Nähe des wenig markirten, kahlen Grenzgebirges auf russischer Seite und umgingen die äussersten Quellen des Williaschtschai. Wo diese nur spärlich gespeisten Quellen zusammensintern und in Folge dessen sofort die Vegetation dichter und kräftiger wird, so dass man allenfalls für kleine Strecken noch von Wiesen sprechen kann, da be

finden sich eben die festen Posten der Grenzkosaken, die hier 3 — 5 Jahre ohne abgelöst zu werden ihren Dienst zu besorgen haben.

Nur bei dem Germin'schen Grenzposten blieb ich längere Zeit, weil die Flora einladend war. Hier galt es abermals an der niedrig gelegenen Waldgrenze zu sammeln, die Eichen besonders zu beachten, deren Behaarung und Blattform so ausserordentlich variirt, und noch eine gute Nachlese in der basal-alpinen Zone zu veranstalten. So brachen wir erst am 1./13. Juli gegen Mittag auf und beeilten uns nun sehr, um nicht allein die äusserste Williasch-tschai-Quelle zu umwandern , sondern auch den bereits im Gebiete des Grenzflüsschens Basar-tschai gelegenen Kosakenposten Arussi zu erreichen und dort auszuruhen. Das Grenzgebirge verändert nunmehr seine Richtung total. Gerninsk liegt von allen Grenzposten am Weitesten gegen Westen, so recht im Winkel, den die beiden Schenkel des hohen Grenzgebirges bilden, von denen der erste, den wir bis jetzt kennen lernten, SO—NW, der zweite, dem wir nun folgen müssen, die Hauptrichtung W—O einhält. Zum grossen Theile ist dieses letztere Gebirge beschwerlich zu passiren. Wir hielten uns daher südlich von seinem Kamme und hatten dadurch noch den Yortheil, meistens von den Bäumen dea Waldes beschattet zu werden.

Wir erreichten, obwohl spät Abends, unser Ziel und brachen schon früh am 2. wieder auf, jetzt das rechte Ufer des Grenzbächleins bis zum Schartirlinski'schen Posten verfolgend und dann über die östlichen Höhen steigend, am am Fusse derselben zum Rande der Mugan zu gelangen. Schon hier im Basar-tschai-Thale empfanden wir die Hitze der tiefer gelegenen Gebiete. Die Ernte war dort beendet, und die hochgeschossenen, zum Theile stacheligen and harten Steppenkräuter, unter denen sich auf weite Strecken hin Centaurea solstitialis, L., sehr bemerkbar machte, standen in voller Blüthe. In den Wäldern der Ostseite des niedrigen Gebirges lärmten am heissen Tage unzählige Cicaden und, als wir tiefer und tiefer gestiegen waren und die Hitze immer unerträglicher geworden, lag die unabsehbare Mugan, förmlich in Rauch gehüllt, vor uns. Nur undeutlich erhob sich aus ihr, gleich einer Bastion, der regelmässige Hügel, auf welchem einst der verwegene Stenke Rasin campirte; ein Schrecken den umwohnenden Muselmännern und der Vorbote russischer Macht am südlichen Caspi.

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Unter den mancherlei Beweggründen zur Erforschung unbekannter Gebiete unserer Erde erweist sich einer der edelsten zugleich auch als einer der erfolgreichsten. Das Bestreben, unsere Mitmenschen aus Noth und Gefahr zu befreien, hat im Laufe der letzten Decennien mindestens ebensoviel zur Erweiterung unserer geographischen Kenntnisse beigetragen, als die Versuche zur Ausbreitung des Handels, die Lust an kühnen Unternehmungen oder der Ehrgeiz Einzelner. Vor zwanzig Jahren, als im Vergleich zur Gegenwart nur selten einmal ein Reisender in das Innere Afrika's einzudringen versuchte, gab die Sorge um den verschollenen Eduard Vogel den Anstoss zu jener Reihe von Expeditionen, die von A. Petermann in's Leben gerufen , sowohl unmittelbar zu dankenswerthen wissenschaftlichen Erfolgen in der Sahara, dem östlichen und mittleren Sudan führten, als namentlich auch das Interesse von solchen Unternehmungen in weite Kreise trugen und somit wesentlich mit die grosse Periode der afrikanischen Entdeckungen , in der wir leben, anzubahnen halfen. Und in dieser Periode selbst ging einer der glänzendsten Erfolge, Stanley's Durchquerung des Continents, aus seiner früheren Aufsuchung Livingstone's hervor. In Australien veranlasste das Verschwinden Leichhardt's und das Bedürfniss, Aufklärung über sein Schicksal zu erhalten, mehrere Reisen, die der Kenntniss des Landes zu Gute gekommen sind. Das auffälligste Beispiel aber bieten die Polar-Regionen, wo die Versuche zur Aufsuchung Franklin's und seiner Unglücksgenossen in so grossartigem Maasse an dem Ausbau der Erdkunde mitgeholfen haben. Die im Jahre 1848 begonnenen Nachforschungen nach Franklin's Schiffen haben sich durch eine lange Reihe bis in's Jahr 1880 fortgesetzt, wo Lieut. Schwatka mit der Bestätigung und Vervollständigung der McClintock'schen Aufschlüsse zurückkam, und es unterliegt keinem Zweifel, dass diesen Unternehmungen an sich und durch die Anregung, die sie gaben, durch die Ausbildung zahlreicher Polarreisender, durch die Förderung der Kunst der Eisschifffahrt und der Schlittenreisen der wesentlichste Antheil an den Resultaten gebührt, welche die Geographie der Polar-Regionen aufzuweisen hat.

Eine ähnliche Veranlassung führt zu Anfang des Sommers 1881 eine Anzahl Schiffe nach den unwirthlichen Gewässern der nördlichen Polarzone, die Pflicht, dem Dampfer „Jeannette" zu Hülfe zu kommen, der im J. 1879 von James Gordon Bennett zur Erforschung des Wrangel-Landes ausgeschickt wurde.

In einem Brief vom 17. August 1879 sprach Capt. De Long, der Führer der „Jeannette", die Absicht aus, an der Ostküste des Wrangel-Landes gegen Norden vorzudringen, auf der Herald-Insel einen Cairn zu bauen und darin Nachrichten zu hinterlassen, alsdann auf Wrangel-Land zu landen und längs dessen Ostküste Cairns von 25 zu 25 Seemeilen mit Nachrichten vom Fortgang seiner Reise herzustellen. Er war offenbar in Ausführung dieses Planes begriffen, als die „Jeannette" am 2. September 1879, 50 Seemeilen südlich von der Herald-Insel, auf diese zusteuernd gesehen wurde, und zwar von Capt. Barnes, dem Führer des Walfischfängers „Sea Breeze". Seitdem hat man Nichts von dem Schiffe gesehen oder gehört; der Kutter „Cor

win", der 1870 unter Capt. Hooper die Gewässer und Küsten nördlich der Bering-Strasse bis gegen die HeraldInsel hin zu dem ausdrücklichen Zwecke besuchte, Nachrichten über die „Jeannette" zu erhalten, kam ohne Resultat zurück (s. Peterm. Mittheil. 1880, S. 239, 362; 1881, S. 40). Ebensowenig ist je wieder eine Kunde von dem Schicksal der beiden Walfischfänger „Vigilant" und „Mount Wollaston" nach Amerika gedrungen, welche zuletzt am 10. October 1879 ca 80 Seemeilen nordöstlich von der Stelle gesehen worden sind, wo die „Jeannette" am 2. September auf die Herald-Insel zu dampfte. Nach den Wahrnehmungen einiger in der Nähe befindlicher Schiffe sind sie wahrscheinlich rasch von Eis eingeschlossen worden, und man hat im Allgemeinen wenig Hoffnung, dass es ihrer aus je 30 Mann bestehenden Besatzung gelungen sei, sich an Land zu retten und vielleicht mit der „Jeannette" zu vereinigen. Letztere war auf mehrere Jahre verproviantirt; nach den beiden Wintern aber, die sie nunmehr im Polarmeer zugebracht, steht der Untergang der Expeditionsmitglieder in ziemlich sicherer Aussicht, wenn die Rückkehr in diesem Jahre nicht erfolgen sollte.

Es war somit die Pflicht der Vereinigten Staaten, die ernstesten Anstrengungen zur Auffindung und Rettung der Vermissten zu machen, und sie haben zur Erfüllung dieser Aufgabe Alles gethan, was nach der freilich unklaren Sachlage sich thun lässt. Nicht weniger als vier Schiffe sind binnen einigen Wochen aus atlantischen und pacifischen Häfen der Vereinigten Staaten ausgefahren, um sich an dem Rettungswerk zu betheiligen.

Expedition des „Rodgers", Lieut. Berry. — Naohdem der Congross 175 000 Dollars zum Zweck einer Hülfsexpedition bewilligt hatte, setzte das Marine-Ministerium eine Commission unter Vorsitz des bekannten Admiral Rodgers ein, um über die Art der Ausführung zu berathen und zu beschliessen. Ihre erste und Hauptfrage war der Ankauf und die Ausrüstung eines Schiffes. Die Wahl fiel nicht schwer, der für Zwecke des Walfischfangs gebaute Dampfer „Mary and Helen" war das einzige geeignete Schiff, das käuflich war; nach Aussage vieler Sachverständigen soll es aber glücklicherweise seinen Zweck vollkommen entsprechen. Es hat 420 Tons Tragkraft und ist ausserordentlich stark in allen seinen Theilen, so dass kein anderes Schiff der pacifischen Häfen Nord-Amerika's den Eispressungen so viel Widerstand leisten könnte wie dieses. Bei 155 Fuss Länge misst es 30 F. in der Breite und 16£ F. Tiefe. Die Verhältnisse der „Jeannette" sind: 142 F. Länge, 25 F. Breite und 12£ F. Tiefe, und zur Vergleichung sei daran erinnert, dass die „Polaris" der Hall'schen Expedition 387 Tons, der „Tegetthof' der Payer-Weyprecht'schen Expedition 220, Nordenskiöld's „Vega" 357, der Kutter „Corwin" 227 Tons Tragkraft haben, resp. hatten. Mit einer Maschine von 90 Pferdekräften ausgerüstet, legt die „Mary and Helen" 7J Seemeilen in der Stunde zurück und verbraucht dabei durchschnittlich 5 Tons Kohlen in 24 Stunden. Das Schiff wurde den vorigen Eigenthümern mit 100000 Dollars bezahlt und erhielt den Namen des Vorsitzenden der Commission „Rodgers".

Die Ausrüstung fand in San Francisco Statt. Zum Befehlshaber und Chef der Expedition ernannte das Marineminiaterium den Lieut. Robert M. Berry, dem als Officiere Maater H. S. Waring, Master W. F. Halsey, die Fähnriche H. J. Hunt und G. M. Stoney, Ingenieur A. V. Zane, Zahlmeister W. H. Gilder und ein Arzt zur Seite stehen. Die 26 Leute, welche die Mannschaft bilden (ein Zimmermann, ein Steward, zwei Köche, ein Schmidt, drei Heizer, drei Maschinisten, 15 Matrosen) sind unter denen, die sich freiwillig erboten haben, sorgfältig ausgesucht worden. Einer davon, Namens Melms, war ebenso wie Mr. Gilder Mitglied der Schwatka'schen Expedition nach King William-Land, und Beide haben grosse Erfahrung in Reisen mit Hundeschlitten.

Den Plan zur Aufsuchung der „Jeannette" legt die Commission in ihrem Bericht an den Marineminister vom 29. März d. J. ') in kurzen Worten dar. Es scheint ihr nicht wahrscheinlich, dass auf der Herald-Insel Cairns gefunden werden, wohl kaum auch auf Wrangel-Land, doch empfiehlt sie, darnach zu suchen. In einem Brief vom 17. Juli 1879 hatte Capt. De Long geäussert: „Wenn dem Schiff ein Unglück zustösst, so werden wir uns nach den sibirischen Ansiedelungen zurückziehen, oder nach denen der Eingeborenen in der Nähe des Ostcap und auf eine Gelegenheit warten, nach unserem Depot zu St. Michaels zu gelangen. Wenn ein Schiff heraufkommt, nur um Nachrichten von uns zu erhalten, so soll es an der Ostküste des Kellett- (Wrangel - Landes) und auf der Herald-Insel nach uns sehen. Wenn ich finde, dass wir trotz unserer Anstrengungen nordwärts vorzudringen, gegen Osten versetzt werden, so würde ich versuchen, nach dem Atlantischen Meere durchzukommen, und zwar, falls wir nördlich genug sind, zur Ostküste von Grönland, wenn wir uns weit südlich befinden, durch den Lancaster-Sund und die Melville-Bai".

Dem entsprechend soll das Expeditionsschiff zuerst Petropaulowsk besuchen, um arktische Kleidung, Hunde, Schlitten und getrockneten Lachs als Hundefutter an Bord zu nehmen; von da nach St. Michaels, der Lawrence-Bai, dem Ostcap, Cap Serdze und Koliutschin-Bai sich begeben, um sich nach der „Jeannette" zu erkundigen. Bleiben diese Nachfragen fruchtlos, soll es auf der Herald-Insel und der Südostküste des Wrangel-Landes nach Cairns und anderen Anzeigen suchen. Hat diess nicht zum Ziel geführt, so wird ihm empfohlen, an der Süd- oder Süd Westküste des Wrangel-Landes oder an der sibirischen Küste bei einem Tschuktschen-Dorf einen Hafen zur eigenen Überwinterung ausfindig zu machen. In dem Falle, dass die Leute der „Jeannette" und der beiden vermissten Walfischfänger ihre Schiffe hätten verlassen müssen, scheint es der Commission am wahrscheinlichsten, dass sie am Süd- oder Südostende des Wrangel-Landes zu finden sein möchten, und wenn es dem Expeditionsschiff nicht gelänge, dort an's Land zu

') New York Herald, 30. Harz 1881. Diese Zeitung, das Eigenthum von James Gordon Bennett, ist die reichhaltigste und verlässlichste literarische Quelle für Alles, was auf diese neuesten arktischen Unternehmungen Nord-Amerika's Bezug hat. Sie sammelte die Ansichten vieler arktischer Autoritäten, giebt Vorsehlage und Discussionen in aller Ausführlichkeit wieder und bringt fast täglich Details über jede der einzelnen Expeditionen.

gehen, sollen von dem Überwinterungsplatz an der sibirischen Küste Schlitten über die Long-Strasse nach dem Wrangel-Land geschickt werden. „Die Schlittenreisen scheinen nach dem, was wir von dem Eis um Wrangel-Land in Erfahrung bringen können, das geeignetste Mittel, die Zwecke der Expedition auszuführen, nämlich den Leuten der „Jeannette" und der Walfischfänger zu Hülfe zu kommen, ohne das zu ihrer Hülfe ausgesendete Schiff einer ungewöhnlichen Gefahr auszusetzen". Die Expedition soll nur dann überwintern, wenn es zur Durchführung der Aufgabe notwendig erscheint und auch dann in einem sicheren Hafen. Mehr als einen Winter soll sie keinenfalls ausbleiben.

Lieut. Berry hoffte am 10. Juni von San Francisco in See gehen zu können.

Die Fahrt des Corwin", Capt. Hooper. — Hm den „Rodgers" bei seinen Nachforschungen zu unterstützen, ist der Kutter „Corwin" zu Anfang Mai wiederum von San Francisco nach der Bering-Strasse abgegangen. Wie im vorigen Sommer wird er die Küsten und Häfen namentlich auch auf der amerikanischen Seite anlaufen, und Capt. Hooper hofft diessmal bestimmt, die „Jeannette" oder doch ihre Mannschaft aufzufinden.

. Expedition der „Aüianee", Commander R. 3. Wadleigh. — Da aber De Long in seinem oben angeführten Briefe ausdrücklich die Möglichkeit erwähnt, dass er ostwärts nach dem Atlantischen Meere verschlagen werden könnte, beschränkte man sich in Amerika nicht auf die Aussendung der beiden Schiffe nach der Bering-Strasse, sondern traf auch Maassregeln, um der „Jeannette" von der atlantischen Seite aus entgegen zu kommen. Besonders sprach sich der bekannte Captain Silas Bent dahin aus, dass Wind und Strömung die „Jeannette" aus der Nähe des Wrangel - Landes nach Osten getrieben haben möchten, die Eistrift gehe wahrscheinlich gegen die Parry-Inseln hin, man sollte aber nicht dem vermissten Schiff dahin zu folgen, sondern ihm in begegnen suchen. Zu diesem Zweck gab das Marinedepartement am 30. Mai Befehl, den Dampfer „AUianoe" im Hafen von Norfolk, Virginia, binnen zehn Tagen segelfertig zu stellen. Er wurde sofort in das Trockendock gebracht, mit Eichenholz- und Eisenbelegen versehen und so für die Eisschifffahrt widerstandsfähiger gemacht. Er steht unter dem Befehl des Commander Wadleigh und sein Ziel ist das Grönländische Meer sowie die Nordküste von Spitzbergen , wo er nach der „Jeannette" suchen soll, für die er reichlichen Extra - Proviant an Bord hat. Selbst für den Fall, dass die „Jeannette" vom Wrangel-Land aus westwärts durch das sibirische Eismeer ihren Weg genommen habe oder in diesem Sommer nähme, würde eine Begegnung mit der „Alliance" nicht unmöglich sein.

Expedition des „Proteus", Lieut. A. W. Qreeley. — Endlich hat man auch den Fall in's Auge gefasst, dass die „Jeannette" nach den Parry-Inseln oder deren Nachbarschaft verschlagen sein könne, und deshalb der Expedition der Signal Office die Erlaubniss gegeben, auf Schlittenfahrten oder sonstwie Nachforschungen nach der vermissten „Jeannette" anzustellen. Es ist diess jedoch nur eine Nebenaufgabe dieser Expedition, für welche der Congress 25 000 Dollars ausgesetzt hat, um in dem Sinne des Weyprecht'schen Planes eine meteorologische und physikalische Beobachtung»Station in der Lady Franklin-Bay zu errichten und mehrere Jahre hindurch zu erbalten. Die Lady Franklin-Bay ist ein langgestreckter Meeresarm, der sich von dem Robeson Channel etwa unter 81° 40' N. Br. Südwestwärts in das Grant- und Grinnell-Land hineinzieht.

Lieut. Greeley , der zwölf Jahre in der Signal Office thätig war und mit den betreffenden Beobachtungen vertraut ist, leitet das Unternehmen unter Assistenz von Lieut. F. F. Kislingburg und Lieut. Lockwood. Ausserdem begleiten ihn einige Naturforscher und Ärzte, darunter Dr. Pavy, der seit etwa einem Jahre zu Disco in Grönland verweilt, ein Photograph und 21 Sergeanten, Corporate und gemeine Soldaten, die zum Theil als Beobachter in der Signal Office beschäftigt waren. Der Dampfer „Proteus", der am 4. Juli von St. Johns in Neu-Fundland auslaufen soll, wird die Expedition, nachdem er in Disco angelegt und, wenn möglich, ein hundert Hunde an Bord genommen hat, nach der Lady Franklin-Bay bringen, sie dort Ende August mit Häusern und Proviant auf drei Jahre zurücklassen und seinen Weg sofort nach den Vereinigten Staaten zurücknehmen. Alljährlich jedoch wird die

Regierung ein Schiff mit frischen Vorräthen nach der „Colonie" entsenden.

Der Spätsommer und Herbst wird auf die Einrichtung der Station verwendet werden müssen, sobald aber der ernte lange Winter überstanden ist, will man ein oder zwei Grad weiter nordwärts eine andere Station anzulegen suchen, wo der zweite und dritte Winter zugebracht werden soll, den Sommer 1883 aber hofft man u. A. zu einer möglichst weit ausgedehnten Excursion gegen Norden benutzen zu können. Für diese Land- und Eisreise hat Dr. Pavy in Grönland die Vorbereitungen getroffen, sie hat den Zweck, neue Entdeckungen über die Arbeiten der Nares'schen Expedition hinaus zu ermöglichen, die Wasserverbindung gegen die Bering-Strasse hin zu verfolgen, das Nordende von Grönland zu ermitteln oder auch dem Nordpol möglichst nahe zu kommen, so dass den astronomischen, meteorologischen und physikalischen Aufgaben auch topographische zur Seite stehen.

Am Ende des dritten Jahres, im Sommer 1884, hoffen die Mitglieder der Colonie von einem Regierungsschiff glücklich wieder nach der Heimath zurückgebracht zu werden.

Geographischer Monatsbericht

Europa.

Bei Longmans in London ist ein historisch-geographischer Atlas von Europa nebst einem Bande Text erschienen '). Von Dr. Edw. A. Freeman bearbeitet, trägt das Werk ein entschieden praktisches Gepräge. Der Text ist eine lesbar geschriebene, kurze Geschichte der territorialen Veränderungen, ohne Citate, durchsichtig gegliedert, mit Inhaltsangabe jedes kleinen Abschnittes am Rande, mit ausführlichem Inhaltsverzeichniss und alphabetischem Sachregister; der Atlas, ebenfalls in Octav-Format, enthält 64 gut arrangirte Kärtchen, welche sehr einfach gehalten, ohne Terrain und ohne jeden Luxus der Ausführung, durch kräftiges Colorit ein deutliches Bild erzielen, das dem kleinen Maassstab entsprechend nur eine Übersicht giebt, ohne sich auf Details einzulassen. Am richtigsten bezeichnet man das Werk wohl als historischen Elementar - Atlas. Ganz unverhältnissmässig hoch erscheint der Preis von iil \ sh.

Zu seiner „Übersicht der wichtigsten topographischen und kartographischen Arbeiten in Europa mit besonderer Berücksichtigung der nordischen Reiche", 1879 herausgegeben in der „Norsk militaert tidsskrift", hat Premierlieut. P. Nissen vom Kgl. norweg. Generalstab im 4. Heft des Jahrg. 1881 derselben Zeitschrift ein Supplement2) nachfolgen lassen, welches die neuesten kartographischen Productionen der einzelnen europäischen Länder bespricht und die Fortschritte der Vermessungsarbeiten in Norwegen, Schweden und Dänemark kurz auffuhrt. Wie der Abhandlung von 1879, so

') The Historie»! Geography of Europe, by Edward A. Freeman, D. C. L., L. L. D. London, Longmans, 1881.

2) De Biciste Srs vigtigste topografiske og kartograöske arbejder i Europa, saerligt de nordiske rigers. Af Per Niesen. Kristiania 1881. Petermann's Qeogr. Mittheilungen. 1881, Heft VII.

sind auch dem Supplement Indexkarten über die Aufnahmen in Norwegen, Schweden und Dänemark beigegeben.

Die vom schwedischen Generalstab herausgegebene Übersichtskarte von Schweden in 3 grossen Blättern, wovon zwei, nördlich bis 65 ° N. Br. reichend, bis jetzt erschienen sind, ist von Stabscapitän N. Seiander zu einem „Atlas Sfoer Sverige" (Stockholm, Looström & Co. 3 Hefte a 1,75 Kr.) umgeformt worden, indem auf photolithographischem Wege der Inhalt der beiden grossen Blätter auf 13 kleinen wiedergegeben wurde. Der Atlas hat den Vorzug der Handlichkeit und Billigkeit, auch ist ein alphabetisches Namenregister beigegeben. Nach Erscheinen des dritten Blattes der Übersichtskarte, welches Westerbotten und Norrbotten umfassen wird, soll dem Atlas ein Supplementheft nachgeliefert werden.

Den Hauptinhalt des die Jahre 1878—80 umfassenden Berichtes der physik. - Ökonom. Gesellschaft zu Königsberg über die geologische Durchforschung des norddeutschen Flachlandes, insbesondere Ost- und Westpreussens, bildet Dr. A. Jentzsch's Geologische Skisxe des Weichseldeltas, welche einen neuen Beweis für die Credner'schen Ansichten über die Entstehungsweise der Deltas liefert. An der Hand eines reichhaltigen Materiales, welches zum grossen Theile durch Bohrungen gewonnen wurde, berechnet der Verfasser das Alter der 1561 qkm grossen Niederung auf 4900 Jahre. Eine Karte in 1: 466 000 zeigt durch Schraffirungen die geologische Zusammensetzung des Delta's an.

Von dem von Professor Dr. Jordan in Karlsruhe und Bezirksgeometer Steppes in Pfaffenhofen herausgegebenen Werke: Das deutsche Vermessungswesen &c. '), ist jetzt die zweite Lieferung, 10 Bogen stark, erschienen. Sie bringt

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zuerst als Fortsetzung den Schluss über die Arbeiten im Preuss. Staate, dann in derselben Ausführlichkeit längere Aufsätze über die bayerische Landesvermessung und den topographischen Atlas von Bayern, über die wurttembergisohe und die badische Landesvermessung und über die Messungen in Hessen - Darmstadt. Ferner folgen kürzere Aufsätze über das VerniessuDgswesen im Herzogthum Nassau , in den Hohenzollern'schen Landen, der ehemaligen freien Reichsstadt Frankfurt a. M. Den Schluss in dieser Lieferung bildet ein längerer Aufsatz über das VerniessuDgswesen der Grundsteuerverwaltung.

Der Kaiserl. russische Flügeladjutant und GeneralstabsOberst Baron N. v. KavJbars hat in seiner Stellung als Mitglied der verschiedenen Demarcations- und DelimitationsCommissionen, welche auf der Balkan-Halbinsel seit 1878 thätig waren, eine vortreffliche Gelegenheit gehabt, unter Anderem auch Land und Leute in Montenegro kennen zu lernen. Auf den 154 Octav-Seiten eines unter dem Titel „Mittheilungen über Montenegro" 1881 zu St. Petersburg in russischer Sprache erschienenen Buches giebt er eine genaue Beschreibung der Bodenbeschaffenheit des Landes, schildert Klima, Producte, den Charakter, die Sitten und Wohnorte der Menschen, geht auch auf die administrative und militärische Eintheilung, die Staats-Institutionen, die Organisation und Stärke der Streitkräfte, ja sogar auf die industriellen, commerciellen und finanziellen Verhältnisse des Landes ein und schliesst mit einer strategischen Skizze, der sich mit Recht eine Aufzählung der allerdings erst in neuester Zeit zu gebührender Beachtung gelangten Verkehrsmittel anreiht. Die dem Buche beigegebene Karte im Maassstabe von 1: 420 000 bringt nicht nur die augenblicklich gültige, durch die Convention von 1880 festgestellte Grenzlinie, sondern auch die früheren, durch den Frieden von San Stefano und den Berliner Congress angeordneten Grenzen, die bestehenden, im Bau befindlichen und projeotirten Chausseen, die anderen Strassen und Pfade, sowie die Telegraphenlinien zur Anschauung.

Asien. Von der westeibirischen Handelsgesellschaft in Kopenhagen wurden, um ein Urtheil zu gewinnen, ob ein erfolgreicher Handel mit Sibirien möglich wäre, im Sommer 1880 Lieut. C. Hage und Kammerjunker H. Tegner dorthin entsandt, mit dem Auftrage, die einschlägigen Verhältnisse an Ort und Stelle zu prüfen. Von Juni bis October durchstreiften sie über Tjumen, Omsk, Tomsk, Barnaul, Semipalatinsk, Tobolsk und Obdorsk das Gouvernement WestSibirien und erstatteten nach ihrer Rückkehr über die Resultate ihrer Studienreise summarischen Bericht, welcher jetzt in deutscher Übersetzung von Dr. R. Lehmann vorliegt: Über die Bedingungen eints Handelsverkehrs mit dem westlichen Sibirien (Halle, Buchh. des Waisenhauses). Nur wenig umfangreich, verdient diese kleine Schrift nicht allein die Aufmerksamkeit der Geschäftsleute, sondern auch der Freunde der Erdkunde; völlig objectiv schildern die Verfasser die Productionsverhältnisse West-Sibiriens, die Handelsartikel, welche zur Ein- und Ausfuhr sich eignen, sowie die Handelswege, wobei die Verhältnisse des Karischen Meeres und des Ob-Busens als wesentlicher Factoren die gebührende Berücksichtigung finden.

Gleichzeitig mit den dänischen Reisenden befand sieb £. Sommier 1880 am unteren Ob. Er reiste hin und zurück zu Lande und kam unterhalb Obdorsk bis zu einem Punkte Jun Säle, der in der Nähe der Jady-Mündung am linken Ufer des Obischen Busens (ca 67° N. Br.) liegt. In seinem Bericht („ Cenni intorno a un viaggio alle foci delT Ob", Bollettino della Soc. geogr. ital., Mai 1881) schlägt er vor, zur grösseren Sicherheit der Schifffahrt im Karischen Meere Beobachtungsstationen in den Eingangsstrassen &c. zu errichten, welche telegraphisch über den Zustand des Eises Nachricht geben.

Das von dem Obischen Busen und dem bogenförmigen Lauf des unteren Ob umschlossene unbekannte Gebiet WalSibiriens wurde im Sommer 1880 von dem Topographen Khandaschewski bereist. Derselbe fuhr von Omsk aus den Irtysch und Ob hinab bis Obdorsk, ging von da im Thal des Polui aufwärts, besuchte das Nadym-Thal, wo er bedeutende Waldbestände vorfand, und das bisher unbekannte Thal des Anukdalu und kehrte südwärts nach Surgut am Ob zurück ').

Die Mitglieder der unter Oberst Moisseiew's Leitung gestellten Expedition zur Aufnahme des unteren Ob (s. Peterm. Mittheil. 1880, S. 362) sind am 27. Mai d. J. von St. Petersburg abgereist: Corvetten-Capitän Abramow, Marinelieut. Micheiew, Lieut. Philippow vom Pilotencorps, Staatsrath Fuchs als Astronom, Geometer Bogoliubow und zwei Studenten der Medicin 2).

Die „Sapiski" der Kaiserl. russischen Geographischen Gesellschaft, Bd. IX, St. Petersburg 1881 (630 Seiten in russ. Sprache), enthalten eine sehr ausführliche, wissenschaftliche Beschreibung des Gebietes am unteren Amu-Darja vom Generalstabs - Obersten Baron A. W. v. Kaulbars auf Grundlage seiner eigenen Forschungen vom Jahre 1873. Nach Beendigung des Krieges mit Chiwa und der SicherBtellung des neu gewonnenen Gebietes auf dem linken Ufer des Amu-Darja vor den Turkmenen kam es den Russen vorzüglich darauf an , sich eine klare Anschauung von der Beschaffenheit der Wasserstrassen im Mündungsgebiet« des genannten Stromes und des alten, zum Caspiscben Meere führenden Armes desselben, des sogenannten Usboi, zu verschaffen. Bei den meisten zu diesem Zwecke unternommenen Expeditionen war der Verfasser betheiligt; er hat sich vollständig mit den hydrographischen Verhältnissen des von ihm erforschten Gebietes bekannt gemacht, und die eingehende vortreffliche Schilderung derselben umfasst in dem Buche nicht weniger als 484 Seiten. Sehr interessant sind auch die Angaben über die Bevölkerungsverhältnisse im Amu-Darja-Delta. Da der ganze Raum zwar reich bewässert ist, aber doch nur 300 Dessjatinen anbaufähigen Landes besitzt, während alles Übrige von Wasser, Mooren. Röhricht und Gestrüpp eingenommen wird, waren alle hier ursprünglich wohnhaften oder später eingewanderten Menschen mit alleiniger Ausnahme der 200—300 Köpfe zählenden Sarten, die stets in festen Ansiedelungen gelebt, Nomaden. Die hier vorhandenen Kirgisen (Kasaken) sind

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